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Berliner am 10. November 1989 auf der Mauer, die tags zuvor noch unüberwindlich schien.
Bild: AP

«Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben» – so verlief das Wendejahr 1989

Der Fall der Berliner Mauer war vor 30 Jahren der Höhepunkt eines denkwürdigen Jahres. Ein Rückblick auf wichtige Weichenstellungen beim Zerfall des Ostblocks.
05.11.2019, 20:0606.11.2019, 11:57

Nach dem Ende der Wende kursierte ein Bonmot: In Polen dauerte die Revolution zehn Jahre, in Ungarn zehn Monate, in der DDR zehn Wochen, in der Tschechoslowakei zehn Tage und in Rumänien zehn Stunden.

Sinngemäss stimmt dies sogar, denn was 1980 mit dem Streik auf der Danziger Lenin-Werft begonnen hatte, entwickelte 1989 eine nie für möglich gehaltene Dynamik. Innerhalb weniger Monate lösten sich die Ostblockstaaten aus dem Einflussbereich der Sowjetunion, und dies erst noch auf überwiegend friedliche Weise. Eine Chronologie:

6. Februar

Runder Tisch in Polen

Regierung und Opposition treffen sich am Runden Tisch.
Regierung und Opposition treffen sich am Runden Tisch.
Bild: AP/KEYSTONE

In Warschau beginnen die Gespräche am Runden Tisch zwischen der polnischen Regierung und der seit der Verhängung des Kriegsrechts 1981 verbotenen Gewerkschaft Solidarność. Am 17. April wird das Verbot offiziell aufgehoben.

2. Mai

Ein Loch im Eisernen Vorhang

Ungarische Grenzsoldaten bei der Demontage des Eisernen Vorhangs.
Ungarische Grenzsoldaten bei der Demontage des Eisernen Vorhangs.
Bild: APA

Ungarn beginnt mit dem Abbau der Sicherungsanlagen an der Grenze zu Österreich. Der Eiserne Vorhang, der West- und Osteuropa während vier Jahrzehnten teilte, wird löchrig.

4. Juni

Wahlen in Polen

Solidarność-Chef Lech Wałęsa gibt seine Stimme ab.
Solidarność-Chef Lech Wałęsa gibt seine Stimme ab.
Bild: Czarek Sokolowski/AP/KEYSTONE

In Polen finden die ersten halbwegs freien Wahlen im Ostblock statt. 65 Prozent der Sitze im Parlament sind für die Kommunisten und die mit ihnen verbündeten «Blockparteien» reserviert, die restlichen gehen mit einer Ausnahme alle an Kandidaten von Solidarność.

4. Juni

Tiananmen-Massaker

Der «Tank Man» vom Tiananmen.

Die friedlichen Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking werden von der chinesischen Führung brutal niedergeschlagen. In Osteuropa fürchten viele, den aufkeimenden revolutionären Bewegungen werde es ähnlich ergehen.

7. Juli

Ende der Breschnew-Doktrin

Der Warschauer Pakt widerruft die nach dem früheren sowjetischen Parteichef Leonid Breschnew benannte Doktrin, wonach die Ostblockstaaten nur eine eingeschränkte Souveränität geniessen. An ihre Stelle tritt die «Sinatra-Doktrin» von Michail Gorbatschow, die den osteuropäischen Ländern erlaubt, ihren eigenen Weg zu gehen. Der Name bezieht sich auf den Song «My Way», der in Frank Sinatras Version berühmt wurde.

19. August

Picknick mit Massenflucht

Die grosse Flucht über die Grenze.
Die grosse Flucht über die Grenze.
Bild: AP

Mehrere 100 DDR-Bürger nutzen ein «Paneuropäisches Picknick» an der österreichisch-ungarischen Grenze, um in den Westen zu fliehen. In anderen Ostblockstaaten suchen immer mehr Ostdeutsche Zuflucht in den Botschaften der Bundesrepublik Deutschland.

23. August

Baltischer Weg

Teilnehmer am Baltischen Weg.
Teilnehmer am Baltischen Weg.
Bild: © Ints Kalnins / Reuters/REUTERS

Auf den Tag genau 50 Jahre nach dem Hitler-Stalin-Pakt entsteht in den drei baltischen Sowjetrepubliken die längste Menschenkette der Geschichte. Etwa zwei Millionen Teilnehmer bilden auf einer Länge von rund 600 Kilometern den Baltischen Weg von Tallinn (Estland) über Riga (Lettland) bis Vilnius (Litauen). Sie fordern Freiheit und Unabhängigkeit von der Sowjetunion.

24. August

Ein Katholik regiert Polen

Das Parlament feiert Tadeusz Mazowiecki.
Das Parlament feiert Tadeusz Mazowiecki.
Bild: EPA/PAP FILE

Mit Unterstützung von zwei bisherigen Blockparteien erringt die Gewerkschaft Solidarność die Mehrheit im Sejm, dem polnischen Parlament. Der katholische Publizist Tadeusz Mazowiecki wird erster nichtkommunistischer Regierungschef in Osteuropa.

4. September

Erste Montagsdemo

In Leipzig findet die erste Montagsdemonstration statt. Erstmals seit Beginn der Friedensgebete in der Nikolaikirche im Mai formiert sich im Anschluss eine Kundgebung. Rund 1000 Personen demonstrieren gegen die Staatssicherheit und für Reisefreiheit.

11. September

Ungarn öffnet die Grenze

Hier geht's nach Westdeutschland.
Hier geht's nach Westdeutschland.
Bild: AP

Nach Gesprächen zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Miklós Németh öffnet Ungarn seine Westgrenze offiziell für DDR-Bürger. Tausende nutzen die Gelegenheit zur Flucht, an den Übergängen nach Österreich bilden sich lange Staus.

30. September

Genscher in Prag

Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon.

Aussenminister Hans-Dietrich Genscher verkündet vom Balkon der überfüllten Botschaft der BRD in Prag, dass die Ausreise der dort versammelten 6000 DDR-Bürger genehmigt wurde. Rund 17'000 Flüchtlinge fahren in den folgenden Tagen in versiegelten Sonderzügen durch die DDR in die BRD.

7. Oktober

Letztes Hurra der DDR

Der letzte Bruderkuss: Michail Gorbatschow und Erich Honecker.
Der letzte Bruderkuss: Michail Gorbatschow und Erich Honecker.
Bild: EPA DPA

Die DDR feiert den 40. Jahrestag ihrer Gründung. Am Rande kommt es zu Demonstrationen, die gewaltsam niedergeschlagen werden. Michail Gorbatschow ermahnt DDR-Staatschef Erich Honecker, sich dem Wandel nicht zu verschliessen: «Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.» Wie der legendäre Satz entstand, ist umstritten.

9. Oktober

Das Wunder von Leipzig

Der Dirigent Kurt Masur ruft am 9. Oktober in Leipzig zum friedlichen Dialog auf.

Rund 70'000 Menschen nehmen mit der Parole «Wir sind das Volk!» an der bislang grössten Montagsdemonstration in Leipzig teil. Die Angst geht um vor einem Massaker nach Pekinger Vorbild, doch niemand in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) will die Verantwortung für eine gewaltsame Auflösung übernehmen. Das «Wunder von Leipzig» wird zum Wendepunkt der friedlichen Revolution in der DDR.

17. Oktober

Honecker wird gestürzt

Egon Krenz gibt sich volksnah.
Egon Krenz gibt sich volksnah.
Bild: AP

Erich Honecker wird vom SED-Politbüro abgesetzt. Sein Nachfolger Egon Krenz kündigt Reformen in der DDR an.

Mehr zum Thema

4. November

Grossdemo in Berlin

Hunderttausende nehmen an der grössten Massenkundgebung in der Geschichte der DDR auf dem Berliner Alexanderplatz teil. Sie fordern freie Wahlen und Meinungsfreiheit.

9. November

Die Mauer fällt

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Rosen in die Mauer
quelle: dpa / michael kappeler
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Die DDR-Führung beschliesst, ihren Bürgern Reisefreiheit zu gewähren. Politbüromitglied Günter Schabowski erklärt an einer Pressekonferenz fälschlicherweise, dies sei «sofort» der Fall. Tausende drängen an die Grenzübergänge nach Westberlin, die kurz vor Mitternacht geöffnet werden. Die Mauer ist nach 28 Jahren gefallen.

10. November

Wandel in Bulgarien

Todor Schiwkow kurz vor seinem Tod 1998.
Todor Schiwkow kurz vor seinem Tod 1998.
Bild: AP

Todor Schiwkow, seit 35 Jahren Staats- und Parteichef in Bulgarien und damit dienstältester Herrscher im Ostblock, wird zum Rücktritt gezwungen. Sein Nachfolger Petar Mladenow kündigt Reformen und freie Wahlen an.

17. November

Die Samtene Revolution

Ein Demonstrant zeigt ein Bild von Alexander Dubček, dem Anführer des Prager Frühlings 1968.
Ein Demonstrant zeigt ein Bild von Alexander Dubček, dem Anführer des Prager Frühlings 1968.
Bild: AP

In Bratislava und Prag finden die grössten Kundgebungen seit der Niederschlagung des Prager Frühlings 21 Jahre zuvor statt. Das Regime leistet keinen Widerstand. Es ist der Beginn der Samtenen Revolution in der Tschechoslowakei. Eine Woche später tritt die Führung der Kommunistischen Partei geschlossen zurück.

28. November

Kohls zehn Punkte

Bundeskanzler Helmut Kohl stellt im Bundestag sein Zehn-Punkte-Programm zur schrittweisen Wiedervereinigung von BRD und DDR vor.

16. Dezember

Rumänien begehrt auf

Demonstranten erstürmen in Timișoara ein Panzerfahrzeug der Armee.
Demonstranten erstürmen in Timișoara ein Panzerfahrzeug der Armee.
Bild: AP

In der rumänischen Stadt Timișoara kommt es zu Demonstrationen gegen den «Conducător» (Führer) Nicolae Ceaușescu, der das Land seit Jahrzehnten mit eiserner Faust und zunehmend selbstherrlich regiert. Sie breiten sich auf das ganze Land aus und werden brutal bekämpft. Rumänien ist das einzige Ostblockland, in dem die Revolution gewaltsam verläuft.

22. Dezember

Das Tor ist offen

Kohl, Modrow und Momper vor dem offenen Tor.
Kohl, Modrow und Momper vor dem offenen Tor.
Bild: AP

Das Brandenburger Tor in Berlin wird erstmals seit dem Mauerbau 1961 wieder geöffnet, in Anwesenheit von Helmut Kohl, DDR-Ministerpräsident Hans Modrow und dem Westberliner Bürgermeister Walter Momper.

25. Dezember

Tod eines Tyrannen

Die Leiche des hingerichteten Nicolae Ceaușescu.
Die Leiche des hingerichteten Nicolae Ceaușescu.
Bild: EPA ROMPRES

Nicolae Ceaușescu wird abgesetzt und versucht zu fliehen, doch das Militär hält ihn auf. Am Weihnachtstag kommt es zum Prozess vor einem Militärgericht, in dem der Diktator und seine Ehefrau Elena im Eilverfahren zum Tode verurteilt und durch ein Erschiessungskommando hingerichtet werden. Danach endet die Gewalt in Rumänien.

29. Dezember

Ein Dichter wird Präsident

Václav Havel und seine Frau Olga auf dem Balkon der Prager Burg.
Václav Havel und seine Frau Olga auf dem Balkon der Prager Burg.
Bild: reuters

Der renommierte Schriftsteller und Dissident Václav Havel wird vom Parlament in Prag einstimmig zum Staatspräsidenten der Tschechoslowakei gewählt. Noch im Februar war er wegen «Rowdytums» zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden.

Trabi, Mauer und Ost-Kaffee: Wie gut kennst du die DDR? Spiel das Quiz!

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