DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ein finnischer Soldat an einer Truppenübung in Deutschland. Auf den EU- soll der Nato-Beitritt folgen.
Ein finnischer Soldat an einer Truppenübung in Deutschland. Auf den EU- soll der Nato-Beitritt folgen.Bild: Getty Images

Warum Finnland auf einmal in die Nato will

Die grosse Mehrheit der Finnen hat ihre Meinung zum Nato-Beitritt in kürzester Zeit radikal geändert. Das liegt nicht nur an der Ukraine, sondern auch an der Geschichte des Landes.
21.04.2022, 19:08

Das Verhältnis von Finnland zum Nordatlantikpakt ist kompliziert. Und jenes zu Russland noch viel komplizierter. Auf diesen etwas simplen Nenner lässt sich die Diskussion bringen, die seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs in dem nordeuropäischen Land geführt wird. Obwohl die Finnen eng mit der Nato kooperieren, war ein Beitritt lange nicht mehrheitsfähig.

In Umfragen kam er bestenfalls auf 30 Prozent. Das hat sich seit dem russischen Angriff auf die Ukraine radikal geändert. Heute sind etwa 60 Prozent in dem wald- und seenreichen Land für die Nato-Mitgliedschaft. Der Reichstag in Helsinki begann am Mittwoch mit der Beratung eines Berichts der Regierung über Vorteile und Risiken eines Nato-Beitritts.

Die finnische Regierungschefin Sanna Marin (r.) und ihre schwedische Amtskollegin Magdalena Andersson letzte Woche in Stockholm.
Die finnische Regierungschefin Sanna Marin (r.) und ihre schwedische Amtskollegin Magdalena Andersson letzte Woche in Stockholm.Bild: keystone

Die sozialdemokratische Ministerpräsidentin Sanna Marin hält sich offiziell zurück, doch ihre Präferenz geht in Richtung Mitgliedschaft. Ihr Amtsvorgänger Alexander Stubb brachte es gegenüber dem «Guardian» auf den Punkt: «Finnland entschied sich für die Nato am 24. Februar um 5 Uhr morgens, als russische Truppen in die Ukraine eindrangen.»

Nicht Monate, sondern Wochen

Der konservative Politiker war stets ein Befürworter des Beitritts. «Wenn Russland bereit ist, seine slawischen Brüder in der Ukraine abzuschlachten, warum sollten sie das nicht auch mit Finnland machen?», begründete Stubb den Sinneswandel seiner Landsleute: «Viele Finnen sind aufgewacht und sagten: ‹Genug! Jetzt müssen wir uns der Nato anschliessen.›»

Für den Ex-Regierungschef ist dies nur noch Formsache: «Zu 99,9 Prozent wird Finnland der Nato beitreten. Es ist keine Frage von Monaten mehr, sondern von Wochen», sagte er im Interview mit dem «Spiegel». Zuvor habe es «aus historischen Gründen» einen grossen ideologischen Widerstand gegen einen Nato-Beitritt gegeben, erklärte Stubb.

Eine späte Nation

Tatsächlich lässt sich die Nato-Debatte kaum nachvollziehen ohne einen Blick auf das wechselvolle Verhältnis zum grossen Nachbarn, mit dem Finnland eine mehr als 1300 Kilometer lange Grenze teilt. Obwohl die Finnen ein eigenständiges Volk mit «spezieller» Sprache sind, befanden sie sich die meiste Zeit ihrer Geschichte unter Fremdherrschaft.

Finnische Soldaten mit erbeutetem Material im Winterkrieg 1939/40. Vieles erinnert an den heutigen Ukraine-Krieg.
Finnische Soldaten mit erbeutetem Material im Winterkrieg 1939/40. Vieles erinnert an den heutigen Ukraine-Krieg.Bild: Keystone

Während Jahrhunderten waren sie Untertanen des schwedischen Königs. Ab dem 18. Jahrhundert übernahm das russische Zarenreich sukzessive die Kontrolle. Gleichzeitig entwickelte sich erstmals ein finnisches Nationalbewusstsein. Die Oktoberrevolution 1917 nutzten die Finnen, um sich von Russland zu lösen und ihre Unabhängigkeit zu erklären.

Winterkrieg als Gründungsmythos

Sie ging einher mit heftigen Geburtswehen. Es kam zu einem kurzen, aber blutigen Bürgerkrieg, in dem die konservativen «Weissen» die «Roten» besiegten. Überwunden wurde diese Spaltung im Winterkrieg 1939/40, als das kleine Finnland von der übermächtigen Sowjetunion angegriffen wurde. Nun verteidigten sich die Feinde von einst Seite an Seite.

Ihr heldenhafter Abwehrkampf wurde zum eigentlichen Gründungsmythos der Nation. Am Ende musste Finnland einige Gebiete an Stalins Sowjetunion abtreten, darunter Karelien im Süden. Die Unabhängigkeit aber konnte bewahrt werden. Die Erfahrung des Winterkriegs ist bis heute prägend für die Beziehung zum russischen Nachbarn.

Die «Finnlandisierung»

Nach dem Zweiten Weltkrieg führte dies zu jener Phase, in der Finnland offiziell neutral war, aber einen regen Austausch mit der Sowjetunion pflegte. Im deutschen Sprachraum wurde dafür der despektierliche Begriff «Finnlandisierung» verwendet, auf den die Finnen selbst ziemlich allergisch reagieren. Sie betrachten ihn als eine Art Synonym für Appeasement.

Ein finnischer F/A-18-Kampfjet: Das kleine Land verfügt über eine schlagkräftige Armee.
Ein finnischer F/A-18-Kampfjet: Das kleine Land verfügt über eine schlagkräftige Armee.Bild: Getty Images

Mit dem Ende des Kalten Kriegs und dem Zerfall der Sowjetunion zeigten sich die Nachteile: Die Wirtschaft stürzte in eine schwere Krise. Auch aus diesem Grund trat Finnland 1995 der Europäischen Union bei, in die es heute vollumfänglich integriert ist. So haben die Finnen im Gegensatz zu ihren skandinavischen Nachbarn den Euro übernommen.

Eine der grössten Armeen Europas

Mit dem Nato-Beitritt könnte der Prozess weitergeführt werden. Alexander Stubb bezeichnet ihn als «letzten Schritt unserer Verwestlichung». Militärisch wäre das Land bereit, nicht nur wegen der schon bestehenden Kooperation. Obwohl Finnland mit 5,5 Millionen Einwohnern deutlich kleiner ist als die Schweiz, leistet es sich eine der grössten Armeen Europas.

Sie verfügt über 900’000 Reservisten. Fast 300’000 Männer und Frauen lassen sich sofort mobilisieren. Der Bestand der Schweizer Armee beträgt 100’000 Soldatinnen und Soldaten. Finnland verfügt auch über modernes Kriegsmaterial. Kürzlich entschied sich die Regierung für den Kauf des F-35-Kampfjets. Die russische Bedrohung nimmt man schon lange ernst.

Atomare Drohung aus Moskau

Nun soll der nächste Schritt folgen. Die Reaktion aus Moskau folgte prompt. Provokationen etwa durch die russische Luftwaffe ist man sich im Norden gewohnt. Nun aber drohte der frühere Präsident Dmitri Medwedew mit der Stationierung von Atomwaffen an der Ostsee für den Fall, dass Finnland und Schweden sich für den Nato-Beitritt entscheiden sollten.

Der schwedische Verteidigungsminister Peter Hultqvist letzte Woche bei einem Truppenbesuch in Lettland.
Der schwedische Verteidigungsminister Peter Hultqvist letzte Woche bei einem Truppenbesuch in Lettland.Bild: keystone

Die Finnen lassen sich davon wenig beeindrucken. «Die atomare Bedrohung ist nicht neu», sagte Ex-Premier Stubb dem «Guardian». In der Exklave Kaliningrad gebe es schon heute russische Atomwaffen: «Wir erwarten mehr russische Cyberangriffe und Verletzungen des Luftraums. Aber darauf haben wir uns schon lange vorbereitet.»

Umschwung in Schweden

Ein Fragezeichen ist höchstens die Haltung Schwedens, mit dem Finnland in militärischen Fragen zusammenarbeitet. Dort kennt man die russischen Provokationen ebenfalls, und auch bei den Schwedinnen und Schweden hat der Ukraine-Krieg zum Umdenken geführt: In einer Umfrage der Zeitung «Aftonbladet» befürworten 57 Prozent den Nato-Beitritt.

«Traditionell gab es drei ‹Vetos› gegen eine Nato-Mitgliedschaft Schwedens: die öffentliche Meinung, Finnland und die Sozialdemokraten», sagte der Militärexperte Oscar Jonsson gegenüber Euronews. Nun aber erzeuge der rapide Wandel in den beiden ersten Punkten «einen enormen Druck auf die Sozialdemokratische Partei».

Sie ist eine Art inoffizielle schwedische «Staatspartei» und lehnte den Nato-Beitritt stets ab. Mit dem Ukraine-Krieg ist auch diese Position nicht mehr unantastbar. Schweden müsse der Nato beitreten, forderte das eher linke «Aftonbaldet» in einem Leitartikel, und intern soll bei den Sozialdemokraten bereits ein entsprechender Entscheid gefällt worden sein.

Antrag schon Ende Juni?

Das Ziel von Ministerpräsidentin Magdalena Andersson sei es, den schwedischen Antrag auf dem Nato-Gipfel Ende Juni in Madrid einzureichen, berichtete die Zeitung «Svenska Dagbladet» letzte Woche. Das würde dem finnischen Zeitplan entsprechen, den Anderssons Amtskollegin Sanna Marin bei einem Besuch in Stockholm andeutete.

Der finnische Präsident Sauli Niinistö (l.) kennt Wladimir Putin so gut wie kaum ein anderer westlicher Politiker.
Der finnische Präsident Sauli Niinistö (l.) kennt Wladimir Putin so gut wie kaum ein anderer westlicher Politiker.Bild: keystone

Staatspräsident Sauli Niinistö stellte einen raschen Entscheid des Parlaments in Aussicht. Er ist der populärste Politiker Finnlands und gilt gleichzeitig als westlicher Staatsmann mit dem vielleicht besten Draht zu Wladimir Putin. Im Interview mit dem «Spiegel» erinnerte er sich an eine «sehr eindeutige» Aussage des russischen Präsidenten aus dem Jahr 2016.

«Wenn wir derzeit über die Grenze schauen, sehen wir auf der anderen Seite einen Finnen. Wenn Finnland der Nato beitritt, sehen wir auf der anderen Seite einen Feind», sagte Putin gemäss Niinistö auf die Frage eines finnischen Journalisten. Trotzdem oder vielleicht deshalb scheint Finnland gewillt zu sein, den Beitritt konsequent voranzutreiben.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Die Geschichte der Nato

1 / 25
Die Geschichte der Nato
quelle: epa/u.s. national archives / u.s. national archives and records administration / handout
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Putin, Nato und der Zankapfel: Der Ukraine-Konflikt einfach erklärt

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

122 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Liebu
21.04.2022 19:30registriert Oktober 2020
«Wenn Russland bereit ist, seine slawischen Brüder in der Ukraine abzuschlachten, warum sollten sie das nicht auch mit Finnland machen?», begründete Stubb den Sinneswandel seiner Landsleute

Diese Aussage bringt die Ängste in den skandinavischen Ländern ziemlich auf den Punkt.
In seiner geschichtlichen Auffassung könnte es Putin durchaus auch in den Sinn kommen, auch Finnland die Eigenständig abzusprechen und sie wieder in sein Reich integrieren wollen.
Das wollen die Finnen nicht und suchen die Sicherheit dafür in der NATO.
Für mich sehr verständlich.
27412
Melden
Zum Kommentar
avatar
stadtzuercher
21.04.2022 19:16registriert Dezember 2014
Da hat sich Putin schlicht verkalkuliert. Der Nato-Beitritt Finnlands ist aufgrund des russischen Krieges unvermeidlich.
23810
Melden
Zum Kommentar
avatar
J.B.R
21.04.2022 19:41registriert September 2020
Wer will es den Finnen* und Schweden* verdenken, dass sie sich unter den Schutzschirm der NATO begeben wollen? Wer sich gegen diesen unberechenbaren Nachbarn im Zweifelsfall wehren können will, macht das gescheiter Weise mit anderen zusammen....
1826
Melden
Zum Kommentar
122
«Wir trocknen Putins Kriegsmaschinerie aus»: So reagieren EU und Nato auf Selenskis Rede
Der Appell des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski findet am zweiten WEF-Tag Widerhall. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen versprach 10 Milliarden Euro Finanzhilfe, und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte an die Adresse Putins: «Er wollte weniger Nato, nun kriegt er mehr Nato!»

Die Rede von Wolodimir Selenski hat auch bei EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen Spuren hinterlassen. Sie zeigte sich in Davos tief beeindruckt vom Kampfeswillen des ukrainischen Präsidenten und seines Volkes. Und nahm seine Worte auf: Es gehe in diesem Krieg nicht nur um die Ukraine, sondern um alle Demokratien, ja um die globale Sicherheitsordnung. «Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen», rief von der Leyen in den Kongresssaal, der allerdings nicht so gut gefüllt war wie gestern bei Selenskis Rede.

Zur Story