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Titanenkampf in Peking: Xi gegen Ma

Peking sagt im letzten Moment den Börsengang seines Vorzeige-Finanzunternehmens ab.
14.11.2020, 16:13
Mehr «Wirtschaft»

In den letzten Tagen hätte der grösste Börsengang aller Zeiten über die Bühne gehen sollen. Die chinesische Finanzgruppe Ant wollte sich dem Publikum öffnen und dabei rund 37 Milliarden Dollar frisches Kapital aufnehmen. Daraus wurde nichts. Im letzten Moment hat die chinesische Regierung das Unterfangen gestoppt.

Auf den ersten Blick scheint das Vorgehen Pekings unverständlich. Der Börsengang der Ant Group wäre ein grosser Triumph der chinesischen Wirtschaft gewesen. Er hätte der gesamten Welt gezeigt, wie weit fortgeschritten die Finanz-Technologie im Land der Mitte inzwischen ist und demonstriert, dass die Finanzplätze Hongkong und Shanghai mittlerweile locker mit New York und London mithalten können.

Die Kantine im Ant-Hauptquartier in Peking.
Die Kantine im Ant-Hauptquartier in Peking.
Bild: keystone

Warum also hat Peking ein klassische Eigengoal geschossen? Vielleicht ist es bloss ein Hahnenkampf zweier Männer. Präsident Xi Jinping ist nicht nur machtbewusst, er ist auch extrem eitel. Wer ihn kritisiert, lebt gefährlich. Genau dies tat jedoch Jack Ma, der legendäre Gründer von Alibaba. Die Ant Group ist aus einem Spin-off von Alibaba entstanden.

Ma seinerseits geniesst in China Rockstar-Status und Bescheidenheit zählt ebenfalls nicht zu seinen Kernkompetenzen. Die chinesische Antwort auf Jeff Bezos hatte es gewagt, Kritik an der chinesischen Führung zu üben. Ende Oktober warf er ihr in einer Rede in Shanghai vor, mit einer «Pfandleihhaus-Mentalität» zu verhindern, dass Kleine Zugang zu günstigen Krediten hätten.

Diese Kritik kam bei den Parteioberen gar nicht gut an. Sie verlangten im letzten Moment von der Ant Group, dass sie nachbessere und neue Sicherheitskriterien erfülle. Damit demonstrierten sie auch der gesamten Businessgemeinde unmissverständlich, wer nach wie vor das Sagen hat.

Die chinesische Antwort auf Jeff Bezos: Jack Ma.
Die chinesische Antwort auf Jeff Bezos: Jack Ma.
Bild: EPA REUTERS POOL

Ein hoher Manager einer chinesischen Staatsbank erklärte gegenüber der «Financial Times»: «Jack Mas Rede in Shanghai erweckte den Eindruck, dass er die Finanzbehörde öffentlich in Frage stellen wolle. Das ist inakzeptabel. Deshalb haben die Regulatoren reagiert und neue Regeln aufgestellt.»

Chen Zhiwu, Finanzprofessor an der Hong Kong University, sieht es ähnlich: «Solange ein Businessmann seinen Geschäften nachgeht, viel Geld verdient, aber den Mund hält, ist alles gut. Sonst nicht. Jack Ma hat sich zu weit aus dem Fenster gelehnt – und die Konsequenzen zu spüren bekommen.»

Schliesslich gibt es noch einen dritten Grund für die Absage des Börsengangs in letzter Minute. Die Ant Group hat das Potential, das chinesische Finanzsystem umzukrempeln. Sie hat sich zu einer mächtigen Schattenbank entwickelt, die sich der Kontrolle der Bank of China entziehen könnte. So stellt das «Wall Street Journal» fest:

«Die chinesischen Regulatoren hätten schon lange die Absicht gehegt, Ant an die Leine zu nehmen, erklären gut informierte chinesische Beamte. Das Unternehmen hat auch ein mobiles Zahlungssystem und eine App namens Alipay. Diese wird von rund 70 Prozent der chinesischen Bevölkerung benutzt und hat rund 20 Millionen KMU und gegen 500 Millionen Individuen Kredite erteilt. Es betreibt die grösste Fondsgesellschaft und verkauft Dutzende von anderen Finanzprodukten.»

Mit anderen Worten: Ant erscheint der chinesischen Regierung als zu grosses Klumpenrisiko für das Finanzsystem. Daher haben die Regulatoren in letzter Minute Nachbesserungen verlangt, um diese Risiken zu minimieren.

Das Vorgehen Pekings gegen Ant nur mit persönlicher Eitelkeit des Präsidenten und einer Machtdemonstration der Partei zu erklären, wäre daher zu kurz gesprungen. Das Schattenbank-Problem stellt sich nämlich auch bei uns, konkret im Fall von BlackRock. In den letzten Jahren ist hier ebenfalls ein Finanzriese entstanden, der ebenfalls im Begriff ist, das Finanzsystem zu unterlaufen.

Die Büros von BlackRock in New York.
Die Büros von BlackRock in New York.
Bild: EPA

Die deutsche Finanzjournalistin Heike Buchter hat den Aufstieg von BlackRock in ihrem gleichnamigen Buch analysiert. Sie kommt zu einem ähnlichen Schluss wie die Behörden in Peking, nämlich dass hier eine heimliche Weltmacht entsteht, die besser kontrolliert werden muss. Deshalb schreibt sie:

«Bei BlackRocks Umgestaltung der Märkte geht es darum, wie das Finanzsystem künftig seine eigentliche Rolle spielt, nämlich wie es unsere reale Wirtschaft am Laufen hält. (…) Eines steht fest: BlackRock spielt bei all diesen Veränderungen nicht nur eine Rolle, sondern eine Rolle in der Übergrösse XXL.»
Heike Buchter, Autorin.
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