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Das Plakat an Giovani Steris Hauswand in Figu, Sardinien: «Hero Confitüren Lenzburg».

Eine Region auf Sardinien stirbt aus. Schuld daran ist auch die Schweiz

Im Südwesten Sardiniens leben fast nur noch alte Menschen. Die Jungen ziehen aufs Festland oder ins Ausland, die Strassen und Plätze sind menschenleer. Die Geschichte eines kleinen Dorfes, und was diese mit Lenzburg im Aargau zu tun hat.

matteo baldi (text), luca schaffer (Fotos), sarah fluck (Video)



Mitten in Sardinien hängt an einer Hauswand ein altes Werbeplakat mit der Aufschrift «Hero Confitüren Lenzburg». Das Plakat ist am Haus von Giovani Steri angebracht und erinnert den 80-Jährigen an seine Zeit als Fabrikarbeiter im aargauischen Lenzburg. Es erinnert ihn an das «schöne Jugendfest und die netten, präzisen Menschen» in der Schweiz

Das Plakat hat aber noch eine andere Bedeutung, nicht nur für Steri, sondern für das ganze Dorf Figu und die Region Alta Marmilla im Südwesten der Insel. Das Plakat ist das moderne Konquistadorenkreuz: Ein Symbol für eine globale Industrialisierung, die das ursprüngliche und traditionelle Leben vieler Sarden erobert hat und deren Schicksal heute noch bestimmt. 

In Lenzburg gefiel es Steri am besten

Dass es das Plakat eines Schweizer Unternehmens ist, könnte man als Zufall bezeichnen. Die Nachfrage nach billigen Fabrikarbeitern war in den Sechzigern des letzten Jahrhunderts auch in Deutschland gross. Giovani Steri, dem gelernten Schuhmacher, gefiel es aber nach verschiedenen Stationen in ausländischen Fabriken im aargauischen Lenzburg und in der dort ansässigen Hero am besten. 

Giovani Steri, ehemaliger Fabrikarbeiter bei der Hero in Lenzburg, wohnt heute wieder in Figu.

Giovani Steri: Der 80-Jährige arbeitete 17 Jahre in Lenzburg.

Figu erlebte so eine bedeutende Welle der Emigration, die mit den traditionellen und ökonomischen Gegebenheiten des Dorfes 50 Jahre später zu einem existenziellen Problem kumuliert. 

Exodus aus dem Paradies

Die Alta Marmilla besteht aus 20 Gemeinden, in denen insgesamt rund 11’000 Personen leben. Das sind durchschnittlich rund 560 Personen pro Gemeinde. Die hügelige Landschaft der Region ist vulkanischen Ursprungs. Dementsprechend fruchtbar ist der Boden: Feigenbäume und Fenchel spriessen hier wild.

Und so bietet auch Figu alles für ein schönes Leben. Die Dorfbewohner sind gastfreundlich, fleissig und teilen gerne. Von den Nachbarn wird man fast täglich mit frischen Feigen und Gemüse beschenkt. Gerne erzählt man von den Traditionen des Dorfes, den unzähligen Invasionen fremder Mächte und den Geschichten der Räuberbanden. 

«In 50 Jahren wird es unsere Gemeinde so nicht mehr geben.»

Ignazio Peis, Vizebürgermeister von Gonnosnò

Die Vergangenheit der Alta Marmilla würde sich wie ein Märchen anhören, wäre da nicht das Kapitel der Auswanderung. Diese hält trotz paradiesischer Umstände seit den 1960er Jahren an. Die Folgen sind die Schliessung von Schulen, eine Überalterung der Bevölkerung – und die Ohnmacht der Behörden. 

Die wenigen Jugendlichen, die aus dem Dorf stammen, studieren auswärts, ziehen an die Küste um zu kellnern, lassen sich auf dem Festland nieder oder suchen Jobs im Ausland. Die Region blutet aus und Figu wird dabei als erstes Dorf seinen Herzschlag verlieren. 

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Die Alta Marmilla stirbt aus: Beerdigung in Ales.

Die Schweiz lockt auch heute noch

Während des Sommers dreht sich aber die Marschrichtung der Völkerwanderung: Die Verwandten, die Steri damals in die Schweiz gebracht hat, verbringen ihre Ferien im Dorf. Sie kommen vor allem, um die Ruhe und die Einfachheit des Dorfes zu geniessen. 

Es ist Steris Lieblingszeit im Jahr. Man erkennt im Sommer, wie lebendig das Dorf eigentlich sein könnte. An langen Tischen sitzen bis zu 20 Personen und essen und trinken gemeinsam. Und es vergeht kaum ein Abend, an dem sich das Gespräch nicht um die Unterschiede der beiden Kulturen – der italienischen und der schweizerischen – dreht. 

Mehr Schweiz, mehr Sardinien

Figus Dorfbewohner wünschen sich nach Schweizer Vorbild funktionierende Gemeinden und eine funktionierende Politik. Ihre Verwandten aus der Schweiz wünschen sich mehr sardische Gelassenheit in ihrem Land. 

Wer solchen Gesprächen zuhören kann, sieht den Vorschlag, dass Sardinien zu einem Schweizer Kanton zu ernennen sei, auf einmal als ganz sinnvoll an – zumindest solange der hausgemachte Mirto-Schnaps noch hinter der Stirn seine Wirkung entfaltet. 

Emotionale Entwurzelung

In den Fünfzigerjahren erreichte die Industrialisierung die Städte Sardiniens. Die Verlockungen der noch unbekannten Fabrikarbeit veranlasste viele Sarden dazu, ihre traditionellen Berufe in der Schafzucht oder der Landwirtschaft hinter sich zu lassen. So fand nicht nur eine geografische Entwurzelung der Dorfbevölkerung statt, sondern auch eine emotionale: Die Menschen lösten sich immer mehr von ihrer traditionellen Lebensweise. 

Solange der hausgemachte Mirto-Schnaps seine Wirkung entfaltet, erscheint die Idee, Sardinien zum 27. Kanton der Schweiz zu machen, ganz sinnvoll.

Weil das Leben der Fabrikarbeiter in den Städten Sardiniens mit den ursprünglichen Lebensweisen der Sarden nichts mehr gemeinsam hatte, ebnete sich mit der Industrialisierung Sardiniens auch gleichzeitig der Weg für die Arbeiteremigration ins Ausland: Das der traditionellen Bevölkerung fremde Fabrikarbeiterleben liess sich auch im Ausland leben, wo es mehr zu verdienen gab. 

So landete auch Giovani Steri 1968 in Lenzburg. 

Videoportrait: Das Leben von Giovani und Edi Steri

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Ein bedeutender Teil der Familie Steri tat es Giovani gleich und liess sich ebenfalls im Aargau nieder. So wurden Hero, Lenzburg und der Kanton Aargau Teil des wahrscheinlich letzten Kapitels der Geschichte Figus. 

«Ich fürchte, es ist zu spät.»

Ignazio Peis, Vizebürgermeister von Gonnosnò

«In 50 Jahren wird es unsere Gemeinde so nicht mehr geben», sagt Ignazio Peis, Vizebürgermeister von Gonnosnò, zu dessen Verwaltungskreis auch Figu gehört. Die Einwohnerzahl ist seit Beginn der Aufzeichnung vor 30 Jahren konstant sinkend. Heute zählt die Gemeinde noch rund 790 Einwohner. Pro Jahr gibt es zwei bis drei Geburten.

Figu, Sardinien: Ein Dorf stirbt aus

«Konkrete Massnahmen gegen den Bevölkerungsschwund gibt es keine», sagt Bürgermeister Basilio Pusceddu, «jedoch halten wir die Steuern tief, um die Situation nicht zu verschärfen.» Auf die Frage, ob es zu spät sei, die Region vor dem Aussterben zu retten, antwortet Peis: «Ich fürchte schon.» 

Alfio Desogus teilt diese Meinung nicht. Der Experte für soziale Phänomene der Arbeit aus Sardiniens Hauptstadt Cagliari kennt die Alta Marmilla gut. Er sagt, man mache es sich zu einfach, allein die Entwicklung in den 1950er Jahren für die Misere verantwortlich zu machen. Desogus sieht eine andere Ursache der Probleme: «Die Sarden sind Individualisten.» 

Mann auf einer Strassenkreuzung in Figu: Die Sarden sind unverbesserliche Individualisten. 

Zerstörerischer Individualismus

«Die Gemeinden und Leute der Alta Marmilla müssten zusammenspannen, um Ressourcen freizusetzen», sagt Desogus, «aber man will nicht.» Mit Ressourcen meint er Geld für Investitionen in die Infrastruktur. Jede der Gemeinden hat eine eigene Verwaltung, stellt einen eigenen Bürgermeister, und mit ihm einen ganzen Stab an Sekretären und Vorstehern. Daraus resultieren hohe Lohnkosten, welche die Dörfer nicht verkraften. «Die Gemeinden müssten fusionieren», sagt Desogus, «was aber aus Stolz nicht geschieht.» 

«Wenn die Gemeinden keine Anreize schaffen, wandern auch die letzten Jugendlichen aus.»

Alfio Desogus, Experte für soziale Phänomene der Arbeit

Auch die Bevölkerung hätte die Möglichkeit Ressourcen freizusetzen – nämlich ihr Land. «Die Alta Marmilla ist eine der fruchtbarsten Regionen Europas, aber ausgerechnet hier liegen die meisten Felder brach», sagt Desogus. Das Erbschaftssystem hat die Felder in kleine Parzellen zerstückelt, die oft kleiner als 1000 Quadratmeter sind. Und weil jeder am liebsten seine eigenen Tomaten kocht – also alle Individualisten sind – gibt auch niemand die Landfetzen für eine produktivere Landwirtschaft her. «So ist Landwirtschaft unmöglich», sagt Desogus.

Was geschieht mit Figu?

Ganz so einfach sei es dann aber doch nicht, räumt Desogus ein, «schliesslich fehlt es auch an guten Ideen.» Hier wären die verbliebenen Jugendlichen gefordert. Die gut ausgebildeten Jugendlichen müssten nach ihrem Studium ihr Wissen in der Region einbringen. «Aber wenn die Gemeinden keine Anreize schaffen, wandern auch sie aus», so Desogus. 

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Vom Festland gibt es oft kein Zurück mehr: Fähre in Genua.

Das ist doppelt fatal. Die Gemeinden würden sich so um Innovation, aber auch um ihren ohnehin schon spärlichen Nachwuchs bringen.

Somit beläuft sich der Kreis von Figus Hoffnungsträgern auf wenige Jugendliche. Einer davon ist der 28-jährige Matteo Cau. Er studiert Mechanik in Cagliari.

Wenn auch er im Pensionsalter ein Plakat in Figu aufhängen will, das ihn und seine Kollegen an die Jahre seiner Arbeit erinnern soll, muss es das eines lokalen Unternehmens sein. Sonst wird es Figu nicht mehr geben. 

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