Schweiz

Wenn beim ersten Versuch ein Fehler unterlaufen ist, müssen die Chirurgen nochmals nachbessern. symbolbild: KEYSTONE

Die Fehler im Spital sollen nicht mehr auf den Prämienzahler abgeschoben werden

60'000 Patienten erleiden jährlich eine Fehlbehandlung im Spital. Das kostet gemäss Schätzungen 450 Millionen Franken. Können Krankenkassen von den fehlbaren Spitälern bald Schadenersatz fordern?

12.10.16, 15:26 12.10.16, 17:39

Anna Wanner / Nordwestschweiz

Wenn der Bundesrat jeweils im Herbst die Krankenkassenprämien fürs kommende Jahr bekannt gibt, beginnt gleichzeitig der Wettstreit um neue Ideen, um die Gesundheitskosten zu senken. Ein Ansatz, der nun breiter verfolgt wird: vermeidbare Fehler an Spitälern verhindern. Der Aargauer SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner hat dazu einen breit abgestützten Vorstoss eingereicht. Er verlangt mehr Transparenz: Spitäler und Ärzte müssen zwingend offenlegen, wenn eine Behandlung fehlgeschlagen ist.

SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner fordert mehr Transparenz bei der Behandlung von Patienten. Bild: KEYSTONE

Damit würde eine Grundlage für Krankenkassen geschaffen, Schadenersatz einzufordern. Heute bezahle der Versicherer eine Fehlbehandlung gleich doppelt, so Giezendanner. Erst den Fehler, dann die Korrekturbehandlung. Die Betroffenheit ist gross: Gemäss Schätzung des Bundesamts für Gesundheit erleiden zehn Prozent der Patienten eine Fehlbehandlung, wovon die Hälfte vermeidbar wäre. 60'000 Patienten werden also jährlich Opfer eines Zwischenfalls, der nicht hätte passieren dürfen.

Wettbewerb um bessere Qualität

Dass die Kosten solcher Fehler in der Spitalrechnung verschwinden, stört auch den Vergleichsdienst Comparis: Das Prinzip der Haftpflicht funktioniere in allen Bereichen ausser im Gesundheitswesen. Dort «werden Mehrkosten, welche bei Behandlungsfehlern entstehen, über die Krankenkasse abgerechnet – was zu höheren Prämien für die Versicherten führt», schreibt der Vergleichsdienst in einem Communiqué. Der zuständige Comparis-Kassen-Experte Felix Schneuwly hat berechnet, dass jährlich bis zu 450 Millionen gespart werden könnten, wenn die Spitäler die Kosten nicht auf Kantone und Prämienzahler abschieben, sondern von der (zuständigen) Haftpflichtversicherung bezahlt würden. Das würde wiederum bewirken, dass die Haftpflichtprämien bei jenen Ärzten und Spitälern steigen, denen häufiger Fehler unterlaufen. Jene, die gut arbeiten, erzielen durch tiefere Haftpflichtprämien einen Wettbewerbsvorteil, wie Schneuwly sagt. «Das stimuliert den Qualitätswettbewerb.»

Warnung vor «Amerikanisierung»

Die Begeisterung in der Branche über die beiden Vorschläge hält sich in Grenzen. Zwar sagt Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+, er habe Verständnis für das Anliegen. Er sehe aber keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf: «Die Versicherungen können heute schon Rechnungen zurückweisen, wenn sie Fehler oder unnötige Behandlungen vermuten.» Dass sie dies auch in der Praxis tun, bestätigt Sandra Kobelt, Leiterin Abteilung Politik und Kommunikation beim Krankenkassenverband Santésuisse. Sie sagt, es gehe beim Anliegen weniger um eine Kostenfrage.

«Ob der Versicherer nun höhere Haftpflichtprämien mitfinanzieren muss oder direkt eine Korrekturbehandlung zahlt, führt am Ende zum gleichen Resultat: Die Kosten steigen.»

Sandra Kobelt, Krankenkasenverband Santésuisse

Viel wichtiger sei es, dass an den Spitälern keine «Amerikanisierung» stattfinde. Dort hätten die häufigen Haftpflichtfälle an den Spitälern dazu geführt, dass gewisse Patienten mit hohem Risiko für Komplikationen gar nicht mehr behandelt werden. «Es darf keine Angstkultur entstehen», sagt Kobelt. «Es braucht aber eine Fehlerkultur, wo im vertraulichen Rahmen ein Zwischenfall diskutiert und geklärt werden kann.» Sie verweist darauf, dass einzelne Spitäler bereits heute ein internes Meldesystem führen. Wegmüller von H+ bestätigt: «Praktisch alle Spitäler haben ein internes Fehlermeldesystem.»

Patienten müssen unten durch

Das sei alles schön und gut, sagt Patientenschützerin Margrit Kessler. «Nur bringt das alles nichts.» Vermeidbaren Fehlern nachzugehen, gehört zu ihren Hauptaufgaben. Und ihre Erfahrung zeigt: Ärzte dazu bringen, Rechenschaft abzulegen und ihre Haftpflichtversicherung zum Zahlen zu bemühen, funktioniert nicht. «Die Versicherungen weigern sich, zu zahlen», sagt Kessler.

«Sie setzen alle Hebel in Bewegung und nehmen gewaltige Unkosten in Kauf, nur um Haftfälle abzuwenden.»

Margrit Kessler, Patientenschützerin

Ihre Aussage bekräftigt sie mit einer Umfrage, die sie bei einzelnen Kantonen gemacht hat: In der Regel werden nur acht bis elf Prozent der eingenommenen Haftpflichtprämien von den Versicherern wieder ausbezahlt. Sie fordert deshalb, die Haftpflichtversicherung in allen Spitälern abzuschaffen und stattdessen einen kantonalen Fonds einzuführen, der Schadensfälle begleicht. Basel, St. Gallen und die Waadt kennen dieses System bereits. Kessler sagt: «Damit fahren sie viel günstiger als mit der Versicherung.»

Dass indes ein vermeidbarer medizinischer Fehler tatsächlich abgegolten wird, ist laut Kessler alles andere als selbstverständlich. «Wir machen einen grossen Bogen um Gerichte, weil diese sich in 99 Prozent der Fälle gegen den Patienten entscheiden.» Es brauche also keine Richter, sondern Ärzte, die für ihre Fehler geradestehen. Und Fachleute, die entscheiden, wie ein erlittener Schaden beglichen werden kann. (aargauerzeitung.ch)

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  • kiawase 30.10.2016 16:30
    Highlight da macht Giezendanner wieder mal viel Wind; zum richtigen Zeitpunkt. Mal sehen was von dem Wind in einem Jahr noch übrig ist; ein laues Lüftchen. Unsere Regierung und vor allem das Parlament hat null Interesse irgendetwas im Gesundheitswesen zu verändern - wenn schon der Preisüberwacher die Politik rüffelt sollte uns das zu denken geben auch bei den nächsten Wahlen. Ich kenne einen Fall wo jemand wegen eines Kunstfehlers bei einer kleinen OP gestorben ist; Auswirkung oder juristisches Nachspiel .. zero.
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  • Tscheggsch? 13.10.2016 15:06
    Highlight Schwieriges Thema...
    Einerseits sollen Patienten, unabhängig einer Anfälligkeit für Komplikationen eine normale Behandlung erhalten. Keine Diskussion. Andererseits gehe ich davon aus, dass med. Personal niemals extra unvermeidbare Fehler begeht. Drittens stellt sich die Frage: Wenn Spitäler die Kosten zukünftig selber übernehmen müssten, würden diese dann versuchen, mit allg. etwas teureren Behandlungen quasi einen "Bussenvorrat" anzuhäufen?
    Ich staune immer wieder über Pflegepersonal. Wie rasch die in einem Notfall meist die richtige Entscheidung treffen. 1x danebengreifen ist 1x zu viel...
    3 0 Melden
    • kiawase 30.10.2016 16:31
      Highlight stimmt. die verantwortung ist gross , aber das sollte kein Grund sein im Schadenfall nicht dafür geradezustehen und die Versicherungen in Anspruch zu nehmen ... vgl. dazu Autounfall
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  • fischbrot 13.10.2016 11:02
    Highlight Bin ebenfalls der Meinung, dass wir dann halt indirekt die höheren Haftpflichtprämien der Spitäler mitfinanziern müssten, die Kosten somit trotzdem hoch blieben.

    Sinnvoller wäre es IMHO, für Nachbehandlungen aufgrund von Behandlungsfehlern die Artzhonorare zu streichen..
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  • DerTaran 13.10.2016 10:05
    Highlight Milchmädchenrechnung, wer bezahlt den die Haftpflichtversicherung? Die Krankenhäuser und damit am Ende wieder die Krankenkassen, also wir. Wenn Kosten anfallen, dann müssen die auch bezahlt werden, so einfach ist das.
    Qualitätssteigerung sollte natürlich immer ein Ziel bleiben, die Haftpflicht ist der falsche Weg.
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  • pamayer 12.10.2016 23:07
    Highlight Wichtig: keine amerkanisierung! Auch risokopotienten haben Anrecht auf eine gute Behandlung.
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  • Orinoco 12.10.2016 19:37
    Highlight Es sind nicht nur die Fehler, sondern auch die kleinen Überweisungen, wie bei mir, wegen einer Entzündung in der linken Hand, in der Behandlung und wegen 2 Medikamenten-Allergie, will man das plötzlich abklären, was ich schon mein halbes Leben schon kennen und damit lebe umgehen kann und ich bin jetzt 51 Jahre alt, das kostet ja nichts !!
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    • Aliyah 12.10.2016 20:03
      Highlight Oder wenn man zu faul ist. Mein Hausarzt hat mich wegen eines entzündeten Bauchnabels (tat extrem weh) direkt in den Notfall überwiesen. Die haben mir eine Salbe gegeben und gesagt das hätte mein Hausarzt genau so hätte machen sollen. Nach zwei Tagen wars weg.
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  • Humbolt 12.10.2016 17:51
    Highlight Es braucht dringend ein Umdenken was die Fehlerkultur angeht! Man soll sie machen dürfen und daraus lernen dürfen, ohne Angst vor den Konsequenzen haben zu müssen. Das würde solche Fälle mit der Zeit minimieren. Heute begeht man immerwieder dieselben Fehler, weil keiner Publik wird und daraus gelernt werden kann. Das würde Milliarden einsparen!
    14 2 Melden
    • Lami23 15.10.2016 15:31
      Highlight Heute begeht man immer wieder dieselben Fehler? Kannst du das belegen? Den normalerweise ist es so, dass Fehler im Meldesystem gemeldet werden und daraus Massnahmen resultieren, z.B. Perfusorenspritzen mit verschieden Farbenen Etiketten beklebenum Verwechslungen vorzubeugen.
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    • Humbolt 15.10.2016 15:45
      Highlight Das ist vielleicht einer von 100 der nach langem Kampf endlich korrigiert wurde.
      Richtige Beweise nein, aber ich habe selbst Fehler (oder vor allem Fast-Fehler, bei denen es noch einmal gut ging) begangen, die ich für das wohl der Allgemeinheit hätte melden sollen, aber aus Sorge vor der Blossstellung nicht gemacht hatte. Schliesslich ging es ja nochmal gut aus. Aber einmal wirds nicht gut enden. Vielleicht bei jemand anderem, der von meiner Erfahrung nun nicht profitieren konnte. Weder ich noch die andere Person sind deshalb miese Ärzte, Fehler wird es geben, solange es Menschen gibt.
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    • Lami23 15.10.2016 16:06
      Highlight Es kommt auf die Fehlerkultur eines Hauses an. Bei uns wird darauf geachtet das Fehler gemeldet und entsprechende Massnahmen getroffen werden. Fehler werden dadurch natürlich nie ganz vermieden. Nur weil du an einem Ort arbeitest/gearbeitet hast, wo dass nicht der Fall war, heisst dass nicht, das an den meisten Orten eine ungenügende Fehlerkultur gelebt wird.
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    • Humbolt 15.10.2016 17:17
      Highlight Super, wie es bei euch gehandhabt wird! Ich glaube aber es ist eher die Ausnahme. Ich habe schon einige Häuser gesehen und die meisten müssen noch viel lernen. Mit CIRS alleine ist es noch lange nicht gemacht.
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  • Dä Zubi 12.10.2016 17:35
    Highlight 20 Jahre Prämienanstieg, tolle arbeit meine damen und herren!

    https://m.facebook.com/herzlichegratulation/
    2 8 Melden
    • fischbrot 13.10.2016 11:30
      Highlight Daran sind natürlich wieder nur die Anderen schuld, hm?
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    600

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