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Massengrab für Opfer des Völkermords. Bild: EPA CRDA

100 Jahre Armenier-Genozid: Der erste organisierte Völkermord des 20. Jahrhunderts

Im April 1915 begann die systematische Vertreibung und Ermordung der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich. Bis zu 1,5 Millionen Menschen starben, doch die heutige Türkei weigert sich, den Völkermord anzuerkennen. 



Eine junge Ostschweizerin erlebte als Augenzeugin, was die Türkei bis heute hartnäckig leugnet: Den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich. Die 31-jährige Clara Sigrist-Hilty und ihr Ehemann Fritz waren im April 1915, kurz nach ihrer Hochzeit, in Fevzipasa im Süden Anatoliens angekommen. Fritz Sigrist trat dort eine Stelle als Ingenieur bei der Bagdad-Bahn an. Kurz danach begann die massenhafte Deportation der Armenier in die syrische Wüste.

Sie zogen auch am Haus von Clara Sigrist-Hilty vorbei. Tausende seien es an manchen Tagen, notierte sie in ihr Tagebuch, das im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich aufbewahrt wird und aus dem die NZZ Auszüge veröffentlicht hat. Die Schweizerin erkannte, dass es sich nicht um eine spontane Aktion handelte, sondern eine geplante und systematisch durchgeführte Vertreibung: «Dorf um Dorf, Stadt um Stadt wurde ausgewiesen auf längst überlegte Art und Weise.» 

Der Vertreibung und Ermordung der Armenier im Osmanischen Reich ist bis heute ein heisses Eisen. Die Türkei weigert sich hartnäckig, den Begriff «Völkermord» zu akzeptieren, den die meisten Historiker für berechtigt halten. Als Papst Franziskus kürzlich erklärte, die Tragödie der Armenier gelte «weithin als erster Völkermord des 20. Jahrhunderts», rief die türkische Regierung ihren Botschafter im Vatikan zu Konsultation zurück, ausserdem drohte sie mit weiteren Schritten.

Wie verlief dieser «erste Völkermord des 20. Jahrhunderts»? Ein Überblick:

Die Vorgeschichte

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten rund zwei Millionen christliche Armenier im Osmanischen Reich. Dieses befand sich im Niedergang, in Europa sprach man vom «kranken Mann am Bosporus». Im Gegenzug wuchs der Nationalismus, der sich nicht zuletzt gegen die Armenier richtete. Sie waren häufig wohlhabender und gebildeter als ihre türkischen Landsleute. Zwischen 1894 und 1896 kam es zu Pogromen, bei denen bis zu 300'000 Menschen getötet wurden. 

Mehmed Talaat Pascha, Innenminister und Hauptorganisator des Genozids an den Armeniern 1915

Innenminister Mehmed Talaat, Organisator des Völkermords Bild: wikimedia/iibrary of congress

1908 übernahmen die sogenannten Jungtürken die Macht in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Sie setzten den bisherigen Sultan ab und installierten einen Marionettenherrscher als Nachfolger. Die Hoffnungen der Armenier in die neue Regierung zerschlugen sich bald. 1913 putschte sich ein Triumvirat an die Spitze des Staates, bestehend aus Innenminister Mehmed Talaat, Kriegsminister Ismail Enver und Marineminister Ahmed Cemal. Wegen ihres Ranges wurden sie auch «die drei Paschas» genannt, sie regierten das Reich faktisch als Diktatur.

Der Weltkrieg 

1914 trat das Osmanische Reich an der Seite von Deutschland und Österreich-Ungarn in den Ersten Weltkrieg ein. Während es an der Westfront in der Schlacht von Gallipoli einen spektakulären Erfolg gegen die Briten feiern konnte, erlitt es beim Versuch, an Russland verlorene Gebiete zurückzuerobern, Ende 1914 eine verheerende Niederlage im Kaukasus. Als Sündenböcke mussten die Armenier herhalten. Tatsächlich hatten armenische Nationalisten in der Hoffnung auf Unabhängigkeit als Freiwillige in der russischen Armee gekämpft.

100 Jahre Völkermord an den Armeniern

Die Ausführung

Wie genau es zum Beschluss kam, die Armenier zu vertreiben und zu vernichten, ist unklar. Verlässliche Dokumente sind nicht vorhanden oder nicht zugänglich. Ab März 1915 wurden die armenischen Soldaten der osmanischen Armee entwaffnet, ein grosser Teil von ihnen wurde umgebracht. Am 24. April 1915 verfügte Innenminister Mehmed Talaat die Verhaftung der armenischen Elite in Konstantinopel. Dieser Tag gilt als eigentlicher Auftakt des Genozids.

«Man muss in der Geschichte der Menschheit weit zurückgehen, um etwas Ähnliches an bestialischer Grausamkeit zu finden wie die Ausrottung der Armenier in der heutigen Türkei.»

Franz Günther, Vizepräsident der Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft

In den folgenden Wochen wurden die Armenier vor allem im Osten des Landes zusammengetrieben. Männer im wehrfähigen Alter wurden aufgehängt, geköpft, gekreuzigt, bei lebendigem Leib im Schwarzen Meer und im Euphrat ertränkt oder in Schluchten geworfen. Frauen wurden vergewaltigt und versklavt, Kinder ihren Eltern entrissen, zum Islam konvertiert und an türkische Familien übergeben. Verantwortlich dafür war häufig die «Spezialorganisation», die aus Kurden und freigelassenen Verbrechern bestand. Historiker vergleichen sie mit der Nazi-SS.

Am 27. Mai 1915 erliess die Regierung ein Deporationsgesetz. Wer bislang überlebt hatte, wurde nun auf eigentliche Todesmärsche ins Niemandsland der syrischen Wüste geschickt. Hunger und Gewalt, etwa durch Überfälle kurdischer Banden, waren an der Tagesordnung. 

Bild

Karte der Deportationen und Massaker im Osten des Reiches. Die Grösse der Kreise zeigt die relative Zahl der Opfer. Quelle: 24avril1915.free.fr

Die Beschreibung von Clara Sigrist-Hilty spricht für sich: «Die Kinder welken hin, die Männer werden meist vom Zuge getrennt, in einem Felstal abgeschlachtet oder im Euphrat ertränkt, wie Augenzeugen berichten, zu zweien zusammengebunden. Ganze Züge von Leichen sieht man schwimmend den Fluss bedecken, ganze Züge von Frauen sieht man allein ihren Schmerzensweg wandern, bis die jungen geraubt in den Hütten der Kurden oder Beduinen sich einer weiteren Beobachtung entziehen.» 

Vereinzelt leisteten die Armenier Widerstand. Ein solcher Fall wurde im Roman «Die vierzig Tage des Musa Dagh» des österreichischen Schriftstellers Franz Werfel verewigt. Auch hohe Beamte versuchten, sich dem Vernichtungsbefehl zu widersetzen. Sie wurden abgesetzt und teilweise hingerichtet oder ermordet. Mehmed Celal, der Gouverneur von Aleppo, rettete Tausenden Armeniern das Leben, bevor auch er seinen Posten verlor. In Smyrna, dem heutigen Izmir, stoppte der deutsche Konsul Otto Liman von Sanders die Deportation der Armenier.

Die Opfer

Die Türkei bestreitet den Völkermord, sie räumt aber ein, dass die «Ereignisse» bis zu 300'000 Armenier das Leben kosteten. Weit näher an der Realität ist für die meisten Forscher die armenische Version, wonach 1,5 Millionen umkamen. Selbst der türkeifreundliche britische Historiker Bernard Lewis geht von rund einer Million Opfer aus. Der spätere deutsche Reichskanzler Gustav Stresemann schrieb 1916 nach einem Treffen mit Kriegsminister Enver Pascha in sein Tagebuch: «Armenier-Verminderung 1–1½ Millionen».

«Die grossen Massaker und Vertreibungen der Vergangenheit wirken beinahe unbedeutend im Vergleich mit dem Leiden des armenischen Volkes im Jahr 1915.» 

Henry Morgenthau. US-Botschafter 

Oft wird übersehen, dass die türkische Regierung nicht nur unzählige Armenier umbringen liess, sondern auch andere Angehörige von christlichen Minderheiten, vor allem Griechen und Araber. Zu letzteren gehörten etwa die Aramäer im heutigen Syrien, deren Sprache Jesus von Nazareth gesprochen hatte. Die Zahl ihrer Opfer wird auf 100'000 bis 250'000 geschätzt.

Die Folgen

Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918 war das Osmanische Reich am Ende. Die Regierung der Jungtürken wurde gestürzt. Das Triumvirat flüchtete ins Exil und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Für kurze Zeit anerkannte die neue Türkei den Genozid, doch mit der Gründung der türkischen Republik durch Mustafa Kemal Atatürk 1923 setzte sich die heutige Sichtweise durch. Die westlichen Staaten hielten still, ihr Hauptinteresse lag darin, die Türkei als verlässlichen Verbündeten und heutiges NATO-Mitglied in ihren Reihen zu halten.

Die Schweiz und der Genozid

Die Schweiz tut sich wie viele westliche Länder schwer mit dem Völkermord an den Armeniern. Der Nationalrat stimmte 2003 für dessen Anerkennung, der Bundesrat jedoch konnte sich bis heute nicht dazu durchringen. Dabei geht es auch um die Rolle der Schweiz als Vermittlerin zwischen der Türkei und der heute unabhängigen ehemaligen Sowjetrepublik Armenien. 

2009 unterzeichneten die beiden Staaten in der Aula der Universität Zürich ein Abkommen. Anwesend war unter anderem US-Aussenministerin Hillary Clinton. Die konkrete Umsetzung lässt nach wie vor auf sich warten, zu stark ist das Verhältnis der beiden Nachbarländer gestört.

An den Armeniern war bald niemand mehr interessiert, weshalb die Überlebenden des Genzoids unter der Bezeichnung «Operation Nemesis» eine Racheaktion starteten. Ins Visier gerieten in erster Linie die Mitglieder des Jungtürken-Triumvirats. Mehmed Talaat wurde 1921 in seinem Berliner Exil von einem Armenier erschossen, der vor Gericht freigesprochen wurde. Ahmed Cemal erlitt im folgenden Jahr in der georgischen Hauptstadt Tiflis das gleiche Schicksal. Ismail Enver entging den Rächern nur, weil er in seinem Exil in Tadschikistan 1922 in einem Gefecht mit der Roten Armee ums Leben kam.

Völkermord oder nicht?

Die fehlenden Dokumente sind für die Türkei der Beweis, dass es sich bei den Massakern an den Armeniern nicht um einen organisierten Genozid handelte. Innenminister Talaat schob die Verantwortung für die Gräueltaten im Nachhinein auf untergeordnete Beamte ab, die ihre Autorität überschritten hätten. Berichte von deutschen Diplomaten sprechen eine andere Sprache. Ihnen gegenüber bestätigte Talaat, dass die Vernichtung der Armenier das Ziel war.

Augenzeugen wie Clara Sigrist-Hilty äusserten Einschätzungen, lassen an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Der schwedische Militärattaché Einar af Wirsén hielt im Juli 1915 in einem Bericht an seine Regierung fest, die Verfolgung der Armenier habe «haarsträubende Ausmasse angenommen». Drastischer äusserte sich Franz Günther, der Vizepräsident der Anatolischen Eisenbahn-Gesellschaft, im August 1915: «Man muss in der Geschichte der Menschheit weit zurückgehen, um etwas Ähnliches an bestialischer Grausamkeit zu finden wie die Ausrottung der Armenier in der heutigen Türkei.»

Henry Morgenthau, der damalige US-Botschafter in Konstantinopel, kam in seinen Memoiren 1918 zu einem unmissverständlichen Fazit: «Ich bin überzeugt, dass die gesamte Geschichte der Menschheit keine derart schreckliche Episode enthält. Die grossen Massaker und Vertreibungen der Vergangenheit wirken beinahe unbedeutend im Vergleich mit dem Leiden des armenischen Volkes im Jahr 1915.» 

Morgenthau konnte nicht ahnen, was sich nur ein Vierteljahrhundert später in Europa abspielen sollte. Doch das ist eine andere Geschichte.

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7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Willide 24.04.2015 13:32
    Highlight Highlight Es ist gut, dass sie es mit den Kurden nicht so einfach haben!
  • saukaibli 24.04.2015 12:28
    Highlight Highlight Wie armselig und ehrlos muss ein Volk sein, dass man auch nach 100 Jahren nicht zugeben kann, dass man etwas Übles getan hat. Gerade die Türken, die Ehre immer so hoch bewerten. Hat das türkische Volk, oder der türkische Staat wirklich so wenig Selbstvertrauen, dass man sich selber nicht mal Fehler eingestehen kann? Und es geht ja nicht um die heutige Generation oder alle Türken. Es geht darum, dass der türkische Staat und dessen Lakaien vor 100 Jahren Völkermord begangen hat. Jeder Türke der dies nicht anerkennt sollte mal darüber nachdenken was Ehre bedeutet.
    • syknows 24.04.2015 13:11
      Highlight Highlight Es geht wohl vielmehr darum, dass eine Anerkennung mit Reparationen verbunden ist. zB müsste ein nicht unbedeutender Teil des türkischen Staatgebiets wohl an Armenien 'zurückgegeben' werden. Das der Genozid stattgefunden hat wird ja nicht bestritten. Nur wird Er nicht als solches bezeichnet bzw. verharmlost. Aber wenn man schon von seinem Grossvater und allen rundherum von Kleinauf eben diese Falschinformationen vermittelt bekommt ist ein Umdenken schwierig...
    • Monachus 24.04.2015 18:00
      Highlight Highlight Es geht wohl auch darum, dass die Türkei in ihrer momentan islamistischen Phase sich dann nicht mehr als Opfer des Westens ("Islamophobie") ausgeben kann. Diese pathologische Fixierung auf Ehre führt zudem genau dazu, dass auch nicht der kleinste Fehler zugegeben werden kann, da sonst Gesichtsverlust droht.
  • Benutzername 24.04.2015 12:12
    Highlight Highlight Der erste (organisierte) Genozid des zwanzigsten Jahrhunderts ist eigentlich der Völkermord an den Herero und Nama im heutigen Namibia unter den damaligen Kolonialherren Deutschland. Die Bundesrepublik Deutschland nahm, und das ist meiner Meinung nach noch viel verächtlicher als die Haltung der Türkei, wo die "Anerkennung" des Völkermordes immerhin einem innenpolitischen Selbstmord gleichkäme und die Regierung den Völkermord deshalb gar nicht anerkennen kann.
  • Der_Die_Das 24.04.2015 11:08
    Highlight Highlight Liebes Watson Team

    Ihr habt in ketzter Zeit viel über unser Volk die Suryoye (Aramäer/Assyrer) publiziert. Wir fühlen uns natürlich sehr geehrt darüber, dass wir erwähnt und nicht einfach vergessen werden. Was ich aber schade finde ist die Tatsache, dass beim letzten Post von euch, 100 Jahre Völkermord, nur die Armenier erwähnt werden. Im Grunde genommen waren alle Christen betroffen, Armenier, Suryoye (Aramäer/Assyrer) und die heutigen Griechen. Wäre schön wenn ihr den Artikel anpassen könntet. Beweise dafür, dass wir auch davon betroffen waren gibt es unzählige. Von Journalisten, über Kirchenoberhäupte die davon sprechen, aus Museumsarchive, uvm.

    Freundliche Grüsse
    • Peter 24.04.2015 15:06
      Highlight Highlight Im Textteil mit der Überschrift "Die Opfer" werden die Griechen und vor allem die Aramäer erwähnt.

Wie aus einer römischen Orgie der Geburtstag von Jesus wurde

Beim Anblick von bunt geschmückten Schaufenstern, dumm grinsenden Samichlaus-Fratzen und an Heiligabend durch Einkaufsstrassen hetzenden Menschen könnte ich kotzen. Doch eigentlich ist das der einzig wahre Sinn des Weihnachtsfests – und das seit über 2000 Jahren.

Puristen verachten das Fest am Ende des letzten Monats im Jahr. «Alles bloss Kommerz, wir feiern unsere eigene Versklavung am Kapitalismus, so 'n Scheiss, dieser Heiligabend!», motzen sie vor sich hin und lehnen den Becher voller Glühwein, der ihr Ticket zur pathetischen Ausgelassenheit sein könnte, kommentarlos ab.

Dem Vorwurf, dass Weihnachten, so wie wir es heute feiern, nur wenig bis gar nichts mehr mit der Huldigung von Jesu Geburt zu tun habe, würden wahrscheinlich sogar Hardcore-Christen …

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