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Fall Holcim gegen indonesische Fischer an Zuger Gericht in 6 Punkten

Zuger Gericht lässt Klage zu: Der Fall Holcim vs. indonesische Fischer in 6 Punkten

22.12.2025, 11:3722.12.2025, 11:37

Was ist neu?

Vier Fischerinnen und Fischer einer indonesischen Insel können vor der Zuger Justiz wegen des Klimawandels zivilrechtlich Schadenersatz vom Zementhersteller Holcim fordern. Das Kantonsgericht ist auf die Klage eingetreten.

CEO Miljan Gutovic spricht an der Bilanzmedienkonferenz des Baustoffherstellers Holcim in Zuerich, aufgenommen am Freitag, 28. Februar 2025. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Holcim-CEO Miljan Gutovic.Bild: keystone

Das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks), das die Fischer der Insel Pari unterstützt, hat am Montag das Urteil publik gemacht.

Warum sorgt der Fall für Aufsehen?

Die Zivilklage gegen Holcim sei eine Premiere für die Schweizer Rechtsprechung, sagte Heks-Sprecher Lorenz Kummer auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Zuvor sei noch nie eine Schweizer Firma wegen ihrer mutmasslichen Verantwortung für derartige Klimaschäden verklagt worden.

«Es handelt sich um einen wichtigen und folgerichtigen Entscheid mit internationaler Signalwirkung», sagte Kummer. Das Gericht habe die Argumente der vier indonesischen Fischerinnen und Fischer als «stichhaltig» beurteilt.

Wie stehen die Chancen der Fischer?

Die Erfolgsaussichten der Klage schätzt das Hilfswerk als gut ein. Wichtig sei zudem, dass die Klägerinnen und Kläger vom Gericht angehört worden seien, auch wenn in der Sache selbst noch kein Entscheid gefallen sei, sagte Kummer.

epa12348220 The plaintiffs from Indonesia, Ibu Asmania (L) and Arif Asmania (R) answer questions from the media in front of the court and government building during the main hearing in the case of Ibu ...
Die Klägerinnen und Kläger aus Indonesien.Bild: keystone

Wie reagiert Holcim?

Holcim akzeptiert diesen Vorentscheid nicht und will Berufung einlegen, wie das Unternehmen mitteilte. Es lehnte die Forderungen der Klägerinnen und Kläger schon im September bei der Anhörung ab und argumentierte, diese seien vom Klimawandel ebenso betroffen wie die gesamte Weltbevölkerung. Wer wie viel CO2 ausstossen dürfe, sei eine «Kompetenz des Gesetzgebers» und «keine Frage für ein Zivilgericht».

Wie argumentiert das Gericht?

Das im Kanton Zug für zivilrechtliche Angelegenheiten zuständige Kantonsgericht kommt in seinem 52-seitigen Urteil aber zum Schluss, dass es für diese internationale Streitigkeit zuständig sei. Es gehe um die privaten und individuellen Rechte der Fischer, welche diese geschützt haben wollen, stellte es fest.

Das Kantonsgericht folgte damit der Argumentation von Holcim nicht, dass es bei dem Fall nicht um die Beilegung eines einzelnen Streitfalls gehe, sondern um das komplexe und globale Problem des Treibhausgasausstosses. In den Augen des Zementherstellers ist das Zivilgericht auch nicht zuständig, weil die Kläger und das Heks eine «politische Entscheidung» anstrebten.

Es gehe «nicht um die globalen Auswirkungen des Klimawandels für die Menschheit, sondern um seine lokalen, direkt spürbaren negativen Erscheinungsformen auf der Insel Pari für die direkt betroffenen klägerischen Parteien», heisst es im Urteil.

Im Gegensatz zu Holcim kam das Kantonsgericht auch zum Schluss, dass die Fischer einen hinreichenden Grund für eine Klage hätten. Es gehe nicht nur um den CO2-Ausstoss in der Vergangenheit, sondern auch den in der Zukunft. Es sei «eine ernsthafte Gefahr für eine erneute Rechtsverletzung nicht nur zu befürchten, sondern als sicher anzusehen», heisst es in dem Urteil.

Was genau fordern die Fischer?

Die vom Heks vertretenen Fischer werfen dem Holcim-Konzern vor, dass er als weltweit grösster Zementhersteller zu viel CO2 ausstosse und ihnen schade. Er trage zum Klimawandel und dem Anstieg des Meeresspiegels sowie Überflutungen bei. Sie fordern Schadenersatz und Genugtuung, eine Flutschutzmassnahme sowie eine Reduktion des CO2-Ausstosses.

Zu diesen Forderungen hat das Kantonsgericht noch keinen Entscheid getroffen. Ein Gericht, das das Interesse des Klägers als schutzwürdig anerkenne, bejahe damit nicht bereits die materielle Argumentation der Klage, heisst es dazu im Urteil. (dab/sda)

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60 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Sebastianus
22.12.2025 12:34registriert Dezember 2023
Ein eigenartiger Entscheid. Zum Glück produziert nur Holcim CO2. die HEKS will sich investieren Schweiz Geld beschaffen für ihre Projekte.
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nichtMc
22.12.2025 12:56registriert Juli 2019
Auf der einen Seite bin ich gespannt auf den Ausgang.
Auf der anderen Seite frage ich mich, was das soll.

Warum werden nicht die State Grid Corporation of China (weltgrösster Energieversorger ), die China Baowu Group (weltgrösster Stahlhersteller), Saudi Aramco (grösster Ölkonzern) oder Cargill (grösster Landwirtschaftskonzern) verklagt?

Und wenn die Klage erfolgreich ist, was geschieht dann mit den indonesischen Fischern?
Indonesien ist das Land, welches weltweit die zweitgrösste Menge an Plastikmüll in die Ozeane lässt… 🤷‍♂️
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The Real Tonald Dump
22.12.2025 12:42registriert März 2025
Warum verklagen die Fischer nicht den Staat Indonesien? Flutprävention und Schutzmassnahmen sind Sache des jeweiligen Landes. Zudem, warum verklagen die Fischer nicht all die Firmen, welche Farmen und Plantagen im Land betreiben und mit ständigen Brandrodungen nicht nur massiv CO2 produzieren, sondern auch Dschungelflächen vernichten und die Luft im Land so stark belasten, dass man schon zynisch von 'Knuspriger Luft' spricht? Weil man in der Schweiz mit solchen aktivitischen und ideologischen Klagen Gehör findet. Tja, dann wird das HQ von Holcim einfach in ein anderes Land verlegt. Have fun.
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