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Annika Schleu und «Saint Boy» sind mit ihren Nerven am Ende.
Annika Schleu und «Saint Boy» sind mit ihren Nerven am Ende.
bild: imago-images.de

Experten über Olympia-Tierwohl: «Man kann Pferde auch so reiten, dass sie glücklich sind»

09.08.2021, 09:0809.08.2021, 13:59
Lukas Grybowski / watson.de

Annika Schleu versuchte alles. Sie peitsche mit der Gerte, haute mit den Sporen zu, zerrte an den Zügeln – alles, um das ihr zugeloste Pferd «Saint Boy» dazu zu kriegen, über die Hindernisse zu springen. Doch das Pferd verweigerte, lief rückwärts und warf bei Sprüngen die Stangen herunter. Schleu, die als Führende in den vorletzten Wettbewerb beim Modernen Fünfkampf gestartet war, wurde disqualifiziert und fiel auf Rang 31 zurück. Noch auf dem Pferd sitzend brach die 31-Jährige in Tränen aus.

Doch nicht nur Schleu war mit dem Nerven am Ende, auch das Pferd «Saint Boy» schlug mit seinem Schweif, hatte das Maul geöffnet und zeigte sichtbar seine Zähne. Für Experten alles Anzeichen einer akuten Stresssituation und Überforderung.

«Psychische Überforderung ist da ein ganz wichtiger Aspekt. Pferde reagieren gerne mit einer einfachen Verweigerungshaltung oder im schlimmsten Fall auch mit Aggression. Wenn das auch noch falsch gedeutet wird, werden die Tiere dafür dann auch noch bestraft», erklärt Dr. Esther Müller, Geschäftsführerin Wissenschaft beim Deutschen Tierschutzbund, gegenüber watson.de.

So forderte Schleus Trainerin Kim Raisner die Reiterin noch auf, mit der Gerte härter zuzuschlagen. Für diese Aussage und da sie das Pferd mit der Faust geschlagen haben soll, wurde sie am Samstag von den Spielen ausgeschlossen.

Doch nicht erst seit dem Vorfall am Freitagmittag gibt es Diskussionen darüber, ob Leistungssport im Reiten überhaupt mit dem Wohl der Tiere vereinbar ist. «Grundsätzlich kann man aber Pferde auch so reiten, dass sie glücklich sind und das auch gern machen», sagt Verhaltensbiologin Dr. Kathrin Kienapfel-Henseleit gegenüber watson.de.

Die Reiterinnen und Reiter im modernen Fünfkampf haben aber nicht ansatzweise eine so enge Bindung zu den Pferden wie beispielsweise die Dressur- oder Springreiter. Den Fünfkämpfern werden die Pferde zugelost und sie haben lediglich 20 Minuten Zeit, sich aneinander zu gewöhnen.

Doch nicht nur der Fall Schleu sorgte in Tokio für Aufsehen. Eine Dressurreiterin aus Singapur wurde disqualifiziert, weil ihr Pferd aus dem Maul blutete. Das Pferd des Schweizer Reiters Robin Godel musste eingeschläfert werden, nachdem es sich einen Bänderriss zugezogen hatte und ein irischer Athlet ritt mit seinem Pferd das Parcoursrennen, obwohl es stark aus der Nase blutete.

«Beim Leistungssport geht man an die Belastungsgrenzen, aber die Tiere können nicht selbst entscheiden, ob sie das möchten. Die Reitenden müssen deshalb eine feine Balance im Training und im Wettbewerb halten und ein gutes Gespür für ihr Tier haben und auf das Tier reagieren», sagt Kienapfel-Henseleit.

«Saint Boy» wollte einfach nicht über die Hindernisse.
«Saint Boy» wollte einfach nicht über die Hindernisse.
Bild: keystone

Denn eigentlich seien Pferde von Natur aus lernwillige Tiere, denen es auch Spass bereitet, neue Dinge zu erlernen und diese zu zeigen. Zudem seien Pferde Bewegungstiere, die durchaus gefordert werden dürfen. «Aber eben in einem gewissen Mass», erklärt die Verhaltensbiologin mit dem Schwerpunkt Pferd-Reiter-Interaktion.

Doch viele Freizeitsportler und auch die Athleten bei den Olympischen Spielen würden häufig über das eigentliche Ziel hinausschiessen. Statt mit Lob und positiver Verstärkung zu arbeiten, werde versucht, die Forderungen an die Pferde mit Gewalt durchzusetzen, und das schon im jungen Alter.

«Es gibt aber natürlich auch Trainer und Reiter, die eher auf den schnellen Erfolg setzen und die mit Druck und Strafe arbeiten. Die kommen auch zum Ziel. Aber nachhaltig ist es natürlich nicht und im Sinne des Tieres schon gar nicht», sagt Esther Müller.

Zu einer nicht tierfreundlichen Trainingsmethode zählt auch die sogenannte Rollkur. Mithilfe der Zügel ziehen die Reiter dabei den Kopf des Pferdes an die Brust. Diese Haltung ist für Pferde aber sehr unnatürlich und verursacht starke Schmerzen. «Die enge Kopfhaltung, wie sie im Dressursport oft zu beobachten ist, ist nicht natürlich. Es werden Muskeln im Hals angespannt, die das Pferd im natürlichen Verhalten nur ganz kurzzeitig nutzt», erklärt die Verhaltensbiologin.

Eine enge Kopfhaltung ist vor allem beim Dressurreiten zu beobachten.
Eine enge Kopfhaltung ist vor allem beim Dressurreiten zu beobachten.
Bild: keystone

Und das sei auch im Leistungssport wie bei Olympia zu beobachten. «Zu enges Reiten ist leider auch an Prüfungen im Spitzensport zu beobachten. Das ist auch bereits wissenschaftlich quantifiziert», berichtet Kienapfel-Henseleit.

Eine negative Bewertung durch die Kampfrichter gibt es für diese Art der Tierbehandlung aber nicht. «Laut unseren Studien gibt es im Dressursport eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg, wenn die Kopf-Hals-Position etwas enger geführt wird», erklärt Kienapfel-Henseleit. Zwar habe die internationale Dachorganisation des Pferdesports (FEI) die Rollkur seit 2016 verboten, aber mit letzter Konsequenz wird das nicht umgesetzt. «Diese Reglements gehen aus der Sicht eines Tierschützers nicht weit genug. Es sind viele Sachen erlaubt, wo wir sagen, dass es nicht im Sinne des Tieres ist», erklärt Esther Müller vom Tierschutzbund.

«Vancouver de Lanlore» will nicht so, wie Penelope Leprevost will.
«Vancouver de Lanlore» will nicht so, wie Penelope Leprevost will.
Bild: keystone

Normalerweise dauere es rund sieben Jahre, bis ein Pferd vollständig ausgebildet ist. Die deutsche Olympiasiegerin Isabell Werth arbeitet beispielsweise schon über 15 Jahre mit ihrem Pferd «Bella Rose» zusammen. Doch einige Tiere nehmen bereits mit acht Jahren in den höchsten Klassen teil. Um in dieser kurzen Zeit aber auf ein Weltklasse-Niveau zu kommen, sind tägliches Training und auch harte Umgangsformen nicht selten. «Wenn man über dieses Niveau spricht, dann muss man davon ausgehen, dass Überlastung eher die Regel als die Ausnahme ist», sagt auch die Tierschützerin.

Gerade durch die bereits frühe und hohe Belastung sei für viele Tiere ein normales Leben nach dem Leistungssport gar nicht mehr möglich. Für grosses Aufsehen sorgte der Fall des Schweizer Reiters Robin Godel, dessen Pferd «Jet Set» während der Olympischen Spiele aufgrund eines Bänderrisses eingeschläfert wurde.

«Pferde sind hochspezialisierte Lauftiere und auf den Sehnen und Bändern lastet eine unglaubliche Kraft.» Anders als beim Menschen könne man dem Tier nicht erklären, dass es das verletzte Bein schonen muss. «Es sind Fluchttiere und wenn Adrenalin ausgeschüttet wird, dann rennen sie weg und merken erst im Nachhinein, dass es nicht gut war, das verletzte Bein zu belasten», veranschaulicht Kienapfel-Henseleit. So können gerade Verletzungen an den Beinen nie wirklich heilen.

In der Natur springt ein Pferd nur sehr selten.
In der Natur springt ein Pferd nur sehr selten.
Bild: keystone

Dabei steht nicht nur eine bestimmte Disziplin im Pferdesport in der Kritik, sondern alle olympischen Wettbewerbe. Die Bewegungen, welche die Tiere bei der Dressur, im Springreiten und in der Vielseitigkeit ausführen, seien nicht natürlich.

In der Natur würde ein Pferd nur in absoluten Ausnahme- oder Fluchtsituationen springen, erzählt die Tierschützerin. Etwas anders verhält es sich hingegen mit den Bewegungen in der Dressur. Für die tänzerisch wirkenden Elemente wie zum Beispiel die «Piaffe» – also das Traben auf einer Stelle – seien vor allem bei Hengsten die Grundanlagen vorhanden, da sie damit Stuten imponieren wollen. Doch die Tierschützerin relativiert auch: «Aber natürlich nicht in dieser Ausprägung, in dieser Dauer, in dieser Masse und auch nicht unbedingt auf Befehl.»

Dass die olympischen Wettbewerbe mit ihrem Leistungsgedanken aber dennoch im Einklang mit dem Tierwohl stattfinden können, glaubt Verhaltensbiologin Kienapfel-Henseleit. «Pferdesport im Einklang mit dem Tierwohl ist möglich, wenn man das Pferd auch positiv motiviert und dementsprechend das Pferd selber eine Höchstleistung erbringen will. Auch Spitzensportler lieben ihre Pferde.»

Die Amerikanerin Lara Kraut lobt ihr Pferd für den guten Ritt.
Die Amerikanerin Lara Kraut lobt ihr Pferd für den guten Ritt.
Bild: keystone

Es sei jedoch nicht nur die Aufgabe der Reiterinnen und Reiter, sondern auch der Kampfrichter, auf das Tierwohl zu achten und spektakuläres, aber tier-unfreundliches Reiten nicht noch zu belohnen. Tierschützerin Müller sieht das etwas pessimistischer. «Die Profi-Reiter und Trainer verdienen damit ihr Geld. Da ist es natürlich relativ naheliegend, dass das Wohl des Pferdes vielleicht auch mal hinter den ökonomischen Interessen zurücksteht.» Und so rät Kienapfel-Henseleit: «Wichtig bleibt es, das Tierwohl vor den Erfolg zu stellen. Vielleicht muss man dann auch einfach mal hinnehmen, wenn das Pferd keinen guten Tag hat.»

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