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Precobs unterteilt das Stadtgebiet in Planquadrate und schlägt bei drohenden Einbrüchen Alarm. bild: ifmpt.de

«Precobs»

Verbrechen erkennen, bevor sie passieren – so funktioniert die Software der Schweizer Polizeien

Ein Computer-Programm ist der Albtraum der Profi-Einbrecher. Die Precobs-Software sagt mit erstaunlicher Genauigkeit voraus, wo und wann die nächsten Straftaten passieren.

02.10.14, 12:15 06.10.14, 09:29

Die Stadtzürcher Polizisten haben einen mächtigen und gleichzeitig unscheinbaren Helfer, der lediglich aus Bits und Bytes besteht. Es handelt sich um die Software «Precobs». Sie ist vom Institut für musterbasierte Prognosetechnik (IfmPt) im deutschen Oberhausen entwickelt worden.

So schwerfällig der Name der kleinen Firma klingen mag, so einfach und praktisch ist die Bedienung ihrer Software. Per E-Mail schlägt das Windows-Programm automatisch Alarm, wenn irgendwo in der Stadt neue Einbrüche drohen.

Das habe nichts mit Hellseherei zu tun, sondern sei knallharte Mathematik, sagt der Erfinder, Dr. Thomas Schweer im Interview. Der Precobs-Algorithmus berechnet praktisch in Echtzeit die Wahrscheinlichkeit, mit der an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Uhrzeit eingebrochen wird.

Bei hoher Wahrscheinlichkeit wird das betroffene Gebiet auf der digitalen Stadtkarte rot eingefärbt. In der Regel handelt es sich um sehr kleine Flächen, um eines oder mehrere Planquadrate von 250 mal 250 Metern. Wenn die Wahrscheinlichkeit etwas tiefer ist, werden die Farben Orange und Grün verwendet.

Eindrückliche Zahlen

Rot bedeutet, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit demnächst wieder eingebrochen wird. Bild: ifmpt.de

Ab Herbst 2013 hat die Stadtpolizei Zürich Precobs getestet. Das Kürzel steht für «Pre Crime Observation System» und ist der Beginn einer Revolution in Sachen Polizeiarbeit. Durch die Auswertung grosser Datenmengen sagt das Programm voraus, wo und wann in Zukunft Straftaten begangen werden. Die Prognosen müssen sich nicht immer bewahrheiten, doch in der Praxis liegt das System oft richtig.

Durch den Einsatz von Precobs soll die Gesamtzahl der Wohnungseinbrüche in Zürich im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent gesunken sein. Nach fünf von sechs Prognosen sollen tatsächlich Straftaten an den jeweiligen Orten passiert sein. In den vom Computer-System überwachten Gebieten – den dicht bevölkerten Zürcher Stadtteilen – sank die Zahl der Einbrüche angeblich sogar um rund 30 Prozent. Gleichzeitig sei die Verhaftungsquote während der regulären Streifendienste verdoppelt worden, hiess es.

Datenpool der Polizei angezapft

Die Software-Entwickler betonen, dass keine personenbezogenen Daten verarbeitet werden. Weder die Standorte von Mobilfunknutzern noch Social Media oder andere Quellen. Vielmehr greift das Programm, das auf Polizei-Computern installiert ist, auf eine Datenbank mit anonymisierten Angaben zu vergangenen Straftaten zu.

Dazu wird der Datenpool der Polizei angezapft. Ausgewertet wird jeder Einbruch, der in den letzten fünf Jahren in einem bestimmten Gebiet verübt wurde, inklusive des Ortes und der genauen Tatzeit sowie dem Modus Operandi, also der Vorgehensweise der Täter. 

Aufgabe der Polizisten ist es, die Ergebnisse richtig zu bewerten.

Wenn ein Polizeibeamter einen neuen Einbruch in das Polizei-interne System eingibt, wird der Vorgang sofort ausgewertet. Der Precobs-Algorithmus prüft, ob die neue Tat einem Muster vergangener Taten entspricht und schlägt gegebenenfalls Alarm.

Wie die Süddeutsche Zeitung zutreffend festhält, sucht die Software nicht nach der Wahrheit, sondern nach Korrelationen: «Wenn auf A und B oft genug C gefolgt ist, geht sie davon aus, dass wahrscheinlich auch beim nächsten mal C folgen wird, wenn A und B zusammen auftreten. Dann schlägt sie Alarm.» Und weiter: «Die Software findet Zusammenhänge zwischen Daten, die dem Menschen verborgen bleiben. Aufgabe der Polizisten ist es, die Ergebnisse richtig zu bewerten.»

Die Verbrechens-Prognosen sollen auch auf dem Smartphone verfügbar sein. Bild: ifmpt.de

Auch Einbrecher sind «Gewohnheitstiere» 

Die Precobs-Software basiert auf der wissenschaftlichen Theorie der Near Repeats. In Studien hat sich gezeigt, dass auf begangene Straftaten weitere Straftaten am gleichen Ort folgen. Es mag für den Laien erstaunlich klingen: Einbrecher kehren häufig innert weniger Tage in ein Gebäude oder ein Quartier zurück. Offenbar brechen Täter gerne eine Woche später zur gleichen Zeit erneut ein. Solche Erkenntnisse gelten zwar nicht für impulsiv verübte Beziehungsdelikte, sie machen aber professionelle Einbrüche berechenbar.

Precobs funktioniert anscheinend so gut, dass sich die Stadtpolizei Zürich dieses Jahr für den Kauf, respektive die Lizenzierung, der Software entschieden hat. Die Kosten wollte die Stadtpolizei auf Anfrage von watson nicht verraten. Wenn man von Medienberichten über das Precobs-Pilotprojekt der bayerischen Polizei ausgeht, könnten es rund 120'000 Franken (pro Jahr) sein.

Unter Spardruck

Seit Juni nutzen speziell geschulte Beamte der Stadtpolizei das Programm standardmässig, um Streifenwagen und verdeckte Ermittler noch gezielter auf Patrouillen zu schicken. Gemäss der Precobs-Logik bedeutet dies allerdings auch, dass Gebiete, in denen es keine Einbrüche gab, vernachlässigt werden. Dafür konzentrieren sich die Sicherheitskräfte auf eigentliche Hotspots, wo viel passiert ist.

Natürlich hat sich die Polizei schon vor Precobs damit beschäftigt, wie die zur Verfügung stehenden Beamten möglichst effizient und effektiv eingesetzt werden können. Der von der Politik ausgeübte Spardruck ist gross – gleichzeitig wird nach noch mehr Sicherheit für die Bürgerinnen und Bürger gerufen. Predictive Policing – vorhersagende Polizeiarbeit – ist einer gewissen Logik folgend nicht mehr aufzuhalten. Eine durch Budget-Vorgaben eingeschränkte Polizei wird verstärkt auf Algorithmen setzen, wenn dadurch die Kriminalität sinkt.

Lesen Sie im 3. Teil das Interview mit Thomas Schweer, dem Vater der Precobs-Software.

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User-Review:
Micha-CH, 16.12.2016
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16 Kommentare anzeigen
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  • 20Cent 01.03.2015 17:46
    Highlight Person of Interest
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  • Hans Jürg 01.03.2015 16:32
    Highlight Der Screenshot erinnert mich an SimCity.
    Wäre ich Einbrecher, würde natürlich in Gebieten operieren, die als sicher gelten und in denen deshalb die Polizei nicht so stark präsent ist.
    4 1 Melden
    • El RIDO 03.03.2015 23:08
      Highlight Das Design der Oberfläche verrät die klassische Java-Anwendung.
      1 0 Melden
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  • papparazzi 03.10.2014 16:23
    Highlight Und wann kommt der Minority Report? ut (dp)
    6 3 Melden
    • mikado5034 06.10.2014 11:17
      Highlight Jetzt bin ich aber wahnsinnig beeindruckt, dass Sie diesen Zusammenhang erkannt haben!
      8 6 Melden
    • papparazzi 06.10.2014 18:04
      Highlight Wow, danke für das Lob und die extra Zeit die Sie sich genommen haben Herr mikado 5034;-) Ich beeindrucke gerne weiter andere Leser:-)
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  • Markus L 03.10.2014 06:32
    Highlight Gegen die Software an sich ist kaum was einzuwenden, es fragt sich nur, wie sich die Polizei aufgrund der Vorhersagen verhält.
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  • smoe 02.10.2014 20:58
    Highlight Na, die Software scheint mir etwas Drei Fragezeichen Milchbüechli Kriminologie zu betreiben. Was überhaupt nicht schlecht ist, nur, macht sie offenbar nichts, was ein erfahrener Ermittler nicht auch könnte. Der Vorteil liegt in der Automation und Geschwindigkeit, in der Akten durchforstet werden können

    Beim "predictive policing" (wie auch beim normalen) besteht jedoch die Gefahr einer selbst selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn die Software in einem Gebiet ein Verbrechen voraussagt und dort daraufhin die Polizeipräsenz erhöht wird, bedeutet ein Erfolg noch lange nicht, dass sie recht hatte.
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    • El RIDO 03.03.2015 23:15
      Highlight Ja, das ist genau das Problem bei dieser Anwendung: Es kommen hinten genau die Vorurteile raus die man vorne einfüttert.

      Damit die Vorhersage funktioniert, müssen die Ermittler das Programm mit Daten füttern. Wenn es sich dabei um anonymisierte abstrakte Fakten handelt ist es eines. In der Praxis werden das aber bereits unbewusst "gefärbte" Informationen sein. Das Ergebnis ist die umgekehrte Filter-Bubble: Verdächtig werden bereits verdächtige Quartiere. Und der Algorithmus ist wird zur perfekten Ausrede für die selektive Kontrollen unliebsamer Mitbürger mit falschem Aussehen.
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  • Bowell 02.10.2014 18:08
    Highlight Ich sehe keine Bedenken in der Nutzung des Systems. Es werden, scheinbar, nur auf Daten zugegriffen die der Polizei sowieso zur Verfügung stehen. Das Programm wertet sie nur aus.
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    • nimmersatt 03.10.2014 17:11
      Highlight Und aufgrund der 'Fakten' werden Tatsachen geschaffen, die auch immer ein gewisses Fehlerpotential miteinschliessen
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    • Bowell 03.10.2014 17:56
      Highlight Fehler kann es immer geben, damit werden die Voraussagen im
      Endeffekt nur genauer. Man muss die Mittel, die zur Verfügung stehen nutzen. Solange es nicht als Glaskugel betrachtet wird finde ich es eine gute Ergänzung zur klassischen Patrouille.
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    • El RIDO 03.03.2015 23:20
      Highlight Vermutlich wird man dieses Werkzeug zur Rechtfertigung des Abbaus der klassischen Patrouille einsetzen.

      Und dann läuft es wie bei den Überwachungskameras. Mit technischen Mitteln wird suggeriert, dass Sicherheit geschaffen wird. Stattdessen werden dann "teure" Polizeistellen gestrichen.

      Eine Polizeipatrouille kann mir helfen, wenn etwas passiert. Die Kamera oder diese Anwendung helfen mir nicht. Diese Anwendung wird nicht dazu führen dass die Patrouille zur Rechten Zeit am Rechten Ort ist. Sie könnte im Allerbesten Fall nur die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen.
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  • Herr Noergler 02.10.2014 17:42
    Highlight Minority Report lässt grüssen.
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    • gigaganti 02.10.2014 18:00
      Highlight dacht ich mir auch grad :D
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    • smoe 02.10.2014 21:03
      Highlight Der Name ist etwas unglücklich gewählt, wenn man in der Bevölkerung eine gute Akzeptanz erreichen will. Finde ihn aber immer noch besser als den «Ausländer 2000», der sich mal beim EJPD in Entwicklung befand:)
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