DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Sie sind die Initiatorinnen von Autonomìa, der Plattformkooperative für Reinigungskräfte.
Sie sind die Initiatorinnen von Autonomìa, der Plattformkooperative für Reinigungskräfte.bild: Anna-Tia Buss

Putzfrauen gründen eigene Vermittlungsplattform – mit fairen Arbeitsbedingungen

Plattformen wie Uber, Coople, Batmaid und Co. locken mit flexiblen Arbeitszeiten und viel Unabhängigkeit. Doch die Arbeitsbedingungen sind oftmals schlecht. Dagegen wehren sich nun Reinigungskräfte. Sie gründen ihre eigene Putz-Vermittlungsplattform.
20.12.2021, 09:3420.12.2021, 11:32

Krümel auf dem Küchenboden, Tierhaare auf dem Sofa, schmutzige Kleider, die sich türmen, aber einfach keine Zeit zum Putzen? Oder keine Lust? Nichts leichter als das: Online kann in «wenigen Sekunden», zu «attraktiven Preisen» eine Reinigungskraft gebucht werden. So zumindest werben Anbieter wie Helpling, Batmaid oder Suuber auf ihrer Vermittlungs-Plattform.

Doch solche Online-Angebote gelten als umstritten. Längst ist bekannt, dass dort die Arbeitsbedingungen für die Reinigungsarbeiterinnen, meistens sind es Frauen, prekär sind. Gesetzlich bewegen sich die Unternehmen in einem wenig geregelten Graubereich. Da sich die Plattform nicht als Arbeitgeberin versteht, muss sie sich auch nicht an geltendes Arbeitsrecht halten.

«Die juristischen Mühlen mahlen viel zu langsam», dachte sich nun eine Gruppe von Frauen in Zürich. Also nahmen sie die Sache selbst in die Hand und gründeten die erste selbstverwaltete Plattformkooperative für Reinigungskräfte in der Schweiz. Der Name der Plattform beschreibt gleichzeitig das Kernanliegen der Gründerinnen: Autonomía. Will heissen, dass sie ihr Unternehmen selbstbestimmt, selbstverwaltet und unabhängig organisieren.

«De facto ist es eine Scheinselbstständigkeit»

Eine der Initiantinnen ist Sabri Schumacher. Sie sagt: «Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn von 19.20 Franken wird häufig unterschritten. Die Reinigungskräfte werden immer noch zu oft nicht bei den Sozialversicherungen angemeldet und gegen Unfall versichert. Viele Reinigungsarbeiterinnen, die über Plattformunternehmen tätig sind, haben kein oder nur ein geringes Arbeitspensum garantiert und arbeiten häufig auf Abruf.»

Bei reinen Vermittlungsplattformen werden die Reinigungskräfte nicht von der Firma angestellt, sondern direkt bei der Kundschaft. Oder sie arbeiten als Selbstständige. Schuhmacher: «De facto ist es aber eine Scheinselbstständigkeit. Denn die Bedingungen für die Arbeiten werden von der Plattform vorgegeben.»

Die Idee sei ja eigentlich innovativ, findet Schumacher: Eine digitale Plattform vermittelt zwischen einer Arbeitskraft und einem Nachfrager, sodass beide Seiten möglichst schnell und möglichst flexibel zu dem kommen, was sie wollen: die Arbeitskraft zu Arbeit und Lohn, die Nachfragerin zu einer Person, die für sie eine Arbeit erledigt. «Darum war unsere Idee: Wir machen das auch, aber wir machen es fair.»

Funktionieren soll das ganze so: Auf ihrer Homepage können ab Februar 2022 Reinigungskräfte gebucht werden, ähnlich wie auf herkömmlichen Seiten. Nur bestimmen die für die Plattform arbeitenden Frauen ihre Arbeitsbedingungen selbst. Dadurch können sich die Putzkräfte einen Lohn von 30 Franken pro Stunde auszahlen. Oder sie lassen sich fest anstellen zu einem Stundenlohn von 28 Franken. Sie erhalten einen Arbeitsvertrag mit garantiertem minimalen Pensum, Sozialleistungen und bezahlten Ferien. Für den Reinigungsservice bezahlt die Kundschaft 40 Franken pro Stunde.

Obwohl die Putzkräfte bei Autonomía etwas teurer sind als bei Batmaid und Co. gebe es bereits viele interessierte Kundinnen und Kunden, sagt Schumacher. «Es sind vor allem Leute, denen faire Arbeitsbedingungen für die Reinigungsarbeiterinnen wichtig sind. Oder zum Beispiel Frauen, die Karriere machen und so Care-Arbeit auslagern können, ohne dass sie prekarisierte Frauen bei sich putzen lassen.»

Gig Economy macht das Leben einfacher

Plattformarbeit, auch Gig-Economy genannt, durchdringt heute die Arbeitswelt und vereinfacht unser Leben immer mehr. Das Taxi bestellen wir bei Uber, die Pizza bei Just Eat, eine flexible Detailhandelsangestellte für den Weihnachtsverkauf bei Coople. Im Handumdrehen kann im Netz oder per App ein Service gebucht oder eine Arbeitskraft rekrutiert werden. Doch ähnlich wie bei den Reinigungskraft-Vermittlungen gibt es grosse Unsicherheiten bei der Einhaltung der Arbeitsrechte.

Marisol Keller ist Doktorandin am geografischen Institut an der Universität Zürich und weiss um die schwierigen Arbeitsbedingungen in der Gig-Economy. Sie forscht zum Thema digitale Arbeitsplattformen in der Schweiz und hat sich dafür über ein Jahr hinweg einem Selbstversuch unterzogen und auf verschiedenen Plattformen gearbeitet.

Das grösste Problem sei die Informationsasymmetrie: «Ein von Menschen programmierter Algorithmus entscheidet, welche Jobs mir angezeigt werden. Auch weiss ich nie, ob ich einen Job bekomme oder aus welchen Gründen ich ihn nicht erhalte.» Den konkreten Lohn wisse man erst am Schluss, da noch Abzüge gemacht würden. Befremdet habe sie, was ihr andere, ebenfalls auf Plattform Arbeitende berichteten: Sie würden zum Teil überwacht. Vor allem bei Lieferungsplattformen scheint das der Fall zu sein. Um zu kontrollieren, wann die Person am Arbeitsort erscheint und wie lange sie für ihre Aufgaben benötigt.

Plattformarbeit als Chance – sofern es faire Regeln gibt

Mit diesen Mechanismen binden die Plattformen die Arbeitnehmenden stark an sich. «Ich fand es eindrücklich, wie abhängig ich von den Plattformen war. Ich war ständig am Handy und dachte an die Arbeit, weil ich schauen musste, dass ich genug Jobs bekomme. Die Plattformen gaben meinen Lebensrhythmus vor.»

Und doch verteufelt Keller die Plattformarbeit an und für sich nicht. Sie sieht darin auch Chancen: «Sie bieten eine grosse Flexibilität in der Gestaltung des Arbeitsalltags und einen niederschwelligen Zugang zu Arbeit, unabhängig von Sprachkenntnis. Gerade für Menschen, die sonst Schwierigkeit haben, auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen.»

Damit allerdings nicht die Rechte der Arbeitnehmenden geschürft würden, bedürfe es klaren und fairen Rahmenbedingungen. Deswegen hofft Keller, dass die Plattformkooperative für Reinigungsarbeiterinnen ein Projekt mit Vorbildcharakter wird und zeigt, dass eine faire Gig-Economy möglich ist.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Job kündigen: 15 lustige Beispiele, wie du es tun könntest

1 / 16
Job kündigen: 15 lustige Beispiele, wie du es tun könntest
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

So wird dein Weihnachtsessen mit der Firma heuer aussehen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

72 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
trichie
20.12.2021 10:00registriert Mai 2017
Das ist ein allgemeines Problem nicht nur der Gig Economy sondern auch in anderen Ökosystemen wie Mobilität, Bekleidung, etc.

Das Wertvollste ist der direkte Zugang zu den Kunden. Wer den hat hat die Macht und kann dementsprechend den Tarif durchgeben.

Ich wünsch ihnen viel Erfolg mit Autonomia - von der Sache her ein guter Ansatz!
972
Melden
Zum Kommentar
avatar
twendlan
20.12.2021 10:30registriert Juni 2016
Ich hab meine Putzhilfe über Homeservice24 gefunden und selbst angestellt. Ich zahle 30 CHF Netto und freue mich, dass jeder Franken bei ihr ankommt und keine Agentur mitverdient.
850
Melden
Zum Kommentar
avatar
Wiwi-n
20.12.2021 09:54registriert Februar 2021
Danke für den Artikel, habe mich gerade registriert und freue mich, wenn im Februar die Buchungsseite aufgeschaltet wird.
483
Melden
Zum Kommentar
72
«Reden lernt man nur durch reden»: 7 Tipps für deinen nächsten Vortrag
Eine Botschaft klar rüberbringen, das Publikum fesseln – vor Menschen sprechen ist für viele eine Horrorvorstellung. Wie es trotzdem gelingen kann, weiss Kommunikationsexperte Hugo Bigi.

Obschon die meisten von uns bereits im Primarschulalter ihre ersten Vorträge halten und auch später im Studium und im Job ab und an vor Menschen sprechen müssen – richtig wohl fühlen sich viele damit nicht. Anders geht es Hugo Bigi. Der Kommunikationsexperte, HWZ-Dozent und Fachreferent für Kommunikation und Medien moderiert seit vielen Jahren die preisgekrönte TV-Interviewsendung TalkTäglich auf TeleZüri und weiss genau, was zu einem gelungenen Auftritt gehört.

Zur Story