King Charles gelingt bei seiner Rede im US-Kongress ein seltenes Kunststück
Bald ist es 250 Jahre her, seitdem sich die USA in einem blutigen Unabhängigkeitskrieg vom britischen König lossagten. Als der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel von George III. am Dienstag aber im Kongress in Washington eine Rede hielt, war von den früheren Animositäten nichts mehr zu spüren. Politiker beider Parteien bejubelten Charles III. vielmehr und spendeten dem König, der sich zusammen mit seiner Gattin auf seinem ersten Staatsbesuch in den ehemaligen Kolonien befindet, anhaltenden Applaus.
Der Regent schien seinen Auftritt im Kongress, der bis ins Detail geplant war, zu geniessen. Zwar wirkte Charles während seiner Rede, die er von einem Manuskript ablas, nicht besonders animiert. Aber manchmal setzte der 77 Jahre alte König ein feines Lächeln auf. Oder machte eine Kunstpause, um den versammelten Abgeordneten Zeit zu geben, eine geistreiche Bemerkung zu verarbeiten. Zum Beispiel diese:
«Wir müssen darauf aufbauen»
Die Botschaft, die er während seines rund 30 Minuten dauernden Auftrittes verbreitete, war ähnlich subtil. So sprach Charles ausführlich über die besondere Beziehung, die Grossbritannien und die USA verbindet – obwohl die Partnerschaft doch «aus einem Streit» entstanden sei. Er sprach von gemeinsamen Schlachten der Alliierten. Und darüber, wie bereits seine Mutter – Königin Elisabeth II. – während einer Ansprache im Kongress vor 35 Jahren die «Special Relationship» gelobt habe.
Charles betonte aber auch, dass die beiden Länder sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen sollten. Dabei zitierte Charles ausgerechnet den britischen Premierminister Keir Starmer, der sich aktuell mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump über den Iran-Krieg streitet. Starmer habe kürzlich gesagt:
Die Art und Weise, wie der König diese Sätze wiederholte, erweckten im Publikum den Eindruck, als teile Charles diese Meinung.
Offen sagen allerdings wollte der König dies nicht. Zum einen ist es nicht die Aufgabe des britischen Staatsoberhauptes, sich ins politische Tagesgeschäft einzumischen. Zum andern versucht Charles, den unberechenbaren Präsidenten im Weissen Haus nicht noch weiter zu provozieren.
Trump wiederum scheint derart eingenommen von Charles und seiner Gattin Camilla zu sein, dass er ihm einiges nachsieht. Der König nutzt diesen Spielraum bisher recht geschickt aus. In seiner Rede vor dem Kongress zum Beispiel griff er ab und zu auf deutliche Worte zurück.
So sprach er darüber, wie wichtig ihm der christliche Glauben sei. Diese Passage schien Vizepräsident JD Vance, der direkt hinter dem Gastredner sass, besonders zu freuen. Im nächsten Satz aber betonte der König die Bedeutung des interreligiösen Dialogs. Hier klatschten viele Abgeordneten der Demokraten.
Charles erwähnte Ukraine-Krieg und Umweltschutz
Linke Parlamentarier zeigten sich auch entzückt darüber, wie Charles einen Bogen von der Magna Charta zur amerikanischen Verfassung schlug und dabei ausdrücklich das Prinzip der Gewaltenteilung («Checks and Balances») erwähnte. Viele Demokraten im Senat und Repräsentantenhaus sehen sich als die letzten Verteidiger der demokratischen Ordnung in den USA, die Präsident Trump zerstören wolle.
Dass (ausgerechnet!) der britische König diesen Einsatz würdigte, hob ihre Stimmung. Einige republikanische Parlamentarier störten sich zudem daran, dass Charles den Ukraine-Krieg erwähnte und die Tapferkeit des ukrainischen Volkes lobte. Aber am Schluss spendeten auch Abgeordnete, die gemeinhin mit europäischen Monarchen wenig am Hut haben, warmen Applaus für King Charles.
Dem britischen König gelang damit ein Kunststück, das im Versammlungsraum des Repräsentantenhauses schon lange nicht bewundert werden konnte. Auch wenn einer seiner Vorfahren in Washington ein verhasster Mann war: Charles überbrückte mit einer staatsmännischen Ansprache den Graben, den Demokraten und Republikaner normalerweise trennt. (bzbasel.ch)

