Böse Erinnerungen an Corona: Teneriffa wehrt sich gegen Einlaufen der «Hondius»
«Natürlich sind die Menschen verunsichert», poltert José Domingo Regalado, Bürgermeister von Granadilla de Abona. Im Hafen der kleinen Gemeinde im Süden von Teneriffa wird am Sonntag gegen 12 Uhr die Ankunft des Kreuzfahrtschiffs «MV Hondius» erwartet, auf dem das tödliche Hantavirus ausgebrochen ist.
Zwar haben die 140 auf dem Schiff verbliebenen Passagiere keine Krankheitssymptome. «Aber wir sind besorgt. Vor allem, weil wir kaum Informationen bekommen, was genau geschehen soll und wie sicher die Lage wirklich ist», so Regalado. Granadilla sei eine «hilfsbereite Gemeinde». Im Radiosender Cadena SER fordert er aber «medizinische Garantien und vollständige Transparenz».
Die Erinnerung an die Coronapandemie sässe bei vielen Einwohnern immer noch sehr tief. Die ersten Covid-Fälle in Spanien wurden damals auf den Kanarischen Inseln registriert, wo fast 3000 Menschen an den Folgen starben. Die beliebte Ferieninsel Teneriffa registrierte die meisten Todesfälle.
Was die Menschen nicht weniger verunsichert, sind die politischen Debatten. Es war die spanische Zentralregierung in Madrid, die Granadilla als Anlaufhafen für das kontaminierte Schiff auswählte. Es handelt sich um einen Industriehafen, der sich in der Nähe zum internationalen Flughafen Teneriffa Süd befindet, von dem aus die Kreuzfahrtpassagiere nach einer ersten medizinischen Untersuchung schnell in ihre Heimatländer überführt werden sollen.
Insel-Präsident wurde im Dunklen gelassen
Spaniens sozialistische Gesundheitsministerin Mónica García erklärte in Madrid, die Letalität des Virus sei zwar hoch, das Risiko für die Bevölkerung aber gering. Zudem sei man im ständigen Kontakt mit den Inselbehörden. Der konservative Präsident der Kanarischen Inseln, Fernando Clavijo, weiss davon aber anscheinend nichts.
Noch schlimmer: Er habe erst über die Presse davon erfahren, dass Spanien mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Aufnahme des Kreuzfahrtschiffs beschlossen habe, nachdem sich die Kapverden und Marokko geweigert hatten. Er habe weder technische Anweisungen noch medizinische Gutachten zu den Massnahmen erhalten, die nun ergriffen werden müssten.
Unterdessen wird auf Teneriffa ein Triage-Zentrum für die 14 spanischen Passagiere eingerichtet, bevor diese anschliessend mit einem Militärflugzeug ins Militärkrankenhaus Gómez Ulloa bei Madrid in Quarantäne kommen. Davon erfuhr die Kanaren-Regierung nach eigenen Angaben auch erst später. Gleichzeitig ist innerhalb der Zentralregierung ein Streit darüber entbrannt, ob die 14 spanischen Passagiere nach ihrer Ankunft tatsächlich isoliert werden müssen.
Das grösste Problem sei jedoch die Ungewissheit darüber, wie viele weitere Infizierte unerkannt an Bord sein könnten, sagt der kanarische Regierungssprecher Alfonso Cabello. Man rechne zwar mit einer niedrigen Zahl, schliesse eine grössere Verbreitung auf der gerade stattfindenden Überfahrt von den Kapverdischen Inseln nach Teneriffa jedoch nicht aus.
«Wir verstehen nicht, warum das Kreuzfahrtschiff drei Tage zu den Kanaren fahren muss, um genau dasselbe zu tun, was auch in Praia auf den Kap Verden möglich gewesen wäre», ärgert sich Inselpräsident Clavijo. Er fordert ein sofortiges Treffen mit Spaniens Ministerpräsidenten Pedro Sánchez, damit dieser die Entscheidung für die Aufnahme des Kreuzfahrtschiffs überdenke, da die Sicherheitsvorkehrungen nicht gewährleistet seien.
Suche nach den bereits abgereisten Passagieren
Die «MV Hondius» hatte ihre mehrmonatige Naturexpedition im März in Ushuaia im Süden Argentiniens begonnen. Das Schiff hatte auf seiner Fahrt einige der entlegensten Orte der Welt besucht, darunter auch die Antarktis. Die WHO vermutet, dass die Infektionskette vom mittlerweile verstorbenen niederländischen Ehepaar ausging. Während auf den Kanarischen Inseln die Vorbereitungen für die Ankunft des Schiffes laufen, versucht die WHO 23 Personen ausfindig zu machen, die sich an Bord befanden, die die Expedition aber vorzeitig verliessen. Unter ihnen ist auch ein Schweizer, der derzeit in Zürich hospitalisiert ist.
Mit dem Schweizer stieg die Zahl der Infizierten auf acht – einschliesslich der drei bereits verstorbenen Passagiere und eines in Südafrika hospitalisierten Patienten. Der Ausbruch begann während der Fahrt vor der Küste von Kap Verde. Das Virus hat eine Inkubationszeit zwischen sieben und 45 Tagen. Zum Zeitpunkt der Abfahrt nach Teneriffa galten die übrigen Passagiere als symptomfrei. Wie viele mittlerweile infiziert sein könnten, ist aber unklar.
Die sogenannte Anden-Variante des Hantavirus weist zwar eine geringe Mensch-zu-Mensch-Übertragung, aber eine hohe Sterblichkeitsrate von über 50 Prozent auf, erklärt der kanarische Epidemiologe Amós García Rojas gegenüber CH Media. Der Spezialist befindet sich bereits auf dem Weg nach Teneriffa. Er betont aber, dass er «keine Gefahr für eine Pandemie oder für die Bevölkerung auf den Kanaren» sehe, sofern alle Gesundheitsprotokolle eingehalten werden. (aargauerzeitung.ch)
