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Ob die Maus echt ist, oder nicht, entscheide ich. Bild:

FRAGFRAUFREITAG

Liebe Frau Freitag. Gibt es echte Freundschaften auf Instagram? 

22.05.15, 14:31 22.05.15, 14:47

Ich habe mit einigen "IG-Freunden" einen engeren Austausch, der äusserst interessant, lustig und auch sehr herzlich ist. Unter fünf Leuten haben wir miteinander einen regen DM (direct message)-Austausch. Wir solidarisieren uns, wenn einer mal krank ist und freuen uns über der einen ihren Sohn, wenn dieser seinem Fussballclub gewonnen hat, wir wünschen uns einen schönen Tag und eine gute Nacht. Mit einem anderen teilen wir unsere gemeinsame Liebe zur Bergwelt und erzählen uns auch privates, familiäres. Ich spüre da zum Teil tiefe Gefühle die auch erwidert werden. Ich staune einfach, dass so etwas entstehen kann, obwohl man sich nie gesehen hat und sich vielleicht auch nie sehen wird. Das ist, was mich etwas irritiert. Herzlichst. Corina, 55 

Liebe Corina 

Was ist echte Freundschaft? Und was ist das, was Sie mir beschreiben?Das ist eine höchst philosophische Frage, I like!

Ob eine Freundschaft echt ist oder nicht, hat vermutlich viel mehr mit gegenseitigem Interesse als dem Kanal zu tun. Und das haben Sie ja offensichtlich füreinander. Dennoch muss man sich darüber im Klaren sein, dass man bei einer solchen virtuellen Freundschaft den Anderen nie als Ganzes erfasst. Man "sieht" ein paar wenige Facetten und ganz viele andere nicht. Aber auch das muss nichts über die Echtheit einer Freundschaft aussagen. Es besteht nur die Gefahr, dass man die fehlenden Aspekte mit eigenen Interpretationen auffüllt, die mit der Person schlussendlich nichts zu tun haben müssen.

Ob das Bild, dass man sich voneinander macht, stimmig ist, beweist darum nur eine persönliche Begegnung. Man kann sich sehr wohl in dem von Ihnen beschriebenen Rahmen austauschen und anfreunden und sich dann vollkommen unsympathisch sein, wenn man sich im "echten Leben" gegenübersteht. Ja wirklich, das passiert. Und man kann sich fragen, ob man diesen Reality-Check wirklich machen möchte. Trotzdem sollte man sich überlegen, WAS man einer Person anvertrauen will, die man noch nie gesehen hat.

Das Wichtigste ist einfach, dass man sich über das Medium und dessen Interpretationsspielraum im Klaren ist. Ich erhalte täglich etwa 5o Zuschriften (persönliche) und manchmal sind solche darunter, wo ich annehmen muss, dass der oder die AbsenderIn denkt, wir wären befreundet. Das kann dann dazu führen, dass ich eine äusserst gehässige Mail bekomme von jemandem, den ich noch nie im Leben gesehen habe und dessen Zeilen ich nicht beantwortet habe. Oder zumindest nicht in der erwarteten Zeit.

In diesen Situationen frage ich mich dann jeweils ernsthaft, ob die Menschen überhaupt noch unterscheiden können zwischen tatsächlicher Beziehung und einer freundschaftlichen Verbindung auf Facebook, Instagram oder sonst wo. Jüngeren Usern scheint dies klar zu sein, aber gerade Personen in Ihrem Alter oder älter, haben da vermutlich Ihre liebe Mühe damit. Weil das Medium ein sehr junges ist und man den Umgang damit noch nicht wirklich erlernen konnte.

Mein tatsächlicher Freundeskreis ist überschaubar bis winzig. Er lässt sich mehr oder weniger an einer Hand abzählen. Ein paar Tausend Menschen sind mit mir auf Facebook befreundet oder auf Instagram und Twitter. Diese Menschen zähle ich nicht wirklich zu meinen Freunden und dennoch pflege ich einen freundschaftlichen Kontakt zu Ihnen. Es findet manchmal ein Austausch statt, ein Dialog oder sonst was. Das ist wunderbar und sehr bereichernd. Wenn jemand dieser Zigtausend Menschen aber eine Erwartungshaltung entwickelt, die sich dadurch äussert, dass ich mich für diese Person interessieren sollte, als wären sie eine dieser Handvoll Menschen, dann kann ich nur den Kopf schütteln. Ich will keine neue Freundin haben und mit niemandem Kaffee trinken gehen. Ich gebe hier unglaublich viel von mir und bin nicht bereit, darüber hinaus noch mehr zu geben. Meine knappe Zeit investiere ich in bestehende Freundschaften, der Rest ist für mich Job, also Arbeit. Und die verrechne ich pro angebrochene Stunde. 

Es kann praktisch jeder mit mir "befreundet" sein. Solange er keine Erwartungen an mich stellt. Und das ist vermutlich des Pudels Kern; die Erwartungshaltung. Für meine Handvoll Freunde lasse ich alles stehen und liegen und bei Bedarf gehe ich auch noch für sie durchs Feuer. Für meine FB-Freunde kann und will ich diesen Service nicht bieten. 

Wer diesen Unterschied nicht erkennt, lässt besser die Finger von sozialen Netzwerken. Wenn Sie eine echte Freundschaft darüber definieren, ob man sich gegenseitig beim Umzug hilft, dann werden Sie unter Umständen enttäuscht werden. Sich gegenseitig aufzumuntern, wenn man mal krank ist und sich gemeinsam über Schönes zu freuen ist aber auch schon ganz viel! Ob es eine echte Freundschaft ist, oder nicht, hängt also ganz von Ihrer persönlichen Definition ab.

 Mit herzlichen Grüssen. Ihre Kafi. 

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.

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Bild: Kafi Freitag

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.
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  • Gelöschter Benutzer 26.05.2015 07:10
    Highlight Die Antworten dieses Blogs leben davon, durch die in Bezug zur Autorin hohe Selbstreferenzialität eine grosse Authentizität zu erhalten. Coaching ist sicherlich auch deshalb so beliebt geworden. Ich glaube jedoch, dass ontologische oder persönliche Krisen zwar z.B. in einer Freundschaft gerade den persönlichen Bezug benötigen, ausserhalb von Freundschaften wie etwa im Rahmen eines Coachings müsste Rat einen theoretischen Rahmen haben, der auch so ausgewiesen wird. Ein solcher Rahmen könnte die Philosophie sein.
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    • kafi 26.05.2015 08:12
      Highlight Vollkommen richtig, lieber Jöel. Im Coaching stelle ich keine Referenz zu mir selber her. Dort wird auf Prozessebene begleitet, nicht beraten. Das ist ein grosser Unterschied.

      Danke für diese Betonung. Herzlich, Kafi.
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