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Mark Zuckerberg treibt sein Unternehmen gnadenlos voran.<br data-editable="remove">
Mark Zuckerberg treibt sein Unternehmen gnadenlos voran.
Bild: rEUTERS

Auf zwei Wegen zur Weltherrschaft: Facebook und das Ende des freien Internets

Das Internet ist vielleicht das mächtigste Instrument, das die Menschheit bisher geschaffen hat. Kein Konzern sollte die Kontrolle darüber haben, schreibt AZ-Wirtschaftsredaktor Fabian Hock in seiner Analyse zur Ausbreitung von Facebook und deren Folgen.
24.10.2015, 10:16
Fabian Hock / Aargauer Zeitung

Wir alle kennen das Internet noch als Ort der Freiheit. Zuletzt zwar auch vermehrt als Ort der Überwachung. In jedem Fall aber als ein lose zusammenhängendes Gebilde von Kaufhäusern, Zeitungen, Tagebüchern und vielem mehr. Mit dieser ursprünglichen Freiheit, dieser Vielfalt, dem zwar verlinkten, aber doch lockeren Verbund könnte es jedoch bald endgültig vorbei sein. Denn Facebook ist gerade dabei, eine eigene Welt innerhalb des Internets zu schaffen. Ein globales Netzwerk, das sich schon bald nicht mehr nur im Internet bewegen, sondern gänzlich an dessen Stelle treten könnte.

Eineinhalb Milliarden Menschen nutzen Facebook bereits. Das ist ein Fünftel der Menschheit. An einem Montag im August waren erstmals tausend Millionen User binnen 24 Stunden eingeloggt. Einen «Meilenstein» nannte Gründer und Chef Mark Zuckerberg diesen 24. August 2015. Und fügte an: «Das ist erst der Anfang.» Das darf durchaus als Drohung verstanden werden.

Auf zwei Wegen zur Weltherrschaft

Nach und nach verleibt sich das Netzwerk neue Funktionen ein. Bald kann per Knopfdruck auf Facebook eingekauft werden, ein Echtzeit-Kurznachrichtendienst soll Twitter überflüssig machen und ein neuer Videobereich die Google-Tochter Youtube konkurrenzieren. Die Projekte decken Facebooks Logik auf: Statt «Wir vernetzen die Welt», wie Zuckerberg sein Projekt so gerne darstellt, muss es heissen: «Wir sind alles, was ihr braucht». Facebook schafft ein eigenes Online-Weltreich, in dem der Mensch alles hat. Eine Art Überbauung mit Wohnung, Büro, Supermarkt und Kindergarten. Es ist ein Reich, das sich von der bisherigen, von Google geprägten Welt unterscheidet. Der häufig – und zu Recht – als Daten-Krake verschriene IT-Gigant folgt einer anderen Logik. Bei aller Sammelwut: Googles Welt ist offen. Das Herzstück, die Suchmaschine, ist mehr Portal ins lose Internet als Stahltür, die hinter dem Nutzer ins Schloss fällt.

Indiens Ministerpräsident Narendra Modi (rechts) mit Google-CEO Sundar Pichai.<br data-editable="remove">
Indiens Ministerpräsident Narendra Modi (rechts) mit Google-CEO Sundar Pichai.
Bild: ELIJAH NOUVELAGE/REUTERS

Zum Facebook-Prinzip dagegen gehört, den Menschen nicht mehr rauszulassen. Und wenn Zuckerberg sagt, die Milliarde sei erst der Anfang gewesen, muss man das ernster nehmen, als vielen bewusst ist. Denn Facebook steht an der Schwelle zu etwas Grossem: Zuckerberg hat es auf die zwei Drittel der Menschheit abgesehen, die noch gar nicht online sind. Er wartet dabei nicht, bis das Internet dort angekommen ist. Er hat eine bessere Idee.

Gemeinsam mit Samsung, Nokia und weiteren Tech-Giganten treibt Facebook ein Projekt voran, das die Beteiligten unverblümt «internet.org» nennen. Ein für die Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern gemachter kostenloser Internet-Ersatz, der statt der unendlichen Weiten des World Wide Web nur einige wenige Seiten umfasst. Im Zentrum: natürlich Facebook. Alles, was in diesem Reich geschieht, wird von Zuckerbergs Firma kontrolliert. Lanciert ist es bereits. Setzt sich das Konzept durch, gibt es für Milliarden Menschen bald keinen Unterschied mehr zwischen Facebook und dem Internet. Dann nämlich ist Facebook das Internet.

Nichts geht mehr ohne Facebook.<br data-editable="remove">
Nichts geht mehr ohne Facebook.
Bild: KEYSTONE
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Das Internet wird zur geschlossenen Gesellschaft

Während das soziale Netzwerk das Internet in der westlichen Welt schleichend unterwandert, marschiert es in den Entwicklungsländern durch die Vordertür ein und reisst die gesamte Idee des freien Netzes unter dem Vorwand an sich, den Menschen etwas Gutes zu tun – kostenloses Facebook sei schliesslich besser als gar kein Internet. Nach heftiger Kritik hat der Konzern sein Projekt inzwischen für andere Websites geöffnet. Die Kontrolle obliegt ihm jedoch weiterhin. Problematisch ist das, weil sich Facebook in einer völlig unterregulierten Welt bewegt. So kann es in Sachen Datenschutz und anderen sensiblen Bereichen Standards setzen, die von den gemächlichen Legislativen dieser Welt nur schwer wieder einzufangen sind. Dies in einer Zeit, in der wir immer grössere Teile unseres Lebens und unseres Wissens ins Netz verlagern.

Vielleicht war es naiv zu glauben, dass das Internet auf Dauer ein Ort der Freiheit bleibt. Zu reizvoll sind die Möglichkeiten der Überwachung, zu lukrativ die Geschäftsideen. Eines muss trotzdem klar sein: Das Internet ist vielleicht das mächtigste Instrument, das die Menschheit bisher geschaffen hat. Kein Konzern sollte die Kontrolle darüber haben.

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