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Brain, Gehirn, Gehirnaktivität, Gedanken

Forscherinnen und Forscher untersuchen, ob LSD bei psychischen Erkrankungen helfen könnte. Bild: shutterstock

Interview

LSD-Forscherin: «Unsere Probanden beschreiben ein universelles Verbundenheitsgefühl»

LSD galt als die Hippie-Droge schlechthin und wurde in den 70er-Jahren in der Schweiz verboten. Die Neuropsychologin Katrin Preller sieht in der Substanz ein grosses Potenzial, um psychische Krankheiten zu therapieren. Sie forscht an einem LSD-Medikament.



Am 19. April schwingen sich auf der ganzen Welt LSD-Fans aufs Velo und feiern den Bicycle-Day, angelehnt an die berauschte Heimfahrt von Albert Hoffmann, am Tag als er das LSD erfunden hatte. Frau Preller, können Sie diese Euphorie für die Substanz nachvollziehen?
Ich unterscheide zwischen dem illegalen Freizeitgebrauch von LSD und dem, was wir legal und mit den nötigen Bewilligungen in der Forschung machen. Und dort kann ich die Euphorie tatsächlich nachfühlen, weil die Ergebnisse, die uns derzeit vorliegen, sehr interessant sind. Sie könnten darauf hindeuten, dass wir bald ein neues Medikament erhalten, um psychische Krankheiten therapieren zu können.

In den 60er-Jahren prägte LSD die Hippie-Ära stark. Später geriet die Droge in Verruf und wurde verboten. Horrorgeschichten kursierten, Menschen seien auf einem Trip aus dem Fenster gesprungen. Seit den 90er-Jahren erlebt LSD in der Forschung ein Revival. Wie kam es dazu?
Vor den Hippies in den 50er- und 60er-Jahren wurde die Substanz primär zu therapeutischen Zwecken gebraucht. Schon da gab es viele Hinweise darauf, dass sie bei der Behandlung von psychischen Krankheiten wirksam sein könnten. Doch mit dem Lauf der Geschichte, der Assoziierung mit der Hippie-Bewegung und dem Verbot, geriet dieses Wissen in den Hintergrund. In den vergangenen Jahren trat das Problem auf, dass in der Psychiatrie immer weniger Medikamente auf den Markt kamen und bei vorhandenen Medikamenten häufig Nebenwirkungen auftauchten.

Bild

bild: zvg

zur Person:

Katrin Preller ist Neuropsychologin. An der Universität Zürich erforscht sie die Grundlage von Psychedelika, wie diese im Gehirn wirken und was ihr klinisches Potenzial ist. Derzeit beteiligt sie sich an einer Studie zum Einsatz von Psilocybin bei Alkoholabhängigen.

Und die Not macht bekanntlich erfinderisch.
Ja, das Interesse, neue Wirkmechanismen zu erforschen und neue Behandlungsmethoden zu suchen, die helfen könnten, ist sehr hoch. In dem Zuge wurde man offener, sich die alten Studien nochmals anzuschauen. Doch natürlich wurden diese nicht nach den neusten Standards gemacht. Deshalb mussten wir einen Schritt zurückgehen, um zuerst die Wirksamkeitsnachweise erbringen zu können.

«Häufig berichten die Testpersonen von einer veränderten Körperwahrnehmung, dass sie nicht mehr genau wissen, wo ihr Körper beginnt und aufhört.»

Sie erforschen die Wirkung halluzinogener Substanzen auf das menschliche Gehirn. Wie gehen Sie vor?
Wir haben zwei Arten von Studien. Die eine ist mit gesunden Probanden. Da wollen wir wissen, was genau im Gehirn passiert, wenn LSD oder der ähnlich aber etwas kürzer wirkende Pilz mit dem Wirkstoff Psilocybin eingenommen wird. Nach einem umfassenden Gesundheitscheck erhalten unsere Probanden entweder ein Placebo oder die aktive Substanz. Was sie bekommen, wissen sie vorher nicht.

Sie erwähnten eine zweite Studie.
In unserer anderen Studie arbeiten wir mit alkoholabhängigen und depressiven Patientinnen und Patienten. Bei ihnen wollen wir herausfinden, ob LSD oder Psilocybin als Therapeutikum eingesetzt werden kann. Auch bei ihnen klären wir zuerst ab, ob sie gesundheitlich für die Studie geeignet sind. In zwei bis drei Vorbereitungssitzungen werden die Patienten eng von uns betreut. In der aktiven Sitzung erhalten sie, wie die gesunden Probanden auch, entweder ein Placebo oder LSD respektive Psilocybin. Die Erfahrungen, die unsere Patienten mit der Substanz machen, werden danach in drei bis vier weiteren Sitzungen therapeutisch aufgearbeitet.

Was für Erfahrungen machen die Testpersonen?
Das ist sehr individuell. Was bei allen ähnlich ist, sind Veränderungen im visuellen Bereich, gewisse illusorische Wahrnehmungen, wie der Boden oder Dinge in der Umgebung, die sich zu bewegen beginnen. Aber es ist nicht nur auf diese Illusionen oder Halluzinationen beschränkt. Häufig erleben die Probanden ein Gefühl der Verbundenheit mit der Umwelt, oder mit Personen, die einem nahe stehen, manchmal auch ein universelles Verbundenheitsgefühl. Häufig berichten sie von einer veränderten Körperwahrnehmung, dass sie nicht mehr genau wissen, wo ihr Körper beginnt und aufhört.

Wie kann diese Erfahrung psychisch kranken Personen helfen?
Noch weiss man wenig über den Mechanismus. Deswegen versuchen wir, mit den Studien mehr darüber herauszufinden. Aber es gibt verschiedene Thesen, warum die Substanzen den Patienten helfen. Eine ist, dass Hirnnetzwerke, die bei kranken Patienten häufig pathologisch verändert sind, sich durch die Substanz normalisieren. Oder, dass sie durch die Substanz eine gewisse Einsicht in ihre Lebenssituation und Krankheitssituation bekommen, die ihnen in ihrer Therapie weiterhilft. Eine weitere Hypothese ist, dass die Substanzen Neuroplastizität induzieren. Das heisst, dass den Patientinnen für eine gewisse Zeit das Lernen von Dingen einfacher fällt, und dass die Gedanken dadurch flexibler sein können. Dass sie dadurch aus fest gefahrenen Gedankenmustern ausbrechen können.

«Negative Erfahrungen treten vor allem dann auf, wenn die Dosis zu hoch berechnet ist.»

Kommt es auch vor, dass die Probanden schlechte Erfahrungen machen und der Trip zum Horrortrip wird?
Dass jemand zwischendurch auch ein bisschen Angst entwickelt, kann immer vorkommen. Wir versuchen aber solche Situationen zu vermeiden, indem wir die Probanden so gut wie möglich vorbereiten. Wir schaffen ein Vertrauensverhältnis zwischen den begleitenden Personen und den Patienten. Wir schauen, dass die Umgebung passend ist und machen das nicht in einem Krankenhauszimmer, sondern in einem Raum, der für die Probanden angenehm gestaltet ist. Und die Begleitpersonen sind sehr gut geschult und können beängstigende Situationen gut auffangen. Ausserdem wissen wir, dass negative Erfahrungen vor allem dann auftreten, wenn die Dosis zu hoch berechnet ist. Deswegen arbeiten wir mit einem sehr präzisen Dosensystem, das im mittleren Wirkungsbereich liegt.

Ist denn überhaupt etwas an diesen Geschichten über Horrortrips dran?
Wenn man eine wirklich hohe Dosis in einem unkontrollierten Rahmen einnimmt, in dem man sich nicht wohl fühlt, kann es durchaus sein, dass man eine sehr negative Erfahrung macht, die von starken Angstgefühlen geprägt ist.

Albert Hofmann beschreibt die zufällige Entdeckung von LSD

Video: srf/Roberto Krone

Was ist mit den ewigen Trips, wo Leute nie mehr von der Droge runterkamen und hängen blieben?
Es gibt eine Krankheit, die nennt sich Hallucinogen Persisting Perception Disorder. Dabei haben die Leute Veränderungen in der Wahrnehmung, die lange anhalten. Beispielsweise ein Flackern am Ende des Gesichtsbereiches. Das scheint es tatsächlich zu geben, ist aber sehr selten. Wir haben das in unseren Studien nie gesehen, obwohl wir mittlerweile fast 1000 Probanden mit den Substanzen behandelt haben. Darum gehen wir davon aus, dass das vor allem im unkontrollierten, medizinisch nicht überwachten Rahmen auftreten kann und dass vor allem Personen gefährdet sind, die schon eine Neigung zu psychoseartigen Erkrankungen haben. Darum schliessen wir in unseren Studien Teilnehmende aus, die entweder selber oder in der erstgradigen Verwandtschaft Schizophrenie oder andere psychoseartige Erkrankungen haben.

Haben Sie selbst auch schon LSD ausprobiert?
(lacht) Die Frage kommt jedes Mal und ich beantworte sie nie, tut mir leid.

«Sollten die Studien positiv sein, stehen die Chancen realistisch, dass LSD oder Psilocybin als Medikament erhältlich sein werden.»

Ich nehme an, Sie kennen Timothy Leary. Der US-Psychologe glaubte an das Potenzial von LSD, verirrte sich dann aber in seiner im Drogenrausch gegründeten Sekte. Besteht die Gefahr, dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit LSD erneut so abdriften könnte?
Ich denke, wir Wissenschaftlerinnen müssen sehr vorsichtig sein und eine solide Forschung betreiben. Das klingt vielleicht langweilig, aber als Forscherin gehe ich sehr nüchtern an diese Substanzen heran. Ich lasse mich von Daten leiten. Und wenn diese zeigen, dass die Substanzen wirksam sind, dann ist das hervorragend. Zeigen sie, dass sie es nicht sind, dann haben wir ebenfalls sehr viel Erkenntnis gewonnen. Alle, die bei uns in der Forschung involviert sind, sind sehr gut ausgebildete Wissenschaftler, die mit den Substanzen umgehen können und natürlich alle gespannt sind, die Ergebnisse der Studie herauszufinden. Wir betreiben Forschung auf dem Standard, wie man sonstige Medikamentenforschung auch betreiben würde.

In T.C. Boyles Buch über Leary wird er und seine Anhängerschaft als süchtig nach der Droge dargestellt und dass sie ihre Sucht unter dem Deckmantel der wissenschaftlichen Versuche ausgelebt haben. LSD macht doch aber gar nicht süchtig, oder doch?
Es gibt keine Anhaltspunkte, dass Psilocybin oder LSD süchtig machen. Weder im Tiermodell noch beim Menschen beobachten wir, dass das in irgendeiner Weise suchterzeugend ist oder dass die Leute das am nächsten Morgen wieder konsumieren möchten. Die Substanzen haben kein Abhängigkeitspotenzial. In den 60er-Jahren bildete sich um Timothy Leary herum eine soziale Gruppe. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Leute nicht süchtig nach der Droge waren, sondern nach der Gemeinschaft, die sich über die Substanz definiert hat.

Wie sieht die Perspektive aus? Gibt es Hoffnung, dass LSD bald legal eingesetzt werden kann?
Die Substanz durchläuft im Moment die gleichen Forschungsphasen wie bei jedem anderen neuen Medikament auch. Die meisten Studien, die im Moment durchgeführt werden, befinden sich in der Phase 2 von insgesamt 3. Das heisst, es wird sicherlich noch eine Weile dauern, bis wir die Ergebnisse von den wirklich grossen Phasen-3-Studien haben. Sollten die Studien positiv sein und die Daten tatsächlich zeigen, dass die Substanzen sicher und effektiv eingesetzt werden können zur Behandlung von psychischen Krankheiten, dann stehen die Chancen realistisch, dass LSD oder Psilocybin als Medikament erhältlich sein werden.

«Generell ist ein regelmässiger Freizeitgebrauch von Psychedelika eher selten, viele konsumieren die Substanzen nur ein paar wenige Male im Leben mit grossen Abständen zwischen den Erfahrungen.»

Dann wäre LSD oder Psilocybin in der Apotheke erhältlich?
Natürlich nicht so, wie ein Aspirin, das man sich einfach schnell kaufen kann. LSD-Medikamente werden vermutlich immer nur im Rahmen einer Therapie unter professioneller Aufsicht eingesetzt werden.

Trotzdem: Wäre das nicht ein Einfallstor für den vermehrten Konsum im Freizeitbereich?
In unseren Studien befragen wir unsere Probanden jeweils drei oder sechs Monate nach der Studienteilnahme. Dabei erfassen wir auch, ob sie nach der Erfahrung mehr legale oder illegale psychotrope Substanzen konsumieren als vorher. Dabei zeigt sich, dass die Teilnehmer den Substanzkonsum tendenziell eher reduzieren. Das gilt für legale Substanzen wie Alkohol, Tabak und auch Illegale zu denen die Psychedelika zählen. Generell ist ein regelmässiger Freizeitgebrauch von Psychedelika eher selten, viele konsumieren die Substanzen nur ein paar wenige Male im Leben mit grossen Abständen zwischen den Erfahrungen. Ich denke nicht, dass eine medizinische Zulassung daran etwas ändern würde.

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Das sieht ein Computer auf LSD

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