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Energie

Stromversorgung in der Schweiz: Das sind die Folgen des Iran-Kriegs

Diese Fragen wirft der Iran-Krieg für die Schweizer Stromversorgung auf

07.05.2026, 11:1307.05.2026, 15:42

Die Stromversorgungssicherheit in der Schweiz sollte laut der Aufsichtsstelle des Bundes auch im kommenden Winter gewährleistet sein. Doch es bestehen Restrisiken - und die Importabhängigkeit bleibt hoch. Fragen und Antworten im Überblick:

Wovon hängt die Versorgungssicherheit ab?

Die Witterung, also Temperaturen, Niederschläge und Sonnenscheindauer, hat einen wachsenden Einfluss auf das europäische Stromangebot. Das Wetter hat sowohl Auswirkungen auf die Stromnachfrage als auch auf die Stromproduktion, insbesondere auf den verfügbaren Strom aus erneuerbaren Energien. Daneben wird die inländische Stromversorgung - vor allem aus Wasser- und Atomkraft - stark von der Stromproduktion der Nachbarländer beeinflusst. In den vergangenen Jahren musste die Schweiz im Winter fast ausnahmslos Strom importieren. Solange Importe möglich und günstig sind und die umliegenden Länder selber keine Engpässe zu verzeichnen haben, stellt dies kein grosses Problem dar.

Wie lief es im vergangenen Winter?

Laut der unabhängigen staatlichen Aufsichtsbehörde im Elektrizitätsbereich, der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (Elcom), war die Stromversorgungssicherheit im vergangenen Winter durchgehend gewährleistet. Das Anzapfen von Reserven sei nie nötig gewesen, sagte Elcom-Präsident Werner Luginbühl am Donnerstag in Bern vor den Medien. Jedoch sei die Schweiz wegen der tiefen Wasserkraft- und AKW-Produktion auf ausserordentlich hohe Nettoimporte angewiesen gewesen.

Wie lautet die Prognose für den kommenden Winter?

Die Schweiz ist mit Blick auf die Stromversorgung für den kommenden Winter grundsätzlich gut aufgestellt, wie die Elcom schreibt. «Wir sind verhalten optimistisch», drückte es Luginbühl aus. Es gebe aber Unsicherheiten aufgrund der instabilen Weltlage. Risiken bestünden vor allem im Zusammenhang mit der Wiederbefüllung europäischer Gasspeicher. Dabei spiele die Verfügbarkeit von Flüssigerdgas (LNG) eine entscheidende Rolle, wie Elcom-Mitglied Urs Meister sagte. Rund 20 Prozent des LNG-Handels passierten die Strasse von Hormus, ein Nadelöhr während des aktuellen Krieges im Iran. Wegen der gleichzeitig tiefen Füllstände der europäischen Gaslager könnte sich die unsichere Verfügbarkeit von Gas in einem Extremszenario auf die Stabilität der Stromversorgung auswirken.

Wie sieht es mittel- und langfristig aus?

Laut der Aufsichtsstelle des Bundes bestehen auch mittel- und langfristig nach wie vor Unsicherheiten. So sei beispielsweise unklar, wie viel Strom importiert werden kann, wie schnell der Ausbau der einheimischen Energieproduktion vorwärtsgeht und wie stark der Stromverbrauch ansteigt.

Was sagen weitere Experten zur Stromversorgung?

50 Experten des Aargauer Energieunternehmens Axpo haben in einer Ende März veröffentlichten Analyse die künftige Schweizer Stromversorgung ebenfalls unter die Lupe genommen. Geht es nach ihnen, sollte die Schweiz den bestehenden Atomkraftwerken einen längeren Betrieb ermöglichen, sodass genügend Zeit verbleibt für den Ausbau anderer Technologien - etwa der Windkraft. Zudem brauche es geeignete Rahmenbedingungen für marktaktive Gaskraftwerke zur Absicherung der Schweizer Stromversorgung.

Was bedeutet ein EU-Stromabkommen für die Versorgungslage?

Aus Sicht der Elcom ist ein Stromabkommen für die Versorgungssicherheit von zentraler Bedeutung. Auch wenn der Stromanteil aus einheimischen erneuerbaren Energien ansteige, liege dieser noch deutlich zu tief, um unabhängig vom Ausland zu sein. Importe seien für die Schweiz ein wichtiges Backup bei geringer Wasserkraftproduktion und AKW-Ausfällen. «Wir weisen in aller Deutlichkeit darauf hin, dass ohne EU-Stromabkommen eine Reduktion der Importkapazitäten droht», sagte Luginbühl. «Das wäre höchst problematisch.» Am Freitag soll die zuständige Ständeratskommission erste Entscheide zum Stromabkommen fällen.

Welche anderen Risikofaktoren bestehen?

Die Elcom weist auf das zunehmend veraltete Schweizer Stromnetz hin. «Zwei Drittel der Strommasten kommen ans Ende ihrer Lebensdauer», sagte Elcom-Mitglied Jürg Rauchenstein. Das Netz müsse deshalb in den nächsten Jahren unterhalten und erneuert werden. Dies führe zu einer Vervielfachung der Anzahl der Stromleitungsprojekte und der damit verbundenen Verfahren. Heute verzögerten sich die notwendigen Unterhalts- und Ersatzprojekte zu oft. «Ohne griffige Massnahmen wird eine Modernisierung nicht gelingen», sagte Luginbühl. Im Parlament ist eine entsprechende Vorlage namens «Netzexpress» hängig. Diese soll die Verfahren beim Um- und Ausbau der Stromnetze beschleunigen.

Ist ein Blackout wie 2025 in Spanien wahrscheinlich?

«In der Schweiz ist ein analoger Vorfall sehr unwahrscheinlich», sagte Rauchenstein. Die Schweiz sei viel besser eingebettet in das gesamteuropäische System. Auch habe sie bessere Möglichkeiten zur Haltung der Spannung. Dieses Thema müsse jedoch im Hinblick auf den Ausbau der erneuerbaren Energieproduktion im Auge behalten werden. «Auch wenn Schweiz nicht direkt betroffen war, ist es zentral, dass wir genau hinschauen», sagte Rauchenstein.

Wie entwickeln sich die Strompreise?

Zu Beginn des Krieges im Iran hatte sich der Gaspreis temporär verdoppelt. Auch aktuell sind die Preise noch rund 45 Prozent höher als vor dem Krieg. Eine eigentliche Knappheit lasse sich aus diesen Preisen jedoch nicht ableiten, sagte Meister. Zudem zeigten Befragungen bei den Stromversorgern, dass der allermeiste Strom für den kommenden Winter bereits eingekauft sei. Deshalb sei davon auszugehen, dass die Strompreise weniger stark ansteigen dürften als die Gaspreise - und deutlich unter jenen während der Krisenjahre 2021/2022 bleiben werden. (sda)

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34 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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TommyGun
07.05.2026 14:01registriert Oktober 2020
Wenn man doch bloss irgendwas tun könnte um die Schweizer Stromversorgung vor den unberechenbaren Erpressungsgefahren der Öl und Gasdespoten zu schützen...
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