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Sogar der Bundesrat warnt vor Russland: So gefährlich ist das Jahr 2028

epa09793295 An anti-war mural showing Lord Voldemort, the main villain character and antagonist in the 'Harry Potter' novel series by J. K. Rowling, with the face of Russian President Vladim ...
Ein Anti-Kriegs-Graffiti zeigt Wladimir Putin in Gestalt von Lord Voldemort.Bild: keystone

Sogar der Bundesrat warnt vor der russischen Gefahr: So gefährlich ist das Jahr 2028

Die Warnungen sind unüberhörbar: Ab 2028 ist Europa besonders verletzlich gegenüber einem Angriff Russlands über die Ukraine hinaus. Das gilt auch für die Schweiz. Beim Bund sieht man zwar die Gefahren. Darauf vorbereitet ist er aber noch lange nicht.
14.02.2026, 19:5614.02.2026, 19:56
Stefan Bühler, Remo Hess, Brüssel / ch media

Kaja Kallas sagte den Satz fast beiläufig: «Viele unserer nationalen Geheimdienste geben uns die Information, dass Russland in drei bis fünf Jahren die Verteidigungsbereitschaft der Europäischen Union testen könnte.» Die EU-Aussenbeauftragte erklärte das in einer Rede im Januar 2025. Von da weg gerechnet drei Jahre, heisst: im 2028.

Schon vor Kallas hatte der deutsche Verteidigungsminister, Boris Pistorius, im Juni im Deutschen Bundestag gewarnt: «Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein.» Er korrigierte diese Einschätzung im November 2025: Die Gefahr, dass Russland einen Angriff auf ein östliches Nato-Land führt, sei «ab 2028 denkbar», so Pistorius. Die Analyse ist unterdessen zum europäischen Konsens geworden.

Echte Sorge oder Aufrüstungs-Propaganda?

Was in der Schweiz bis jetzt kaum beachtet wurde: Auch der Bundesrat warnt vor dem Schlüsseljahr. «Ab 2028 könnte sich für Europa ein ungünstiges Zeitfenster ergeben», schreibt er in der sicherheitspolitischen Strategie, die er im Dezember vorgelegt hat.

Die Konsequenz daraus: «Um sich gegen diese Bedrohungen und Gefahren, einschliesslich des gestiegenen Risikos eines bewaffneten Konflikts in Europa oder gar gegen die Schweiz, zu wappnen, sind Massnahmen und Investitionen in die Sicherheit notwendig.»

Übersetzt heisst das: Gefahr ist im Anzug. Deshalb muss jetzt aufgerüstet werden. Bei der Schweiz geht es um Milliarden. Bei der EU um Billionen.

Allerdings ist die Frage berechtigt: Was ist dran an den Warnungen? Wie konkret ist die Gefahr eines Angriffs Russlands auf Europa, über die Ukraine hinaus?

Auf welchen Szenarien die Warnungen beruhen

Auf Anfrage der «Schweiz am Wochenende» schreibt das Staatssekretariat für Sicherheitspolitik (Sepos), die Analyse beruhe auf Lagebeurteilungen der «relevanten Stellen» des Bundes: insbesondere dem Nachrichtendienst, dem Bundesamt für Polizei Fedpol und dem Aussendepartement. Eingeflossen seien zudem auch «Perspektiven von Partnerstaaten».

Weiter betont das Sepos, die Warnung hinsichtlich 2028 sei nicht als exaktes Datum zu verstehen. Vielmehr öffne sich dann ein Fenster von mehreren Jahren, während denen Europa bezüglich der militärischen Abwehr gegenüber Russland verletzlich sei.

Den Befürchtungen liegen Analysen und Szenarien zugrunde, deren Eintreffen mehr oder weniger wahrscheinlich ist. Hier die wichtigsten Punkte:

  • Der Krieg in der Ukraine kommt zum Stillstand. Das erlaubt es dem russischen Machthaber Wladimir Putin, seine Truppen wieder neu aufzustellen. Laut Analysen der Nato hat Putin bei gleichbleibender Rüstungsaktivität die Verluste an Material innert drei bis fünf Jahren kompensiert. Vielleicht auch früher. Schon heute produziert Russland mehr, als es verbraucht. Ein Teil des fabrikneuen Kriegsmaterials wird nicht an die ukrainische Front geschickt, sondern eingelagert. Dazu kommt: Nach vier Jahren ist die russische Armee kriegserprobt. Die Soldaten sind abgehärtet. Und neben den Ukrainern haben die Russen heute wohl die am höchsten entwickelten Fähigkeiten im neuartigen Drohnenkrieg weltweit.
  • Die USA ziehen sich zurück. Militärisch verschiebt sich der US-Fokus seit Jahren Richtung China in den Indopazifik. Dazu kommt 2028 ein politisches Unsicherheitsmoment: Wie wird Amerika im Jahr der Präsidentschaftswahlen aussehen? Werden die Spannungen zwischen Trumps MAGA-Bewegung und den Demokraten eskalieren? Zugleich könnten ein Jahr zuvor in Frankreich tendenziell russlandfreundliche Kräfte um Marine Le Pen an die Macht kommen. In Deutschland wird der Wahlkampf für die Bundestagswahl im folgenden Frühling in vollem Gange sein. Die putinfreundliche AfD hat, Stand heute, Chancen, zur stärksten Partei zu werden.
  • 2027 ist auch ein historisch wichtiges Jahr für China: 100 Jahre Volksbefreiungsarmee. Präsident Xi Jinping habe der Armee den Auftrag gegeben, bis zum Jahr 2027 für eine Invasion der abtrünnigen Insel bereit zu sein, sagt der Direktor des US‑Auslandgeheimdienstes CIA, William Burns, öffentlich. Für Aufsehen sorgte auch, was Xi dem russischen Machthaber Putin bei seinem Besuch in Moskau zu sagen hatte: «Wir werden zusammen Veränderungen herbeiführen, wie wir sie in 100 Jahren nicht gesehen haben.»

Wie sähe ein Angriff auf Europa aus?

Ein oft genanntes Szenario wird im Buch «Wenn Russland gewinnt» von Carlo Masala beschrieben. Darin besetzen russische Truppen die estnische Grenzstadt Narva, wo eine starke russische Minderheit lebt. Putin, so die Theorie, will damit austesten, ob Estland als Nato-Staat tatsächlich auf die Bündnistreue des Westens zählen kann.

Allgemein ist das Baltikum stark exponiert: Nur die sogenannte «Suwalki-Lücke» als 65-Kilometer schmaler Landkorridor zwischen der russischen Enklave Kaliningrad und Weissrussland verbindet die drei Länder Estland, Lettland und Litauen mit Nato-Gebiet.

Einen anderen Raum für russische Aktionen bieten die ehemaligen Sowjetrepubliken Georgien und Moldawien. Sie sind schon heute Ziele hybrider Kriegsführung. In Georgien hat Russland zudem in den abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien Soldaten stationiert. In Moldawien dasselbe in der Separatistenrepublik Transnistrien. Es sind geopolitische Sprengsätze, die jederzeit explodieren können. Die Nato wäre herausgefordert. Beide Länder sind nicht Teil des Bündnisses. Aber befinden sich im europäischen Orbit.

Wie sähe denn ein Angriff auf die Schweiz aus?

Auch die Schweiz befindet sich im Orbit. Oder wie es der ehemalige US-Botschafter in Bern gesagt hat: Mitten im Nato-Donut. Dass die Schweiz nicht Mitglied der Allianz ist, sehen Verteidiger der Neutralität als Vorteil: Kriegsparteien hätten ein Interesse an einer unbeteiligten Vermittlerin. Die völkerrechtlich verankerte Neutralität schütze die Schweiz.

Doch auch die gegenteilige Einschätzung ist zu hören – von Personen mit Zugang zu nachrichtendienstlichen Informationen. Sie befürchten, dass Moskau die Schweiz auswählen könnte, um aus Europas Mitte heraus Schaden anzurichten. Warum nicht einmal testen, wie die Europäer bei einer Aktion gegen die neutrale Schweiz reagieren? Käme überhaupt jemand dem Nicht-Nato-Land zu Hilfe? In dieser Leseart ist die Neutralität ein Sicherheitsrisiko.

Fragt sich, mit welcher Art von Angriffen die Schweiz rechnen müsste. In der sicherheitspolitischen Strategie heisst es dazu: «Die Schweiz bietet zahlreiche Ziele.» So hätten aufgrund ihrer Lage etwa Sabotage-Operationen auf Infrastrukturen potenziell schwere Auswirkungen auch auf Nachbarstaaten. Erwähnt werden «Energie-, Verkehrs-, Finanz- und Datenströme», die durch die Schweiz führen.

Naheliegendes Beispiel: der Stern von Laufenburg, eine grosse Strom-Schaltanlage an der Grenze zu Deutschland. Die Netzgesellschaft Swissgrid schreibt dazu, der «Stern von Laufenburg» unterstütze «die Versorgungssicherheit für die Schweiz und ganz Mitteleuropa». Das bedeutet: Wird die Stromdrehscheibe ausgeschaltet, sind davon nebst der Schweiz auch Süddeutschland und Norditalien betroffen – zwei der wirtschaftsstärksten Regionen der EU.

Auf solche Gefahren verweist auch der Nachrichtendienst des Bundes in seinem Lagebericht von Sommer 2025. Russland habe bereits 2024 gegenüber der EU «insbesondere Sabotageaktivitäten intensiviert», heisst es darin: «Eine solche Konfliktführung könnte künftig auch auf diese Staaten zielen, indem Infrastrukturen in der Schweiz angegriffen werden, die für diese Staaten von kritischer Bedeutung sind.»

Wo steht die Schweiz?

Aus militärischer Sicht stehen derweil Angriffe aus der Luft im Vordergrund: Drohnen, die in der Schweiz selbst gestartet werden und Ziele in der Schweiz angreifen; aus der Ferne Marschflugkörper und Raketen. Letztere müssten freilich mehrere europäische Staaten überfliegen. Insofern profitiert die Schweiz wohl weiterhin vom Schutz der sie umgebenden Nato-Staaten.

Zum Glück. Denn für die Abwehr von Luftschlägen ist sie nicht gerüstet. Nachdem in Polen mehrere russische Drohnen niedergegangen waren, sagte Verteidigungsminister Martin Pfister im September zu dieser Zeitung bezüglich der Schweiz: «Die Drohnen hätten nicht abgeschossen werden können.» Und diese Woche informierte sein Departement, dass die Schweiz weiterhin auf die Patriot-Abwehrsysteme warten muss, die den besten Schutz vor Raketenangriffen bieten. Lieferdatum unbekannt. Nun schaut man sich im VBS nach anderen Lieferanten um.

Doch so schnell wird die Lücke kaum geschlossen. Ende Januar sagte der Schweizer Rüstungschef Urs Loher, die Schweiz habe als Kundin für Rüstungskonzerne «keine Priorität». Und wer für Waffensysteme keine Vorauszahlung leiste, müsse um Jahre länger anstehen: «Der Bedarf für 2028 und 2029 wird faktisch erst in den 2030er Jahren geliefert.»

Noch streitet das Land darüber, welche Armee es will. Und auch, wie die Aufrüstung finanziert werden soll. Dabei ist jetzt schon klar: Die Verletzlichkeit der Schweiz wird Jahre dauern – weit über 2028 hinaus. (bzbasel.ch)

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236 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Firefly
14.02.2026 21:01registriert April 2016
Was es vor allem braucht ist Schutz vor Sabotageakten, Cyberangriffen und dubiosen Geschäften mit Russland.

Wieso zu Beispiel duldet die Schweiz noch immer Russische Botschafterspione im Land?

Man kann auch mit wenig Geld schon viel machen. Wieso macht man es nicht?
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Uhu-ciao
14.02.2026 20:23registriert August 2022
Die Fascho-Ruzzen müssen Europa nicht militärisch angreifen. Sie zerstören uns mit ihrer hybriden Kriegsführung und mit ihren Verbündeten - Afd, BSW, SVP, RN, VOX, Orban, etc. - und den US-und chinesischen Techunternehmen von Innen.
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asdfasdf
14.02.2026 21:24registriert Oktober 2024
In der einen Woche kommt ein Experte der sagt Russland sei vor dem Kollaps in der anderen Woche sind sie eine Bedrohung für ganz Europa. Und das wechselt sich ab wie es einem gerade passt. Die Wahrheit dürfte dazwischen liegen. Russland kämpft noch weiter, wird aber nicht stärker.
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