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Stilles Örtchen mit Weitsicht. Wo es steht, darf ich nicht verraten. bilder: watson

Ich habe «Handy-freie» Ferien überlebt – hier der schonungslose Bericht

Eine fast zweiwöchige Auszeit vom Internet, keine Mobilgeräte, kein Fernsehen: Mit diesem Ziel fuhren wir zuversichtlich in die Südschweiz ...



Vergiss «Digital Detox»!

Also nicht die Idee, die dahinter steckt, sondern den Begriff an sich: «Digitales Entgiften» klingt so gesundheitsfanatisch und hat mich früher immer abgeschreckt.

Dabei können sich Handy-freie Ferien lohnen und sogar genial werden. Wenn man gewisse Fehler vermeidet ...

Im Folgenden erwartet dich ein persönlicher Erfahrungsbericht, von dem du vielleicht den einen oder anderen praktischen Tipp mitnehmen kannst.

Die Ausgangslage

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Solche «Literatur» passt perfekt zum Handy-Entzug ...

Als wir familienintern und im Freundeskreis diskutierten, wie unsere Offline-Ferien wohl ablaufen würden, kristallisierte sich eine beunruhigende Erkenntnis heraus:

Alle dachten, mich träfe es am härtesten.

An dieser Stelle ist anzumerken, dass ich mich nicht (mehr) zur Spezies der Smartphone-Zombies zähle. Zwar ist das iPhone im Alltag ein unverzichtbares Werkzeug. Doch klebe ich dank Apple Watch deutlich weniger am Touch-Screen.

** lautes Gelächter **

Aber ernsthaft: Wir «modernen» Menschen sind fast überall und immer online. Aus der Angst heraus, etwas zu verpassen, lassen wir uns stetig berieseln und von Mitteilungen stören. Und sind süchtig nach Instant-Unterhaltung.

Genau das wird bei Offline-Ferien komplett unterbunden: Keine Breaking News, keine E-Mails, kein Instagram, keine Push-Nachricht, nix. Auf praktisch alles wollten wir verzichten, einschliesslich Tablet, Laptop und Fernsehen.

Wir führten aber mehrere Mobilgeräte «für den Notfall» mit – was ich übrigens am meisten bereuen sollte – und damit kommen wir zu den wichtigsten Learnings, sorry, Lehren.

Wähle den Ferienort weise

Der Grossstadtdschungel hat seinen Reiz, aber so richtig «abschalten» kann man in der freien Natur.

Was wäre für Offline-Ferien besser geeignet als ein abgelegenes Tal im Tessin, ohne Strom und Mobilfunk?

Im Val Bavona trifft man im Sommer hin und wieder auf Artgenossen. Doch es hat mehr Giftschlangen als Zweibeiner.

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Gefährliche Schönheit: Diese Kreuzotter sonnte sich mitten auf einem Waldpfad.

Bis auf einen kleinen Weiler – den hintersten «Krachen» – ist das ganze Tal nicht elektrifiziert. Dass in manchen Rusticos Rusticci trotzdem Strom fliesst, ist natürlich Solarpanels zu verdanken. Wobei die Energie in der Regel nur für die Innenbeleuchtung reicht, oder vielleicht fürs Handy. 😱

Ganz ehrlich: Wir hätten uns unsere Steinbehausung, die wir nach einem mehr oder weniger schweisstreibenden Aufstieg erreichten, viel unzivilisierter und unkomfortabler gewünscht.

So wie diese hier ...

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Wir schickten uns aber in die Annehmlichkeiten, die unser vergleichsweise modernes Rustico zu bieten hatte: Statt am offenen Feuer wurde mit Gas gekocht und gebacken, und für alle Warmduscher(innen) wurde durchlauferhitzt.

Teenager und WLAN

Etwas vom Spannendsten an unserem fast zweiwöchigen Ferien-Experiment war, zu sehen, wie die mitreisenden jungen Damen auf die ungewohnte Situation reagieren würden.

«OMG. Kein Snapchat, kein TikTok, kein YouTube?? 😱 Kein Internet, kein gar nichts!!!! 😱😱😱😱😱😱»

Wir rechneten mit dem Schlimmsten – und wurden positiv überrascht.

Mit der Ankunft waren elektronische Geräte kein Thema mehr. Und ohne Internet-Empfangsgeräte gab's auch keine WLAN-Sorgen: Kein Motzen und Jammern. Kein Stress.

Stattdessen wurde friedlich gespielt und stundenlang geplaudert. Gelesen und gekocht. Ausgekundschaftet und gefaulenzt.

Eine Veränderung war unüberhörbar: Die Teenager vermissten ihre geliebte Musik und beschlossen, dies nicht hinzunehmen. Aber auch wenn die gesanglichen Darbietungen zwischenzeitlich mehr an ein Katzenrudel als an die Fischer Chöre erinnerten, blieb es friedlich im Camp.

Entzugserscheinungen hatten nur die Erwachsenen. Und waren auch nicht immer konsequent, wie wir an dieser Stelle ehrlicherweise eingestehen. Natürlich «nur ausnahmsweise und in Notfällen», und damit zum nächsten Punkt ...

Von Regeln und Ausnahmen

Es empfiehlt sich, die Spielregeln für die Offline-Ferien vorab und für alle verbindlich festzulegen. Und dabei kommt es nicht darauf an, ob man allein reist, oder wie in unserem Fall in einer Gruppe von Erwachsenen, Kindern und Hund.

WTF!?

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Böse Zungen behaupten, ich hätte hier ein Handy gezückt. Leider erinnere ich mich nicht, kann aber sagen, dass ich häufig ein schwarzes Messer (nebst dem schwarzem Hund) mitführe.

Damit in der ersten Phase des kalten Entzugs keine Unruhe entsteht und sich alle Beteiligten entspannen können, müssen «Notfälle» zwingend vorbesprochen sein.

Dass man tatsächlich Handy-abhängig ist, stellt man nämlich spätestens dann fest, wenn man immer neue gute Gründe – Ausreden – findet, um es mitzunehmen.

Ach, wie sinnbildlich ...

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Wackliger Pfad mit Absturzgefahr: Musste ich einfach knipsen.

Wer googelt, verliert

Wenn es in den Sommerferien Katzen hagelt, schlägt die Stunde der Wahrheit. Dann zeigt sich gnadenlos, ob man sich bislang nur erfolgreich abgelenkt hat vom Elektronik-Entzug, oder ob man wirklich tiefenentspannt unterwegs ist.

Was gibt es Schöneres, als verregnete Tage vor dem brennenden Kaminfeuer zu verbringen? Sei dies mit Lesen, Schnitzen, oder anderen entspannenden Beschäftigungen ...

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Dieses Foto wurde nachträglich (!) mit der Prisma-App bearbeitet.

Dass wir in gemütlicher Runde ins Schwitzen kamen, lag nicht nur an den hohen Temperaturen, sondern auch an unserem Unwissen. Vom Alltag her sind wir es uns gewohnt, Wissenslücken sofort per Online-Recherche zu schliessen.

Ob auf der Suche nach dem perfekten Konter (einem «Diss», wie die Jungen heute sagen), nach wichtigen historischen Fakten oder den Öffnungszeiten des einzigen Grottos:

Wenn der Griff zum Handy verwehrt bleibt, bleibt vieles ungeklärt.

Das heisst nicht, dass Diskussionen weniger anregend verlaufen würden. Im Gegenteil. Niemand ist abgelenkt, und alle behaupten (wie früher üblich) munter drauflos.

Daher empfiehlt sich ...

Nimm Stoff mit. Guten Stoff und viel Stoff

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Wenn Bildschirme Tabu sind, wird Wissen in gedruckter Form besonders wertvoll. Sei dies ein dicker «Schinken» über heimische Pflanzen, sei dies das «Survival- und Fahrtenhandbuch für alle Pfadfinder», sei dies ein Roman aus der Vor-Handy-Zeit, wie «Shantaram», oder sei dies «Kollaps», ein Sachbuch über den Untergang von Gesellschaften ...

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Kalte Pizza und Weltuntergangsstimmung: Was will man mehr zum Zmorge?

Praktisch unverzichtbar in Wanderferien sind Wetter-Apps. Natürlich konsultierten wir täglich die analoge Wetterstation, aka Barometer. Doch hätten wir wohl die eine oder andere böse Überraschung erlebt, falls wir noch etwas häufiger und länger am Bergwandern gewesen wären.

PS: Vorsicht beim Postauto fahren! Sonst passiert es, dass man wie gebannt auf dem Sitz hängen bleibt. Ich hätte jedenfalls fast unsere Haltestelle verpasst wegen der «faszinierenden» Werbung, die auf dem Info-Screen lief. 🙈

Geile «Hardware»

Was in schwierigen Momenten der Smartphone-Entwöhnung hilft, ist, ein edles Stück aus Glas, Metall oder Kunststoff in die Hand nehmen zu können. Zum Beispiel:

Ich konnte ein kompaktes Modell aus dem Hause Swarovski Optik (Companion CL) mitführen und testen. Fazit: Gerade bei Wanderferien verzichte ich in Zukunft lieber aufs Handy, als auf einen qualitativ hochstehenden Feldstecher. Und es lohnt sich im Gegensatz zu den Premium-Smartphones, dafür einen vierstelligen Preis zu bezahlen. Die Dinger sind robust und halten ewig.

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Mein neues Lieblings-Gadget: Kostet so viel wie ein iPhone XS Max, ist schärfer. bild: watson

Was Messer anbelangt, kommt es sehr auf den individuellen Geschmack an. Das Hunter Pro von Victorinox hat mir immer zuverlässige Dienste geleistet: Es ist ein abwaschbares Jagd-Taschenmesser, das auch zum Schnitzen taugt.

Alarm, Alarm

Was ich Handy-los am meisten vermisste, waren praktische kleine Dinge, die einem im Alltag schon gar nicht mehr auffallen. Allen voran die Weckerfunktion.

Wie soll man rechtzeitig vor Sonnenaufgang loswandern, wenn man im Steinhaus wie ein Stein schläft und nicht mal vom (lauten!) Zwitschern der Vögel aufwacht, sondern dadurch in noch tiefere Traumgegenden abgleitet?

Auch tagsüber wird das Abmachen zum Abenteuer, wenn man sich in fremder, unbewohnter Kulisse aufhält. Da keine Erfahrungswerte vorliegen, ist das Schätzen der Zeit eher schwierig. Wobei es zu den ungemein befreienden Erfahrungen gehört, ohne jeglichen Zeitdruck zu leben ...

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Man beachte die selbstgeschnitzten Wanderstöcke.

Die grösste Chance
(kommt danach)

In den (fast) Handy-freien Ferien habe ich gestaunt, wie gut es tut, einfach mal offline zu sein. Man geniesst die gewonnenen Stunden und registriert erstaunt ein Gefühl, das man schon so lange nicht mehr hatte: Es wird einem zwischendurch so richtig schön langweilig. Todlangweilig! Der Hammer!

Da der Griff zum Handy oder Tablet entfiel, konnte ich eine alte und grosse Leidenschaft wieder entdecken: Mit unglaublichen Vergnügen verschlang ich zwei dicke Bücher und bereute, nicht mehr in den Rucksack gepackt zu haben.

Und mir wurde immer stärker bewusst, dass es auch im Alltag mit sehr viel weniger «Screen Time» ginge.

Je länger offline, desto grösser die Erholung.

Stellt sich die Frage, ob man als Online-Redaktor in einem online publizierten Erlebnisbericht so etwas schreiben soll? Nun denn, ich akzeptiere den Vorwurf der Heuchelei und hoffe, nicht allzu geschäftsschädigend zu sein (sorry, Chef!).

Und der Wiedereinstieg?

Das geht brutal schnell. Kaum hat man sein «Digitalleben» aus dem Flugmodus geholt, prasselt eine unglaubliche Lawine von Informationen und Mitteilungen auf einem nieder.

Man reibt sich die Augen. Fängt an, die elektronische Post durchzusehen und schmiedet neue Fluchtpläne.

Mein soeben gefasster Vorsatz: Die nächsten Sommerferien machen auch die Erwachsenen 100 Prozent Handy- und Internet-frei. Muss ich gleich in die Ticino-WhatsApp-Gruppe schreiben ...

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Der Dank geht an alle Mitreisenden, und speziell an Flavio, der auf einigen Schnappschüssen nicht zu sehen ist, weil er sie selber geknipst hat. bild: watson

Alle Tipps in Kürze

Du hast es eilig und möchtest auf die Schnelle wissen, wie Offline-Ferien gelingen und nicht im Fiasko enden? Dann findest du hier die wichtigsten praktischen Tipps:

Und zum Schluss:

Liebe Influencer, das Bavonatal lohnt sich nicht und ist gefährlich (denkt an die Giftschlangen!). Bleibt besser in Locarno oder Ascona.

Und du?

Hast du gute Erfahrungen gemacht mit Offline-Ferien? Oder ist das nichts für dich? Schreib uns via Kommentarfunktion.

Machst du selber Offline-Ferien?

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