Ein Schweizer Titan des Welthockeys verdient eine Krönung wie Julien Sprunger
Nino Niederreiter hat auf dem Planeten Hockey schon so ziemlich alles gesehen und erlebt. Und doch macht er bei einer Begegnung den Eindruck, als stehe er vor seiner ersten WM. Das ist vielleicht das Erstaunlichste an ihm: Nicht die mehr als tausend NHL-Partien, nicht die Jahre zwischen Long Island, Minnesota, Carolina, Nashville und Winnipeg, nicht die vier WM-Finals. Sondern diese Kombination aus freundlicher Bodenständigkeit und Bedeutung.
Er ist längst einer der besten Spieler unserer Hockey-Historie (seit 1908). Doch den Ruhm trägt er wie andere ihre Hockeytasche: selbstverständlich, aber nie zur Schau gestellt. Es sind Gelassenheit und Bescheidenheit, die ganz grosse Spieler auszeichnen. Das Prestige des Captains beansprucht er bei dieser WM nicht. Das überlässt er Roman Josi, er gehört zusammen mit Sven Andrighetto, Nico Hischier und Janis Moser zum sogenannten Captains Team. Der Vereinigung der Leitwölfe.
Vor der Arena in Zürich-Altstetten hängen Fahnen. Der Frühling ist zu spüren und wieder einmal, wie inzwischen jedes Jahr, ebenso die Hoffnung, dass diesmal Geschichte geschrieben wird. Dass es diesmal zum ersten WM-Titel reichen wird. Im Zentrum dieser Erwartungen steht Nino Niederreiter. 2013 in Stockholm, 2018 in Kopenhagen, 2024 in Prag und 2025 erneut in Stockholm erreichte er mit den Schweizern das WM-Endspiel. Er ist der Einzige, der jedes Mal dabei war.
Nino Niederreiter ist die Konstante der Nationalmannschaft. Nationaltrainer sind gekommen und gegangen, er diente unter Sean Simpson, Patrick Fischer und nun ist Jan Cadieux sein Chef. Und unerschütterlich steht dieser kräftige Flügel aus Chur, der die Pucks aus den Ecken arbeitet, Checks unerbittlich zu Ende fährt wie ein Mann, der in einer unberechenbaren Sportart den Zufall nicht dem Zufall überlassen will.
Er ist weder der talentierteste noch der lauteste der Generation, die in zehn Jahren den Aufstieg aus der Mittelmässigkeit in die Weltspitze geschafft hat. Er ist keiner für grosse Gesten oder polierte Sätze. Er wirkt oft wie jemand, der Hockey lieber spielt als erklärt. Gerade deshalb ist er eine Integrationsfigur. Nicht nur die Profis in der Kabine erkennen sofort, wer nur vom Kampf spricht – und wer ihn wirklich annimmt.
Im Frühjahr 2009 verlässt Nino Niederreiter, Jahrgang 1992, noch im Juniorenalter die Schweiz Richtung Nordamerika und bereits 2010 wird er – immer noch im Juniorenalter – sowohl für die U 20-WM als auch seine erste richtige WM in Deutschland aufgeboten. Im Herbst 2010 folgen die ersten Partien in der NHL und inzwischen sind es 1135 geworden.
Mehr als tausend NHL-Spiele sind ein Beweis für Haltbarkeit, für Disziplin, für die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu behaupten gegen jüngere Beine, schnellere Hände und in der härtesten Liga der Welt, die jeden Winter ihre eigenen Helden verschlingt, keine Schwäche verzieht und keine Ausreden akzeptiert. Wer dort 16 Jahre überlebt und gut 50 Millionen verdient hat, gehört zu den Titanen des Welthockeys. Einer, der nie den einfachen Weg gesucht hat. Einer ohne Skandale. Der brave, nicht der schillernde Nino. Winter für Winter Arbeit, Härte, Loyalität.
Und immer wieder dieses Bekenntnis zu zur Nationalmannschaft. Obwohl die Auftritte bei der WM noch nie Einfluss auf seine Verträge, seine Karriere in der NHL hatten. Aber für ihn genauso eine Herzensangelegenheit sind wie sein Engagement für seinen Stammclub EHC Chur. Im Nationalteam scheint Nino Niederreiter fürs helvetische Publikum noch wichtiger als in Nordamerika. Vielleicht weil bei den WM-Turnieren seine Geschichte besser sichtbar wird. Die Schweizer waren einst, als Nino Niederreiter 2010 seine erste WM bestritten hat, gern gesehene Gäste bei den Titelturnieren. Aber sie mussten ohne Aussichten auf Ruhm am sportlichen Katzentisch Platz nehmen.
Heute gehen sie in Zürich aufs Eis, um den Titel zu gewinnen. Nino Niederreiter hat diese Entwicklung – die erstaunlichste in der Geschichte des gesamten helvetischen Mannschaftsportes – nicht bloss erlebt. Er hat sie geprägt. Er war bereits da, als Silber 2013 noch wie ein Wunder gefeiert wurde. Und er ist noch immer da, jetzt, wo Silber fast schon schmerzt, und Gold erhofft, ja erwartet wird.
Im September wird er 34. Vor dieser WM in Zürich wirkt er trotzdem nicht wie ein Veteran mit der Erfahrung aus 75 Partien in zwölf Titelturnieren. Eher wie eine ewig junge Schlüsselfigur in einer langen Geschichte, die noch nicht zu Ende erzählt ist. Eigentlich einer wie Julien Sprunger, der soeben endlich, endlich nach mehr als tausend Spielen und im Alter von 40 Jahren für Gottéron doch noch den ersten Titel geholt hat.
Auch Nino Niederreiter war noch nie Meister. Oder fast nie: 2009 hat er in seiner letzten Saison in Schweiz vor der Abreise nach Nordamerika drei Playoffpartien für den HCD bestritten und gehört so juristisch zum Meisterteam. Der Vergleich mit Julien Sprunger gefällt ihm und er sagt lachend, ja, so könne man es sehen.
Eigentlich spricht nichts dagegen, dass Nino Niederreiter in Zürich nach über tausend Spielen der Traum vom WM-Titel in Erfüllung geht. Der WM-Final wäre dann – anders als bei Julien Sprunger – noch längst nicht die letzte Partie seiner Karriere. Sondern eine krönende Zwischenstation. Sein Vertrag in Winnipeg läuft noch eine weitere Saison und nichts spricht gegen mindestens weitere zwei, drei gute Jahre.
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