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Feiern an der Europaallee in Zürich: Die Immobilienparty ist vorbei.
Feiern an der Europaallee in Zürich: Die Immobilienparty ist vorbei.
Bild: KEYSTONE
immobilienpreise in der schweiz

Die Party ist vorbei – ein Kater droht aber (noch) nicht

Die Preise steigen deutlich langsamer als in den vergangenen Jahren. Das bedeutet aber nicht, dass die Immobilienblase platzt. Dafür braucht es einen Nadelstich von aussen.
30.08.2014, 07:2330.08.2014, 10:30
thomas schlittler / aargauer zeitung
Ein Artikel von
Aargauer Zeitung

Die Europaallee am Hauptbahnhof Zürich ist das prestigeträchtigste Immobilienprojekt der Limmatstadt. Zahlreiche Privatwohnungen sind zu haben – immer noch zu haben. Bei einigen 3½-Zimmer-Wohnungen wird als Bezugstermin der 15. Januar 2014 angegeben. Das war vor mehr als sieben Monaten.

Trotzdem hat sich offenbar noch niemand finden lassen, der bereit ist, für 130 Quadratmeter Wohnfläche 5600 Franken pro Monat hinzublättern. «Käufer sind nicht mehr bereit, jeden Preis zu bezahlen», sagt Immobilienexperte Donato Scognamiglio. 

Europaallee in Zürich.
Europaallee in Zürich.
Bild: SBB

Die Schweizer Immobilienbranche hat in den letzten Jahren ein rauschendes Fest gefeiert: Es wurde gebaut, was das Zeug hält. Die Preise stiegen kräftig an. Kein Objekt war zu teuer. Damit ist es nun vorbei. Laut einer Studie der ETH -Zürich und des Vergleichsdienstes Comparis ist es im ersten Halbjahr zu einer deutlichen Verlangsamung des Preisanstiegs gekommen. In vielen Regionen steigen die Leerwohnungsquoten. 

Was nun?

Jetzt auf

Wie bei jeder feuchtfröhlichen Party, die ihren Höhepunkt erreicht hat, müssen sich deshalb auch die Gäste der Immobilienparty die Frage stellen: was nun? Verlockend wäre es, eine Flasche Tequila aus dem Keller zu holen, um das Hochgefühl künstlich zu verlängern. Es wäre aber auch extrem gefährlich. Denn der Kater am nächsten Morgen würde umso schlimmer ausfallen. 

Auf den Immobilienmarkt bezogen heisst das: Einfach weiterbauen wie bisher, ist wohl keine gute Idee – da sind sich die Marktteilnehmer weitgehend einig. Also lieber eine Flasche Wasser trinken und prophylaktisch ein Aspirin einwerfen? Das könnte den drohenden Brummschädel zwar mildern, hätte aber unberechenbare Nebenwirkungen. Panische Überreaktionen – in Form von Überregulierungen – sind deshalb ebenfalls zu vermeiden. 

Neue Regel tragen zur Beruhigung bei

So hält Scognamiglio ein striktes Verbot des Pensionskassenvorbezugs für einen potenziellen Auslöser eines Preissturzes. «Die im Juli 2012 eingeführten neuen Regeln zur Finanzierung von Wohneigentum haben bereits entscheidend zur Beruhigung der Immobilienmärkte beigetragen», so der CEO der IAZI AG, einer der führenden Immobilien-Beratungsfirmen der Schweiz. Doch was ist für die etwas müden Partygäste die Alternative zu Tequila und Aspirin?

Skyline von Zürich.
Skyline von Zürich.
Bild: KEYSTONE

Grund zur Panik besteht auf jeden Fall nicht. «Dank der Stabilität platzen Blasen in der Schweiz nicht plötzlich», sagt ETH-Professor Didier Sornette. Dass es im Luxussegment deutlich schwieriger geworden ist, Käufer zu finden, mag für einige Immobilienfirmen bitter sein, für den Gesamtmarkt ist das aber nicht weiter tragisch. Auch die steigenden Leerwohnungsquoten sind kein Grund, die Immobilienparty überstürzt zu verlassen. Denn die Leerwohnungsquoten steigen nur minim.

«Die verschiedenen Indikatoren werden überinterpretiert», sagt Scognamiglio. In der Schweiz gebe es acht Millionen Menschen und vier Millionen Wohneinheiten. Dieses Gefüge sei nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Scognamiglio: «Stellen Sie sich den Zürichsee vor: Wenn dort an den Rändern zwei Buben reinpinkeln, sorgt das auch nicht für eine Überschwemmung. Auf dem Schweizer Immobilienmarkt ist es ähnlich.» 

Von einer Krise weit entfernt

Von einer Krise ist die Schweizer Immobilienlandschaft also weit entfernt. Zu einem dramatischen Preissturz wird es nicht kommen, sind sich die Experten einig – solange sich an der Stabilität im Land nichts ändert. 

Als Unsicherheitsfaktoren, die diese Stabilität gefährden könnten, werden die üblichen Verdächtigen genannt: eine radikale Umsetzung der Zuwanderungsinitiative, weil das die Nachfrage nach Wohnraum abklemmen würde und die bilateralen Verträge gefährden könnte. Ein striktes Verbot des Pensionskassenvorbezugs, weil sich dadurch viele Menschen den Traum vom Eigenheim abschminken müssten. Und natürlich stark steigende Zinsen: «Sollten diese plötzlich in die Höhe schiessen, würde das wohl für ein kleineres Erdbeben sorgen», sagt Scognamiglio. 

Alle diese Unsicherheitsfaktoren können die Gäste der Immobilienparty aber kaum beeinflussen. Am besten gönnen sie sich deshalb eine letzte Zigarette auf dem Balkon, nippen noch zwei, drei Mal am Weinglas und lassen den Abend gemütlich ausklingen – ohne sich bereits zu grosse Sorgen zu machen wegen des drohenden Katers. Denn verhindern lässt er sich wohl ohnehin nicht. Oder um es mit den Worten Scognamiglios zu sagen: «Eine sanfte Landung im Immobilienmarkt halte ich für eine Illusion. In der Vergangenheit ging es immer rauf und runter. So wird es auch dieses Mal sein.»

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