Gefühle

Amy bekämpft Selbstzweifel dort, wo sie anfangen: in deinem Kopf

Bild: lennyletter

Keine Lust auf die immergleichen «Carpe Diem»-Sprüche? Amy Rose Spiegel auch nicht.

12.10.17, 22:22 19.10.17, 15:34

Es gibt diese Tage, da reicht es nicht, sich dreimal hintereinander im Spiegel anzulächeln und dabei «Alles wird gut» zu murmeln. Nicht nur, weil man sich dabei wie die Zweitbesetzung eines drittklassigen Schauspielhauses fühlt, sondern auch, weil solche Sätze verdächtig oft in Romantischen Komödien gesprochen werden, bevor die Hauptdarstellerin in einen fetten Haufen Hundescheisse tritt.  

So oder so ähnlich muss es auch der 26-jährigen New Yorker Autorin und Illustratorin Amy Rose Spiegel ergangen sein, als sie anfing, ihre «Daily Affirmations» in Lena Dunhams Newsletter LENNY zu publizieren.

Sie sind, wie der Name schon verrät, eine lebensbejahende Variante zu geistlosen «Keep calm and drink coffee»-Postkarten, die dir eine Studienkollegin zum Geburtstag schenkt und ersticken Ängste und Selbstzweifel dort, wo sie anfangen: in deinem Kopf.  

Wir haben mit Amy über die zentralen Themen ihrer erfrischenden Illustrationen – Selbstliebe, die leidigen Zwanziger und den perfekten Liebesbrief – gechattet.

Die Betreiberin des Instagram-Accounts: Amy Rose Spiegel.

Wenn du die Freiheit hast, das zu sagen, was du meinst – nutze sie! bild: Amy Rose

Hi Amy! Deine Idee hinter «Daily Affirmations» war ...

Amy Spiegel: ... Menschen daran zu erinnern, dass sie eigenständige Individuen sind und es keinen festen oder von anderen vorgegebenen Weg gibt, ein Leben zu geniessen. Wie du deinen Tag lebst, liegt ganz bei dir. Solange du respektvoll und freundlich zu dir und anderen bist, kannst du eigentlich nicht viel falsch machen.»

Das beste Heilmittel gegen Ängste ist das Verfassen von Fanbriefen und anderen zu ihrem Wohlbefinden zu verhelfen. bild: Amy Rose

Fanbriefe werden dann gut, wenn ...

... man beim Schreiben zwei Dinge im Auge behält. Erstens solltest du dich beim Verfassen auf die Eigenschaften konzentrieren, die du am Gegenüber besonders schätzt und die nicht zu generell ausfallen. Zweitens solltest du den Fanbrief nur für den Zweck verfassen, der anderen Person zu zeigen, wie sehr du sie bewunderst. Fanbriefe sind keine Fanbriefe, wenn du dir einen Gefallen erschleichen möchtest und keine Freude daran hast.

Unterschätze niemals die Kraft, alles in deiner Nachttischschublade zu verändern – angefangen von den Veggie-Crisps bis hin zu deinem Liebesleben. Mach es neu! bild: amy rose

Wenn ich mir selbst einen schönen Tag machen möchte, ...

... wache ich früh auf, esse einen Sesambagel begleitet von einem grünen Tee, bevor ich in den Zug zu den Rockaways steige, um für ein paar Stunden zu surfen. Der Ozean hat seine eigenen Mittel, um Depressionen zu bekämpfen – und hilft auch ganz nebenbei gegen Akne. Nach dem Surfen strecke ich meinen mit ausreichend Sonnencreme versorgten Körper am Strand aus, um zu meditieren. Ich habe ein Buch mit, das ich schon lange lesen wollte – in meinem Fall «Meister und Margarita» von Michail Bulgakow und hänge so wenig wie nötig am Telefon. Höchstens, um mich mit meinen Freunden und einem Crush am Strand zu verabreden.

Wenn es besonders gut läuft, lerne ich in der Zwischenzeit noch ein paar interessante Menschen kennen, bevor meine Freunde mit eisgekühltem Wein und einem Eis vorbeikommen. Wir hängen ab, gehen schwimmen und zu einer dieser Bars am Strassenrand, bis ich von all den Geschehnissen überwältigt nach Hause möchte, wo ich dann mit einer Haarmaske und noch mehr Wein auf dem Sofa einschlafe.

In einer Sache nicht übereinzustimmen, muss sich nicht immer wie Kritik anfühlen. bild: amy rose

Warum haben so viele Künstler Angst, anderen ihre Werke zu zeigen?

Jemandem – oder gleich einer ganzen Menge an Menschen – deine Arbeit zu zeigen, kann sich erst mal schrecklich anfühlen. Ganz einfach, weil all das in deinem Gehirn entstanden ist und nur du selbst dafür verantwortlich bist. Ich halte es trotz der angsteinflössenden Komponente für wichtig, der Welt zu zeigen, worum es dir geht. Das Leben ist manchmal am besten, wenn man davon eingeschüchtert wird.

«Showing someone else – or a whole lot of other people – your creative work can be terrifying because it's ALL YOURS.»

Amy Rose Spiegel

Verhalte dich so, als wärst du anonym – aber vergiss nicht die Lorbeeren einzuheimsen, sobald du dir etwas verdient hast. bild: amy rose

Die grösste Lektion, die ich bisher in meinen Zwanzigern gelernt habe ist, ...

... dass man sich nicht auf einmal erbrachten Leistungen ausruhen kann. Nachdem mein Buch erschienen ist, war ich an ein paar netten Orten und hatte tolle Jobs – aber es bedeutete nicht, dass ich mich etabliert hatte oder dass ich ab sofort nie mehr pleite war. 

«It didn't automatically mean I'd be established – or non-broke – enough to not work just as hard as I always have.»

Amy Rose Spiegel

Ich musste genauso hart weiterarbeiten, wie ich es immer getan habe. Ausserdem habe ich gelernt, wie man Enchiladas macht, ein Hühnchen brät, dass Zahnseide wichtig ist und man besser mit jemandem Schluss macht, sobald man sich seiner Entscheidung sicher ist – und nicht noch ein weiteres Jahr vergeudet.

Du bist deine eigene beste Freundin und Muse. bild: amy rose

Sein eigener bester Freund zu sein, heisst, ...

... genauso ehrlich und cool mit sich selbst zu sein, wie man das auch mit jeder anderen Person wäre, deren Anwesenheit man geniesst.

Wenn jemand dein Selbst nicht erkennt oder erkennen möchte, erkenne ihn dennoch im bestmöglichen, liebevollsten Sinne – und dann, zieh weiter.  bild: amy rose

Sich über eine Person aufzuregen, die man mag – aber einem nicht zurückschreibt, ist ...

... vollkommen normal. Es ist nur wichtig, es nicht unbedingt genau dieser Person mitzuteilen. Versuche es einfach wirklich nicht zu tun.

«You're totally allowed to be a lunatic about a person you like not texting you back!»

Amy Rose Spiegel

Es gibt andere Aktivitäten, die du vielleicht ausprobieren möchtest, wenn du in der Brainzone gelandet bist: Iss Enchiladas, lerne surfen, lies ein gutes Buch. Wenn alles nichts hilft: Versuch's mit einer Haarkur! 

Deinen eigenen Gedanken zu vertrauen, ist das höchste Gebet. bild: amy rose

Illustrationen aus «National Geographic»: So schön können Infografiken sein

Video vom Tag: «Sag mir nicht, dass ich lächeln soll!»

1m 45s

«Sag mir nicht, dass ich lächeln soll!»

Video: watson/Emily Engkent, Can Kgil

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