«Wir werden daraus lernen» – dann begeht JP Morgan mit der WM den gleichen Fehler erneut
«Wir haben eindeutig falsch eingeschätzt, wie diese Vereinbarung von der breiteren Fussballgemeinschaft wahrgenommen werden würde und welche Auswirkungen sie in Zukunft auf diese haben könnte.» Diese Stellungnahme veröffentlichte JP Morgan, nachdem das Desaster seinen Lauf genommen hatte – im Frühjahr 2021.
Kurz zuvor war das Projekt einer europäischen Super League am heftigen Protest von Fans, Spielern, Politikern und Teams gescheitert. Die US-Bank war massgeblich an der Gründung der Super League, einer Art geschlossenen Liga aus ständigen Mitgliedern wie Real Madrid und Manchester United, beteiligt. Sie hatte sich zur Bereitstellung eines Zuschusses in Höhe von über 3 Milliarden Euro verpflichtete, der den willigen Vereinen faktisch das Startkapital für die Gründung des neuen Super-Wettbewerbs lieferte.
In dem Statement damals anerkannte die grösste Investmentbank der Welt ihre Niederlage an und fügte hinzu: «Wir werden daraus lernen.» Nun, offenbar gilt auch hier, was erstaunlich oft in der Branche beobachtet werden kann: Banken scheinen entgegen ihren öffentlichen Bekundungen aus ihren Fehlern nicht lernen zu wollen.
JP Morgan gründete ein eigenes Sport-Investmentbanking-Team
Und so spürt die Investmentbank ein zweites Mal den heftigen Gegenwind eines grossen Teils der Fussballwelt. Auch diesmal geht es um Milliarden: JP Morgan sollte der FIFA dabei helfen, 4,2 Milliarden US-Dollar von Investoren aufzubringen, um damit eine neue kommerzielle Einheit mit dem geschätzten Wert von 20 Milliarden US-Dollar aufzubauen.
Ganz nüchtern betrachtet, kann man der US-Bank zunächst keine grossen Vorwürfe machen. JP Morgan hat das Potenzial der Kommerzialisierung des Sports nämlich schon früh erkannt, und war bis anhin auch sehr erfolgreich darin. Insofern war sie einfach eine gute Investmentbank, denn dort weiss man:
2024 gründete JP Morgan ein eigenes Sport-Investmentbanking-Team, wobei eine Gruppe von Elite-Bankern sich daran machte, Sport und interessierte Investoren einander bekanntzumachen und Deals aufzustellen. Denn der Sport bot seit der Jahrtausendwende, besonders in den USA, immer mehr, was in der Welt der Millionäre und Milliardäre gesucht ist: Knappheit. Eine Football-, eine Fussball- oder eine Baseball-Liga besteht aus einer begrenzten Anzahl Teams, die es durch deren Geschichte und deren Fans jeweils auch nur einmal gibt. Das macht sie wertvoll – und bringt sie ins Visier von Menschen und Unternehmen, die gerne «Haben» und dabei praktischerweise ihr Portfolio diversifieren können.
Ein Co-Leiter dieses Sport-Investmentbanking-Teams erklärte jüngst: «In den USA gibt es etwa 1500 Milliardäre, aber nur rund 200 Profisportteams.» Darin enthalten sind laut Fortune sieben Sportligen für Männer und Frauen. Und Mehrheitsbeteiligungen an diesen Teams kämen «nicht allzu oft auf den Markt», so der Banker.
JP Morgan bietet Beratungs-, Finanzierungs- und Vermögensverwaltungsdienstleistungen für Sportmannschaften und deren Eigentümer an. Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieser Strategie ist die Stadionfinanzierung. So stellte JP Morgan ein Finanzierungspaket in Höhe von über 2 Milliarden US-Dollar zusammen, um den Bau des gigantischen SoFi-Stadions in Kalifornien, wo acht WM-Spiele stattfanden, zu realiseren.
Die Entwicklung insbesondere in den USA spielte der Investmentbank und ihren Vorhaben in die Hände. In den letzten zehn Jahren wurden die Regeln im Baseball, Basketball, American Football und Eishockey so geändert, dass mehr Minderheitsinvestitionen möglich waren, was zu einem rasanten Anstieg der Teamwerte geführt hat.
JP Morgan benutzt dabei geschickt ihre Kundenkontakte zu den Reichsten der Welt und vermittelt so den Sport dem Investorengeld. Die Bank schätzt, dass sie zwischen 2021 und 2025 Sportgeschäfte im Wert von weit über 10 Milliarden US-Dollar finanziert hat, darunter Fremdfinanzierungen für Eigentümer, Teams, Stadien und Ligen.
Warum sollte es also schiefgehen?
Die Monetarisierung des Sports funktionierte für JP Morgan bislang also reibungslos – fast. Denn zweimal ist die Grossbank am internationalen Fussball (wohl) gescheitert und muss laut Financial Times als Folge bereits um ihren Ruf fürchten.
Wieso ist es schiefgegangen?
Am Plan, an dessen Ausgestaltung JP Morgan mitgefeilt hat, kann es kaum liegen. Schliesslich kann man – rein finanziell – durchaus für ein solches Anliegen argumentieren. Die von der FIFA vorgeschlagene Einheit, «FIFA Forward Enterprise» (FFE), würde ihre kommerziellen Rechte – Übertragungsrechte, Sponsoring, Ticketverkauf und Lizenzierung – mit der operativen Durchführung von Turnieren verknüpfen. Durch den Verkauf einer Minderheitsbeteiligung an externe Investoren sollen 4,2 Milliarden US-Dollar eingenommen werden, wovon allen 211 Mitgliedsverbänden 20 Millionen US-Dollar zukämen.
Durch diesen Verkauf würden Einnahmen aus zukünftigen Turnieren vorgezogen, um höhere Investitionen in der Gegenwart zu finanzieren. Da die FIFA den Grossteil ihrer Einnahmen aus der Männer-Weltmeisterschaft, die alle vier Jahre stattfindet, generiert, würde dadurch eine Art Glättung der Einnahmen und Ausgaben stattfinden. «Warum jahrelang auf die Ansammlung von Auszahlungen warten, wenn das neue Nationalstadion oder Trainingszentrum schon jetzt gebaut werden könnte?», fragt Bloomberg dazu rhetorisch.
Bezeichnend: Abgesehen von der UEFA kritisieren die restlichen Verbände, die dem Plan der FIFA jetzt auch kritisch gegenüberstehen, kaum das Vorhaben selbst. «In vielen der bisher veröffentlichten Stellungnahmen wurde das Konzept des Ausverkaufs an sich nicht ausdrücklich verurteilt», schreibt die BBC.
Und was die UEFA anbelangt, so ist die heuchlerische Komponente in deren Boykott kaum abzustreiten: Die UEFA selbst hat den Plan der FIFA in gewisser Weise bereits umgesetzt. «UC3» ist ein Gemeinschaftsunternehmen, das von der UEFA und den European Football Clubs (EFC, ehemals European Club Association, ECA) gegründet wurde, um die kommerziellen Rechte an sämtlichen UEFA-Klubwettbewerben der Männer und Frauen zu verwalten und optimal zu monetarisieren. Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die UC3 gehört nur der UEFA und den EFC, es gibt keine auswärtigen Investoren.
Liegt es am Fussball? Jein.
Wenn es nicht zwingend am Plan liegt, liegt es dann am Fussball, an dem sich JP Morgan immer wieder die Zähne ausbeisst? Schliesslich unterscheidet sich «Soccer» vom American Football, Baseball, Basketball oder der Formel 1 in vielen Dimensionen – mitunter aber am meisten in der traditionellen Abneigung seiner Fans, «ihren Sport» dem Kommerz zu überlassen.
Jein. Denn dazu muss man wissen, wie erfolgreich JP Morgan gerade auch im Fussball-Business ist. Die UEFA ist nämlich nicht ganz ehrlich, wenn sie schreibt:
Denn: Der europäische Fussball lässt seit Jahren und noch so gerne (ausländische) Investoren herein. Und JP Morgan ist oft mit dabei: Die Bank half dem britischen Milliardär Sir Jim Ratcliffe kürzlich, einen Anteil an Manchester United zu kaufen. Sie war am Aufbau des neuen Santiago-Bernabeu-Stadions in Madrid beteiligt. Und Chase UK, eine digitale Marken- und Geschäftseinheit von JP Morgan, ist offizieller Bankpartner der Fussballnationalmannschaften von England, Schottland, Wales und Nordirland.
Zu sagen: «JP Morgan, Investitionen und Fussball – das geht nicht», wäre also falsch. Aber was ist es dann?
Die politische Dimension des Fussballs unterschätzt
Wahrscheinlich liegt die Erklärung in einer Vielzahl an Komponenten, die sich aber im Grunde genommen bündeln lassen: in der politischen Dimension des globalen Fussballs.
«Alles, was mit Fussball zu tun hat, löst die gleiche Reaktion aus – das Einzige, was vielleicht noch polarisierender ist, ist die Politik», sagte eine an dem Deal beteiligte Person gegenüber der «Financial Times». Die Beteiligten des geplanten Deals hätten zwar sehr wohl gewusst, dass die öffentliche Reaktion «hysterisch» ausfallen würde. Die Emotionen dabei würden aber verschleiern, worum es bei den Plänen wirklich geht, so die Person, und zwar schlicht um die Frage, die sich jede normale Firma stellen würde: Wie kann man noch besser «monetarisieren»?
Offenbar wurde die «hysterische» Reaktion dennoch unterschätzt. Denn sobald es um Fussball geht, werden unzählige «Stakeholder» aktiv. Es äussern sich Spieler und Spielerinnen, Fanklubs, Teams, Klub-Präsidenten, Vereine und eben hunderte von Verbänden mit jeweils eigenen Interessen, die je ein einzelnes Land repräsentieren. Das ist eine andere Dimension als im US-geprägten American Football oder im elitären Formel-1-Business.
Und als wäre das nicht schon politisch genug, äussern sich zum Fussball stets auch die politischen Figuren selbst. Das ist jetzt der Fall und es war bereits beim gescheiterten Super-League-Projekt so, als sich beispielsweise der damalige englische Premier Boris Johnson, der französische Präsident Emmanuel Macron, der damalige italienische Premierminister Mario Draghi oder Prinz William – er ist seit 2006 auch Präsident des englischen Fussballverbands – öffentlich dagegenstellten.
Entscheidend ist: Fussball war schon immer politisch, wohl aber noch nie so politisch wie jetzt. Dafür können sich die Investoren und JP Morgan bei Gianni Infantino selber bedanken.
Vom peinlichen «FIFA-Friedenspreis» an Donald Trump, über die Besuche im Kreml in Moskau, von Königshäusern im Nahen Osten oder dem Weissen Haus in den USA, bis hin zur Sperre des US-Spielers Folarin Balogun, die mutmasslich auf Trumps Wunsch hin aufgehoben wurde: Unter Gianni Infantino feiern der Weltfussball und die Weltpolitik Hochzeit.
Ihr Stolperstein: Dass dabei nicht alle eingeladen sind.
So verspricht die FIFA zwar, Investoren «sorgfältig auszuwählen» – doch über den wichtigsten hat sie bereits entschieden: Joshua Kushner, den als Risikokapitalgeber tätigen Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Besser könnte die «heimliche» Vermischung von Sport, Wirtschaft und Politik nicht dargestellt werden. Gemeinsam mit dem wohl wichtigsten Vorwurf der Verbände, wonach niemand in die Pläne der FIFA einbezogen wurde, dürfte das mitentscheidend für die starke Opposition gewesen sein.
Kein Kommentar von JP Morgan
Der Mangel an Verfahren und Transparenz im FIFA-Plan lasse sich nicht losgelöst von den Personen und der Organisation betrachten, die ihn vorantreiben, meint auch Bloomberg. Ob diese am Ende vielleicht doch noch erfolgreich sind, weiss derzeit niemand. Aber die Zeichen dafür stehen nicht allzu gut.
Für JP Morgan wäre das ein weiterer – wenn auch ungewohnter – Rückschlag. Denn bislang mag die Bank mit der Ökonomisierung des Sports viele Erfolge feiern, und das sogar im Fussball, der – zumindest auf Klub-Ebene – alles andere als gefeit ist vor der Profitgier. Doch am globalen Fussball, politisch aufgeladen durch Gianni Infantino selbst, beisst sich die Bank wohl ein zweites Mal die Zähne aus.
Bislang gab JP Morgan keinen Kommentar dazu ab. Wie wäre es mit:
- Blatter: «Wir wissen alle, wie solche ‹Vorschläge› bei der FIFA funktionieren»
- Aus Protest: Infantinos Vertrauter Carlos Cordeiro wirft nach FIFA-Eklat hin
- FIFA versucht zu beschwichtigen: «Vorhaben durch inkorrekte Berichterstattung torpediert»
- Nun stellen sich auch die WM-Gastgeber gegen Infantino – Chancen für FIFA-Pläne schwinden
- Europäische Fussballverbände beschliessen WM-Boykott als Reaktion auf FIFA-Pläne
