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Ihr streitet über die Vorhaut? Wir fragen den Urologen! 

Da ein paar unserer männlichen User sich gefetzt haben um die richtige Antwort auf die alles entscheidende Gretchenfrage «Nun sag, wie hast du's mit der Beschneidung?», haben wir die Argumente der Gegner und Befürworter einer Prüfung unterzogen.



Der Artikel 9 harte Fakten zum Glied. Also Phallus. Also Penis hat eine User-Diskussion über Beschneidung ausgelöst. Also eigentlich war es schon fast ein bisschen mehr als das. Hätte man ihnen Keulen in die Hand gegeben, sie hätten sich damit gegenseitig zünftig auf die Rübe gegeben. 

Was ist denn nun besser? Wir haben die Argumente unserer User den Urologen des Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) unter die Nase gehalten. Zu den medizinischen konnten sie Stellung nehmen, die anderen haben wir im Alleingang zu recherchieren versucht. 

Die User-Argumente der Befürworter:

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BILD: WATSON

Ein beschnittener Penis ist hygienischer als ein unbeschnittener.  

Die Beschneidung schafft «trockene Verhältnisse», wodurch die Keimbesiedlung der Eichel wesentlich geringer ausfällt und die Bildung von Vorhautdrüsen-Talg gänzlich verhindert wird. Dieses sogenannte Smegma sammelt sich bei einem unbeschnittenen Penis zwischen Vorhaut und Eichel. Bei mangelnder Genitalhygiene werden die Ablagerungen sichtbar und es kommt zu einer intensiven Geruchsbildung. Umgekehrt heisst aber auch eine Vorhautentfernung nicht, dass man auf das Waschen vollständig verzichten kann. 

Man kann also sagen, beschnitten oder nicht: Wascht euch einfach anständig. 

Beschneidung verringert die Gefahr von Infektionen sowie die Übertragung von Geschlechtskrankheiten. 

Da scheiden sich die Geister: In der 2006 von H. A. Weiss herausgegebenen Meta-Analyse wurden elektronische Datenbanken (1950-2004) systematisch nach Artikeln über Beschneidung im Zusammenhang mit Genital-Herpes, Syphilis und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten abgesucht. Dabei kam heraus, dass das Ansteckungsrisiko für Syphilis und Chancroid bei beschnittenen Männern geringer ist und dass sie im Zusammenhang mit Studien zu Genital-Herpes weniger Erwähnung finden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Beschneidung der Vorhaut 2007 sogar in den Katalog der Präventionsmassnahmen gegen den HI-Virus aufgenommen. Hintergrund dieser Entscheidung waren die Ergebnisse von in Afrika durchgeführten Studien, denen zufolge das HIV-Infektionsrisiko für den beschnittenen Mann beim ungeschützten Vaginalverkehr um etwa 60 Prozent geringer ausfällt. Allerdings betont die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), dass die Beschneidung nur in Verbindung mit weiteren Schutzmassnahmen gegen HIV wirksam ist. 

Ebenso hat das Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) auf unsere Frage reagiert: «Auch ein beschnittener Mann kann Geschlechtskrankheiten übertragen!»

Die Vorhaut hat sowieso keinen medizinischen Nutzen. 

Die Antwort des UKBB auf dieses Argument lautete wie folgt: «Aus rein medizinischer Sicht haben verschiedene Körperteile keinen medizinischen Nutzen. Die Vorhaut hat aber eine gewisse Schutzfunktion

Die User-Argumente der Gegner:

http://www.thewholenetwork.org/

bild: wholenetwork, bearbeitung watson

Für einen unbeschnittenen Mann ist das Lustempfinden beim Sex grösser, da die Eichel «sensibler» ist.

Durch die Entfernung der Vorhaut wird die Eichel nicht mehr permanent bedeckt und kann durch den ständigen Kontakt mit Luft und Reiben an der Kleidung an Empfindlichkeit verlieren

Wie das der Einzelne aber in seinem Sexualleben erlebt, ist völlig unterschiedlich. Grössere Studien dazu wurden vor allem in Afrika durchgeführt, weil dort im Rahmen von HIV-Präventionsprojekten Männer im Erwachsenenalter beschnitten wurden. 

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Beschneidung Jesu: Gemälde von Friedrich Herlin (1466). bild: wikipedia

Beschneidung ist schmerzhaft. 

Sicherlich sei eine Beschneidung schmerzhaft, weil es ein chirurgischer Eingriff sei, sagt das UKBB: «Deshalb werden Beschneidungen in einem Kinderspital ausschliesslich in Narkose durchgeführt.»

Beschneidung kann für ein Neugeborenes traumatisierend sein. 

Psychische Spätfolgen einer Beschneidung im Neugeborenenalter sind dem UKBB nicht bekannt.

Beschneidung bei einem Kind geht unter «Genital-Verstümmelung».

Im Sommer 2012 hat das Kölner Landgericht die Beschneidung von Jungen als strafbare Körperverletzung gewertet. Der Fall eines vierjährigen Jungen hatte dazu geführt: Seine Eltern liessen aus religiösen Gründen eine Beschneidung vornehmen, aber der kleine Patient erlitt nach dem Eingriff Nachblutungen und musste abermals ins Spital gebracht werden. Die Staatsanwaltschaft erhob daraufhin Anklage gegen den behandelnden Mediziner. Das Gericht sprach diesen schliesslich frei, wertete die Beschneidung aber als einfache Körperverletzung. Das Recht des Kindes auf Unversehrtheit war nach dessen Ansicht stärker zu gewichten als das Erziehungsrecht und die Religionsfreiheit der Eltern. Die Empörung auf muslimischer wie auf jüdischer Seite war gross. 

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«Die Beschneidung Isaaks», um 1300, im Israel-Museum, Jerusalem. bild: wikipedia

Und dann wurde die hitzige Debatte über den kleinen Hautfetzen auch in der Schweiz geführt: Das Zürcher Kinderspital reagierte auf die Entscheidung des Kölner Landgerichts mit einem Operations-Stopp bei Fällen nicht medizinisch begründeter Beschneidungen, nahm sich einen Monat lang Zeit und setzte sich mit Ethikfachleuten zusammen. Diese kamen zum Schluss, Beschneidungen wieder durchzuführen, obwohl es keine eindeutige Antwort darauf gibt, ob sich ein Arzt durch den Eingriff strafbar macht:

«Es handelt sich bei der Beschneidung zwar um eine einfache Körperverletzung, sofern sie medizinisch nicht notwendig und die betroffenen Knaben nicht urteilsfähig sind. In Gesellschaft, Kultur und Politik ist die Beschneidung aber seit vielen Jahren akzeptiert», sagte die Sprecherin Corinne Bouvard gegenüber dem Tagesanzeiger

Der Ärztliche Direktor Felix Sennhauser formulierte die Entscheidung der Direktion so: «Man muss abwägen. Einerseits ist die Beschneidung ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit – wenn auch nur ein kleiner. Andererseits sind die negativen sozialen und religiösen Konsequenzen miteinzubeziehen, wenn die Operation verweigert wird. Immerhin symbolisiert die Beschneidung aus religiösen Gründen die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Die wichtigste Frage ist für uns: Was ist gut für das Kind?»

Weltkarte der männlichen Beschneidung nach Länder

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Die Karte wurde von der «World Health Organization» (WHO) erstellt und stammt aus dem Jahr 2004. bild: who

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