Schweiz
Jung und IV

IV am Limit: «Man soll nicht einfach eine IV-Rente erhalten»

Politiker zur IV
Die IV ist finanziell am Limit: watson hat mit Sarah Wyss, Diana Gutjahr und Andri Silberschmidt über Reformideen gesprochen. Bild: keystone
Jung und IV

«Man soll nicht einfach eine IV-Leistung erhalten»

Die IV ist finanziell am Anschlag. Wie diese zu sanieren ist, darüber sind sich Politikerinnen und Politiker uneins – ausser in einem Punkt.
03.05.2026, 11:1003.05.2026, 11:10

Die Invalidenversicherung steht finanziell unter massivem Druck – das ist unbestritten. Was umstritten ist, ist wie die Schweiz das Problem löst.

Der Bundesrat hat im Februar Leitlinien für die nächste IV-Revision beschlossen – gleichzeitig diskutieren IV-Stellen und Verbände weitergehende Ideen.

watson hat bei Politikerinnen und Politikern der Sozial- und Gesundheitskommissionen (SGK) nachgefragt, welche Vorschläge sie unterstützen – und wo sie Risiken sehen.

«Rente Light»

Der Bundesrat will, dass Menschen länger im Job bleiben oder nach einer Krise schneller zurückfinden. Kernstück soll eine Integrationsleistung für 18- bis 25-Jährige sein: Geld plus engere Begleitung für junge Menschen mit Integrationspotenzial, die noch nicht bereit sind für klassische Eingliederungsmassnahmen. Kritiker sprechen bereits von einer «Rente light», weil die Leistung gemäss heutigem Modell tiefer wäre als eine minimale ganze IV-Rente.

FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt begrüsst, dass der Bundesrat «neue Wege» gehen wolle. Statt junge Menschen früh dauerhaft zu berenten, setze er auf «Zwischenlösungen» mit Coaching. «Gerade bei psychischen Problemen gibt es öfter eine Chance auf Besserung. Wir sollten junge Menschen nicht fürs Leben berenten», sagt der FDP-Vizepräsident.

Andri Silberschmidt, FDP-ZH, spricht zur Grossen Kammer, an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 24. September 2025 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
«Wir sollten junge Menschen nicht fürs Leben berenten»: FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt.Bild: keystone

SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr setzt bei jungen Betroffenen klar auf «Integration vor Rente». Die Vizepräsidentin der Gesundheitskommission sagt: «Eine zeitlich befristete Leistung ist sinnvoll, weil sie Anreize setzt, zurück in den Arbeitsprozess zu finden.» Reine Zahlungen ohne eine Perspektive seien für sie keine Lösung.

SP-Nationalrätin Sarah Wyss warnt vor einer Sparübung. Sie finde den Integrationsfokus grundsätzlich richtig, aber nicht auf Kosten derjenigen, die anspruchsberechtigt seien. «Alle, die IV-berechtigt sind, sollen auch eine richtige Rente bekommen.» Sonst lande die Rechnung am Ende in anderen Systemen.

Höhere Lohnbeiträge

Falls die Reformmassnahmen nicht reichen, stellt der Bundesrat zusätzliche Einnahmen in Aussicht, um die IV zu entlasten: Die Lohnbeiträge könnten um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte steigen.

Auch Wyss sagt: «Wir müssen über Zusatzfinanzierungen reden.» Ob es am Ende Lohnbeiträge sind, will sie sich noch nicht festlegen.

Sarah Wyss, SP-BS, spricht waehrend der Debatte um den Voranschlag 2026 mit integriertem Aufgaben- und.Finanzplan 2027-2029, waehrend der Wintersession der Eidgenoessischen Raete, am Montag, 8. Dezemb ...
«Müssen über Zusatzfinanzierungen reden»: SP-Nationalrätin Sarah Wyss.Bild: keystone

SVP-Politikerin Gutjahr hält davon nichts: «Höhere Beiträge lehne ich entschieden ab.» Angesichts der demografischen Belastung könne man sich nicht leisten, die Abgaben immer weiter zu erhöhen.

FDP-Politiker Silberschmidt sagt: «Höhere Lohnbeiträge sind für uns ein Tabu.» Arbeit müsse attraktiv bleiben. Zuerst müsse man die IV «strukturell neu aufstellen» und erst dann beurteilen, ob zusätzliche Einnahmen nötig sind.

Keine IV-Renten für unter 30-Jährige

Parallel zu den Bundesratsleitlinien steht ein deutlich härterer Vorschlag im Raum: Die kantonale IV-Stellen-Konferenz brachte vergangenes Jahr ein Mindestalter ins Spiel. So sollen unter 30-Jährige grundsätzlich keine IV-Rente erhalten, sondern andere, befristete oder an Bedingungen geknüpfte Leistungen.

Dagegen sind alle drei Befragten. Wyss sagt: «Das ist überhaupt keine Lösung.» Das Problem werde nur verschoben: «Dann fallen die jungen Menschen schneller in die Sozialhilfe.»

Silberschmidt argumentiert ähnlich: Ziel sei nicht, Menschen ins nächste System zu drücken. «Das langfristige Ziel muss sein, dass Menschen einen selbstständigen Alltag bestreiten.»

Diana Gutjahr, SVP-TG, spricht zur Grossen Kammer, an der Herbstsession der Eidgenoessischen Raete, am Mittwoch, 24. September 2025 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Alessandro della Valle)
«Frühzeitige Renten können in eine Sackgasse führen»: SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr.Bild: keystone

Gutjahr betont, dass es auch bei unter 30-Jährigen Fälle gebe, in denen die IV greifen müsse. Gleichzeitig fordert sie ein klares Signal: «Man soll nicht einfach eine IV-Leistung erhalten, ohne sich bewusst zu sein, dass frühzeitige Renten in eine Sackgasse führen können und es nach wie vor Anstrengungen braucht.»

Prävention verstärken

Ein Mindestalter lehnen auch Verbände wie Inclusion Handicap, Pro Juventute und Procap ab: Sie setzen stattdessen Investitionen in Prävention, Früherkennung und psychologische Versorgung. Wer Menschen früher auffängt und behandelt, verhindere, dass junge Erwachsene überhaupt im Rentensystem landen – und entlaste damit langfristig auch die IV-Finanzen.

«Jung und IV»
Immer mehr junge Erwachsene beziehen Leistungen der Invalidenversicherung – oft wegen psychischer Erkrankungen. Die IV ist deshalb finanziell unter Druck. In dieser Serie erzählen junge Betroffene, warum sie psychisch krank wurden und in der IV landeten. Dazu liefern wir Zahlen, ordnen ein und zeigen, welche Reformideen in Bern diskutiert werden. Teil 1: Amélie. Teil 2: Zahlen zur IV. Teil 3: Zwei junge IV-Rentner erzählen. Teil 4: Interview mit Pro Juventute. Teil 5: Jenny. Teil 6: Das sagt die Politik.

Silberschmidt findet Prävention wichtig, warnt aber: «Noch eine Kampagne mehr vom Bund greift zu kurz.» Arbeitgeber wollten sowieso bereits Krankheitsausfälle und Fluktuation vermeiden, Versicherer wollten Kosten senken – deshalb würden beide bereits in Prävention investieren. Zusätzlich brauche es Eigenverantwortung, um Überlastung früher zu erkennen.

Gutjahr nennt Prävention «nie etwas Schlechtes», sieht aber die Gefahr der «Überpsychologisierung». «Ich habe Mühe damit, wenn schon sehr früh die Botschaft kommt: Du hast ein Problem, du musst zum Psychiater.» Oft fehle den Eltern die Zeit für die Kinder – «und dann muss die Allgemeinheit alles auffangen».

Video: watson/Amber Vetter

Wyss wiederum kritisiert, dass Prävention nicht konsequent gestärkt werde, sondern der Staat weniger Geld ausgebe als in den Vorjahren. «Das ist eine schlechte Entwicklung, weil Prävention langfristig das günstigste ist – für die Prämienzahlenden aber auch die Folgekosten.» Sie will früher ansetzen – in Schulen und Betrieben: Kinder und Jugendliche sollen lernen, Stress und Krisen besser zu bewältigen, Resilienz zu steigern und wer Hilfe braucht, soll sie schneller bekommen.

Noch ist nichts entschieden. Das Eidgenössisches Departement des Innern muss dem Bundesrat bis Ende 2026 einen Vernehmlassungsentwurf vorlegen. Erst danach können sich Parteien, Verbände und Kantone mit ihren Positionen zum konkreten Text äussern, bevor die neue Reform ins Parlament kommt.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
136 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
T.M.M.
03.05.2026 10:52registriert September 2023
Wenn die IV härter wird, geht das halt auf Kosten der Sozialämter. Der Steuerzahler spart dadurch keinen Rappen. Im Gegenteil, das ganze Hin- und Herschieben kostet noch mehr und schafft zustätzliches Leid und noch mehr Ineffizienz.
13713
Melden
Zum Kommentar
avatar
Bücherwurm92
03.05.2026 11:11registriert Juni 2022
"Man soll nicht EINFACH eine Invalidenrente erhalten" - Eine Rente zu erhalten ist nicht einfach. Und jeder, der eine hat, weiss, was es bedeutet, gerade in jungen Jahren. Nämlich andauernd am Existenzminimum leben. Eine volle IV Rente in jungen Jahren ist nämlich meistens ca. zwischen 1300-1500 Franken im Monat.
Den etwa gleichen Teil tragen also die Ergänzungsleistungen, welche die Krankenkassenkosten tragen plus noch monatlich Geld dazu. Dann kommt noch die Hilflosenentschädigung dazu. Denkt wirklich jemand, das ist das, was junge Menschen erreichen wollen, wenn sie nicht müssten?
12117
Melden
Zum Kommentar
avatar
T.M.M.
03.05.2026 11:11registriert September 2023
All die bürgerlichen Unternehmer, welche nach weniger Renten schreien, lade ich ein, sich bei der nächsten IV-Stelle für Integrationsplätze zu melden. Alles andere ist scheinheilig! Da kommt leider "aus Kosten- und Effizienzgründen" fast gar nichts. Eingliedern ja, aber bitte nicht bei uns.
11014
Melden
Zum Kommentar
136
An diesem Unfall in Seon AG war ein Insekt schuld
In Seon ist am Freitagabend eine 26-Jährige verunfallt. Sie verlor die Kontrolle über ihren BMW, weil sie ein Insekt im Innern des Autos vertreiben wollte, teilt die Kantonspolizei Aargau mit.
Zur Story