Die nackten Kaiser von Bern und keiner spielt auf den Mann
Bevor wir uns mit dem Scheitern der Berner beschäftigen, gehört sich eine Entschuldigung: Hier müssten eigentlich Psalmen für die Lakers gesungen werden. Über die Weisheit des Managements, das aus einem Minimum ein Maximum herausholt und nun für eine grandiose Saison mit der Qualifikation für die Playoff-Viertelfinals belohnt wird.
Über kluge Bescheidenheit. Und es wäre eine Geschichte zu schreiben über Trainer Johan Lundskog, der in Bern gefeuert worden ist und nun mit den Lakers ausgerechnet den SCB gebodigt hat. Es gibt manchmal doch noch Gerechtigkeit. Lob und Preis verdient Melvin Nyffeler, inzwischen seit zehn Jahren bei den Lakers als «Leonardo Genoni des armen Mannes» einer der konstantesten und meistunterschätzten Torhüter unseres Hockeys.
Dass das Scheitern der Berner das Thema bleibt, mag zeigen, welche Bedeutung der SCB in unserem Hockey hat. Misserfolg in Bern interessiert das nationale Publikum mehr als eine Erfolgsstory der Lakers.
Es ist, wie es ist: Wir reden über Bern. Wir reden immer über Bern. Weil sich Bedeutung nicht nur im Erfolg misst, sondern im Echo des Scheiterns. Die boshaftesten Chronisten hätten dieses Ende der «Ära Marc Lüthi» nicht so ausdenken können. Nicht gegen einen Grossen geht sie zu Ende. Sondern mit einer schmählichen Niederlage gegen die Lakers, die man in Bern immer noch nicht richtig ernst nimmt.
Dieses 0:4 in Rapperswil-Jona war die letzte Partie für SCB-Manager Marc Lüthi. Nun zieht er sich in den Ruhestand zurück. Er hinterlässt den SCB sportlich in einer schlimmeren Verfassung als damals, als er im Sommer 1998 das Kommando übernommen hat.
Dieses 0:4 war eine der schlimmsten Partien seit dem Wiederaufstieg von 1986. Dieser Einschätzung stimmt Marc Lüthi gegen 23.00 Uhr zu. «Ja, diese Leistung kommt dieser Einschätzung nahe. Es war einfach nur peinlich.»
Er sagt es auf der Heimfahrt von Rapperswil-Jona auf der A1 im Auto ungefähr auf der Höhe von Wangen an der Aare, denn er hat das Stadion schon vor Spielende verlassen. Mit ihm im Auto sein Nachfolger Jürg Fuhrer und Präsident Carlo Bommes. Am Steuer sitzt Marc Lüthi. Zum letzten Mal hat er auf der Heimfahrt nach Bern das SCB-Steuer in der Hand.
Hinter ihm die SCB-Vergangenheit, neben ihm im Auto die Zauberlehrlinge, die nun die SCB-Zukunft zu meistern haben.
Das eigentliche SCB-Drama liegt in der Wahrnehmung. Im Unvermögen, die sportlichen Dinge so zu sehen, wie sie sind. In Bern wird noch immer geredet, als wäre man auf Augenhöhe mit den Titanen.
Der erste Schritt zur Besserung ist eine realistische Selbsteinschätzung. Dieser Schritt ist in Bern unendlich schwierig. Es ist grotesk, wie die Verantwortlichen nach wie vor alles schönreden. Von ganz oben (Ausnahme Marc Lüthi) bis ganz unten.
Nein, der SCB ist nicht mit einem «guten Resultat» nach Rapperswil-Jona gereist. Sondern mit einem miserablen, einem 1:2 im Heimspiel. Nein, der SCB hatte diese entscheidende Partie auch im ersten Drittel nicht im Griff. Das Torschussverhältnis von 17:9 ist reiner statistischer Selbstbetrug: Nicht ein einziger dieser Abschlussversuche hat Melvin Nyffeler in Not gebracht. Am Ende lautete das Torschussverhältnis 40:27 für die Lakers. Der SCB hat sich ab dem zweiten Drittel vorführen lassen. Von den Lakers!
Der skandinavische Irrweg hat in die Sackgasse geführt. Der SCB spielt inzwischen das kurioseste Hockey der Liga: Kreisen in der gegnerischen Zone, im Zweifelsfall nach aussen abdrehen, ums Tor herumkurven wie um eine Wagenburg und sorgsam jeden Check meidend. Kreisen ohne Ziel. Nur den direkten Weg aufs Tor sucht niemand.
Der SCB hatte gar nie den Hauch einer Chance. Im wichtigsten Spiel der Saison. In einem Spiel, mit dem sich der SCB mit seinen Fans ein wenig hätte versöhnen können. Es stimmt nachdenklich, dass die Fans Schmähtransparente präsentierten. Ganz offensichtlich haben sie die Lage realistischer eingeschätzt als die Klubführung und die Transparente schon vor dem Spiel gemalt.
Eine Renaissance ist eigentlich ganz einfach: Die SCB-Sportabteilung muss nur zwei Grundsätze wieder beherzigen. In dieser ausgeglichenen Liga beginnt und endet alles mit dem Torhüter und den ausländischen Spielern.
- Der SCB braucht eine klare Nummer 1 im Tor, die Siege zu stehlen vermag, wenn es zählt.
- Nur wer mindestens vier der sechs Ausländerpositionen sehr gut und zwei gut besetzt, kann in der Spitzengruppe bestehen.
Der SCB hat diese Saison nicht nur die sechs Ausländerpositionen höchst durchschnittlich besetzt. Weil eine Ausländerlizenz für einen Goalie verschwendet werden musste, gab es ein ewiges Hin und Her auf der Torhüterposition und dadurch auch Umstellungen der besten Linien.
Eine Umstellung auf realistisches, erfolgsversprechendes Hockey und die Aufforstung der Leistungskultur wird für den neuen Trainer viel Zeit brauchen. Und der SCB benötigt mindestens drei erstklassige neue Ausländer. Wer einen ausländischen Verteidiger beschäftigt, der in 39 Partien null Tore und sechs Assists beisteuert – ein Beat Gerber mit Ausländerlizenz – darf sich nicht wundern, wenn die Offensive die drittschlechteste und das Powerplay das zweitschlechteste der Liga ist.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Diese Fehlentwicklungen führen zurück in die Sportabteilung. Durch Um- und Doppelbesetzungen – die ganze Liga und Agentenszene lacht inzwischen über die Bezeichnungen Ober- und Untersportchef – wird nicht eine Verbesserung angestrebt. Sondern darauf geachtet, dass andere in der Verantwortung stehen. Nacheinander ist der Untersportchef (Patrik Bärtschi, Diego Piceci) gefeuert worden. Aber oben ist Martin Plüss, der die Anstellung der beiden zu verantworten hatte und in allen Transferfragen das letzte Wort für sich beansprucht, immer noch im Amt.
So banal ist es: Ein Goalie, der Pucks stoppt, wenn es zählt, Ausländer, die Spiele entscheiden, eine Führung, die Verantwortung trägt, statt sie schlau zu delegieren. Und banal ist auch das: Ein neues Stadion lässt sich mit einer erfolgreichen Mannschaft leichter finanzieren und realisieren.
Es gibt die schöne Geschichte vom nackten Kaiser, der nicht merkt, dass er nackt ist, weil es ihm niemand zu sagen wagt. In Bern ist sie weiterentwickelt worden: Beim SCB sind die Kaiser in der Führungsetage nackt und es wird ihnen auch oft und deutlich gesagt, dass sie nackt sind. Aber sie glauben es nicht. Beim SCB haben zu viele noch meisterlichen Ruhm im Kopf und merken nicht, dass sie in den Beinen und Armen bald nur noch die Swiss League haben.
Das ist beim SC Bern das grösste Problem: Die fehlende Demut. Die Unfähigkeit zu einer realistischen Einschätzung der sportlichen Lage. Das Verdrängen der Notwendigkeit harter, aber richtiger personeller Entscheidungen auf allen Ebenen – auch unter Freunden ganz oben –, die es für eine grundlegende Änderung braucht.
Marc Lüthi (64) hat den SCB zu einem der erfolgreichsten Sportunternehmen im Land gemacht. Er hat sich im Erfolg zurückgenommen und im Misserfolg exponiert. Und nun sagt er, altersmild, altersweise und ein wenig altersmüde geworden: «Es ist jetzt nicht die Zeit, auf den Mann zu spielen.»
Lieber Marc, es ist allerhöchste Zeit auf den Mann zu spielen. Der SCB ist aus der Spur geraten, weil auf dem Eis und in der Chefetage niemand mehr auf den Mann spielt und keiner mehr da ist, der es aushält, wenn auf den Mann gespielt wird.
PS: Grande Lakers!
Das ganze Programm von TV24, 3+ und oneplus findest du hier.
