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Ein junger arabischer Aktivist warnte vor den Mördern von Paris – und niemand erhörte ihn

Ein junger Journalist belauscht in der IS-Hochburg Rakka ein Gespräch über acht Attentäter, die in Paris zuschlagen sollen. Der Aktivist macht das Vorhaben auf Twitter öffentlich – doch fatalerweise nimmt niemand seine Warnung ernst. Nun steht fest: Tim Ramadans Informationen hätten den Massenmord verhindern können.
19.11.2015, 15:2319.11.2015, 17:20

Tim Ramadan ist seines Lebens nicht mehr sicher. Der IS alias Daesh hat ein Kopfgeld auf den jungen Mann ausgesetzt. 50'000 Dollar ist den Terroristen sein Kopf wert, denn Tim macht publik, wie grausam die Islamisten mit den Muslimen in Syrien umgehen. Und Tim hat auch veröffentlicht, dass sie Anschläge in Paris planen – doch keiner hat seine Warnung ernst genommen. 

Ramadan ist Mitglied eines Netzwerks von Aktivisten, die regelmässig aus der IS-Hochburg Rakka berichten. Weil westliche Journalisten den Ort schon lange aufgegeben haben, sind es nur noch die Macher der Website «Raqqa is Silently Slaughtered» (RSS), die vom Elend der Zivilbevölkerung berichten. «Der IS hasst uns mehr als jede Bombe, die vom Himmel fällt», sagt Tim, «denn unsere Opposition kommt von innen.»

Das Netzwerk, das im April 2014 ins Leben gerufen wurde, muss wie ein Geheimdienst arbeiten: Die Aktivisten kennen einander nicht unter ihrem richtigen Namen, sondern kommunizieren wenn dann nur über Mittelsmänner in der Türkei miteinander. So kann keiner den anderen gefährden, falls er den Häschern des IS in die Hände fällt – jenen Terroristen, die Ramadan am 11. Februar zufällig belauscht.

Tim sitzt damals in einem Internetcafé in der Stadt Deir ez-Zor im Osten Syriens. In den 90ern wurde hier Öl entdeckt, das später direkt in die Kriegskasse des IS geflossen ist, bis Frankreich nach den Anschlägen im November mit einem Luftangriff die Quellen versiegen lässt. Auch darüber berichten die zivilen Undercover-Reporter von RSS.

Ramadan sitzt also im besagten Internet-Café, als zwei IS-Kämpfer hereinkommen und sich neben ihn setzen. Es sind keine Europäer, doch der eine nennt sich «der belgische Abu Ibrahim». Der spricht Tim auf Englisch an, um zu prüfen, ob das Duo ungestört reden kann. Ramadan tut, als verstünde er nichts. Abu Ibrahim antwortet mit einem fremden Akzent auf Arabisch so etwas wie «Schon gut, kein Problem» – und erzählt seinem Begleiter dann auf Englisch von den neuesten Terror-Plänen.

«Abu Ibrahim sagte, dass er im Irak war und der Prinz ihm erzählt hat, dass eine grosse Operation in Frankreich vorbereitet wird», wird Tim Ramadan später in einem Bericht von «Sound and Picture», einer syrischen Oppositions-Website, rekapitulieren. «Zwei [Attentäter] sollen diesen Monat gehen, und im Mai folgen zwei weitere. Sie werden sich mit vier Franzosen treffen, um einen Angriff auf Frankreich vorzubereiten, dem ähnliche Attacken in anderen europäischen Städten folgen werden.»

Als Abu Ibrahim nach der Ausbildung der Leute befragt wird, antwortet er: «Es ist ein taffes Training nach hohem Standard im Wüstencamp Abu Kamal östlich Deir ez-Zor.» Dieses wird im September bei einem Luftangriff der Amerikaner zerstört werden, doch dann wird es bereits zu spät sein.

IS-Hauptstadt Rakka

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«IS»-Hauptstadt Raqqa
quelle: raqa media center / str
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Ramadan ist durch das Gespräch natürlich alarmiert. «Viele Unschuldige waren in Gefahr, und ich konnte sie nicht beschützen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte – also beschloss ich, die Menschen via Social Media vor dem Verbrechen zu warnen.» Tim Ramadan wartet einige Tage, um sicherzugehen, dass Abu Ibrahim nicht mehr in der Stadt ist. Dann schickt er einen Tweet, der den Ereignissen vom 13. November vorausgreift.

    Islamischer Staat (IS)
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Seine Warnung verhallt jedoch ungehört. Doch während der Westen auf beiden Ohren taub ist, stellt der IS seine Lauscher auf. Einen Tag vor den Anschlägen in Paris – es ist der 12. November 2015 – veröffentlicht «Public Radio International» ein Interview mit Tim Ramadan. Dort schildert dieser seine Situation.

«Es war wirklich schwer für uns, in Syrien zu arbeiten, denn es gibt Kameras und Spione», verdeutlicht er in dem Gespräch. «Sie kleiden sich wie Zivilisten und gehen in Internet-Cafés oder auf die Strasse, und wenn jemand etwas Falsches tut, sagen sie es ihren Sicherheitsleuten, die die Person aufgreifen und entweder exekutieren oder ihnen Informationen entreissen.» 

Auf ihn sei ein erstes Kopfgeld von 10'000 Dollar wegen Geheimnisverrats ausgesetzt worden, sagte er in dem Interview. Beim Freitagsgebet würden die Menschen darüber informiert. Nach acht Monaten in Rakka und Umgebung flieht er nach Gaziantep, doch auch hier erhält er Morddrohungen via Social Media. «Sie haben sogar hier in der Türkei Fotos unserer RSS-Mitglieder in den Strassen aufgehängt.» Sein Tweet gerät jedoch in Vergessenheit. Vorerst.

RSS-Aktivist Ibrahim Abdel Kader wurde am 30. Oktober in der Türkei von IS-Mördern enthauptet. Die Terroristen hatten sich zu der Tat bekannt. Es ist die erste gezielte Tötung im Ausland durch die Extremisten.<br data-editable="remove">
RSS-Aktivist Ibrahim Abdel Kader wurde am 30. Oktober in der Türkei von IS-Mördern enthauptet. Die Terroristen hatten sich zu der Tat bekannt. Es ist die erste gezielte Tötung im Ausland durch die Extremisten.

Die Luft für ihn wird dünner: Das Kopfgeld auf Tim Ramadan wird im Herbst auf 50'000 Dollar erhöht – und am 30. Oktober wird ein befreundeter Aktivist im Exil ermordet. Abdel Kader wird geköpft in der Stadt Sanliurfa entdeckt. Er wurde nur 20 Jahre alt. «Wir dachten, die Türkei wäre sicherer als Rakka. Dieses Gefühl haben wir verloren», sagt Ramadan am 12. November.

Dann folgt der 13. November: In Paris sterben Dutzende und Hunderte werden verletzt – so wie Tim es in seinem Tweet im Februar vorausgesagt hat. «Mir tut es so leid, was geschehen ist. Ich hatte gehofft, meine Worte würden in Frankreich Gehör finden, um Vorkehrungen zu treffen, die die Unschuldigen beschützen», twittert er am Tag nach den Anschlägen.

Schon vor den Anschlägen und Tims Warnung wurde bekannt, dass die Organisation «Raqqa is Silently Slaughtered» mit ihren rund zwei Dutzend Undercover-Reportern von dem «Committee to Protect Journalists» für ihren Einsatz für die Pressefreiheit ausgezeichnet wird.

Keiner der Journalisten aus Syrien oder der Türkei wird zur Preisverleihung in die USA fliegen. Keiner von ihnen hat einen Pass. Tim Ramadan und seinesgleichen werden auch weiterhin ihr Leben aufs Spiel setzen.

Der Muslim, der sich opferte, um andere vor einem IS-Attentäter zu schützen
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