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Statt jeder Menge Leckereien soll es für mich eine Woche lang in Wasser aufgelöstes Pulver geben. Bild: watson

Thema Food

Nichts zum Essen, nichts zum Kauen, nichts zum Kochen: «Das ‹Lebensmittel der Zukunft› ist so widerlich, dass ich fast k... musste!»

«Soylent» ist das Pulver, das dereinst die Menschheit mit allen wichtigen Nährstoffen versorgen soll. watson-Redaktorin Viktoria Weber sollte das Lebensmittel der Zukunft eine Woche lang testen. Und ist kläglich gescheitert. 



Ich liebe es, essen zu gehen. Und ich liebe es, bekocht zu werden. Nur eines liebe ich nicht: Und das ist selbst zu kochen. Immerhin in einem Punkt stossen die Macher von «Soylent» mit ihrem Produkt bei mir also auf Zustimmung: Die Zubereitung geht ganz einfach und schnell – das Kochen erübrigt sich. 

Was Soylent ist? Das wusste ich bis vor einigen Monaten auch nicht. Doch dann bin ich über diese Beschreibung gestolpert: «Einfache, gesunde und günstige Nahrung. Täglich eine ausgewogene Ernährung, zubereitet in 3 Minuten, für 3 Dollar pro Mahlzeit.» So preisen die Erfinder ihr Produkt an.

«Das klingt doch spannend!», denke ich sofort. Als ich mich etwas genauer in die Materie einlese, folgt jedoch schon bald die grosse Ernüchterung: Denn es handelt sich um nicht mehr als ein Pulver, das alle für den menschlichen Organismus wichtigen Nährstoffe enthalten soll und welches man mit Wasser anrührt.

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Ein solcher Sack kostet 10 Dollar und enthält 2000 Kalorien. Bild: watson

Fünf Monate Wartezeit

Als kleiner Gourmet – und auch Gourmand – habe ich Mühe damit, mir vorzustellen, mich über einen längeren Zeitraum ausschliesslich von dem ein und selben Shake zu ernähren. Da ich aber einerseits neugierig und andererseits experimentierfreudig bin, bestelle ich mir eine Wochenration und stelle mich darauf ein, sieben Tage lang von Freunden und Kollegen schräg angeschaut zu werden, wenn ich meinen Shake auspacke, während alle anderen Pasta, Salat und Co. auftischen.

Bis es soweit ist, muss ich mich jedoch gedulden. Denn die Wartezeit für Kunden, die Soylent zum ersten Mal bestellen, beträgt mehrere Monate. Ins Leben gerufen wurde diese «Ernährung der Zukunft» von Software-Entwickler Rob Rhinehart. Seiner Meinung nach sind Kochen und Essen reine Zeitverschwendung. Ausserdem glaubt er, mit seinem Produkt eine gesunde Alternative zum klassischen «Fast Food» gefunden zu haben.

Nach rund fünf Monaten kommt das Paket aus den USA bei mir an. Darin enthalten: 7 «Tagesrationen» Soylent à 2000 Kalorien, eine Kelle, um kleinere Einheiten des Pulvers abfüllen zu können, ein grosser Shaker und ein kleines Heftchen, das eher an eine iPhone-Gebrauchsanweisung als an ein Rezeptbuch erinnert. Die Version, die ich teste, heisst «Soylent 1.4» und ist – im Gegensatz zu vorherigen Versionen – durch und durch vegan.

«Ich habe Angst, dass du danach einfach nur fett bist!»

Eine befreundete Ärztin

Bevor ich das Experiment starte, unterhalte ich mich mit einer befreundeten Ärztin. Sie wirft einen Blick auf die «Zutatentabelle» des Produktes und schaut mich danach entgeistert an: «Ich habe Angst, dass du danach einfach nur fett bist! Da sind ja nur Sattmacher drin!» Na, das klingt ja vielversprechend ...

Damit sich der Körper an die neue Form der Ernährung gewöhnen kann, raten die Entwickler, langsam einzusteigen. Das heisst: An Tag 1 und 2 soll man lediglich 33 Prozent des Tagesbedarfs an Kalorien via Soylent zu sich nehmen und den Rest mit «normalen» Lebensmitteln abdecken. Also gönne ich mir am Morgen wie gewohnt einen Milchkaffee und dazu ein selbstgemachtes Birchermüesli.

Am Mittag geht's dann an das «Lebensmittel der Zukunft». Nur schon während der drei Minuten, die ich in der Redaktionsküche stehe (länger dauert die Zubereitung tatsächlich nicht), melden sich die nächsten Skeptiker zu Wort: «Oh, machst du damit einen Selbsttest? Puh, lieber du als ich», sagt die eine Arbeitskollegin und der nächste fügt hinzu: «Ich hoffe, du machst das nur für die Redaktion und nicht aus Überzeugung!» Juhu, genau so habe ich mir das vorgestellt: Wer nicht «normal» isst, muss sich ständig und überall rechtfertigen.

So sieht das Ganze vor dem Schütteln aus:

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Bild: watson

Und so nach dem Schütteln:

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Bild: watson

Na dann mal guten Appetit!

Als wir uns gemeinsam am Esstisch eingefunden haben und ich den ersten Schluck trinke, schauen mich alle ganz gespannt an: «Und, und, und? Wie schmeckt es?» Meine Antwort: «Mmh ... Schwer zu sagen. Irgendwie wie flüssiges Brot?» Der Geschmack ist tatsächlich gar nicht so einfach zu beschreiben. 

Gefühlt handelt es sich jedenfalls um eine sehr gehaltvolle Masse. Und im ersten Moment finde ich, dass sie eigentlich ganz okay schmeckt. Doch nachdem ich die ersten paar Schlucke getrunken habe, passiert Folgendes:

Irgendwie setzt sich da was ab ...

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Bild: watson

.... Was zum Teufel ist es??? :(

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Bild: watson

Dieser Anblick verdirbt mir so sehr den Appetit, dass ich versuche, ohne hinzuschauen weiterzutrinken. (Memo an mich: Morgen unbedingt eine blickdichte Tasse statt eines durchsichtigen Glases nehmen!) Je mehr ich von dem Soylent-Shake trinke, desto schwerer fällt es mir, die dickflüssige Masse runterzuschlucken. 

«Du guckst in etwa so wie ich, wenn ich Abführmittel trinken muss», sagt eine Kollegin, die diese Qual schon ein paar Mal für eine Darmspiegelung über sich hat ergehen lassen müssen. ich habe keine Ahnung, wie Abführmittel schmeckt. Nur eins ist klar: Dieses Glas – was circa 400 Kalorien entsprochen hätte – kann ich nie und nimmer austrinken. Statt dass ein Sättigungsgefühl eintritt, wird mir einfach nur schlecht. In mir steigt Panik auf: «Davon soll ich mich jetzt eine Woche lang ernähren? Das schaffe ich nie und nimmer!»

Nach dem «Essen» bekomme ich Bauchschmerzen. Ob sich das Ganze nur in meinem Kopf abspielt, weiss ich nicht. Ich fühle mich jedenfalls nicht sonderlich wohl. Appetit habe ich für die nächsten paar Stunden auch keinen – zu präsent ist noch der Ekel vor dem «Mittagessen». Erst auf dem Heimweg am frühen Abend kehrt so langsam der Hunger zurück. Vor allem, weil mir in den Sinn kommt, dass am nächsten Tag wieder Soylent auf dem Programm steht, heisst es jetzt: Zugreifen!

Selten habe ich mich so sehr über eine Brezel mit Kochschinken gefreut <3

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Bild: watson

Das frühe Ende des Experiments

Da den Erfindern von Soylent wohl auch klar ist, dass niemand Lust hat, tagtäglich den gleichen Shake zu trinken, schlagen sie im Begleitheftchen ein paar Abwandlungen vor: Man könne das Produkt mit Obst, mit Nüssen und Honig oder – typisch Ami-Style – mit Erdnussbutter «verfeinern». Wenn es nach mir ginge, hätten sie sich ruhig mal noch irgendeine herzhafte Variante ausdenken können.

Wie auch immer: An Tag 2 meines Experiments versuche ich es also mit der Obst-Variante und mixe Himbeeren und Banane in die dickflüssige Soylent-Pampe.

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Mit ein paar Früchten wird die Sache erträglich. Bild: watson

Ich gebe zu: Das macht die Sache deutlich erträglicher. Schmecken tut mein «Mittagessen» heute im Prinzip wie eine Bananen-Himbeer-Milch, problematisch bleibt jedoch der Geruch. Denn der hat sich im Vergleich zu der puren Variante vom Vortag praktisch nicht verändert – und löst einen dezenten Brechreiz bei mir aus.

Also trinke ich mein Mittagessen, ohne einzuatmen und so gelingt es mir tatsächlich, fast 500 Kalorien via Soylent zu mir zu nehmen. Trotzdem steht für mich fest: Das war's – bis hierhin und nicht weiter. 

Grundsätzlich bin ich (glaube ich) eine relativ disziplinierte Person. Eine Fastenkur, bei der man einige Tage lang nur Saft und Tee zu sich nimmt, habe ich schliesslich auch schon durchgestanden. Aber da sah ich irgendwo auch den Nutzen – das Entschlacken. 

Und bei einer Diät hat man auch ein konkretes Ziel vor Augen. Aber nur um sagen zu können, dass ich mich eine Woche lang von einem Ernährungsersatz-Produkt ernährt habe? Nein, das muss nicht sein. 

«Ach komm schon, so schlimm kann das doch nicht sein! Lass mich mal probieren!» 

Mein Ressortleiter Maurice Thiriet

Ein paar meiner Arbeitskollegen wollen mich jetzt plötzlich motivieren: «Du musst dich bestimmt nur daran gewöhnen», meint der eine. Und auch mein Ressortleiter will mich offenbar noch etwas leiden sehen: «Ach komm schon, so schlimm kann das doch nicht sein! Lass mich mal probieren!» Kein Problem: Ich reiche ihm eine Kaffeetasse voll Soylent – allerdings ohne Beeren und Banane, er soll schliesslich in den Genuss kommen.

Er trinkt einen Schluck: «Och, das schmeckt doch ganz okay.» Er trinkt noch einen Schluck: Seine Miene verfinstert sich. Er trinkt noch einen dritten Schluck: «Nee, ist gut, du darfst aufgeben, wenn du willst», sagt er mit einem leicht angewiderten Gesichtsausdruck.

Und damit ist das Experiment an Tag zwei bereits beendet. Bevor ich die Sache endgültig zu den Akten lege, lasse ich ein paar weitere Kollegen von der beigefarbenen Brühe probieren. Vielleicht finde ich ja bei den Jungs von der IT einen Soylent-Fan – schliesslich stammt der Erfinder aus der gleichen Branche. Doch auch hier kommt wenig Begeisterung auf. «Iiih, was ist das denn? Das sieht ja aus wie pürierte Würmer» und «Das schmeckt wie zu flüssig geratener Pizzateig, kaufen würde ich das nicht», bekomme ich hier zu hören.

Wenn ich ein Astronaut wäre ...

Eine sehr treffende Formulierung findet eine andere Kollegin: «Also als Astronaut könnte ich mir das schon noch vorstellen.» Astronauten-Nahrung! Genau, das ist es! Nicht mehr und nicht weniger. Denn nachdem ich am zweiten Tag eine grössere Portion davon verzehrt habe, kann ich immerhin sagen: Satt macht es tatsächlich und das sogar ziemlich nachhaltig.

Für Menschen, die sich in einer Situation befinden, in der es schwer ist, an Lebensmittel heranzukommen, ist die Idee von Rob Rhinehart vielleicht gar nicht so blöd. Warum Menschen, denen echte Lebensmittel zur Verfügung stehen, jedoch im Alltag eine Mahlzeit «ersetzten» sollen, das weiss ich wirklich nicht. Denn für mich hat jede Form der Nahrungsaufnahme etwas mit Genuss zu tun.

«Der soziale Aspekt entfällt und die individuelle Esskultur geht verloren.»

Ernährungsberatung See-Spital Kilchberg

Und auch die Experten für Ernährungsberatung vom See-Spital in Kilchberg zeigen sich mehr als skeptisch: Da es sich bei dem Erfinder um einen Software-Ingenieur handle, sei seine Kompetenz in Bezug auf die Herstellung eines Mahlzeitenersatz-Produktes in Frage zu stellen. Ausserdem würden keine publizierten wissenschaftliche Beweise für eine positive Wirkungsweise von Soylent existieren. 

«Soylent und vergleichbare Produkte sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Es wird die Eigenverantwortung zur gesunden Ernährung delegiert, der soziale Aspekt entfällt und die individuelle Esskultur geht verloren», schreibt das Team in ihrem Statement auf Anfrage von watson. Und weiter: «Das Kauen fällt hier ganz weg. Flüssige Ernährung im Erwachsenenalter, durchgeführt über längere Zeit, kann mit der Entwicklung einer Essstörung in Verbindung gebracht werden.»

Vielleicht doch ein Diät-Produkt?

Amüsant ist auch die Tatsache, dass praktisch alle meine Bekannten dachten, ich würde eine Diät machen. Dabei soll Soylent ja nur eine andere Form von Ernährung darstellen. In unseren Köpfen hat Ernährung aber ganz offensichtlich etwas mit Kauen zu tun – und das ist meiner Meinung nach auch gut so.

Hätte ich den Test eine ganze Woche lang durchgezogen, wäre das Ganze wahrscheinlich doch in einer Art Diät ausgeartet. Denn selbst wenn ich mich mit der Zeit an das Getränk gewöhnt hätte: Mehr als 1000 Kalorien pro Tag hätte ich davon sicher nicht ver-schlucken können. 

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