Pro Juventute: «Uns überrascht der Anstieg junger IV-Fälle nicht»
Frau Meier, was sind aktuell die häufigsten Gründe, weshalb sich junge Menschen bei 147 melden?
Anja Meier: Wir merken klar: Die Belastung nimmt zu. Wenn man unsere Zahlen für 2025 anschaut, haben wir nach wie vor am häufigsten Anrufe wegen Suizidgedanken. Wir führen dazu im Schnitt rund zwölf Beratungen pro Tag. Vor Corona waren es drei bis vier. Am zweithäufigsten melden sich Junge persönlichen Krisen, dazu führen wir neun Beratungen pro Tag durch. Darauf folgen Konflikte mit den Eltern sowie Depressionen mit je 5-6 Beratungen Aber es gibt noch andere Fälle, die zugenommen haben.
Welche?
Auffällig ist der generelle Anstieg beim Thema Gewalt. Die Beratungen zu Gewalt in der Familie zum Beispiel haben sich in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt. Und wir hören oft, dass sich Jugendliche Sorgen um Freundinnen und Freunde machen, weil sie merken, dass es jemandem im Umfeld schlecht geht.
Woran liegt das aus Ihrer Sicht, dass mehr junge Menschen persönliche Krisen erleben?
Die Gründe sind sehr unterschiedlich. Was wir stark wahrnehmen, ist Leistungsdruck: Stress in der Ausbildung, das Gefühl, den Anforderungen nicht zu genügen. Dazu kommen Konflikterfahrungen im Umfeld und eine spürbare Zukunftsunsicherheit.
Wie zeigt sich diese Zukunftsunsicherheit?
Wir haben kürzlich unsere Jugendstudie veröffentlicht, die zeigt, dass die Sorgen wegen Kriegen und der beruflichen Zukunft stark zugenommen haben. Aus unserer Sicht hängt das mit der Weltlage, der wirtschaftlichen Lage und der Unsicherheit darüber zusammen, wie sich die Arbeitswelt entwickelt.
Viele suchen die Erklärung für persönliche Krisen in den sozialen Medien. Ist das aus Ihrer Sicht der Haupttreiber?
Social Media ist ambivalent. Für psychisch belastete junge Menschen kann es sogar positiv sein, wenn sie dort eine Community finden und sich gegenseitig unterstützen. Man kann deshalb nicht einfach sagen: Wer Social Media nutzt, ist stärker belastet. Entscheidend ist, wie man es nutzt, ob man sich abgrenzen kann, ob man ein gutes Umfeld hat. Deshalb ist es wichtig, einen gesunden Umgang damit zu lernen.
Neben Social Media befassen sich viele Jugendliche zunehmend mit KI und behandeln diese wie einen Therapeuten. Ist das nicht kontraproduktiv?
Eine Befragung von uns hat ergeben, dass etwa jede zehnte junge Person sich mit psychischen Problemen an eine KI wendet. Wir können nicht abschliessend sagen, ob das mehr Chancen oder Risiken bringt. Klar ist aber: KI hat keinen Feierabend, ist niederschwellig und immer verfügbar. Das kann in einem System mit langen Wartezeiten für Therapeuten oder Therapieplätze attraktiv wirken.
Anders gefragt – Wo sehen Sie die Grenzen der KI-Therapie?
Es ist wichtig, dass sich Jugendliche bewusst sind, dass eine KI weniger Empathie vermitteln kann und Situationen schlechter einschätzen kann als eine Fachperson. Wichtig ist deshalb, dass KI auch konsequent auf echte Beratungsstellen wie 147 verweist.
Es gibt seit Jahren einen starken Anstieg junger IV-Fälle wegen psychischer Erkrankungen. Überrascht Sie das?
Nein. Uns überrascht das nicht, weil wir jeden Tag spüren, wie viel Druck im System ist. Wenn wir über solche Entwicklungen sprechen, muss man die ganze Versorgungskette anschauen. Es braucht frühere Hilfe, damit Belastungen nicht chronifizieren und Menschen am Schluss im IV-System landen.
Was müsste sich aus Ihrer Sicht konkret verändern?
Therapeutische Angebote müssen gestärkt werden: mehr Plätze, kürzere Wartezeiten. Gleichzeitig braucht es starke Erst-Anlaufstellen. Und Prävention: in der Schule, zu Hause, im Umfeld – auch indem Leistungsdruck thematisiert wird und junge Menschen früh Unterstützung erhalten.
Was sagen Sie jenen, die behaupten, die heutige Jugend melde sich lieber bei der IV an, anstatt zu arbeiten?
Junge gehen nicht lieber zur IV anstatt zu arbeiten, diese Vorwürfe teilen wir nicht. Diese Behauptung ist auch gefährlich, weil es junge Menschen abschrecken kann, sich in Notsituationen Hilfe zu holen. Wir erleben täglich, dass Belastungen sehr akut sein können. Zudem hat unsere Gesellschaft eine Schutzverantwortung gegenüber jungen Menschen. Wir sehen eine tolle Jugend in der Schweiz: Sie sorgt sich umeinander, sie interessiert sich für die Welt. Man sollte sie ernst nehmen und psychische Notsituationen nicht bagatellisieren.
