Lian Bichsel, René Fasel und die hohe Kunst der Begnadigung
Namen sind bloss aufs Leibchen genähte Buchstaben. Eishockey ist viel mehr noch als Fussball ein Teamsport. Gottéron ist soeben ohne zwei seiner wichtigsten Einzelspieler – Verteidigungsminister Andrea Glauser und Sandro Schmid, bester Schweizer Skorer der Qualifikation – zum ersten Mal Meister geworden. So gesehen ist Polemik um einen einzigen Spieler im WM-Aufgebot von Jan Cadieux bloss billige Polemik.
Aber es gibt eben auch eine andere Sichtweise. Der Nationaltrainer verzichtet im vornherein ausdrücklich auf Lian Bichsel. Unabhängig davon, ob der NHL-Titan überhaupt zur Verfügung stehen würde.
Wenn Gottéron ohne Andrea Glauser in der Verteidigung zum ersten Mal Meister wird, dann spielt es doch keine Rolle, ob die Schweiz mit oder ohne Lian Bichsel ein WM-Turnier bestreitet.
Ganz so einfach ist es nicht. Wenn die Schweizer um den WM-Titel spielen wollen, dann dürfen sie nicht freiwillig im Vornherein auf einen Verteidiger mit der physischen Präsenz von Lian Bichsel verzichten. Patrick Fischer hat die Verbannung aus der Nationalmannschaft bis Ende dieser Saison – also bis und mit der anstehenden WM – in Absprache mit den Leitwölfen im Team beschlossen. Nun ist Patrick Fischer nicht mehr Nationaltrainer und sein Nachfolger Jan Cadieux hätte mit einer Begnadigung von Lian Bichsel – unabhängig davon, ob der Verbannte tatsächlich zur Verfügung stehen würde – ein Zeichen setzten können. Im Sinne: Nun beginnt eine neue Ära, ich sehe die Angelegenheit anders als mein Vorgänger. Zumal die «Sünde» des NHL-Verteidigers eigentlich eine lässliche war und nur Aufgebote zur Junioren-Nationalmannschaft betroffen hat. Und Jan Cadieux hatte die Befugnis, Lian Bichsel zu begnadigen. Oder sollten wir die ganze Angelegenheit einfach ignorieren? Im Hinblick auf die kommende WM können wir sagen: Ist doch egal. Das Schicksal hängt nicht an einem einzigen Spieler.
Verzeihen gehört zur christlichen Kultur des Abendlandes – und zum Schweizerischen Eishockey-Verband SIHF. Der Internationale Eishockey-Verband IIHF lädt seinen Ehrenpräsidenten René Fasel nicht zur WM in Zürich und Fribourg ein. Wegen seiner engen Kontakte mit dem russischen Eishockey.
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SIHF-Präsident Urs Kessler hat hingegen soeben bestätigt, dass René Fasel von unserem Verband ganz offiziell zur WM eingeladen wird. Mit dem Hinweis auf die immensen Verdienste von René Fasel um unser Hockey und um die weltweite Entwicklung dieses Sportes. Es wäre für unseren Verbandsvorsitzenden einfach und bequem gewesen, den «Fall Fasel» gar nicht erst zu behandeln und einfach auf den IIHF-Bann zu verweisen. Er hat das nicht getan und so eidgenössische Eigenständigkeit gegenüber einer internationalen Organisation bewiesen.
Ja natürlich, der «Fall Bichsel» und der «Fall Fasel» haben eigentlich nichts miteinander zu tun. Der eine Fall ist rein sportlicher, der andere rein eishockeypolitischer Natur. Und doch gibt es eine Verbindung: Für eine Begnadigung – und in beiden Fällen geht es um letztlich um eine Begnadigung – braucht es Mut. Unser Verbandspräsident als höchster Funktionär unseres Hockeys hat diesen Mut. Unser Nationaltrainer als höchste sportliche Autorität unseres Hockeys hat diesen Mut nicht. Eigentlich schade. Immerhin ist Lian Bichsel so oder so ab der WM 2027 wieder spielberechtigt.
