DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

DER Enthüller

Bild

«Das Gelbe muss ins Eckige»: Der Sicherungskasten unten rechts soll durch ein Pissoir ersetzt werden.  Bild: buzz orgler

Der Enthüller

Da kommen Sie nie drauf: In Telefonzellen können Sie ab sofort ...



Satire – kein Wort ist wahr!

buzz Orgler

Bern (den). Knapp 7000 Telefonzellen stehen in der Schweiz. Ein Grossteil von ihnen wird selten benutzt. Zumindest zum Telefonieren. Die Betreiberfirma plant darum in einem Pilotprojekt, einen Drittel ihrer Telefonzellen mit einer zusätzlichen Einnahmequelle auszustatten: Urinalen. Dabei behilflich ist ihr die Firma McSauber, welche nebst der Installation für die monatlichen Reinigungsarbeiten aufkommen wird.  

«Heute tätigt jeder seine Anrufe mit dem Handy. Telefonzellen werden eigentlich nur noch aufgesucht, um mit dem Mobiltelefon im Trockenen zu telefonieren oder um anonyme Scherzanrufe durchzuführen», so Sprecher Catalin Peterhans. Die schlecht durchlüfteten Glashäuschen würden seit Jahren Verluste schreiben. Man sei schon seit langem auf der Suche nach einer zusätzlichen Einnahmequelle gewesen. «Bisher hat nichts funktioniert. Ob mobiles Internet, SMS-Versand oder ein elektronisches Telefonbuch, wir haben es nicht geschafft, die Leute wieder in die Telefonzelle zu bringen. Als dann aber ein Praktikant bei der letzten Weihnachtsfeier die Idee mit den Urinalen hatte, wussten wir: Das ist es!» 

«Wir erwarten täglich 28'000 Benutzer»

Ab Januar sollen die ersten Telefonzellen mit integriertem Urinal in Betrieb gehen. Dafür werden die Kabinen vom Hygieneriesen McSauber umgebaut. Die Seiten sowie die Rückwände der Glashäuschen erhalten getönte Scheiben. Der Sicherungskasten soll unterirdisch verlegt und durch ein wasserloses Pissoir ersetzt werden. Die Benutzung des Urinals kostet zwei Franken inklusive Reinigungsgel für die Hände. Ein happiger Preis fürs Pinkeln, der damit gerechtfertigt wird, dass ein Anruf ins Schweizer Festnetz inbegriffen sei.  

Umfunktionierte Tueren ehemaliger Swisscom-Telefonkabinen, gesehen am 28. August 2000 in Les Bois. Die Swisscom hat im ersten Halbjahr 2000 die Konkurrenz zu spueren bekommen, wie die Ex-Monopolistin am 29. August 2000 bekannt gab. Den Preiszerfall  in der Festnetztelefonie konnte auch der Handy-Boom nicht wettmachen, so dass das Betriebsergebnis des Konzerns um ein Drittel auf 1.116 Mrd. Franken zurueckging.(KEYSTONE/Sandro Campardo)   === ELECTRONIC IMAGE ===

Auch auf dem Land werden Telefonkabinen mittlerweile umfunktioniert, etwa zu Hühnerställen. Bild: KEYSTONE

Angst, dass die Kunden aufgrund von Geruchsemissionen ausbleiben, hat man nicht. «Wer in den letzten fünf Jahren schon mal in einer unserer Telefonzellen war, weiss, dass es da drin nicht nach Rosen duftet», so Peterhans. Durch eine monatliche Reinigung soll sichergestellt werden, dass die Urinale den hohen Ansprüchen der Benutzer gerecht werden. Peterhans rechnet mit 28'000 pinkelfreudigen Benutzern täglich. «Unsere Telefonzellen stehen an stark frequentierten Orten. In vielen Schweizer Städten herrscht ein Mangel an öffentlichen Toiletten. Wir schaffen daher ein attraktives Angebot», gibt sich der Unternehmenssprecher überzeugt. 

Reputationsschaden für den Kommunikationsanbieter

Für Werber Francesco Bodini ist das Pissoir-Telefon-Konzept eine Schnapsidee. «Warum sollten Männer, die betrunken nach Hause torkeln, zwei Franken fürs Pinkeln bezahlen, wenn der Busch daneben gratis ist?» Er befürchtet einen massiven Reputationsschaden für den Kommunikationsanbieter.

Wann haben Sie zum letzten Mal eine Telefonzelle benutzt?

Von der Idee der «Pinkelkabine» ist auch Laurence Castini nicht angetan. «Fünf Meter von unserem Garten entfernt steht eine Telefonzelle. Bisher wurde die von Jugendlichen benutzt, die im Winter zum Fummeln reingingen. Manchmal sah ich auch Leute vom gegenüberliegenden Altersheim im Glashäuschen stehen, wohl um sich an die guten alten Zeiten vor dem Handy zu erinnern.» Dass demnächst neben ihren geliebten Rosenbüschen gepinkelt wird, stört die Winterthurerin. «Egal, was die da reinsprühen, das wird doch grauenhaft riechen! Wir müssen schon mit dem Duft der Müllverbrennungsanlage am Ende der Strasse klarkommen, und jetzt auch noch das!» 

Sprecher Catalin Peterhans versteht die Einwände, verspricht aber, dass es aus den Telefonzellen zukünftig nicht mehr stinken werde als momentan. «Wissen Sie, bei jeder neuen Idee haben Sie Nörgler, die sagen, dass das nie im Leben funktionieren wird. Die hatten wir letzten Sommer auch, als wir unsere iO-App lanciert haben. Gut, im Nachhinein betrachtet, muss ich sagen, dass die Pessimisten Recht hatten. Selbst Tina Turner kann den Schweizern dieses mysteriöse Produkt nicht schmackhaft machen, obwohl es vom Ansatz her ja gut wäre. Sei’s drum, wir glauben an die Partnerschaft mit McSauber. Wir haben sogar schon einen Slogan entwickelt. Das Gelbe muss ins Eckige.» 

Der Enthüller

Hart recherchierte Fakten, fundierte Kritik und realistische Analysen? Die gibt es anderswo. Chefredaktor Buzz Orgler und sein Praktikant Pavel Kulicka decken auf, was keiner wissen will. Ob Berichte über einen Schwangerschaftstest fürs iPhone oder Mails im Glogger-Style, die beiden gescheiterten Journalisten sind sich für keine satirische Schlagzeile zu schade. Und schneller als die Wahrheit sind sie noch dazu. 

www.der-enthüller.ch
Der Enthüller auf Facebook
Der Enthüller auf Twitter

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Der Enthüller

Josip Plapper im Interview: «Diesen Monat starben so wenige Arbeiter auf FIFA-Baustellen wie nie zuvor»

Rio de Schaneero (den). Keiner polarisiert zur Zeit so stark wie der Hinterwalliser Josip Plapper. Obwohl der 94-Jährige eine erneute Kandidatur für das Amt des FIFA-Chefs stets ausgeschlossen hat, will er nun noch einmal in den Ring steigen. Doch die Vergabe der WM an Katar oder die Leistung der Schiedsrichter in Brasilien bringen den ehemaligen Rekordnationalspieler in Erklärungsnöte.

Dem Enthüller stand der Friedensnobelpreisträger in seiner Villa in Brasilien Red und Antwort.

Herr Plapper, …

Artikel lesen
Link zum Artikel