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Flugzeugmechaniker warten 1940 in Thun eine Messerschmitt BF 109-E der Schweizer Luftwaffe. PHOTOPRESS-ARCHIV/KEYSTONE

Flugzeugmechaniker warten 1940 in Thun eine Messerschmitt BF 109-E der Schweizer Luftwaffe.  Bild: Photopress-Archiv/Keystone

Im Zweiten Weltkrieg

Warum General Henri Guisan die Schweizer Luftwaffe groundete

Das Schweizer Stimmvolk entscheidet bald über den Kauf von neuen Kampfjets. Das letzte Mal, als es die Schweizer Luftwaffe gebraucht hätte, blieben die Flieger am Boden. Der Oberbefehlshaber hatte gute Gründe dafür.



stefan schmid, aargauer zeitung

Ein Artikel der Aargauer Zeitung

Am 18. Mai fällt die Entscheidung. Das Stimmvolk entscheidet, ob die Schweizer Armee 22 neue schwedische Kampfjets für die Luftwaffe beschaffen darf. Mit dem 3,1 Milliarden Franken teuren Gripen soll eine Fähigkeit wieder aufgebaut werden, welche die Armee seit der Ausmusterung der Hunter-Jets in den 1990er-Jahren verloren hat: die Fähigkeit zum Bodenkampf. Das Verteidigungsdepartement von Bundesrat Ueli Maurer argumentiert denn auch mit dem Ernstfall. Die Luftwaffe sei das Dach der Armee. Und ohne Dach sei das Land in militärischen Extremsituationen schutzlos. 

Mutige Schweizer

Der letzte Ernstfall ist allerdings bereits eine Weile her. Er datiert vom Zweiten Weltkrieg, als die Schweiz ihre Neutralität gegen Hitler-Deutschland und die Alliierten verteidigen wollte. Die Luftwaffe war damals der einzige Teil der Armee, der in Kampfhandlungen verwickelt wurde. 

Obwohl die Armee schlecht gerüstet war – im Mai 1940 standen nur 90 moderne Messerschmitt-Jäger zur Verfügung –, lieferten die Schweizer den Deutschen über dem Jura anfänglich «einen mutigen Kampf», wie der Berner Militärhistoriker Stig Förster sagt. Immer wieder verletzten deutsche Bomber im Rahmen des Angriffskriegs gegen Frankreich im Sommer 1940 den schweizerischen Luftraum. Als am 1. Juni ein Geschwader der Legion Condor die Schweiz überflog, schossen die Schweizer Flieger deutsche Maschinen ab. Am 4. Juni wurden bei einer deutschen Strafexpedition auch Flugzeuge der Schweiz abgeschossen. 

Insgesamt aber holte die Luftwaffe 11 deutsche Flugzeuge vom Himmel. Selber verlor sie nur deren 3. «Die Schweizer Flieger verhielten sich unerschrocken, flugtechnisch exzellent und aggressiv», sagt der Zürcher Historiker Jakob Tanner. Doch die Schweizer Erfolge verärgerten den siegestrunkenen Reichsführer Adolf Hitler und den unerbittlichen Hermann Göring, Chef der Deutschen Luftwaffe, höchstpersönlich. Am 6. Juni protestierte die Reichsregierung gegen die Angriffe und forderte den Bundesrat zu einer Entschuldigung auf. In der Folge schickte Hitler gar Saboteure in die Schweiz. Doch die Aktion gegen Militärflugplätze flog auf. Der Ärger über die widerborstigen Eidgenossen wuchs. Am 19. Juni folgte eine noch schärfere Protestnote aus Berlin. Man halte die Angriffe der Schweizer für einen «feindseligen Akt». Die Nazis drohten mit Vergeltungsmassnahmen. 

Der Schweizer General Henri Guisan, im Bild eines unbekannten Fotografen, im Jahr 1949. Am 9. Juni 2005 eroeffnet die Schweizerische Landesbibliothek die neue Ausstellung

Befehligte die Schweizer Armee: General Henri Guisan (1874-1960) Bild: Schweizerische Landesbibliothek

Bern zitterte. Die strategische Lage der Schweiz war miserabel. Frankreich stand kurz vor dem Fall, das Land war von den Achsenmächten praktisch umzingelt. Der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, General Henri Guisan, ordnete deshalb auf Geheiss des Bundesrats am 20. Juni an, die Flugzeuge ab sofort am Boden zu belassen. Die Deutschen sollten nicht provoziert und die eigenen Maschinen geschont werden. Guisan wusste: Bei einem effektiven deutschen Angriff wäre die Schweizer Luftwaffe innert zwei Tagen ausgeschaltet gewesen. 

Nach innen wurde das, was nach 1945 als Manifestation des Widerstandswillens der Schweizer Flieger gelobt wurde, damals nicht kommuniziert, sondern verschwiegen. «Die Nachrichten über die Luftkämpfe waren streng zensuriert», sagt Tanner. 

Dennoch war die brenzlige Situation für unser Land nicht ausgestanden. Der verärgerte Diktator befahl seinen Militärs am 23. Juni, Angriffspläne gegen die Schweiz auszuhecken. Die unter dem Codewort «Operation Tannenbaum» durchgespielten Szenarien sahen vor, das Land in wenigen Tagen vollständig zu besetzen. Hans Frölicher, der Schweizer Gesandte in Berlin, sprach von den «gefährlichsten Spannungen» bisher. Der Bundesrat versuchte, die Lage auch politisch zu entschärfen. Er entschuldigte sich Anfang Juli bei Deutschland, auch für Einsätze auf deutschem Gebiet, die gar nie stattgefunden hatten. Schon am 26. Juni lieferte die Schweiz die mehr als zwei Dutzend internierten deutschen Piloten aus – ein klarer Verstoss gegen die Haager Konvention von 1907. «Die Neutralität wurde in der Luft nicht nur nicht mehr verteidigt, sondern man verstiess auch gegen das Neutralitätsrecht», sagt Jakob Tanner. 

Eine Messerschmitt BF 109-E der Schweizer Luftwaffe steht waehrend des Zweiten Weltkriegs auf einem Schweizer Flugplatz, undatierte Aufnahme. (KEYSTONE/Str)

Eine Messerschmitt BF 109-E der Schweizer Luftwaffe steht waehrend des Zweiten Weltkriegs auf einem Schweizer Flugplatz. Bild: KEYSTONE

Hitlers Desinteresse

Nach dem Einlenken der Schweiz verlagerte sich Hitlers Interesse nach England, wo eine heftige Luftschlacht mit der Royal Air Force tobte, und bald auch Richtung Sowjetunion, die der Führer erobern wollte. 

Die Einsatzdoktrin der Schweizer Armee aber blieb unverändert: Bis im November 1943, als sich das Kriegsgeschehen langsam zuungunsten der Deutschen veränderte, sollte die Schweizer Luftwaffe keine Einsätze mehr fliegen. Der Bundesrat ordnete auf Druck der Deutschen im Herbst 1940 gar die Verdunkelung des Landes und die nächtliche Abschaltung der Radiosender an. Damit sollte den britischen Bombern die Orientierung erschwert werden. 

Schweiz im Krieg Hitler, Guisan und der Rütli-Rapport 

Anfang September 1939 eröffnete Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg mit dem Angriff auf Polen. England und Frankreich erklärten daraufhin Nazi-Deutschland den Krieg. Die Schweiz mobilisierte 450'000 Soldaten, um ihre Grenzen zu schützen. In der Folge entliess Henri Guisan, der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, zeitweise wieder über die Hälfte der Wehrmänner. Die Arbeitskräfte wurden in Industrie und Landwirtschaft dringend gebraucht. Eine zweite Mobilisierung fand im Mai 1940 anlässlich von Hitlers Westfeldzug gegen Belgien, Luxemburg, die Niederlande und Frankreich statt. Am 22. Juni fiel die Grande Nation, was damals alle für undenkbar hielten. Die Schweiz war bis auf einen schmalen Streifen bei Genf umzingelt. In der Bevölkerung machte sich defätistische Stimmung breit. Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz bestärkte dieses Gefühl mit einer missglückten Radioansprache. Das war der grosse Moment für General Guisan. Im legendären Rütli-Rapport vom 25. Juli gab der Waadtländer den Rückzug grosser Teile der Armee ins Alpen-Réduit bekannt. Der Plan sah vor, in den Bergen ein Widerstandsnest gegen die überlegenen deutschen Truppen zu errichten. Die Transitachsen sollten im Falle eines Angriffs gesprengt werden. Gleichzeitig rief der General zum bedingungslosen Widerstand auf, was in Berlin als Anstachelung gegen Deutschland interpretiert wurde. Die Rede war innenpolitisch motiviert und diente hauptsächlich dazu, die Moral der Truppe und der Bevölkerung zu verbessern. In der Folge verlagerte sich das Kriegsgeschehen weg von der Schweizer Grenze. Erst 1944 kam es an der Westgrenze nach der Landung der Alliierten in der Normandie wieder zu Kampfhandlungen. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland. Im August wurde die Schweizer Armee definitiv demobilisiert. (ssm/az) 

Angriffe auf Alliierte

Erst gegen Ende des Krieges war die Luftwaffe wieder in Kampfhandlungen verwickelt. «Im Gegensatz zur ersten Phase der Luftraumverteidigung ist dies ein eher verdrängter Teil der Geschichte», schreibt der Basler Historiker Georg Kreis. Der Grund: Die Schweiz nahm die Befreier Europas ins Visier. Alles in allem wurden durch Schweizer Fliegertruppen 6 Flugzeuge und durch die Fliegerabwehr 9 Flugzeuge der Alliierten abgeschossen. Insgesamt kam es laut Kreis zu 137 Notlandungen auf Schweizer Territorium. Alleine am Samstag, 18. März, landeten gleich 12 mächtige Bomberflugzeuge der Alliierten im Raum Zürich. Tags darauf pilgerten zwischen 50 000 und 80 000 Schaulustige mit den SBB nach Dübendorf, um sich die Vögel aus der Nähe anzusehen. 

Die Angriffe verärgerten Engländer und Amerikaner. Sie zeigten kaum Verständnis dafür, dass die Schweiz ihre Bemühungen, Europa von den Nazis zu befreien, sabotierte. Der Bundesrat jedoch verwies auf die Neutralität, welche ihn verpflichte, sämtliche feindliche Flugzeuge über der Schweiz zu bekämpfen. 

Über 6000 Grenzverletzungen

Insgesamt kam es im Zweiten Weltkrieg zu 6501 Grenzverletzungen, 198 Flugzeuge landeten in der Schweiz und 56 stürzten ab. 

Opfer gab es aber auch auf Schweizer Seite. Im Frühjahr 1944 bombardierten amerikanische Flugzeuge Schaffhausen und Stein am Rhein. Man hielt die beiden Städte nördlich des Rheins für deutsche Ortschaften. Bei diesen Angriffen kamen über 40 Menschen ums Leben, mehr als 100 wurden verletzt. 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Bruno Bucher 10.04.2014 12:01
    Highlight Highlight Ich weiss wirklich nicht, was die beiden Kommentierenden vor mir hier gelesen und verstanden haben. Die Schweiz hatte, aber brauchte keine Flugzeuge im 2. Weltkrieg. Was der Artikel verschweigt sind die diplomatischen Folgen der Abschüsse der Alliierten. Die Schweiz erlitt nämlich durch diese Aktionen wesentlich mehr als sie mit dem Verzicht auf Flugaktivitäten gegen Hitler gewann. Wenn man etwas aus diesem Artikel lernen kann, dann dass die Schweizer Neutralität gar keine Kampfflzgeuge erträgt. FLAB reicht vollkommen aus. Nur so fängt das Haus gar nicht an zu brennen...
    • mauchmark 10.04.2014 13:32
      Highlight Highlight Unsere heutige Flab reicht nur bis 5000m Höhe. Was höher fliegt kann von der Flab (Stinger, Rapier und M-Flab) nicht bekämpft werden. Die Flab hat einen weiteren Nachteil: Man kann damit keine Flugzeuge kontrollieren oder zur Landung zwingen - man kann nur abschiessen und nur ungenügend identifizieren was man da genau abschiesst... Die Flab in Ehren (bin selber ein Fläbler) aber sie ist nur ein Element in einer Luftverteidigung.

      Die Alliierten Flugzeuge, die von der Schweiz im WKII abgeschossen wurden, gehen alle zulasteten der FLAB. Einzig die deutschen Heinkel He 111 Bomber und die Messerschmitt Bf 110 Zerstörer wurden teils von der Schweizer Flugwaffe abgeschossen.

      Warum die Flab, entgegen Kampfflugzeugen, Neutralitätskonform sein soll, ist mir schleierhaft... Zudem hat wohl kaum die Neutralität die Schweiz vom WKII-Krieg bewahrt - Belgien, Norwegen und die Niederlande waren zu dieser Zeit auch Neutral und wurden doch von Hitler-Deutschland überrannt und besetzt.

  • papparazzi 10.04.2014 11:56
    Highlight Highlight Deshalb unbedingt JA zum Gripen! ut (dp)
  • mauchmark 10.04.2014 09:56
    Highlight Highlight Angangs des zweiten Weltkriegs hatte die Schweizer Flugwaffe, mit der Messerschmitt BF 109-E, eines der besten Kampfflugzeuge im bestand - nur leider viel zuwenige.

    Auch heute haben wir mit den 32 F/A-18 ein sehr guter Kampfflugzeugtyp - aber auch diese Zahl ist, selbst im Vergleich zu anderen kleinen europäischen Verteidigungsarmeen, viel zu gering:

    - Belgien: 49 F-16 AM
    - Niederlande: 65 F-16 AM (37 F-35A geliefert oder bestellt)
    - Finnland: 61 F/A-18 C/D (gleiche Versionen wie CH)
    - Schweden: 184 Gripen A/B/C/D (60 Gripen E bestellt)

    Mit Ausnahme von Österreich, haben wir die wohl schlechteste Luftverteidigung Europas - eine kurzsichtige und äusserst fahrlässige Situation. Aber leider auch verständlich, denn die Menschheit tut sich schwer damit, Lehren aus der Geschichte zu ziehen. Denn wenn das Haus brennt, ist es zu spät um ein Feuerwehrauto zu kaufen...

Erektoteles

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Warum gibt's jetzt dafür ein eigenes Format?

Damit sich watson-User wie MartinZH nie wieder ungewollt in Artikeln mit derlei fragwürdigem Inhalt wiederfinden!

Und weil mein Chef es erfunden hat und wir zwei gute Wochen lang herzlich darüber lachen konnten.

Gut, da das nun geklärt ist: Auf in die heutige Geschichte!

«Rien», schrieb der französische Kronzprinz Louis Auguste am 17. Mai 1770 in sein Tagebuch. Es war der Tag nach seiner Hochzeitsnacht mit der habsburgerischen Prinzessin Marie …

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