Terrorismus
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epa08839659 Police in front of the Manor department store in Piazza Dante in Lugano, Switzerland, 24 November 2020. In the afternoon shortly after 2 p.m. a stabbing occurred in the department store. According to the Ticino cantonal police, the perpetrator is a 28-year-old Swiss woman. One person was seriously injured. Authorities suspect a terrorist background to the crime.  EPA/Pablo Gianinazzi

Der als Terrorangriff eingestufte Vorfall in der Manor-Filiale in Lugano wirft Fragen auf. Bild: keystone

Angreiferin von Lugano weilte in psychiatrischer Klinik – das Wichtigste in 6 Punkten



Am Dienstag kurz nach 14 Uhr startete eine 28-jährige Schweizerin in der Manor-Filiale einen Angriff. Die mutmassliche Dschihadistin packte eine Frau an der Kehle, eine andere verletzte sie mit einem langen Messer schwer am Hals. Laut «tio.ch» soll die mutmassliche Täterin «Ich bin vom Isis» gerufen haben. Nach dem tödlichen Angriff von Morges VD im September ist dies die zweite als terroristisch eingestufte Tat in der Schweiz innert weniger Wochen.

Was wissen wir über die Angreiferin?

ZUM THEMA VERBOT AL-QAIDA UND ISLAMISCHER STAAT AN DER FRUEHLINGSSESSION 2018 AM MITTWOCH 28. FEBRUAR 2018 STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG - FILE - This undated file image posted on a militant website on Tuesday, Jan. 14, 2014, which has been verified and is consistent with other AP reporting, shows fighters from the al-Qaida linked Islamic State of Iraq and the Levant (ISIL) marching in Raqqa, Syria. Across the broad swath of territory it controls from northern Syria through northern and western Iraq, the extremist group known as the Islamic State has proven to be highly organized governors. (KEYSTONE/AP Photo/Militant Website, File)

Die Angreiferin von Lugano sympathisierte für den Islamischen Staat. Bild: AP Militant Website

Die 28-jährige Schweizerin tauchte 2017 auf dem Radar des Schweizer Nachrichtendienstes (NDB) auf. Wie das Fedpol mitteilte, habe sie sich damals über soziale Medien in einen dschihadistischen Kämpfer in Syrien verliebt. Aber als sie zu ihm nach Syrien reisen wollte, sei sie an der türkisch-syrischen Grenze angehalten und von den türkischen Behörden in die Schweiz zurückgeschickt worden. «Sie litt zu diesem Zeitpunkt an psychischen Problemen», so das Fedpol weiter. Die Konvertitin weilte in einer psychiatrischen Klinik und tauchte darauf in den Ermittlungen des Fedpol nicht mehr auf.

Die Bundesanwaltschaft (BA) eröffnete gegen die Frau ein Strafverfahren, unter anderem wegen des Verdachts der versuchten vorsätzlichen Tötung und der schweren Körperverletzung sowie des Verstosses gegen Art. 2 des Bundesgesetzes über das Verbot der Gruppierungen Al-Kaida und Islamischer Staat (IS), wie sie auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA mitteilte. Die Frau sei festgenommen worden und befinde sich in Untersuchungshaft.

Wie stuft der Geheimdienst die Lage ein?

Seit 2015 sieht der NDB die Terrorgefahr in der Schweiz als «erhöht». Der Angriff im Manor Lugano passt zur vom NDB skizzierten Terror-Bedrohungslage: Als Täter in Frage kämen primär in der Schweiz radikalisierte Personen, die von der dschihadistischen Propaganda und durch Kontakte im persönlichen Umfeld inspiriert worden sind, aber nicht in direktem Kontakt mit Exponenten einer dschihadistischen Organisation stehen. «Darunter fallen zunehmend auch Täter, deren Radikalisierung und Gewaltorientierung eher in persönlichen Krisen oder psychischen Problemen als in ideologischer Überzeugung wurzeln», heisst es in dem Papier, das watson vorliegt. Dementsprechend schwierig sind Attacken vorauszusehen.

Gerade bei Gewalttaten, die einen nur geringen Bezug zur IS-Ideologie haben, sei die Frage, ob der Täter primär dschihadistisch motiviert war, oft schwierig zu beantworten. Umso schwieriger wird dies, wenn die Person wie im vorliegenden Fall psychisch gestört ist.

Wie viele potenzielle Terroristen sind in der Schweiz bekannt?

Der NDB zählt aktuell schweizweit 57 Personen als Risikopersonen, die eine Bedrohung für die Sicherheit der Schweiz darstellen. Im Dschihad-Monitoring hat der NDB darüber hinaus 670 Nutzerinnen und Nutzer identifiziert, die aus der Schweiz via Internet dschihadistisches Gedankengut verbreiten oder sich mit Gleichgesinnten im In- und Ausland vernetzen. In der Schweiz weiss der NDB von rund 50 Personen, die sich im Gefängnis radikalisiert haben. Oder wegen Straftaten im Zusammenhang mit Terrorismus verurteilt wurden.

Welche Rolle spielt Corona?

Im NDB-Papier steht weiter, dass die Corona-Krise ein zusätzlicher Stressfaktor für Personen mit psychischer Vorbelastung ist und radikalisierte Personen – auch wegen der Medienberichterstattung – zum Handeln bewegen könne. «Die staatlichen Corona-Einschränkungen fördern das Leben im virtuellen Raum, wodurch der Konsum dschihadistischer Inhalte und die Vernetzung radikalisierter Personen zunehmen dürfte», hält der NDB fest.

Was sagt die Expertin?

Bild

Miryam Eser (56) ist Expertin für dschihadistische Radikalisierung. Sie ist wenig erstaunt, dass die mutmassliche Täterin psychische Probleme hatte. «Bei ohnehin labilen oder leicht depressiven Personen können Lebenskrisen dazu führen, dass sich Menschen stärker von extremistischen Inhalten angezogen fühlen», so die Dozentin am Departement Soziale Arbeit der ZHAW. Solche Taten seien extrem schwierig vorauszusehen.

Eser betont, dass die zwei jüngsten Taten in Lugano oder Morges nicht mit den Anschlägen in Wien oder Nizza zu vergleichen seien. «Die hatten ein ganz anderes Ausmass. Die Ermittlungen werden zeigen, ob es sich bei den jüngsten Vorfällen in Lugano oder Morges tatsächlich um Terrorakte handelt oder ob bloss Terror als Motiv missbraucht worden ist.»

Grundsätzlich hätte es in der Schweiz jede Stadt treffen können. Von ihrem Team ausgewertete Daten von dschihadistischen Gefährdern in der Schweiz von 2019 zeigten jedoch, dass sowohl der Genferseeraum als auch das Tessin stärker von der Radikalisierung betroffen sind als andere Regionen.

Was unternehmen die Behörden gegen die Terrorgefahr?

Von den Behörden als Gefährder eingestufte Personen müssen sich je nach Fall regelmässig auf Polizeiposten melden oder an Rayonverbote halten. Eine lückenlose Überwachung ist extrem aufwändig und kaum realistisch.

Das Parlament hat im Herbst ein neues Anti-Terror-Gesetz verabschiedet. Es sieht einen Katalog an neuen Mitteln vor, mit denen die Schweizer Behörden auf «terroristische Gefährderinnen und Gefährder» reagieren können. Ins Visier der Behörden kommt man, wenn es Anhaltspunkte gibt, dass «sie oder er eine terroristische Aktivität ausüben wird». Auch Minderjährige werden nicht verschont. Der Bund soll Kontaktverbote bereits für 12-Jährige anordnen können. Zudem verschärft das Parlament die Höchststrafen für Terroristen. Dagegen haben verschiedene Jungparteien das Referendum ergriffen.

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Reise im Islamischen Staat

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