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Interview

Ungeimpfte haben Angst vor Geimpften – das steckt hinter «Impf-Shedding»

Menschen, die gegen Covid-19 geimpft sind, können Ungeimpfte mit dem Impfstoff anstecken und krank machen? Die Antwort lautet: Nein. Dennoch verbreitet sich dieser Mythos gerade. Warum das alles absolut keinen Sinn ergibt, erklärt uns Impfchef Christoph Berger im Interview.
13.10.2021, 14:4013.10.2021, 16:05

Die Corona-Pandemie hat schon einige merkwürdige Theorien hervorgebracht oder neu aufgewärmt. Jetzt ist eine neue hinzugekommen: Impfstoff-Shedding. Der Begriff, der sich bislang vermutlich vor allem in Telegram-Kanälen der Impf-Gegner ausgebreitet hat, ist nun auch in Mama-Blogs und auf anderen Kanälen anzutreffen.

Ungeimpfte befürchten, dass Geimpfte das Spike-Protein des Coronavirus ausstossen und über Körperkontakt oder Husten an nicht geimpfte Personen weitergeben. In den einschlägigen Foren wird von verschiedenen Symptomen berichtet, die nach dem Kontakt mit Geimpften aufgetreten seien. Die Angst, Geimpfte zu treffen, wird rege diskutiert.

«Dieses Gerücht, wie so viele andere Gerüchte zu den COVID-19-Impfstoffen, entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage», schreibt das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) auf Nachfrage des Bayerischen Rundfunks (br.de). Das PEI ist in Deutschland für die Erfassung und Bewertung möglicher Nebenwirkungen der Corona-Impfungen zuständig.

Ja, auch wir konnten uns die Theorie nicht so wirklich erklären und haben uns deshalb an einen Impfexperten gewandt. Warum die Übertragung der Corona-Impfung wissenschaftlich nicht haltbar ist und wann es tatsächlich zu solchen Übertragungen unter Menschen kommen kann, darüber haben wir mit Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Impfkommission, gesprochen.

Prof. Dr. med. Christoph Berger ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen.
Prof. Dr. med. Christoph Berger ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen.Bild: KEYSTONE

Herr Berger, der Begriff des Impf-Shedding taucht vor allem in einschlägigen Foren auf. Er geistert aber schon länger umher. Erklären Sie uns: Können geimpfte Menschen Ungeimpfte anstecken, etwa über die Luft oder Körperflüssigkeiten?
Das kann bei Covid-19-Impfstoffen und anderen Totimpfstoffen unmöglich passieren.

Können Sie das begründen?
Man muss sich dafür kurz den Vorgang der mRNA-Impfung anschauen: Der Corona-Impfstoff wird in den Muskel eines Menschen gespritzt. Die Körperzellen nehmen die mRNA auf und produzieren dann das sogenannte Spike-Protein. Dieser Vorgang geschieht an der Zelloberfläche. Der Körper empfindet dies als fremd und reagiert mit einer Immunantwort. Er will das Spike-Protein bekämpfen. Das Spike-Protein aber ist nicht mobil und bleibt in der Zelle. Es bleibt lokal, auch wenn die Zelle untergeht und kann nicht weitergegeben werden.

Das Spike-Protein kann also nicht in die Lunge gelangen, wo es durch Husten oder Niesen weitergegeben werden könnte?
Richtig. Das Spike-Protein bleibt im Muskel und geht nicht in die Lunge. Und wenn es nicht auf die Schleimhäute der Lunge kommt, kann es auch nicht als Tröpfcheninfektion wie Husten oder Niesen weitergegeben werden.

Woher kommt denn dieser Begriff des «Impfstoff Shedding»? Ist das eine reine Erfindung der Impfgegner oder hat man bei anderen Impfungen dieses Phänomen schon festgestellt?
Da muss ich kurz etwas ausholen. Man unterscheidet zwischen Totimpfstoffen und Lebendimpfstoffen. Totimpfstoffe bestehen aus abgetöteten Krankheitserregern oder Teilen davon. Und tote Krankheitserreger sind auch nicht infektiös. Sie könnten also nicht einmal dann übertragen werden, wenn sie in die Lungen gelangen würden. Sowohl die zwei mRNA-Impfstoffe Moderna und Pfizer/Biontech als auch die Vektor-Impfstoffe Astrazeneca und Johnson & Johnson gehören zu den Totimpfstoffen.

«Das Spike-Protein bleibt im Muskel und geht nicht in die Lunge.»

Und wie sieht es bei den Lebendimpfungen aus?
Die Lebendimpfungen enthalten eine sehr kleine Menge an Krankheitserregern. Bei Lebendimpfstoffen, wie beispielsweise gegen Windpocken oder den Masern, besteht ein sehr geringes Risiko, dass das Virus kurzfristig durch die Atemwege ausgeschieden und übertragen werden kann.

Und das wäre gefährlich?
Nein. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass eine solche Virusübertragung zwar möglich, aber nicht gefährlich ist. Sprich: Bei den höchst selten mit dem Impfvirus infizierten Personen sind bisher kaum Symptome aufgetreten. Es kam auch noch nie zu schweren Erkrankungen. Das gilt für alle Menschen – sowohl für Kinder, ältere Personen als auch für Menschen mit einem geschwächten Immunsystem.

Solche Virusübertragungen kommen also nur sehr selten vor?
Ja, es ist extrem unwahrscheinlich, dass die kleine Menge an abgeschwächten Krankheitserregern, die sich in Lebendimpfungen befinden, es bis in die Atemwege schaffen. Geschweige denn, dass das Virus anschliessend durch Tröpfchen an eine andere Person übertragen wird.

«Spike-Proteine könnten nicht einmal dann übertragen werden, wenn sie in die Lungen gelangen würden.»

Gibt es dazu Studien oder Untersuchungen?
Ja, ein Forschungsteam aus Australien konnte in einer grossangelegten Studie keine Hinweise auf eine Übertragung des Masern-Lebendigimpfstoffvirus von Mensch zu Mensch finden.

Ist «Impfstoff Shedding» ein Phänomen, das jetzt mit der Corona-Pandemie aufkam oder gab es diese Ängste schon früher?
Die Theorie des «Impfstoff Shedding» ist mir völlig neu und ich kann sie mir auch nicht erklären. Vor allem, wenn ich daran denke, welche Gefahren im Vergleich zur Impfung eine Covid-Infektion mit sich bringt.

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie
quelle: keystone
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Sputim legt Impfskeptiker rein

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