Zahl der Schweizer Händler auf Temu steigt – trotz vormaligem Widerstand
Die Zahl der Schweizer Anbieter auf der chinesischen Plattform Temu wächst. Das Beratungsunternehmen Carpathia zählt bereits 10 Händler, die ihre Ware dort verkaufen. Neben kleinen Shops, die etwa Nagellack, Schmuck oder Fasnachtskostüme anbieten, sind auch erste grössere Verkäufer dabei. Die Detailhandelsexperten nennen etwa die Elektrohändler Novistore und Hermex oder eine Einrichtungsfirma namens Guteszeug.
Temu hat Mitte September seine Plattform für hiesige Händler geöffnet und verspricht einen «kosteneffizienten und reichweitenstarken Verkaufskanal». Das Angebot gilt vorerst nur für Verkäufe in der Schweiz, später sollen die Schweizer Händler auch die internationale Kundschaft via Temu bedienen dürfen.
«Während hierzulande noch darüber debattiert wird, wie man mit der Plattform aus China umgehen soll, haben die ersten Schweizer Händler Fakten geschaffen: Der Kunde ist dort, die Reichweite passt, die Konditionen passen offenbar auch – also nutzen sie die Möglichkeit», schreibt Carpathia.
«Dann sind wir schnell wieder weg»
Ob die Konditionen tatsächlich stimmen? Eine Recherche von CH Media zeigte jedenfalls kürzlich, dass die Schweizer Pioniere auf Temu weniger auf massenweise Verkäufe hoffen, sondern vielmehr dort präsent sind, um die Konkurrenz aus China besser zu verstehen.
Ein Händler, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen wollte, zog ein ernüchterndes Fazit:
Zwar gebe Temu offiziell keine festen Verkaufspreise vor. «In der Realität sieht man aber, dass das System laufend mit anderen Plattformen wie Amazon vergleicht», sagte der Händler.
Ähnlich äusserte sich Stephan Widmer, der Chef des Möbelhändlers Beliani mit Sitz in Baar ZG. Er ist probeweise auf Temu, wie er der «Handelszeitung» berichtete. Man wolle Erfahrungen sammeln. «Wenn es nicht klappt, sind wir schnell wieder weg.»
Teurer auf Temu als im eigenen Shop
Mit Blick auf die Preisgestaltung wirft insbesondere das Angebot des Schaffhauser Händlers Hermex Fragen auf. Er verlangt etwa für eine Schutzfolie für die Konsole Nintendo Switch auf Temu 12 Franken – im eigenen Onlineshop gibts die Hülle für 9.95 Franken. So dürfte Hermex im Temu-Algorithmus kaum viel Reichweite erzielen. Welche Überlegungen hinter dieser Preisgestaltung stehen, war bei Hermex nicht zu erfahren. Einige Stunden nach der Anfrage von CH Media am Mittwochmittag verschwand das entsprechende Angebot von Hermex auf Temu.
Bemerkenswert ist ein weiterer Umstand: Hermex ist Mitglied des Schweizerischen Handelsverbands. Dieser wehrt sich vehement gegen die Billigkonkurrenz aus China. Im Sommer 2024 hat er beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) eine Klage gegen Temu eingereicht. Der Hauptkritikpunkt: Die Geschäftspraktiken von Temu verstiessen gegen die Spielregeln des fairen Wettbewerbs. Es brauche gleich lange Spiesse für alle. Konkret rügte der Verband, dass Temu sich nicht an hiesige Produktsicherheits- und Entsorgungsregeln halte.
Temu musste sich bessern
Nun ist mit Hermex ein Mitglied des Verbands selbst auf Temu aktiv – und macht mit der viel gescholtenen Konkurrenz aus China Geschäfte. Wie passt das zusammen? Bernhard Egger, Geschäftsführer des Handelsverbands, sagt dazu: «Wenn Schweizer Händler oder Produzenten die Plattform nutzen, um ihre zertifizierten Produkte zu verkaufen, welche den schweizerischen Gesetzen unterliegen, dann sehen wir keine Probleme. Hier gibt es einen Schweizer Ansprechpartner für den Schweizer Kunden und eine Schweizer Firma.»
Die Kritik der Schweizer Händler hat bereits insofern gewirkt, als das Seco im April einen Erfolg vermelden konnte. Die chinesische Plattform hatte sich verpflichtet, Änderungen umzusetzen. So setzt sie die Kundschaft nicht mehr mit Meldungen wie «Beeilen Sie sich!» unter Zugzwang. Zudem muss Temu die angepriesenen Rabatte transparenter ausweisen.
Das sind aus Sicht der Branche erste Schritte. Doch eine Lösung, etwa bei der Produkthaftpflicht, gibt es weiterhin nicht. Das Seco erklärte, dass aktuell keine rechtlichen Schritte gegen die Niederlassung von Temu in der Schweiz bevorstünden. Allerdings behalte man es sich vor, die Firma bei neuen Beschwerden erneut in die Pflicht zu nehmen. (aargauerzeitung.ch)
