Wirtschaft

Bild: KEYSTONE

Aufhebung des Mindestkurses

Ende mit oder ohne Schrecken? Das schreiben die nationalen und internationalen Medien zum SNB-Entscheid

16.01.15, 05:44 16.01.15, 08:27

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat mit ihrem Kurs-Entscheid auch die Kommentatoren der Schweizer Tageszeitungen überrascht. Als Auslöser wird durchs Band die Eurokrise ins Feld geführt. An der Frage der Richtigkeit des SNB-Schrittes scheiden sich die Geister.

«Die Überraschung ist ihm gelungen», kommentiert der «Blick» das Handeln von SNB-Direktor Thomas Jordan und spekuliert, ob «der Nationalbankchef etwas weiss, was wir nicht wissen» und deshalb den schnellen Ausstieg suchte - etwa über den Ausgang der Russland-Krise oder geplante Staatsanleihenkäufe der Europäischen Zentralbank (EZB).

watson

Immerhin stehe die Schweizer Exportindustrie heute so gut da, «dass sie Subventionen nicht mehr braucht». Der Schritt der SNB «kommt zwar überraschend, doch sie hat gute Gründe», kommentierte gestern watson

So sei man offensichtlich zur Einschätzung gelangt, dass sich mit einem bevorstehenden Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB «der Mindestkurs nicht mehr aufrechterhalten lässt». Jetzt habe die SNB zwar wieder Spielraum, doch ob sie «im damit entfachten Sturm der Märkte bestehen wird, ist ungewiss». 

Berner Zeitung

Jordan habe «den Poker gegen die Finanzmärkte verloren», schreibt die «Berner Zeitung». Trotz allem wäre es falsch, jetzt in Panik zu verfallen. Denn die Schweizer Wirtschaft sei mit dem Absturz des Euro erstaunlich gut fertig geworden und dürfte ihre Anpassungsfähigkeit in den nächsten Monaten erneut unter Beweis stellen.

Poker - ein beliebter Vergleich, um die Situation der Notenbank zu umschreiben. Nach Meinung der «Berner Zeitung» hat das Spiel verloren. Bild: John Locher/AP/KEYSTONE

NZZ

Primär bedeute das Ende des Mindestkurses, dass die SNB den Franken nicht zu einem Quasi-Euro werden lasse, kommentiert die «Neue Zürcher Zeitung». «Es ist zu hoffen, dass sie daran festhalten wird.»

Denn die Nationalbank müsse danach streben, Preisstabilität und ein möglichst stabiles Umfeld zu sichern: «Es darf nicht ihre Aufgabe sein, Exportförderung zu betreiben. Ein Ende mit Schrecken ist da besser als ein Schrecken ohne Ende.»

Tages-Anzeiger

Von Schrecken und Ende ist auch im «Tages-Anzeiger» und «Bund» die Rede - allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Die SNB sei mit Blick auf die Schweizer Wirtschaft alles andere als aus dem Schneider.

Mit der Erhöhung der Negativzinsen setze sie auf das Prinzip Hoffnung. Denn müsse sie künftig intervenieren, um den Franken zu schwächen, dürfte der Erfolg weniger gewiss sein und höhere Kosten verursachen. «Nicht zuletzt, weil die Glaubwürdigkeit der SNB durch die Art der Kommunikation gestern gelitten hat.»

Um den Schweizer Tourismus, hier Skifahrer in der Abfahrt vom Plattenhorn in Arosa, machen sich viele Kommentatoren Sorgen. Bild: KEYSTONE

Nordwestschweiz

Ähnlich klingt es in der «Nordwestschweiz»: Zwar müsse eine eigenständige Nationalbank wie die SNB genau so unabhängig und überraschend handeln. Doch so «mutig und eigenständig» der Entscheid auch war: «Er ist natürlich eine Kapitulation - was auch immer die Gründe dafür sein mögen.» Und Jordan, in dessen Händen die Schweizer Volkswirtschaft liege, habe damit «zwangsläufig seinen Ruf lädiert». 

Basler Zeitung

Auch laut der «Basler Zeitung» hat die Glaubwürdigkeit der SNB einen «tiefen Kratzer» erhalten. «Sie wird es nicht mehr so bald wagen, ein Regime anzukündigen, das auf dem Vertrauen der Märkte beruht.» Mindestens auf kurze Sicht überwiege der wirtschaftliche Schaden. Denn bestimmend für den Wohlstand der Schweiz sei das Wohlergehen der Exportwirtschaft. Für den hohen Preis des Regimewechsels gebe es aber einen substanziellen Gegenwert: «Er heisst Freiheit.»

Südostschweiz

«Geldpolitischen Handlungsspielraum» nennt die «Südostschweiz» das, was die SNB mit dem Schritt zurückgewonnen habe. Die Kehrseite: «Auf die Exportwirtschaft und den Schweizer Tourismus kommen ganz harte Zeiten zu.» Anderseits wäre ohne Mindestkurs «der Flurschaden in der Schweizer Wirtschaft gewaltig gewesen».

Doch: «Auf lange Frist konnte das nicht gut gehen», weil der Euro, an den der Franken angebunden war, aufgrund der misslichen Wirtschaftslage «zum Abwerten verdammt ist».

Neue Luzerner Zeitung

Als «ein Zeichen des Misstrauens in die Entwicklung des Euroraumes» wertet unter anderen die «Neue Luzerner Zeitung» den Schritt der SNB. Gleichzeitig sei nun auch klar, «dass die Schweizer Wirtschaft jetzt mehr denn je angewiesen ist auf freie Zugänge in alle Welt.» Dabei sei die Politik gefordert, die Sorge tragen müsse «zum Werkplatz Schweiz».

Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: Die Geldhüter der EU wollen wohl bald eine noch expansivere Geldpolitik betreiben. Das dürfte die SNB bei ihrem Schritt auch berücksichtigt haben. Bild: EPA/DPA

Blick über die Landesgrenzen

Süddeutsche Zeitung

Die grösseren deutschen Zeitungen widmeten dem SNB-Entscheid viel Aufmerksamkeit. Als «eine Kapitulation vor den Spätfolgen der Finanzkrise», bezeichnete die «Süddeutsche Zeitung» den Schritt.

Der Kursgewinn von 30 Prozent binnen weniger Minuten sei zwar ein historischer Moment, doch bloss eine Reaktion der Anleger «auf den dilettantisch eingeleiteten Versuch der Schweizer Notenbank, den Kurs des Franken freizugeben und vom Euro abzukoppeln».

Die Welt

Der Schweiz drohe nun der Fluch des Luxus-Landes, prognostiziert die Zeitung «Welt». Für die Eurozone sei der vom Entscheid ausgelöste Kurssturz eher kein Grund zur Sorge, schreibt der «Spiegel». Denn die Euro-Abwertung sei gewollt und der «Absturz des Euro dürfte sogar noch weitergehen».

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» rechnet ihren Lesern vor, dass die Schweiz durch den Kauf ausländischer Wertpapiere im grossen Umfang «mittlerweile zum grössten Gläubiger der Bundesrepublik geworden ist». Der Schweizer Entscheid sei eine interessante Lektion über die seltsam prekäre Lage der Weltwirtschaft.

New York Times

Währungsspezialisten würden vergeblich nach einem vergleichbaren Ereignis suchen, schreibt die «New York Times». Die grösste Erkenntnis: Sechs Jahre aggressiver Währungsaktivismus der grossen Zentralbanken hätten vielleicht die Weltwirtschaft gerettet. «Aber es hatte auch viele Nebenwirkungen weit weg von den USA, mit denen die Menschen rund um den Globus noch lange zu kämpfen haben.»

Washington Post

Für die «Washington Post» ist der SNB-Entscheid «wahrscheinlich kein guter». Denn die Schweiz harre noch immer in einer Deflation mit fallenden Preisen, eine stärkere Währung werde das noch verschlimmern.

Bloomberg

Die Wirtschaftspublikation Bloomberg macht Europa verantwortlich für den «Schock mit dem Schweizer Franken». Der Schritt sei «eine Art Kapitulation» und unterstreiche ein grösseres Problem: Europas Unfähigkeit, Wirtschaftswachstum wiederherzustellen. (trs/sda)

Presseschau zum Mindestkurs-Entscheid der SNB

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  • Lumpirr01 16.01.2015 12:39
    Highlight Der vor ca. 40 Monaten eingeführte Heimatschutz für alle exportorientierten Unternehmungen erweist sich nun als brutaler Bumerang. Eine Rückbesinnung auf die schweizinternen Ressourcen / Werte und dadurch bedingter Bremsung des Wirtschaftswachstums, der Zubetonierung und der Zuwanderung sind dafür längst willkommende Faktoren.
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  • David Morgenstern 16.01.2015 10:39
    Highlight Der starke Franken macht jeden Schweizer wohlhabender, und Touristen müssen zwar mehr für den Franken bezahlen, erhalten bei entsprechend sinkenden Preisen aber auch mehr dafür! Exporteure erhalten weniger für ihre Waren im Ausland, die Einkaufspreise von Rohstoffen sinken jedoch.

    Eine Währung die nichts Wert hat ist schlecht, eine Währung die sehr viel Wert hat macht die Bürger global gesehen reicher; gibt es wirklich einen Punkt bis zu dem eine schwache Währung gut bzw. eine starke Währung insgesamt etwas Schlechtes ist? Kann ein Individuum zu reich sein für sein eigenes Wohl? Aber eine Nation?
    4 1 Melden
    • Lumpirr01 16.01.2015 12:42
      Highlight Da die Depotvermögen der Wertschriften von Schweizern bis heute um ca. 15% gesunken sind, kann von wohlhabendern Schweizern kaum Rede sein!
      1 2 Melden
  • amazonas queen 16.01.2015 07:52
    Highlight Wieso wird nur über Tourismus und Export gesprochen? Auch die ganzen Dienstleister wie IT Firmen sind plötzlich 15% teurer geworden, gegenüber ihren Konkurrenten. Und bei Tagessatz gegen Tagessatz ist es schwierig.
    4 3 Melden
    • Rascal 16.01.2015 09:21
      Highlight Wenn Sie Dienstleistungen im Ausland anbieten ist das auch Export.
      4 0 Melden
    • amazonas queen 17.01.2015 13:56
      Highlight @Rascal Wenn sie es so sehen, ist es Import. Der ausländische Dienstleister konkurriert und gewinnt gegen einen Inländer.
      1 0 Melden
    • Rascal 17.01.2015 14:13
      Highlight Ja, das stimmt natürlich. Es war im ursprünglichen Post nicht klar wo die Dienstleistung angeboten wird und durch wen.
      0 0 Melden

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