«Man soll nicht einfach eine IV-Leistung erhalten»
Die Invalidenversicherung steht finanziell unter massivem Druck – das ist unbestritten. Was umstritten ist, ist wie die Schweiz das Problem löst.
Der Bundesrat hat im Februar Leitlinien für die nächste IV-Revision beschlossen – gleichzeitig diskutieren IV-Stellen und Verbände weitergehende Ideen.
watson hat bei Politikerinnen und Politikern der Sozial- und Gesundheitskommissionen (SGK) nachgefragt, welche Vorschläge sie unterstützen – und wo sie Risiken sehen.
«Rente Light»
Der Bundesrat will, dass Menschen länger im Job bleiben oder nach einer Krise schneller zurückfinden. Kernstück soll eine Integrationsleistung für 18- bis 25-Jährige sein: Geld plus engere Begleitung für junge Menschen mit Integrationspotenzial, die noch nicht bereit sind für klassische Eingliederungsmassnahmen. Kritiker sprechen bereits von einer «Rente light», weil die Leistung gemäss heutigem Modell tiefer wäre als eine minimale ganze IV-Rente.
FDP-Nationalrat Andri Silberschmidt begrüsst, dass der Bundesrat «neue Wege» gehen wolle. Statt junge Menschen früh dauerhaft zu berenten, setze er auf «Zwischenlösungen» mit Coaching. «Gerade bei psychischen Problemen gibt es öfter eine Chance auf Besserung. Wir sollten junge Menschen nicht fürs Leben berenten», sagt der FDP-Vizepräsident.
SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr setzt bei jungen Betroffenen klar auf «Integration vor Rente». Die Vizepräsidentin der Gesundheitskommission sagt: «Eine zeitlich befristete Leistung ist sinnvoll, weil sie Anreize setzt, zurück in den Arbeitsprozess zu finden.» Reine Zahlungen ohne eine Perspektive seien für sie keine Lösung.
SP-Nationalrätin Sarah Wyss warnt vor einer Sparübung. Sie finde den Integrationsfokus grundsätzlich richtig, aber nicht auf Kosten derjenigen, die anspruchsberechtigt seien. «Alle, die IV-berechtigt sind, sollen auch eine richtige Rente bekommen.» Sonst lande die Rechnung am Ende in anderen Systemen.
Höhere Lohnbeiträge
Falls die Reformmassnahmen nicht reichen, stellt der Bundesrat zusätzliche Einnahmen in Aussicht, um die IV zu entlasten: Die Lohnbeiträge könnten um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte steigen.
Auch Wyss sagt: «Wir müssen über Zusatzfinanzierungen reden.» Ob es am Ende Lohnbeiträge sind, will sie sich noch nicht festlegen.
SVP-Politikerin Gutjahr hält davon nichts: «Höhere Beiträge lehne ich entschieden ab.» Angesichts der demografischen Belastung könne man sich nicht leisten, die Abgaben immer weiter zu erhöhen.
FDP-Politiker Silberschmidt sagt: «Höhere Lohnbeiträge sind für uns ein Tabu.» Arbeit müsse attraktiv bleiben. Zuerst müsse man die IV «strukturell neu aufstellen» und erst dann beurteilen, ob zusätzliche Einnahmen nötig sind.
Keine IV-Renten für unter 30-Jährige
Parallel zu den Bundesratsleitlinien steht ein deutlich härterer Vorschlag im Raum: Die kantonale IV-Stellen-Konferenz brachte vergangenes Jahr ein Mindestalter ins Spiel. So sollen unter 30-Jährige grundsätzlich keine IV-Rente erhalten, sondern andere, befristete oder an Bedingungen geknüpfte Leistungen.
Dagegen sind alle drei Befragten. Wyss sagt: «Das ist überhaupt keine Lösung.» Das Problem werde nur verschoben: «Dann fallen die jungen Menschen schneller in die Sozialhilfe.»
Silberschmidt argumentiert ähnlich: Ziel sei nicht, Menschen ins nächste System zu drücken. «Das langfristige Ziel muss sein, dass Menschen einen selbstständigen Alltag bestreiten.»
Gutjahr betont, dass es auch bei unter 30-Jährigen Fälle gebe, in denen die IV greifen müsse. Gleichzeitig fordert sie ein klares Signal: «Man soll nicht einfach eine IV-Leistung erhalten, ohne sich bewusst zu sein, dass frühzeitige Renten in eine Sackgasse führen können und es nach wie vor Anstrengungen braucht.»
Prävention verstärken
Ein Mindestalter lehnen auch Verbände wie Inclusion Handicap, Pro Juventute und Procap ab: Sie setzen stattdessen Investitionen in Prävention, Früherkennung und psychologische Versorgung. Wer Menschen früher auffängt und behandelt, verhindere, dass junge Erwachsene überhaupt im Rentensystem landen – und entlaste damit langfristig auch die IV-Finanzen.
Silberschmidt findet Prävention wichtig, warnt aber: «Noch eine Kampagne mehr vom Bund greift zu kurz.» Arbeitgeber wollten sowieso bereits Krankheitsausfälle und Fluktuation vermeiden, Versicherer wollten Kosten senken – deshalb würden beide bereits in Prävention investieren. Zusätzlich brauche es Eigenverantwortung, um Überlastung früher zu erkennen.
Gutjahr nennt Prävention «nie etwas Schlechtes», sieht aber die Gefahr der «Überpsychologisierung». «Ich habe Mühe damit, wenn schon sehr früh die Botschaft kommt: Du hast ein Problem, du musst zum Psychiater.» Oft fehle den Eltern die Zeit für die Kinder – «und dann muss die Allgemeinheit alles auffangen».
Wyss wiederum kritisiert, dass Prävention nicht konsequent gestärkt werde, sondern der Staat weniger Geld ausgebe als in den Vorjahren. «Das ist eine schlechte Entwicklung, weil Prävention langfristig das günstigste ist – für die Prämienzahlenden aber auch die Folgekosten.» Sie will früher ansetzen – in Schulen und Betrieben: Kinder und Jugendliche sollen lernen, Stress und Krisen besser zu bewältigen, Resilienz zu steigern und wer Hilfe braucht, soll sie schneller bekommen.
Noch ist nichts entschieden. Das Eidgenössisches Departement des Innern muss dem Bundesrat bis Ende 2026 einen Vernehmlassungsentwurf vorlegen. Erst danach können sich Parteien, Verbände und Kantone mit ihren Positionen zum konkreten Text äussern, bevor die neue Reform ins Parlament kommt.
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