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Wolf in der Schweiz: Warum wir völlig falsch damit umgehen

Junger Wolf.
Spaltet die Meinungen: Herziger Jungwolf oder reissende Bestie?Bild: Videostill/Stefano Polliotto
Analyse

Wölfe – neue Rückkehr und alte Ängste

Die Jagd auf die Wölfe in der Schweiz ist eröffnet. Der Tierfilmer und Biologe Andreas Moser – bekannt als Moderator der Sendung «Netz Natur» – erklärt für watson, wie diese sozialen Tiere leben und jagen. Und woher die Angst vor ihnen kommt.
06.12.2023, 16:0722.01.2024, 09:33
Andreas Moser
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Im ersten Teil dieses zweiteiligen Artikels haben wir gesehen, wie das traumatische Bild des Wolfs als zähnefletschende Bestie darüber hinwegtäuscht, wie viel wir mit diesen Prädatoren gemeinsam haben, und wie es dazu kam, dass die Wölfe in der Schweiz im 19. Jahrhundert ausgerottet wurden. Im zweiten Teil geht es darum, was die Rückkehr der Wölfe auslöst und wie wir damit umgehen.

Andreas Moser
Bild: Corinne Kägi
Andreas Moser
ist Biologe und leitete von 1989 bis 2021 das Tierfilmerinnen- und Redaktionsteam für die Sendung «Netz Natur» bei SRF und präsentierte diese Dokumentationen auch. Er produzierte seit Beginn der Wolfs-Einwanderung in der Schweiz mehrere Sendungen über diese Tiere.

Die Rückkehr

Heute sieht die Natur in der Schweiz im Gegensatz zum 19. Jahrhundert völlig anders aus – vor allem im Berggebiet. Die Waldfläche des Landes hat sich seit 1840 von 7000 km2 auf über 13'000 km2 fast verdoppelt – Tendenz steigend. Seit dem Mittelalter gab es in unseren Wäldern noch nie so viel Wild: Rehe und Hirsche sind so häufig, dass man sie intensiv bejagen muss, damit sie die Waldverjüngung nicht zu sehr schädigen und durch ihre schiere Masse ihre eigene Nahrungsgrundlage zerstören, wie in den 1960er- und 1970er-Jahren, als in Graubünden mehrfach Hunderte von Hirschen im Winter verhungerten.

Erst seit man durch intensive Jagd diese Huftierbestände reguliert – und die Kantone Graubünden, Tessin und Wallis müssen regelmässig im Spätherbst Nachjagden veranstalten, um die nötigen Abschusszahlen zu erreichen – werden die Wälder durch das Wild weniger geschädigt. Und im Flachland vermehren sich die Wildschweine trotz intensivster Bejagung immer weiter und besiedeln neue Gebiete.

Nachdem sie in den 1970er-Jahren in Italien unter Schutz gestellt worden waren, wanderten seit Mitte der 1990er-Jahre aus dem Apennin dem Alpenbogen entlang über Frankreich wieder Wölfe in die Schweiz ein. Sie trafen dabei auf eine biologisch fundamental andere Situation als im 19. Jahrhundert. Im Gegensatz zur Zeit ihrer Ausrottung ist die verfügbare Nahrung an Wildtieren enorm.

So ist nicht erstaunlich, dass sie sich ansiedelten. Zuerst zögerlich, weil viele ankommende Wölfe im Einwanderungskanton Wallis gewildert und die Fortpflanzung dadurch lange verhindert wurde, aber schliesslich hatte ein erstes Wolfspaar, das es aus dem Wallis bis nach Graubünden schaffte, im Jahr 2012 im wilden Calandagebiet bei Chur Nachwuchs.

Männlicher Wolf auf einem Felsen.
Ausguck: In der Färbung perfekt an die Vegetation angepasst, halten erwachsene Wölfe wie dieses Männchen gerne Ausschau nach Beutetieren und nach Gefahren.Bild: Videostill/Stefano Polliotto

Der ungleiche Tod

Nicht nur der Wald hatte sich seit dem 19. Jahrhundert verändert: Was früher undenkbar war, Schafe und Ziegen auf den Alpen für Tage und Wochen ohne Behirtung sich selbst zu überlassen, wurde in der Schweiz zur Norm. Man hatte das Hirten-Personal im Gegensatz zu früher nicht mehr und die Tierhaltung, namentlich beim Kleinvieh, das früher die Familien in den Bergen ernährte, wurde vielerorts durch den Strukturwandel seit dem Zweiten Weltkrieg zum Nebenerwerb oder zum Hobby.

So trafen die Wölfe seit 1995 in der Schweiz vielfach auf unbehirtete, schutzlose Schafherden, und es erstaunt niemanden, dass sie sich da bedienten und ungestört viele Nutztiere rissen. Und auch nicht, dass sie so die Schafzüchter masslos erbosten und deren Widerstand gegen diese Gefahr, die da aus dem Ausland einwanderte, entflammten. Doch das ist nur die sichtbare Seite der Geschichte. Denn die Sorge um die bedrohten Schafe erwies sich als sehr inkonsequent.

Auch ohne Wölfe akzeptierte man während der Alpzeit im Gebirge über 4000 tote Schafe diskussionslos als «natürliche Abgänge», wohingegen jedes durch einen Wolf gerissene Schaf als eines zu viel beklagt wurde – das SRF-Videoarchiv ist voll mit solchen Szenen. Bei den Rindern ist es ähnlich: Die heutige Statistik weist pro Jahr regelmässig um die 1500 Rinder, Kälber und Kühe aus, die jedes Jahr während der Alpzeit verenden. Davon liest man nie etwas. Doch wenn ganz vereinzelt Rinder oder Kälber von Wölfen angegriffen werden, ist das Echo in den Medien gross. Diese wenig kohärente Wahrnehmung der Todesursache von Nutztieren im Zusammenhang mit den Wölfen ist ein Hinweis auf starke, tiefer liegende Emotionen.

Dies kommt etwa in der sonst sehr objektiv wissenschaftlichen Beschreibung der Alpenfauna von Friedrich von Tschudi von 1860 zum Vorschein: Von Tschudi, ein hochgebildeter Schweizer Intellektueller und Naturschützer des 19. Jahrhunderts, der in den Glarner Alpen geboren und aufgewachsen war, liess am «Wolf» kein gutes Haar und beschrieb ihn hochemotional mit den übelsten Eigenschaften.

Friedrich von Tschudi
Friedrich von Tschudi war in den Glarner Alpen geboren und aufgewachsen. Für die Wölfe hatte er in seiner sonst hervorragend wissenschaftlich objektiven Beschreibung der Alpenfauna der Schweiz kein gutes Wort übrig – offensichtlich machte die tief verwurzelte und in der Bergbevölkerung weit verbreitete, hoch emotionale Ablehnung der Wölfe auch beim Intellektuellen von Tschudi nicht Halt, wie die folgenden Zitate aus seinem Werk «Die Thierwelt der Alpen» (1860) belegen.Bild: gemeinfrei
Zitat aus Friedrich von Tschudis «Die Thierwelt der Alpen» von 1860.
Zitat aus Friedrich von Tschudis «Die Thierwelt der Alpen» von 1860.
Darstellung eines Wolfs in Friedrich von Tschudis «Die Thierwelt der Alpen» (1860).
Darstellung eines Wolfs in von Tschudis «Die Thierwelt der Alpen».Bild: gemeinfrei

Wie sich Wölfe ausbreiten

Seit den ersten offiziellen Jungwölfen auf Schweizer Boden am Calanda bei Chur im Jahr 2012 haben sich die Wölfe in Graubünden und mit grosser Verzögerung auch in den Walliser Alpen, dem nördlichen Tessin und gebietsweise im Jura ausgebreitet. Diese Dynamik entspricht dem enormen Fortpflanzungspotenzial der Wölfe und ist gut erklärbar, weil das Gebiet ja wolfsfrei war und zügig von Jungen aus den neuen Wolfsfamilien und aus Zuwanderern aus dem Ausland konkurrenzlos besiedelt werden konnte. Die vielen freien Gebiete erklären die rasche Zunahme des Bestandes.

Neugieriger Blick: Junger Wolf im hohen Gras.
Gefährliche Neugier: Junge Wölfe sind sehr neugierig. Wer sich aber allzu weit vom Versteck weg wagt, riskiert das Leben: Wildschweine, Adler, Luchse oder Füchse werden ihnen gefährlich.Bild: Videostill/Stefano Polliotto

Anders ist dies in Gebieten, wo schon länger Wölfe in stabilen Revieren leben wie im Piemont in Italien oder im Mercantour in Frankreich. Dort sind die Zahlen weitgehend stabil – die Zunahme des Wolfsbestandes erfolgt vor allem über die Ausbreitung und die Besiedlung neuer Gebiete. Dort, wo sich Wölfe etabliert haben, gibt es in den bestehenden Revieren also nicht mehr Wölfe pro Fläche, wie das bei den Hirschen oder den Wildschweinen der Fall wäre. Das Reviersystem der Prädatoren unterscheidet sich grundsätzlich von der Bestandesentwicklung ihrer Beutetiere. Deshalb erfordert auch eine menschliche Regulation der Prädatoren ein völlig anderes Konzept als die Regulation von Huftieren.

Schutz des Waldes

Obwohl die vielen Rehe, Hirsche, zum Teil auch Gämsen und Steinböcke in den Schweizer Wäldern dem Jungwuchs erheblich zusetzen und gebietsweise im Berggebiet sogar die Verjüngung und den Erhalt von Schutzwäldern gefährden, weil sie die Jungbäume abfressen, ist in den Gebirgskantonen eine deutliche Reduktion von Hirschen und Rehen kein Thema: Die Jägerschaft wünscht gute Wildbestände und weiss das auch politisch durchzusetzen. Dies bedeutet jedoch für die Wölfe ein optimales Nahrungsangebot.

Durch ihr selbst regulierendes Reviersystem ist die Zahl der vierbeinigen Jäger aber zu gering, um durch Beutefang den heutigen Wildbestand substanziell zu reduzieren. Ihre Wirkung auf das Ökosystem ist subtiler: Sie sorgen bei den Huftieren für Bewegung. So bewirken sie, dass vor allem Hirsche nicht lange am selben Ort fressen, und das schont die jungen Bäume.

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Hirsche und Wölfe
Wirksame Waffe: Hirsche haben ihr Geweih zur Abwehr der Wölfe entwickelt. Diese reagierten mit der Jagd in Gruppen, um diese Waffe auszutricksen – wie unsere Vorfahren in der Steinzeit.
quelle: videostill/stefano polliotto
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In Amerika verbreiteten Forscher in den 1990er-Jahren die Hypothese, wo Wölfe auftauchten, entstehe bei den anderen Wildtieren eine «Landschaft der Angst». Doch als man die Stresshormone im Kot der Hirsche untersuchte, ergab sich eine Überraschung: Die Hirsche lernten schnell, mit den Wölfen zurechtzukommen und zeigten keinerlei zusätzlichen Stress. Sie änderten aber ihr räumliches Verhalten und ernährten sich anders.

Dies sorgte für eine Reduktion der Fortpflanzung, eliminierte die Schwachen und förderte die starken Tiere. Und die Vegetation erholte sich vom Verbiss durch das Wild. Für eine biologische Regulierung der Wildbestände in unseren Verhältnissen braucht es beides: die Jagd durch die Menschen zur substanziellen Reduktion des Wildbestandes und die ökologische Wirkung der natürlichen Fressfeinde während des ganzen Jahres.

Jäger füttern Wölfe

Wenn nun in den Bergkantonen zahlreiche Jäger die Wölfe und ihre wachsende Population kritisch sehen, sind sie sich oft nicht bewusst: Sie leisten selbst meist unwissentlich ihren namhaften Beitrag zum Überleben zahlreicher Jungwölfe – sie füttern sie nämlich ausgiebig und bringen bei ihnen zudem frischen Menschengeruch mit Futter in Verbindung: Wenn auf der Jagd ein Wildtier erlegt wird, lassen die Jagenden den sogenannten Aufbruch – die Eingeweide des geschossenen Tieres, die immerhin etwa ein Viertel des gesamten Lebendgewichtes ausmachen – den Füchsen und den Raben zum Frass im Wald zurück. So müssen die Jäger weniger Last ins Tal schleppen.

Wo es Wölfe gibt, haben diese schnell begriffen, dass es nach einem Schuss viel zu fressen gibt, sobald die Menschen weg sind. Auch die Jungwölfe folgen in der Jagdzeit im September bereits ihren Eltern, tun sich so an den Eingeweiden erlegter Hirsche, Rehe und Gämsen gütlich und nehmen den frischen Menschengeruch der Jäger auf. Nach diesen positiven Erlebnissen in ihrer Lernphase haben sie später kaum Scheu, die Nähe von Menschen aufzusuchen, denn dort gibt es ja zu fressen.

Zudem erhöhen sich ihre Überlebenschancen im Winter deutlich – dank des von den Menschen spendierten Fettpolsters. Dass diese zusätzliche Fütterung der Wölfe durch die Jagd kein Pappenstiel ist, zeigen die Zahlen: 2022 etwa wurden im Kanton Graubünden über 5500 Hirsche und über 2500 Rehe geschossen, deren Eingeweide zu einem guten Teil von den Wölfen genutzt wurde.

Schwierige Jagd

Jagdversuch: Ein grosses Wolfsmännchen startet einen Angriff auf eine Hirschgruppe. Die Hirschkuh (Kopf ganz links am Bildrand) lockt den Wolf durch zögerliche Flucht von ihrem Kalb weg.
Jagdversuch: Ein grosses Wolfsmännchen startet einen Angriff auf eine Hirschgruppe. Die Hirschkuh (Kopf ganz links am Bildrand) lockt den Wolf durch zögerliche Flucht von ihrem Kalb weg.Bild: Videostill/Stefano Polliotto
Fitness-Test: Der Wolf prüft mit diesem Angriff, ob die Hirsche gesund und fit sind. Die junge Hirschkuh oben schaut der Jagd zu – sie weiss, bergauf hat der Wolf kaum Chancen, sie einzuholen. Nach ku ...
Fitness-Test: Der Wolf prüft mit diesem Angriff, ob die Hirsche gesund und fit sind. Die junge Hirschkuh oben schaut der Jagd zu – sie weiss, bergauf hat der Wolf kaum Chancen, sie einzuholen. Nach kurzer Zeit gibt der Wolf die Verfolgung auf.Bild: Videostill/Stefano Polliotto

Das Spiel mit der Angst

Alle diese rationalen Fakten spielen bei der Angst mancher Menschen keine Rolle, wenn sie sich Wölfe als Nachbarn in unseren Landschaften vorstellen. Wie man einem Menschen, der an Höhenangst leidet, nicht klarmachen kann, dass er auf einer hohen Aussichtsplattform, die mit einem Geländer gesichert ist, nicht abstürzen kann, so lässt sich, wer Angst vor Wölfen oder vor Hunden hat, nicht überzeugen, dass diese keine reale Gefahr bedeuten. Die Macht der Emotionen gebietet über die Vernunft.

Es handelt sich um Ängste, die sich vielleicht mit den komplizierten, molekularen Mechanismen der seit wenigen Jahrzehnten entdeckten Wissenschaft der Epigenetik erklären lassen. Beklemmende Angstgefühle, die entstanden waren, als in finsteren, früheren Zeiten Wölfe tatsächlich mit traumatischen Erlebnissen wie etwa der Tollwut verbunden waren und die über komplizierte Vererbungsmechanismen oder mündliche Tradition bis heute aufpoppen, sobald die Rede von Wölfen ist.

Die aktuelle Politik macht sich solche Ängste zunutze. Sie zielt auf die Phantom-Wölfe im Kopf und in der Magengrube der Menschen, die mit der Wirklichkeit in der Landschaft wenig zu tun haben. Der absolut durchgesetzte Willkürentscheid von Umweltminister Albert Rösti, in der Verordnung zum neuen Jagdgesetz ohne übliche Vernehmlassung «tolerierbare Schwellenwerte» für die Wolfspopulation im Land zu definieren, entbehrt der wissenschaftlichen Grundlage und widerspricht den üblichen, demokratischen Spielregeln im Land.

Gefahr eines Eigengoals

Zudem ist die Suggestion einer «Gefahr für Menschen» durch die Wölfe in unseren heutigen Verhältnissen, mit der die notrechtartig durchgesetzte Abschussverordnung begründet wird, eine faktenwidrige Behauptung: Es gibt bis heute in der Schweiz, bei inzwischen Hunderten von nahen Begegnungen, nicht einen Fall tätlicher Aggression eines Wolfes gegen Menschen. Trotzdem steht bei manchen Leuten jeder Wolf aus Prinzip unter Generalverdacht, wo er sich auch zeigt – selbst wenn es keinerlei Anzeichen aggressiven Verhaltens gibt.

Mit der Vorgabe, die dem Wunsch einiger Bergkantone entspricht, ganze «Rudel» zu eliminieren, löst man die Probleme Schaden stiftender Wölfe nicht. Wölfe, wie es nun in der Schweiz geplant und entschieden ist, auf einmal präventiv zu eliminieren, ist aber ökologisch ein gefährliches Spiel – mit der erheblichen Gefahr, damit ein Eigengoal zu schiessen: Wenn Wolfsfamilien auseinandergerissen oder in alle Richtungen versprengt werden und ihre Reviere nicht mehr verteidigen, wandern sofort neue Individuen aus der Jugendpopulation in die freien Räume ein und die Unruhe im System kann bewirken, dass dann nicht wie bisher ein Weibchen, sondern auf derselben Fläche deren drei Junge aufziehen – Nahrung gibt es bei den heutigen Wildbeständen genug dafür.

Mit unbedachten Abschüssen löst man die sogenannte «kompensatorische Reproduktion» aus – etwas, was man bereits bei Wildschweinen, bei den Rehen oder bei den Füchsen zur Genüge kennt: Je mehr man schiesst, desto mehr Nachwuchs produzieren sie.

Wer jagt wen?

Anders als man denkt: Wildschweine und Wölfe mögen sich nicht. Die Wölfen erbeuten Frischlinge der Schweine und erwachsene Wildschweine werden jungen Wölfen gefährlich.
Anders als man denkt: Wildschweine und Wölfe mögen sich nicht. Die Wölfe erbeuten Frischlinge der Schweine und erwachsene Wildschweine werden jungen Wölfen gefährlich.Bild: Videostill/Stefano Polliotto
Hasch mich! Dieses Wildschwein ist nahe beim Versteck der jungen Wölfe. Die Wolfsmutter riskiert aber mit einem tätlichen Angriff auf das Schwein selbst schwere Verletzungen. Also provoziert sie das W ...
Hasch mich! Dieses Wildschwein ist nahe beim Versteck der jungen Wölfe. Die Wolfsmutter riskiert aber mit einem tätlichen Angriff auf das Schwein selbst schwere Verletzungen. Also provoziert sie das Wildschwein und lockt es mit einer wilden Jagd im Kreis von ihren Jungen weg.Bild: Videostill/Stefano Polliotto

Wölfe sinnvoll regulieren

Solange in der Schweiz viele wolfsfreie Gebiete mit grossem Nahrungsangebot an Wildtieren wandernde Wölfe zum Bleiben einladen, wird die Population insgesamt wachsen. Wenn aber die geeigneten Lebensräume mit Wolfsrevieren besetzt sind, stabilisiert sich der Zuwachs in den Wolfsgebieten. Dabei ist eine selektive Regulierung der Wölfe immer möglich und sinnvoll, wenn die hohen Jagdwildbestände als verfügbare Nahrung den Nachwuchs nicht begrenzen.

Bei reichlich Nachwuchs streifen einerseits viele revierlose Jungwölfe umher – diejenigen Individuen, die erfahrungsgemäss bei den Nutztieren am meisten Schäden verursachen und am ehesten die Nähe menschlicher Siedlungen aufsuchen. Und andererseits werden möglicherweise die Wolfsfamilien in ihren Revieren grösser, damit sie sich gegen die Gruppen in den Nachbarrevieren behaupten können, die ihrerseits zahlenmässig «aufrüsten», wie man das in Deutschland beobachtet.

Um dies zu verhindern, ist eine professionelle, enge Beobachtung des Wolfsbestandes mit Erfassung aller Familien und deren Nachwuchs erforderlich. Nur ein präzises, wissenschaftliches Monitoring erlaubt, selektiv und sehr früh bei den Jungtieren einzugreifen und gezielt einen Teil des Nachwuchses durch erfahrene Experten abzuschiessen. Das klingt grausam, aber ob sie schmerzlos erlegt oder später von der Eisenbahn oder Autos überfahren oder von Wölfen in fremden Revieren getötet werden, kommt auf dasselbe heraus.

Durch solche gezielten Regulations-Eingriffe kann aber das Reviersystem der Eltern erhalten bleiben. Zudem bewerten die erwachsenen Wölfe durch die gezielte Jagd auf ihre Jungen die Menschen als nicht mehr als ganz so harmlos wie heute und entwickeln ein Distanzverhalten, das zur Beruhigung der Situation zwischen Menschen und Wölfen beiträgt.

Unnatürlicher «Schwellenwert»

Bei den meisten wissenschaftlichen Experten, die sich mit freilebenden Wölfen befassen, stossen denn auch die gegenwärtigen Entscheide des Bundesrates auf verständnisloses Kopfschütteln. Einerseits ist die Definition von «Schwellenwerten» für jegliche einheimischen Wildtiere mit Blick auf die Verfassung problematisch, die grundsätzlich allen Wildtieren ein natürliches Existenzrecht zugesteht.

Das aktuelle Vorgehen des Bundesrats missachtet auch wissenschaftliche Erkenntnisse aus anderen Regionen, in denen eine nicht sachgerechte Bejagung von Wolfsbeständen weit mehr Probleme schuf, als dass sie löste: Durch die Störung des Reviersystems erhöhte sich etwa in Russland die Zahl der Wölfe insgesamt und führte zu mehr Individuen und zu mehr Schäden an Nutztieren im Umfeld der Siedlungen, als in einer ausgewogenen, naturnahen Situation mit etablierten, kleinen Wolfsfamilien.

In anderen Regionen der ehemaligen UdSSR erwies sich die regelmässige, teilweise Reduktion der Jungtiere – sei es bereits bei den Welpen an der Wurfhöhle oder etwas später im Jahr – als gute Möglichkeit zur Regulierung eines stabilen Wolfsbestandes mit wenigen Konflikten mit der menschlichen Bevölkerung.

Den Wölfen nahe: Filmer Stefano Polliotto, von dem die Videostills in diesem Beitrag stammen.
Immer dabei: Stefano Polliotto dokumentiert seit 20 Jahren die Wolfsfamilien im Val Chisone bei Turin. Aus seinen Videos wurden die Bilder für diesen Bericht entnommen.Bild: Videostill/Stefano Polliotto

Die Angst ebbt ab

Was irrationale Ängste betrifft – etwa die «Angst vor dem Wolf», vor Hunden, Spinnen oder Schlangen – weiss man aus der Psychologie und auch aus der neusten, epigenetischen Forschung, dass sachte Gewöhnung und sorgfältige Auseinandersetzung mit dem Thema die Ängste allmählich abebben lässt. Einzig die Zeit, die Gewöhnung, dass Wölfe einfach da sind und nichts Dramatisches passiert, wird vielleicht die Emotionen beruhigen.

Wenn es gelingt, durch ökologisch geeignete Regulationsmassnahmen der Wölfe, durch tatkräftige Unterstützung der Alpwirtschaft beim Herdenschutz und lösungsorientiertes Zusammenwirken von Politik, Behörden und Bevölkerung, die realen Konfliktpunkte im Zusammenleben mit den grossen Prädatoren zu entschärfen, werden Wölfe vielleicht eines Tages zur normalen Fauna des Landes gehören, wie Füchse oder Steinadler, die dereinst auch verhasst und verfolgt waren und nun ihre wichtige, ökologische Funktion in unseren Lebensräumen wahrnehmen. Dies setzt aber voraus, dass nicht berechnende Politiker diese Ängste stets aufs neue wecken und hochkochen, um sie in ihrem Sinne eigennützig zu bewirtschaften.

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Wolfsrudel im Wallis
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Wolfsrudel im Wallis
In einem abgelegenen Teil des Augstbordgebietes abseits von Siedlungen, Wanderwegen und Infrastrukturen ist es der Gruppe Wolf Schweiz (GWS) gelungen, das dortige Wolfsrudel mehrfach mittels Fotofallen und Direktbeobachtungen nachzuweisen.
(Bild: Gruppe Wolf Schweiz GWS)
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Wölfe sind hier willkommen
Video: srf
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67 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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oléoléolé
06.12.2023 16:36registriert März 2021
Ich will Andreas Moser an Stelle von Rösti im Bundesrat!
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Frosch4142
06.12.2023 16:38registriert Oktober 2019
Ich habe ja noch Röschtis Entscheid bereits den Kopf geschüttelt. Nach dem Bericht muss ich aber meinen Kopf so fest schütteln, dass es weh tut!
Wie falsch kann ein BR-Entscheid sein? Albert Rösti: "Ja!"
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Triple
06.12.2023 16:46registriert Juli 2015
Sehr guter Bericht. Heisst eigentlich könnten alle gut mit dem Wolf leben. Ausser natürlich den Geldempfängern in den einen Kantonen....
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Gehirnnebel bei Long Covid wohl entschlüsselt – Folgen für gesamte Virus-Forschung
Mediziner haben eine körperliche Ursache für den sogenannten Gehirnnebel bei Long-Covid-Patienten gefunden. Demnach verursacht die Virusinfektion eine Störung des Blutversorgungssystems im Gehirn.

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