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Soldaten der Bundeswehr helfen beim Bergen von Fahrzeugen.
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Bild: keystone
Kommentar

Warum nach dem Horror-Sommer die Zeit der leeren Versprechen vorbei ist

In diesen Tagen wird wahr, wovor uns die Klimaforscher seit Jahrzehnten gewarnt haben: Wenn wir jetzt nicht handeln, wird der Klimawandel zu einer existenziellen Bedrohung.
27.07.2021, 22:13

Ja, es gibt sie noch, die Stimmen, die von «Klimahysterikern» sprechen. Oder die unverbesserlichen Provinz-Sonntagsprediger wie Sobli-Kolumnist Frank A. Meyer, der vor einer vermeintlich «linksliberalgrünen Elite» warnt, welche «den republikanischen Staat unter pädagogisch-autoritäre Fittiche zwingen will».

Doch die Stimmung hat gedreht. Ob «New York Times» oder «Washington Post», ob «Financial Times» oder «Economist», sie alle zeigen auf, wie ernst die Lage ist in diesem Horror-Sommer – und wie dringend es nun geworden ist, Massnahmen zu ergreifen, um wenigstens die schlimmsten Auswüchse der Klimakatastrophe zu vermeiden.

Die «New York Times»-Kolumnistin Maureen Dowd spricht bereits von einer «Apokalypse», von einem dystopischen Mad-Max-Szenario, und folgert: «Wenn wir uns vor Augen führen, wie das Wetter derzeit Amok läuft, sollten wir uns zu Tode fürchten.»

Szene aus dem dystopischen Film «Mad Max: Fury Road».
Szene aus dem dystopischen Film «Mad Max: Fury Road».
Bild: AP/Warner Bros Pictures

Dowd untermauert diese Aussage mit einem Zitat von John Holdren, einem Umweltprofessor der Harvard University. Dieser erklärt: «Alles, wovor wir uns gefürchtet haben, tritt nun ein, und es geschieht am oberen Ende unserer Prognosen – und es geschieht noch schneller, als unsere pessimistischsten Annahmen vorausgesagt haben.»

Tatsächlich haben sich in den letzten Tagen extreme Wetterereignisse in einem ungewöhnlichen Ausmass ereignet. Hier eine Auswahl, die der «Economist» zusammengestellt hat:

  • In der Schweiz, Deutschland, den Niederlanden und Belgien haben Hochwasser und Überschwemmungen zu Toten und Milliarden-Schäden geführt. Noch schlimmer hat es die chinesische Provinz Henan erwischt. Hunderttausende mussten evakuiert werden. In der Stadt Zhengzhou fiel innerhalb von drei Tagen so viel Regen wie normalerweise in einem Jahr.
  • In der türkischen Stadt Cizre stieg das Thermometer am 20. Juli auf 49,1 Grad Celsius, die höchste je in der Türkei gemessene Temperatur. Die Pazifikküste von Nordamerika wurde vor zwei Wochen von einer noch nie dagewesenen Hitzewelle heimgesucht. Die Finnen erlebten derweil die längste Hitzewelle seit 60 Jahren. Selbst in Lappland stieg das Thermometer über 30 Grad Celsius.
  • Am 11. Juli massen die Meteorologen des National Weather Service im Death Valley im Bundesstaat Kalifornien eine Temperatur von 54 Grad Celsius. Wird diese Messung bestätigt, ist es die höchste je erfasste Tages-Temperatur. In Grönland wurde am 19. Juli festgestellt, dass mehr als 40 Prozent aller Eisberge Schmelzwasser aufwiesen.

Wer nun glaubt, 2021 sei ein Hitze-Rekordjahr, der irrt. Trocken bemerkt der «Economist», es werde wahrscheinlich als eines der kälteren des Jahrhunderts in die Annalen eingehen. «Und so», fügt das Magazin hinzu, «sieht die Welt aus, wenn sie gemäss der Weltorganisation für Meteorologie bloss 1,1 bis 1,3 Grad Celsius wärmer ist als vor der Erfindung der Dampfmaschine».

Immer deutlicher zeichnet sich jedoch ab, dass das Ziel des Pariser Klimaabkommens – die Klimaerwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen – zur Illusion wird. Ja, Klimaexperten zeichnen bereits Szenarien, in denen die Welt um das Doppelte wärmer wird, um 3 Grad Celsius.

«Wir haben unseren bisherigen Referenzrahmen verlassen», stellt Fredi Otto, Klimatologin an der University of Oxford, in der «Washington Post» fest. «Die Ereignisse haben uns überrascht, weil sich das Klima, in dem wir leben, so rasch verändert hat.»

Ein Mann bringt seine Frau in der chinesischen Stadt Zhengzhou in Sicherheit.
Ein Mann bringt seine Frau in der chinesischen Stadt Zhengzhou in Sicherheit.
Bild: keystone

Dabei hat es an Warnungen beileibe nicht gefehlt. Schon im Juni 1988 erklärte James Hansen, Klimaexperte der NASA: «Der Treibhaus-Effekt ist entdeckt worden, und er verändert unser Klima.» In der Folge haben unzählige Klimaforscher mögliche Szenarien aufgezeigt und dabei stets darauf hingewiesen, dass das Wetter nicht nur wärmer, sondern in erster Linie extremer und unberechenbarer wird.

Mithilfe einer mächtigen Lobby der Erdölindustrie und den von ihr gekauften Pseudo-Experten wurden Klimaforscher zuerst als «Klimahysteriker» verspottet. Später wurden ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse mithilfe des sogenannten Whataboutism bis zur Unkenntlichkeit relativiert.

Nun scheint sich die Vernunft durchzusetzen. Heute sind es nicht mehr «Klimahysteriker», «Baum-Umarmer» oder «Klimasozialisten», welche vor der Klimaerwärmung warnen. Die Warner finden sich heute in den Geschäftsetagen von Konzernen und Banken und in den Reihen gestandener Politiker. So erklärte der ehemalige US-Aussenminister John Kerry kürzlich in einer Rede in London: «Ohne Übertreibung, es geht ums Überleben.»

Der «Economist» – beileibe kein marxistisch unterwandertes Kampfblatt – malt denn auch in drastischen Farben, was eine Klimaerwärmung von 3 Grad Celsius für Folgen hätte:

  • Nordamerika, Europa und Asien werden regelmässig von Hitzewellen überrollt. Übersteigt die Temperatur 35 Grad Celsius, steigt die Gefahr, dass Menschen den Hitzetod erleiden.
  • Rund ein Viertel der gesamten Weltbevölkerung ist regelmässigen Dürreperioden ausgesetzt. Das wird die Migration beschleunigen, weil viel heute noch fruchtbares Land nicht mehr von den Bauern benutzt werden kann. Die politischen Folgen sind kaum abschätzbar, aber wahrscheinlich gravierend.
  • Die Migration wird zudem beschleunigt, weil der Meeresspiegel massiv steigen wird und viele Küstenregionen unbewohnbar werden. Die Eisdecken in der Antarktis und Grönland, die bisher als relativ stabil galten, würden dann viel rascher schmelzen und den Meeresspiegel um bis zu 1,6 Meter anheben.
  • Schliesslich würde auch der Regenwald – heute schon unter Druck – einen Temperaturanstieg von 3 Grad Celsius kaum überleben. Der Regenwald der Meere, das heute schon bedrohte Great Barrier Reef vor der Küste Australiens, hätte keine Chance mehr.

Die Zeit der leeren Versprechen und hohlen Ankündigungen ist vorbei. Die reichen Länder müssen nicht nur vor der eigenen Türe wischen. Sie müssen auch den armen Ländern bei der Bewältigung der Probleme helfen.

Es wird teuer werden. Eine Studie der Umweltkommission der Uno hat ergeben, dass die Ausgaben für die Bekämpfung der Treibhausgase mindestens verdreifacht werden müssen, will man die Erwärmung unter 2 Grad Celsius halten.

Dabei geht es nicht um milde Gaben. Carlos Fuller, ein führender Vertreter der Klimaverhandlungen, bringt den Sachverhalt auf den Punkt: «Niemand wird verschont werden. Deshalb müssen wir nun alle handeln. Wir sitzen alle im gleichen Boot. Das will uns dieser Sommer mitteilen.»

P.S. Die beliebte China-Ausrede kann man auch vergessen. Nach den Überschwemmungen der letzten Tage wird auch die Kommunistische Partei Chinas keine andere Wahl haben, als den Kampf gegen Klimaerwärmung massiv zu forcieren.

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