«I am from Bosnia, take me to America» – die Geschichte hinter Bosniens WM-Banger
Als im Startspiel gegen Kanada die Nationalhymne von Bosnien-Herzegowina erklingt, bleiben die Spieler stumm. Zwar existiert ein Text zur Hymne, offiziell anerkannt ist er jedoch nicht. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes konnten sich bislang nicht auf eine gemeinsame Version einigen.
«In Bosnien schauen die Menschen oft nach rechts und links, was in diesem Fall Kroatien und Serbien bedeutet», erklärte Nationaltrainer Sergej Barbarez vor dem Turnier im Magazin «11 Freunde». Er werde die Hymne nicht singen, «aber ich werde die Hymne, die die Fans singen, im Kopf haben».
Soundtrack zur WM-Teilnahme
Umso mehr ist angesichts dieses Politikums die inoffizielle Hymne in den Vordergrund gerückt. «I am from Bosnia – take me to America» heisst das Lied der Band Dubioza Kolektiv. Es ist ein fröhliches Stück Balkan-Pop, 15 Jahre alt und vor wenigen Monaten «wiederentdeckt» worden.
Der Song handelt von einem Bosnier, der seiner Heimat den Rücken zudreht und versucht, in den USA den «American Dream» zu finden. Er kehrt desillusioniert zurück. Nicht die klassische Fussballhymne – aber ein Sehnsuchtslied. Und weil die Fussball-WM derzeit in den Vereinigten Staaten stattfindet, wurde das Lied in den WM-Playoffs im Frühling zum Soundtrack der Qualifikation.
Der ursprüngliche Inhalt ist nun weniger wichtig als der Refrain, denn der Wunsch ist schliesslich klipp und klar formuliert: Ich bin aus Bosnien, bring mich nach Amerika!
Fussball als verbindendes Element
Als der vierfache Weltmeister Italien geschlagen ist und die WM-Teilnahme feststeht, singen und tanzen Spieler und Fans zum Lied. Die Band ist in Zenica im Stadion dabei und freut sich über die Umdeutung des Songs. «Das Schönste ist, dass da kein Marketing dahintersteckt», sagte Keyboarder Brano Jakubovic dem MDR. «Die Menschen in Bosnien und Herzegowina haben dieses Lied selbst zu dem gemacht, was es für unseren Fussball bedeutet.»
Der Bosnienkrieg, dessen Ende drei Jahrzehnte her ist, prägt das Land und seine Bevölkerung bis heute. Sehr viele Menschen sind geflüchtet und geblieben. Von den rund sechs Millionen Bosniern lebt Schätzungen zufolge ein Drittel im Ausland. So hat jede und jeder einen Bezug zum Auswandern, zum Leben in der Ferne – oder auch zur Rückkehr in die alte Heimat, ob desillusioniert oder voller Tatendrang, dort etwas zu bewegen. Das verleiht «I am from Bosnia – take me to America» eine Bedeutung, die weit über den Fussball hinausgeht.
Für ein paar Wochen zählt weniger, was Bosniaken, Serben und Kroaten trennt. Entscheidend ist, dass ihre Mannschaft Bosnien nach Amerika gebracht hat – und möglichst lange dort bleibt.
