International

Räumung des «Dschungel von Calais» verläuft weitgehend ruhig 

Bild: EPA/EPA

Publiziert: 24.10.16, 07:04 Aktualisiert: 24.10.16, 21:32

Die Auflösung des unter dem Namen «Dschungel von Calais» bekannt gewordenen illegalen Flüchtlingslagers im nordfranzösischen Calais ist entgegen der Befürchtungen ruhig angelaufen.

Am ersten Tag der Räumung des illegalen Flüchtlingslagers in Calais haben über 2000 Menschen das Camp verlassen. «1918 Erwachsene haben Calais in 45 Bussen verlassen, um in 80 Erstaufnahmezentren zu gelangen», sagte Innenminister Bernard Cazeneuve am Abend in Paris. Die Menschen werden seit Montagmorgen mit Bussen auf Regionen in ganz Frankreich verteilt.

Bereits im Morgengrauen warteten am Montag hunderte Menschen mit Rollkoffern und Taschen bepackt vor einem Registrierzentrum nahe des Camps. «Es ist besser, jetzt zwei Stunden zu warten als dann zwei Tage», sagte ein sudanesischer Flüchtling. Ein anderer Flüchtling sagte, er sei schon um 4.00 Uhr morgens angekommen.

Innenminister Bernard Cazeneuve sprach am Montag in Paris von einer «ruhigen und geordneten Operation». Er hoffe, dass so die gesamte Räumung des Lagers verlaufen werde.

Am Tag kam es vor dem Registrierzentrum in der Nähe des Camps vereinzelt zu Rangeleien zwischen den Wartenden. In langen Schlangen sammelten sich die Menschen dort mit ihrem Gepäck an einem Absperrgitter. Die Befürchtung, Aktivisten könnten die Auflösung des Lagers mit gewaltsamen Protesten begleiten, traten allerdings zunächst nicht ein.

Der «Dschungel von Calais» wird geräumt

In der wilden Zelt- und Hüttensiedlung hatten sich in den vergangenen Jahren Flüchtlinge gesammelt, die illegal über den Ärmelkanal Grossbritannien erreichen wollten. Zuletzt hatten dort etwa 6500 Menschen gelebt. Die meisten kamen aus Ländern wie Afghanistan, Äthiopien, Eritrea und dem Sudan.

Noch kein Asylverfahren

Die Präfektin von Pas-de-Calais verglich das Registrierzentrum mit einem riesigen, improvisierten Busbahnhof. Im Zentrum findet nur eine erste Befragung der Flüchtlinge statt, noch kein Asylverfahren. Den Menschen sollen zwei Regionen vorgegeben werden, zwischen denen sie wählen können. Ausgenommen sind der Grossraum Paris und Korsika.

Die Behörden betonten immer wieder ein «humanitäres» Vorgehen. Man setze darauf, dass sich die Menschen freiwillig melden, sagte Pierre-Henri Brandet, Sprecher des Innenministeriums.

«Keiner wird gezwungen, sich in einen Bus zu setzen.»

Pierre-Henri Brandet

Die Behörden arbeiteten seit langem mit Hilfsorganisationen zusammen, um die Menschen davon zu überzeugen, das Lager zu verlassen.

Calais, am Abend vor der geplanten Räumung (23. Oktober 2016). Bild: PASCAL ROSSIGNOL/REUTERS

Unbegleitete Minderjährige, Familien und Kranke oder Schwangere wurden getrennt registriert. Kinder und Jugendliche, die alleine unterwegs sind, durften zunächst in Containern in Calais bleiben. Für ihr Aufnahmeverfahren gibt es besondere Regeln. Frankreich pocht auf eine Familienzusammenführung, wenn Angehörige bereits in Grossbritannien leben.

Sorge über die kommenden Tage

Noch in der Nacht hatten im Camp Mülltonnen gebrannt. Es war zu Zusammenstössen gekommen, als Flüchtlinge versucht hatten, auf eine nahegelegene Autobahn zu gelangen. Die Polizei hatte sie zurückgedrängt und dabei auch Tränengas eingesetzt.

Die einen Flüchtlinge wollen sich in andere Lager umsiedeln lassen... Bild: PASCAL ROSSIGNOL/REUTERS

Verletzt wurde nach Angaben der Behörden allerdings niemand. Die Befürchtungen der Behörden, Aktivisten könnten die Auflösung des Lagers mit gewaltsamen Protesten begleiten, traten zunächst nicht ein.

... andere wehren sich gegen die Räumung des «Dschungels» (Nacht vom 23. auf 24. Oktober). Video: watson.ch

Die vollständige Räumung soll noch eine Woche dauern. Schon am Dienstag wollen die Behörden damit beginnen, Zelte und Hütten abzureissen, in denen die Flüchtlinge bislang wohnten. Die Präfektur sprach von einer «noch nie da gewesenen Operation». Im Einsatz sind nach offiziellen Angaben rund 1250 Polizisten.

Menschenrechtler machten sich derweil Sorgen über die kommenden Tage. Derzeit laufe alles gut, weil jene Flüchtlinge zu den Bussen kämen, die «ungeduldig darauf gewartet haben, wegzugehen», sagte der Leiter der Organisation L'Auberge des Migrants (Herberge der Flüchtlinge), Christian Salomé. «Bald sind nur noch die Leute hier, die nicht weg und weiterhin nach Grossbritannien gelangen wollen.» 

«Dschungel von Calais»: Frankreichs grösster Slum

Das Flüchtlingslager von Calais ist Frankreichs grösster Slum. Hinter Chemiefabriken und einer Autobahn leben nach offiziellen Angaben etwa 6500 Menschen. Sie kommen aus armen Ländern wie Äthiopien, Eritrea, Afghanistan und dem Sudan.

Die Zahlen zu den Bewohnern gehen weit auseinander. Hilfsorganisationen sprachen im Sommer sogar von mehr als 10'000 Flüchtlingen, die sich dort aufhalten.

Im «Dschungel von Calais» leben viele Menschen, die gerne nach Grossbritannien möchten, weil sie sich dort eine bessere Zukunft versprechen. Auch die Sprache wäre für sie einfacher zu beherrschen, die meisten sprechen kein Französisch. Doch die Grenze sei dicht, sagt die Präfektin des Départements Pas-de-Calais, Fabienne Buccio.

Mehrere Flüchtlinge kamen auf dem Weg auf die Insel bereits ums Leben. Grossbritannien ist nicht weit, nach Dover sind es nur rund 40 Kilometer. Calais hat einen grossen Fährhafen, der Kanaltunnel ist nahe.

Wie dramatisch die Situation in Calais ist, zeigt diese ARD-Reportage:

Video: YouTube/ZG

In Calais sammeln sich schon seit Jahren Flüchtlinge, die illegal den Ärmelkanal überqueren wollen. Die Lage verschärfte sich mit der internationalen Flüchtlingskrise.

Auf Brachland entstand von 2015 an das Lager aus Zelten, Hütten und inzwischen auch Wohncontainern. Diese wurden vom Staat eingerichtet und sollen zunächst weitergenutzt werden. In diesen Behelfsbauten können rund 1500 Menschen untergebracht werden. (gin/erf/sda/dpa)

Die Flüchtlinge von Calais

Hol dir die catson-App!

Die flauschigste App der Welt! 10 von 10 Katzen empfehlen sie ihren Menschen weiter.
15 Kommentare anzeigen
15
Logge dich ein, um an der Diskussion teilzunehmen
Youtube-Videos und Links einfach ins Textfeld kopieren.
600
  • michi martin 24.10.2016 21:34
    Highlight Jeder der an Leib & Leben bedroht ist, hat ein Recht auf Asyl. Ich kann auch Menschen aus armen Ländern verstehen, sie suchen das gelobte Land, könnte sein dass ich es auch versuchen würde. Nur unsere Mittel in Europa, alle Imigrationsversuche & Asylanträge für alle Zukunft weiter, tolerant gut zu heissen, sind nicht gegeben. Ich begrüsse alle wirklichen, bedrohten, integrationswilligen Flüchtlinge, wir geben Hilfe, sie erwiedern das mit Dankbarkeit und Akzeptanz gegenüber unserer Kultur, ein Geben und nehmen. Nicht alle Rechten sind generell gegen Flüchtlinge, auch ich nicht............ !!
    7 1 Melden
    600
  • Maragia 24.10.2016 16:01
    Highlight Wieso werden in diesem Bericht die demonstrierenden und randalierenden Linksextremisten nicht erwähnt? (vgl. NZZ 24.10.2016)
    39 9 Melden
    600
  • zombie woof 24.10.2016 14:06
    Highlight Oha, haben die Blick und 20Minuten Leser Watson übernommen?
    20 34 Melden
    • JaneSoda 24.10.2016 15:17
      Highlight Sieht ganz danach aus - auf alle Fälle sind es Menschen, deren Popo in Sicherheit ist, die da grosse Töne posaunen. Das Glück hatten, am richtigen Ort geboren worden zu sein, hatten sie ebenfalls.
      Was wohl, wenn diesem Sachbestand nicht so wäre?
      Perspektive und Bildung für alle!
      18 31 Melden
    • Safran 24.10.2016 15:32
      Highlight @JaneSoda: Bei dieser Räumung geht es aber nicht um das. Die Migranten werden auf ganz Frankreich verteilt und es müssen Asylanträge gestellt werden. Sie werden also nicht raus geworfen. Selbst die Steinewerfer können vermutlich bleiben, was Linksradikale bestimmt freut.

      Klar für die Einen stehen Flüchtlinge im rechtsfreien Raum, können tun und lassen was sie wollen und sind immer entschuldigt.
      Wer aber nicht so denkt, ist nicht automatisch ein Blick- und 20 Minuten - Leser. Das Camp war nun mal illegal!
      43 9 Melden
    • solani 24.10.2016 15:38
      Highlight Hey ich bin die vom Kommentar unten. :)
      Das frage ich mich auch..
      Echt schade..!
      Aber immerhin denken ja nicht alle so. ;) <3
      7 6 Melden
    • JaneSoda 24.10.2016 16:08
      Highlight @Safran: Auch mir geht es nicht nur um diese Räumung - mir geht es grundsätzlich um die Haltung einiger Menschen hier ;-)
      7 17 Melden
    • Wuschelhäschen 24.10.2016 22:21
      Highlight Jup, die Haltung Kinder in Zelten zu unterbringen über Monate, während sie die Möglichkeit hätten ein festes Dach über den Kopf zu erhalten in Frankreicj, ist recht krass. Aber nein, man will ja ums verrecken nach England. Wieso sind euch die Kinder so egal?
      4 1 Melden
    600
  • solani 24.10.2016 11:14
    Highlight Ich denke es ist schwierig zu beurteilen, wie es in diesen Menschen aussieht, was sie schon alles erlebt haben, wieso sie den Behörden nicht vertrauen usw.
    Ich weiss auch nicht wie ihr Leben in den Herkunftsländern ausgesehen hat. Deshalb hüte ich mich davor zu beurteilen, wer es verdient hat wo Asyl zu bekommen...
    Was ich aber von ganzem Herzen hoffe ist, dass bei der ganzen Sache NIEMAND ernsthaft zu Schaden kommt. Vor allem Kinder.
    Und ich hoffe auch, dass es nicht all zu viele Menschen gibt, die diese Ansicht nicht mit mir teilen...
    38 37 Melden
    • Wuschelhäschen 24.10.2016 22:17
      Highlight Hier geht es gar nicht darum wer Asyl erhält und wer nicht, sondern darum dass sich diese Leute weigern in Frankreich Asyl zu beantragen, weil sie doch lieber nach England gehen möchten. Und du kannst sicher sein, dass Kinder darunter leiden, wenn Eltern entscheiden lieber in einem Zelt zu schlafen, als in Frankreich Asyl zu beantragen. Schade!
      8 2 Melden
    600
  • Wuschelhäschen 24.10.2016 10:43
    Highlight Das sind keine Flüchtlinge, sondern Migranten. Die sollen eine Chance erhalten einen Antrag zur Immigration zu stellen, müssen aber gleich behandelt werden wie jeder andere auch. Und man muss aufhören diese Leute Flüchtlinge zu nennen, die in Not seien. Offenbar ist die Not nicht so gross, dass sie Monatelang lieber in einem Slum leben, als in Frankreich Asyl zu beantragen. Das muss man sich mal vorstellen... die wählen diese Situation.
    101 23 Melden
    600
  • Safran 24.10.2016 10:37
    Highlight Ich hoffe, dass die Steine werfenden Flüchtlinge bzw. Wirtschaftsemigranten direkt abgeschoben werden. Auf solche gewaltbereiten Migranten kann Europa getrost verzichten.
    84 27 Melden
    • Pokus 24.10.2016 14:41
      Highlight Heute Morgen standen nicht mal die Schuhe frisch poliert vor meiner Tür!
      8 20 Melden
    600
  • Kristjan Markaj 24.10.2016 09:01
    Highlight So leid es mir tut, aber das sind keine Flüchtlinge. Diese Menschen konnten von Anfang an einen Asylantrag in Frankreich stellen, doch stattdessen will man sich natürlich nur das Beste vom Besten aussuchen und will illegal nach Grossbritannien.
    135 31 Melden
    • Darkside 24.10.2016 11:58
      Highlight Es tut Dir überhaupt nicht leid.
      24 44 Melden
    600

16 Leichen von Flüchtlingen im Mittelmeer geborgen

16 Leichen sind am Wochenende bei neun Rettungseinsätzen unter der Leitung der italienischen Küstenwache im Mittelmeer geborgen worden.

800 Personen wurden in Sicherheit gebracht und sollen am Montag auf Sizilien eintreffen, teilte die Küstenwache in Rom mit.

Die geretteten Migranten befanden sich an Bord von fünf Schlauchbooten und vier kleineren Booten. Zuvor hatte die Küstenwache den Tod von zwei Migrantinnen an Unterkühlung gemeldet.

Die beiden Frauen wurden bewusstlos an Bord eines …

Artikel lesen