Novartis-Chef witzelt über seinen Lohn – und schmeichelt der Schweiz
Novartis-Chef Vas Narasimhan stellte sich gestern bestens gelaunt der Schweizer Presse. Er witzelte über die jährlich wiederkehrende Kritik an seinem fürstlichen Lohn von aktuell 24,9 Millionen Franken («Wenn er sinkt, berichtet kaum jemand darüber»). Und er lobte die Schweiz für ihre Stabilität («ganz im Gegensatz zu meinem Heimatland»). Der 49-jährige Manager lenkt Novartis seit 9 Jahren und stammt aus den USA.
Die aufgekratzte Stimmung war kein Zufall. Schliesslich konnte Narasimhan glänzende Jahresresultate präsentieren. Der Umsatz stieg um 8 Prozent auf 54,5 Milliarden Dollar. Der Reingewinn lag bei 13,9 Milliarden Dollar (+17 Prozent). Sogar das Margenziel, das sich der Konzern erst auf 2027 gesetzt hatte, erreichte er nun zwei Jahre früher. Die Kerngewinnmarge lag bei 40 Prozent.
Sein Lohn sei «Mathematik»
Diese Resultate schlagen sich direkt im Lohn des Chefs nieder, der massgeblich an den Firmenerfolg gekoppelt ist: Er stieg von 19,2 Millionen Franken im Vorjahr auf 24,9 Millionen Franken.
Narasimhan begründete den üppigen Lohnsprung damit, dass die letzten drei Jahre für Novartis im Branchenvergleich ausserordentlich gut gelaufen seien. Es gebe ausgeklügelte Formeln, um seine Leistung auch im Vergleich zu anderen Pharmafirmen messen. «Was herauskommt, ist Mathematik», so Narasimhan.
Mit mathematischer Präzision lassen sich auch die Verluste vorhersagen, die Novartis mit auslaufenden Medikamenten erleidet. Diese sogenannte Patentklippe ist für den Konzern gerade besonders hoch: Letztes Jahr haben die Blockbuster Entresto (Herz-Insuffizienz), Promacta (Hepatitis C) sowie Tasigna (Leukämie) den Patentschutz verloren. Bei Entresto rechnet Novartis für das laufende Jahr mit Verlusten im Umfang von 4 Milliarden Dollar, die ersetzt werden müssen.
Erste Auswirkungen davon spürte der Konzern bereits im letzten Quartal. Da sanken die Umsätze um 1 Prozent. Finanzchef Harry Kirsch sprach von den einschneidendsten Verlusten durch Generika in der Geschichte des Konzerns überhaupt. Dennoch bleiben die Chefs optimistisch. Bereits ab dem zweiten Halbjahr 2026 sollen Umsatz und Gewinn nach einem kurzen Dämpfer wieder ansteigen. Dies soll durch mehr Verkäufe von anderen Medikamenten sowie Lancierungen neuer Arzneimittel geschehen. Zudem dürfte der Konzern dann den milliardenschweren Zukauf der US-Firma Avidity verdaut haben. Für die nächsten fünf Jahre rechnet Novartis mit einem jährlichen Umsatzanstieg von 5 bis 6 Prozent.
Wie sieht die neue Preislandschaft aus?
Darin sind die Pläne von US-Präsident Donald Trump, die Medikamentenpreise in den USA zu senken und an jene von ähnlich wirtschaftsstarken Ländern zu koppeln, bereits berücksichtigt. Vas Narasimhan betonte denn auch, der Effekt werde für die kommenden Jahre «sehr gering» ausfallen. Die grössere Herausforderung, so die Botschaft, seien die ablaufenden Patente – wobei sich Novartis auch hier gerüstet sieht.
Vas Narasimhan betonte zwar auf Nachfrage, es könne durchaus einen Effekt bei Neulancierungen geben. «Wir würden ohne diese Preissituation noch stärker wachsen als prognostiziert», sagte Narasimhan. Diese Preisanpassungen, so scheint es, sind also bewältigbar. Man sei eben erst daran, Modellrechnungen für künftige Preiskalkulationen zu erstellen, sagte Narasimhan. «Bei einigen Neulancierungen könnte es zu Verzögerungen kommen, bei anderen gibt es Ausnahmen.»
Während der Konzern selbst mit den Auswirkungen offenbar umgehen kann, sieht Narasimhan gerade für die Schweiz ein Problem. Denn das neue Preissystem stützt sich auf die Kaufkraft der G7-Länder plus der Schweiz und Dänemark. Das bedeutet für die Schweiz, dass sie dereinst gar höhere Preise als die USA bezahlen müsste. Denn pro Kopf weist die Schweiz eine höhere Wirtschaftskraft auf als die USA. Viel weniger stark würde die von Trump angestossene Neuverteilung der Kosten Deutschland und Japan treffen. Hier seien die errechneten Preisunterschiede tiefer und «überbrückbar», sagte Narasimhan.
Mit Blick auf die Schweiz stellte Narasimhan klar, es sei das vordringliche Ziel, eine Lösung mit den Behörden zu finden. Als Zwischenlösung schwebt Narasimhan etwa vor, dass man neue Medikamente zuerst für Selbstzahler oder Zusatzversicherte auf den Markt bringen könnte, bis die Preisverhandlungen mit dem Staat abgeschlossen seien. «Die Schweiz hat einen sehr weit entwickelten privaten Versicherungsmarkt», betonte Narasimhan.
Beim Auftritt machte der Konzernlenker klar, dass Novartis die Bedingungen in der Schweiz schätze: Stabilität, Fachkräfte, Steuern. Das tönte bei der Konkurrenz letzte Woche auffallend anders. Roche-Chef Thomas Schinecker wählte eine andere Perspektive und zog eine regelrechte Drohkulisse auf. Er fokussierte darauf, wie viel für die Schweiz derzeit auf dem Spiel steht. Dabei verwies er auch auf die gestiegene Steuerbelastung durch die OECD-Mindeststeuer. Hier zeigte sich Novartis deutlich gelassener, wie auch bei der US-Preispolitik. Vas Narasimhan scherte einmal mehr aus. (aargauerzeitung.ch)
