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Leider falsch: Das Grundeinkommen führt nicht ins Schlaraffenland.
Leider falsch: Das Grundeinkommen führt nicht ins Schlaraffenland.

Sie wollen ein Grundeinkommen: Die spinnen die Finnen – oder doch nicht? 

In der digitalen Gesellschaft wird die Arbeitswelt umgekrempelt und die bisher gültigen Regeln des Sozialstaats werden ausser Kraft gesetzt. Ob es uns passt oder nicht: Wie die Finnen müssen auch wir bald ernsthaft über ein «Grundeinkommens-Experiment» nachdenken. 
25.06.2015, 13:4725.06.2015, 17:44
Willst du ein bedingungsloses Grundeinkommen in der Schweiz?

In der Schweiz ist zwar eine Initiative zur Schaffung eines bedingungslosen Grundeinkommens zustande gekommen. Die Begeisterung bei Politik und Wirtschaft aber hält sich in Grenzen. Viel zu teuer, winkt der Bundesrat ab. Derweil schreiben sich Wirtschaftsexperten aller Schattierungen die Finger wund, was für schlimme Folgen ein Grundeinkommen haben könnte. Der Tenor ist dabei stets der gleiche: Warum noch arbeiten, wenn einem die gebratenen Tauben einfach so in den Mund fliegen?

Ein Irrtum. Das bedingungslose Grundeinkommen ist nicht als Hängematte für Arbeitsverweigerer gedacht. In jeder Gesellschaft gibt es einen gewissen Prozentsatz an Faulen, und die mogeln sich immer irgendwie durch, ob Grundeinkommen oder nicht. 

«Wir werden wahrscheinlich im grossen Stil umverteilen müssen. Diese Umverteilung kann die Form eines Grundeinkommens annehmen.»
Martin Wolf, «Foreign Affairs»

Werden Arbeit und Einkommen getrennt – und das ist die zentrale Idee hinter dem Grundeinkommen –, dann wird die Arbeit im Gegenteil aufgewertet. Monotone und körperlich anstrengende Tätigkeiten werden von Maschinen übernommen. Die Menschen haben mehr Zeit, sich kreativen und sozialen Dingen wie Pflege zuzuwenden. 

Eine rechtsbürgerliche Regierung will ein Grundeinkommen

Ein bedingungsloses Grundeinkommen entschlackt zudem die ausufernde Bürokratie des Sozialstaates radikal. Deshalb geniesst diese Idee auch in bürgerlichen Kreisen ein gewisses Wohlwollen. Gewerkschaften und Sozialdemokraten hingegen sind eher skeptisch und gehen auf Distanz. 

Auch in Finnland ist es eine rechtsbürgerliche Regierung, die ein «Grundeinkommens-Experiment» in ihren Koalitionsvertrag geschrieben hat. Im Hinblick auf die künftige Entwicklung unserer Wirtschaftsordnung macht dieses Experiment durchaus Sinn. Intelligente Software und Roboter sind im Begriff, unsere Arbeitswelt zu verändern. In der Uber-Gesellschaft sind Arbeitnehmer nicht mehr sozial von ihren Arbeitgebern abgesichert. Mit einer App ausgerüstet, werden sie zu freien Unternehmern. 

Die Sozialpolitik wird sich nicht nur um diejenigen kümmern müssen, die nicht im Erwerbsleben stehen, sondern auch um die, die einen Job haben.»
Nicolas Colin und Bruno Palier, «Foreign Affairs»

Das wiederum hat grosse Auswirkungen auf den Sozialstaat. In der neuesten Ausgabe des Magazins «Foreign Affairs» werden sie von Nicolas Colin und Bruno Palier wie folgt beschrieben: «Die Sozialversicherungen des 20. Jahrhunderts waren darauf ausgerichtet, dass die Menschen genügend Arbeit in Massenbetrieben hatten. Die Annahme dahinter war, dass fast alle Erwachsenen erwerbstätig und so in der Lage sein würden, die Alten, Kranken und Behinderten zu unterstützen.»

«In der digitalen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts hingegen wird die Beschäftigung weniger regelmässig und schlechter bezahlt sein. Die Sozialpolitik wird sich daher nicht nur um diejenigen kümmern müssen, die nicht im Erwerbsleben stehen, sondern auch um die, die einen Job haben.» 

Uber ist das Symbol einer neuen Wirtschaftsordnung geworden.
Uber ist das Symbol einer neuen Wirtschaftsordnung geworden.Bild: KEYSTONE

Wie immer man die künftige Wirtschaftsordnung auch nennen mag – ob digitale Wirtschaft, Sharing- oder Peer-to-Peer-Economy –, allen gemeinsam ist die Tatsache, dass sich die Unternehmen immer mehr aus der sozialen Verpflichtung stehlen werden. Gleichzeitig muss davon ausgegangen werden, dass die Einkommensunterschiede noch weiter auseinanderklaffen. 

Das Grundeinkommen ist keine Wunderwaffe

Martin Wolf, Chefökonom der «Financial Times», kommt deshalb in einem Gastbeitrag in «Foreign Affairs» zu folgendem Schluss: «Wir werden wahrscheinlich im grossen Stil umverteilen müssen. Diese Umverteilung kann die Form eines Grundeinkommens annehmen, verbunden mit Unterstützung für Aus- und Weiterbildung. Auf diese Art und Weise könnte ein besseres Leben Realität werden.» 

Das bedingungslose Grundeinkommen ist keine Wunderwaffe, die unsere sozialen Probleme auf einen Schlag erledigen wird. Es ist jedoch auch keine nicht zu finanzierende Hängematte für Faule, wie immer wieder suggeriert wird. Angesichts der zu erwartenden Umwälzungen in Wirtschaft und Gesellschaft muss ernsthaft darüber diskutiert werden – auch in der Schweiz. 

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26 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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klugundweise
25.06.2015 14:37registriert Februar 2014
Ja, die findigen Finnen...
Auch beim Gesundheitssystem gibt es dort neue Ansätze. Anreiz soll dabei sein, möglichst viele Menschen gesund zu halten und nicht an den Krankheiten verdienen.
Vielleicht hätten solche Ideen auch in der Schweiz ein besseres Echo, wenn sie von rechts kämen. Aber diese Politiker propagieren lieber Rezepte von vorgestern für die Fragen von morgen und halten sich damit für fortschrittlich.
Aber das Volch will es so. Siehe Umfragen GfS...
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Luzz
25.06.2015 14:38registriert Januar 2015
In Finnland werden auch heute schon Studenten (Bachelor-/Master-Stufe) mit monatlich bis zu 535€ (während der 9 Vorlesungsmonate) vom Staat unterstützt und Studiengebühren gibt es keine.
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Wilhelm Dingo
25.06.2015 14:05registriert Dezember 2014
Der Ansatz des Grundeinkommens ist interessant. Ganze Heerscharen von Sozial-Bürokraten könnten abgebaut werden. Schlussendlich geht es aber darum, welchen Betrag eine Person bekommt die nicht genug Einkommen erzielen kann oder will. Je höher dieser Betrag ist, desto tiefer der Anreiz selber genug Einkommen zu erzielen. Diese Eigeninitative ist auch in der digitalisierten Welt noch nötig. Die Crux liegt also im Betrag der umverteilt wird und weniger im System.
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