Wahlen 2019
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Der neue Zuercher Regierungsrat mit Jacqueline Fehr (SP),  Martin Neukom (Gruene), Natalie Rickli (SVP), Mario Fehr (SP), Silvia Steiner (CVP), Ernst Stocker (SVP) und Carmen Walker Spaeh (FDP), vlnr. im Mediencenter bei den kantonalen Wahlen in Zuerich am Sonntag, 24. Maerz 2019. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Die neue Zürcher Regierung mit einer Frauenmehrheit und dem Grünen Martin Neukom (2.v.l.). Bild: KEYSTONE

SVP-Wähler haben der Zürcher Regierung zur Frauenmehrheit verholfen

Die Wahlen im Kanton Zürich gelten als Gradmesser für die nationalen Wahlen im Herbst. Nun liegt erstmals eine detaillierte Analyse der Regierungsratswahlen vom März vor. Sie enthält verblüffende Erkenntnisse.



In Zürich leben mehr Menschen als in jedem anderen Kanton. Politisch verfügt er über ein beträchtliches Gewicht. Weil die kantonalen Wahlen rund ein halbes Jahr vor den eidgenössischen stattfinden, gelten sie als gutes Stimmungsbarometer für die nationale Grosswetterlage. Ist dies auch 2019 der Fall, dürfen wir uns im Hinblick auf den 20. Oktober auf einiges gefasst machen.

Denn die Zürcher Wahlen vom 24. März erbrachten überraschende Ergebnisse. So eroberten die Grünen mit dem vermeintlichen Nobody Martin Neukom ihren vier Jahre zuvor verlorenen Sitz im Regierungsrat zurück. Dafür musste sich der stolze Zürcher Freisinn erstmals überhaupt mit nur noch einem Sitz begnügen. FDP-Kandidat Thomas Vogel fiel als «Überzähliger» aus dem Rennen.

Die SVP verteidigte mit Nationalrätin Natalie Rickli ihren zweiten Sitz, womit die Frauen eine Mehrheit in der Kantonsregierung stellen. Dafür stürzte die Partei im Kantonsrat mit minus 5,6 Prozent regelrecht ab, während Grüne und Grünliberale deutlich zulegten. Die bürgerliche Mehrheit im Parlament war gebrochen, GLP und EVP spielen neu das Zünglein an der Waage.

Analyse mit neuen Daten

Was aber ist genau passiert? Peter Moser, Politologe beim Statistischen Amt des Kantons Zürich, hat erstmals die Wahlzettel der Regierungsratswahlen ausgewertet. Weil viele Gemeinden die Zettel bei der Auszählung einzeln erfassen, waren rund 80 Prozent für eine repräsentative Analyse verfügbar.

Frauenwahl

Der Zuercher Regierungsrat Ernst Stocker, rechts, und SVP - Nationalraetin und Regierungsratskandidatin Natalie Rickli, links, auf einem Wahlplakat an ein einer Medienkonfrenz der SVP zum Wahlauftakt zu den Regierungsratswahlen in Oberglatt (ZH) am Samstag, 5, Januar 2018. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Ein Viertel der SVP-Wählerschaft schrieb nur die beiden Parteikandidaten auf den Wahlzettel. Bild: KEYSTONE

Die SVP ist nicht als frauenfreundliche Partei bekannt. Umso mehr verblüfft ein Befund: «Ein Teil der SVP-Basis hat der Zürcher Regierung zur Frauenmehrheit verholfen», sagt Peter Moser im Gespräch mit watson. Rund ein Viertel der SVP-Wählerschaft habe nur die Kandidierenden ihrer Partei – Ernst Stocker und Natalie Rickli – auf den Zettel geschrieben.

Das macht rund sechs Prozent aller Wahlzettel im Kanton Zürich aus, also etwa 17'000. Thomas Vogel hatte jedoch auf Natalie Rickli einen Rückstand von rund 6500 Stimmen. Hätte nur die Hälfte dieser SVP-Wähler auch seinen Namen notiert, hätte er Rickli in der Gesamtabrechnung überholt. Vogel darf sich somit beim vermeintlichen Verbündeten SVP für seine Nichtwahl «bedanken».

Das linksgrüne Lager habe disziplinierter gewählt als die Bürgerlichen, sagt Moser. Profitiert hat vor allem Martin Neukom. 85 Prozent seiner über 120'000 Stimmen stammen von Wahlzetteln, auf denen alle vier oder zumindest drei Namen des rotgrünen Bündnisses standen. Das ist ein höherer Wert als jener der ebenfalls gewählten Sozialdemokraten Jacqueline Fehr und Mario Fehr.

Allerdings kann sich der im linken Lager umstrittene Mario Fehr nicht beklagen. Obwohl Grüne und Alternative Liste ihn nicht unterstützten, konnte er sich auf die Stimmen der rotgrünen Basis doch mehrheitlich verlassen. Hinzu kam eine breite Unterstützung von bürgerlichen Wählern. Aber auch der Name der «linkeren» Jacqueline Fehr stand auf fast einem Fünftel der bürgerlichen Fünferticket-Wahlzettel, so Peter Moser.

Klimawahl

Ist es in Zürich zu einer «Klimawahl» gekommen? Peter Moser hat Indizien dafür ausgemacht: «In den linken Wahlkreisen der Stadt Zürich ist die Beteiligung stark gestiegen.» Und in der Region Pfannenstiel/Goldküste sei es wahrscheinlich zu Verschiebungen von der FDP zur GLP gekommen.

Die SVP wiederum begründet ihre Verluste damit, dass ein Teil ihrer Wählerschaft zu Hause geblieben sei. Da könne schon was dran sein, meint Moser, relativiert aber gleichzeitig: «Die Beteiligung war mit 34 Prozent sehr tief. In den zwei Dritteln, die nicht zur Urne gingen, steckt so viel Potenzial, dass dies die anderen Parteien auch sagen könnten.»

Konkordanz

Die Zürcherinnen und Zürcher vergeuden ihre Stimme nicht gerne. 37 Prozent füllten alle sieben Linien auf dem Wahlzettel aus, was einer relativen Mehrheit entspricht. Dies kann als Indiz dafür interpretiert werden, dass die guteidgenössische Konkordanz in der Bevölkerung ziemlich breit abgestützt ist. Peter Moser jedoch verweist auf die Wahlbündnisse mehrerer Parteien.

«Ein Päckli zwingt zur Selbstbeschränkung», sagt Moser. Die SVP könne nicht beliebig viele Kandidierende nominieren, wenn sie mit anderen bürgerlichen Parteien eine Allianz bilden wolle. Wer den gesamten Zettel ausfüllen will, muss folglich Kandidaturen aus anderen Lagern berücksichtigen. Was Leuten wie Mario Fehr zugute komme, «deren Parteifarbe verblasst ist».

Agglomeration

ZUM THEMA BAUTAETIGKEIT IM KANTON ZUERICH STELLEN WIR IHNEN HEUTE, DONNERSTAG, 15. FEBRUAR 2018, FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG --- The construction site

Der Glattpark in Opfikon lockt ein urbanes Publikum in die Agglo. Bild: KEYSTONE

Peter Moser beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der Entwicklung in den Agglomerationen. Diese seien in den letzten Jahrzehnten politisch nach rechts gedriftet, in Richtung Landschaft. Als Gründe nennt Moser den Niedergang traditioneller Industrien, die Unterschichts-Zuwanderung und die Verstädterung ehemaliger Dörfer. Dies habe «ein Gefühl des Heimatverlusts» erzeugt. Die Entwicklung begann bereits in den 1970er Jahren, also vor bald 50 Jahren, erläutert Moser im Gespräch.

In den letzten Jahren gebe es jedoch Anzeichen für eine Trendwende. Überbauungen wie der Glattpark in Opfikon oder das Limmatfeld in Dietikon zögen ein urbanes, gut verdienendes Segment an. Dieses habe ähnliche Ansprüche wie die städtische Bevölkerung. Bereits die Zürcher Kommunalwahlen 2018 deuteten darauf hin, «dass ein Teil der Agglo etwas nach links gerückt ist und der Graben zu den Kernstädten kleiner wird», so Moser.

Wahlherbst

Ist Zürich ein politisches Abbild der gesamten Schweiz? Es gibt durchaus Unterschiede, doch für Moser sind die Zürcher Wahlen tatsächlich ein Gradmesser für den Wahlherbst: «Der Kanton Zürich ist politisch vielfältig: Es gibt eine grosse Stadt, Agglomerationen, aber auch Regionen, die ländlich geblieben sind. Die Gewinne der GLP und der Grünen sowie die Verluste der SVP waren flächendeckend, das Ausmass unterschied sich regional nur in Nuancen.»

Schon 2015 war Zürich ein Fingerzeig für die nationalen Wahlen. Obwohl die Migrationskrise in Europa im Frühjahr erst in Ansätzen erkennbar war, konnte die SVP im Kanton Zürich leicht zulegen. Dieses Jahr sieht es anders aus. Die SVP muss auch am 20. Oktober mit Verlusten rechnen, denn für Peter Moser ist es ausser Frage, dass es auch eidgenössisch zu einer Klimawahl kommen wird.

Der Klimawandel sei lange «eine Art Hintergrundrauschen» in der Politik gewesen, sagt Moser, dessen Hochrechnungen und Abstimmungs-Analysen national beachtet werden. Nun sei das Thema im Zentrum der Debatte angekommen, und das nicht nur wegen der Hitzewellen: «Bei jedem Besuch im Engadin ist der Morteratsch-Gletscher wieder um 100 Meter geschrumpft.»

Die besten Schilder des Klimastreiks

Die verschiedenen Parteien rüsten sich für die Wahlen 2019

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32Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • murrayB 23.07.2019 19:04
    Highlight Highlight Wie ging das nochmal, dass die Grünen und Grünliberalen die grossen Gewinner sind in diesem Jahr bei den Wahlen?

    Das Umweltthema wird eindeutig von den Medien gehypte...
  • Leckerbissen 23.07.2019 14:04
    Highlight Highlight Mich interessiert weder Männer- noch Frauenquote. Egal ob Politik oder Geschäftsleitungen. Was zählt ist die bestmögliche Lösung für das jeweilige Mandat oder Amt.
  • zeromg 23.07.2019 11:04
    Highlight Highlight Die SVP Truppe ist schon eine Augenweide auf dem ersten Foto ;-) So sieht Offenheit, Toleranz und Respekt in seiner reinsten Form aus........
    • zeromg 23.07.2019 13:41
      Highlight Highlight Nächstes Mal sollte ich wohl mein Sarkasmusschild hochhalten.
    • Magnum44 23.07.2019 14:49
      Highlight Highlight @Wer weiß denn sowas: Trolle ja, aber meinst du tatsächlich, dass man das entgeltlich tun kann?
    • wasylon 23.07.2019 17:21
      Highlight Highlight @zeromg
      Sarkasmus ist die niedrigste Form des Witzes. Möchtegern-Komiker sind einfach manchmal nur peinlich.
  • R. Peter 23.07.2019 10:41
    Highlight Highlight Was soll an der AVP nicht frauenfreundlich sein? Ihr verwechselt links mit Frau. Frauen haben diverse politische Gesinnungen...
    • aglio e olio 23.07.2019 11:27
      Highlight Highlight Die Antwort wird kürzer wenn du fragst was frauenfreundlich ist. ;)
  • Toni.Stark 23.07.2019 10:28
    Highlight Highlight Die SVP ist die einzige Partei, die sich dem Klimawandel verwehrt. Das könnte einige Anhänger anziehen. Die FDP macht auf Grün. Dies wirkt geheuchelt. GLP und Grüne werden siegen, die SVP knappe Verluste hinnehmen, die FDP untertauchen.
  • Now 23.07.2019 09:09
    Highlight Highlight Die ständige Fokussierung auf das Geschlecht nimmt schon groteske Züge an. Wenn eine rechtskonservative Person kandidiert wählt der rechtskonservative Wähler bald diese Person und nicht den Liberalen.

    Und hört auf von dieser bürgerlicher Allianz zu sprechen, der Wertekosmos eines SVP-Wählers ist doch total unterschiedlich von dessen eines FDP-Wählers.
    • Fisherman 23.07.2019 21:43
      Highlight Highlight SVP hat Werte? Das ist ja was ganz Neues.  Bis jetzt hat die SVP nur ausgegrenzt und auf die Schwächsten eingeschlagen.  Wusste nicht, dass dies unter "Werte" fällt. 
  • Thinkdeeper 23.07.2019 08:54
    Highlight Highlight Wir werden es sehen. Der diskriminierende und korrupte FDP, SVP, EVP und SP Filz muss weg.
    Sozial ist, wenn Gesetze für alle gleich sind. Sozial ist rechtsmässige Sozialhilfe und EL a fond perdu. Sozial ist befähigen statt Niedrig halten, Sozial ist gemeinsam die Kosten tragen stattt abschieben, damit Geld zu machen, und Leistungen zu verweigern und zu senken.
    Liberal ist im Rahmen von Ethik und Moral, und nicht Glaubenssätzen, langfristig, nachhaltig und Transparent zu Gunstern des Volkes zu handeln und finanzieren, statt es zu kaufen. Bürger Wohlstand im Zentrum, dass ist volksbürgerlich.
    • helmi123 23.07.2019 13:58
      Highlight Highlight Amen
  • The oder ich 23.07.2019 08:22
    Highlight Highlight Wer Linien seines Wahlzettels leer lässt, verzichtet auf einen Teil seines Wahlrechts und überlässt sie damit den anderen Wählenden. Das scheinen doch immerhin 37% begriffen zu haben.

    Wenn ein Viertel der SVP-Stimmsoldaten dies nicht begriffen haben, dann hält sich mein Mitleid in engsten Grenzen.
    • Klaus Kinski 23.07.2019 08:49
      Highlight Highlight Wenn ich den Artikel richtig lese, wäre Rickli wohl nicht gewählt worden, wenn Alle SVPler nur schon den Freisinnigen Kandidaten aufgeschrieben hätten.
      Wahltaktisch kann das konzentrieren auf wenige Kandidaten, also das Freilassen von Linien, durchaus sinnvoll sein.
    • ands 23.07.2019 11:44
      Highlight Highlight Diese Aussage kann man nicht so verallgemeinern.
      Wenn jemand z.B. sowohl Neukom als auch Vogel je eine Stimme gab (immerhin 7%), überliess er es faktisch den anderen Wählern, welcher von beiden in der Regierung landen wird. Das war aufgrund der Umfragen relativ klar.
      Hätten die SVP Wähler alle auch Vogel gewählt, wäre Rickli nicht gewählt worden (wie von Klaus bereits geschrieben). Möglich wäre zwar, dass Neukom nicht gewählt worden wäre, wenn FDP und SVP Wähler geschlossen Rickli und Vogel gewählt hätten. Dafür hätten sie aber den Stimmzettel auch nicht komplett füllen müssen.
    • ands 23.07.2019 11:50
      Highlight Highlight Hinzu kommt, dass man damit die Hürde fürs absolute Mehr erhöht. Dies kommt im Kanton Zürich der bürgerlichen Mitte zugute. Hätten Rickli und Vogel oder Neukom und Vogel das absolute Mehr nicht erreicht, wäre aufgrund der Mehrheitsverhältnisse ziemlich sicher Vogel gewählt worden.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Todesstern 23.07.2019 07:33
    Highlight Highlight Wo bekommt man die Listen her fürs Abstimmen?
  • Shlomo 23.07.2019 07:13
    Highlight Highlight Jeder FDP-Wähler der Natalie Rickli auf den Wahlzettel geschrieben hat soll mal in den Spiegel schauen und sich fragen ob er/sie sich noch als „liberal“ bezeichnen darf.
    • Furioso 23.07.2019 08:02
      Highlight Highlight Jeder FDP-Wähler der seine Partei in Sachen Rahmenabkommen unterstützt soll mal in den Spiegel schauen und sich fragen ob er/sie sich noch als "liberal" bezeichnen darf.
    • Count Suduku 23.07.2019 08:06
      Highlight Highlight Jeder FDP-Wähler sollte sich fragen, ob er sich noch als liberal bezeichnen darf...
    • derEchteElch 23.07.2019 08:13
      Highlight Highlight Mimimimi..
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