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Bild: chris iseli

Warum Raimondo Ponte den Sohn von FCZ-Legende Bartlett in die Fussball-Provinz holt

Der südafrikanische Stürmerstar Shaun Bartlett verzückte vor 20 Jahren die Fans des FC Zürich. Sein Sohn Tyrique schien auf Kurs zu einer grossen Karriere. Er kickte für die U23 von Newcastle. Doch nun haust er in einer kleinen Kammer und spielt in der 2. Liga für den FC Windisch.
23.09.2021, 16:13
françois Schmid-Bechtel / Aargauer Zeitung

Wenn ein junger Mann aus Südafrika irgendwo in der Schweizer Provinz in der 2. Liga kickt, ist das aussergewöhnlich. Wenn dieser Südafrikaner als Teenager einst einen Vertrag beim Premier-League-Klub Newcastle unterschrieb, ist die Geschichte noch aussergewöhnlicher. Und wenn der Vater dieses jungen Mannes aus Südafrika in Schweizer Fussballstadien eine Attraktion war, ist es die Geschichte von Tyrique Bartlett.

Es ist eine Geschichte, die nichts mit der dekadenten Lebensrealität der Messis und Ronaldos zu tun hat. Eine Geschichte, in der es nicht darum geht, ob man sich den zweiten Bugatti zulegen soll, für ein Goldsteak kurz nach Dubai jettet oder nur schon den Friseur von irgendwoher einfliegen lässt. Es ist eine Geschichte, die zwar um den Traum von Ruhm und letztlich auch Reichtum dreht. Aber vor allem ist es eine Geschichte, in der es darum geht, wie man als junger Südafrikaner in einem fremden Land, in dem keiner auf einen gewartet hat, die klitzekleine Chance nutzen will. Das ist die Geschichte von Tyrique Bartlett, der seit einem Monat beim FC Windisch spielt.

Shaun Bartlett mit seinem Sohn Tyrique nach dem Cupsieg 2000 mit dem FC Zürich.
Shaun Bartlett mit seinem Sohn Tyrique nach dem Cupsieg 2000 mit dem FC Zürich.
Bild: keystone

Bartlett? Shaun Bartlett? Ja, Tyriques Vater. 1998 verpflichtete ihn der damalige FCZ-Trainer Raimondo Ponte als Nachfolger von Shabani Nonda, der für damals sagenhafte neun Millionen Franken zu Rennes transferiert wurde. Bartlett, gross, kräftig, spielintelligent – ein smarter Stürmer. Zwar schon 25, aber er kommt nicht, um zu bleiben. Der FCZ soll ein Sprungbrett sein für den Mann, der 1996 mit Südafrika den kontinentalen Titelkampf gewann. Gleich in seiner ersten Saison beim FCZ erzielt er in sechs UEFA-Cup-Spielen ebenso viele Treffer (zwei gegen die AS Roma). Und 2000 wird er mit den Zürchern Cupsieger.

Tyrique kommt in der Schweiz zur Welt

Wie beim FCZ damals Usus, kümmert sich Trainer Ponte besonders intensiv um die ausländischen Spieler. So besorgte er ihnen Wohnungen möglichst nahe an seinem Wohnort Oberrohrdorf, um jederzeit bei Alltagsproblemen behilflich sein zu können. Auch Shaun Bartlett, dessen Frau im April 1999 Tyrique zur Welt brachte, wohnt mit seiner Familie in Gehdistanz zu Ponte. Erinnerungen an die Schweiz hat Tyrique kein mehr. Verständlich. Noch bevor er zwei wurde, dislozierte die Familie nach England, wo Shaun fünfeinhalb Jahre für den Premier-League-Klub Charlton spielte.

Raimondo Ponte sitzt auf einer Holzbank vor dem Clubhaus. Auf dem Rasen trainieren die E-Junioren seines FC Windisch, den er seit 19 Jahren präsidiert. Er flachst mit dem Trainer, lobt ihn für Übungen, die ihm bislang nicht bekannt waren. Dann sagt er: «Shaun hat mich angerufen und gefragt, ob ich mich ein paar Monate um seinen Sohn kümmern könne. Ich sagte zu. Und jetzt machen wir das mal bis zur Winterpause. Es kostet uns ja nichts.»

Seit einem Monat ist Tyrique Bartlett in Windisch. Hier im Amphitheater.
Seit einem Monat ist Tyrique Bartlett in Windisch. Hier im Amphitheater.
Bild: chris iseli

Seit einem Monat ist Tyrique in Windisch, knapp 8000 Einwohner. Gekommen aus der Millionenmetropole Johannesburg - aber nicht, um zu bleiben. Er versteht nichts, was Ponte erzählt. Tyrique sitzt da, schaut zu den Plätzen. Ein freundliches Gesicht mit leicht melancholischem Blick. Er ist gross und er ist Stürmer, wie sein Vater.

Bis 2006 lebt er im Grossraum London. Danach lässt sein Vater die Karriere in Südafrika ausklingen. Tyrique ist der älteste von drei Buben. Zurück in der Heimat realisiert er, welchen Status sein Vater hat. Mit 74 Länderspielen immerhin auf Platz 6 der Rekordnationalspieler. Und mit 28 Toren auf Position 2 im Ranking. «Überall, wo wir hingegangen sind, wurde er angesprochen», sagt Tyrique. Der Name Bartlett entpuppt sich für Tyrique als Segen und Fluch. Bald verspürt er Druck. Nicht aus der Familie, sondern von aussen. «Deshalb lernte ich früh zu kämpfen und mit Rückschlägen umzugehen.»

«Ich weiss, das haben die Römer gebaut.» Tyrique Bartlett im Ampitheater von Windisch.
«Ich weiss, das haben die Römer gebaut.» Tyrique Bartlett im Ampitheater von Windisch.
Bild: chris iseli

Aus zwei Wochen werden zweieinhalb Jahre Newcastle

Der erste kommt mit 14. Tyrique leidet an Wachstumsstörungen. Er muss zwei Jahre mit Fussball aussetzen. Nein, er sei deswegen nicht niedergeschlagen gewesen. «Ich habe andere Dinge genossen wie Wandern oder Gartenarbeit.» Den Anschluss danach schafft er trotzdem und erhält nur eineinhalb Jahre später die Möglichkeit, beim Premier-League-Klub Newcastle vorzuspielen. Geplant ist ein zweiwöchiger Probelauf. Aber Bartlett erhält schon nach einer Woche ein Angebot für zweieinhalb Jahre. Er trainiert phasenweise mit den Profis und spielt in der U23.

Bartlett zieht bei einer Familie ein, wo zwei weitere Newcastle-Junioren wohnen. Später kommt ein Schweizer dazu, Yannick Toure, der kürzlich zu den Young Boys zurückgekehrt ist.

«Ich bin dankbar für diese Chance.» In diesem Zimmer ohne Dusche und WC wohnt Tyrique Bartlett.
«Ich bin dankbar für diese Chance.» In diesem Zimmer ohne Dusche und WC wohnt Tyrique Bartlett.
Bild: chris iseli

Bartletts Gegenwart heisst aber nicht Newcastle, Johannesburg oder Bern, sondern Windisch. Welch ein Gegensatz. Die Gründe? Im letzten Jahr im Norden Englands zieht er sich eine schwere Knöchelverletzung zu. Der Vertrag wird 2019 nicht verlängert. Er kehrt nach Südafrika zurück, wo «ich nirgends eine richtige Chance erhalte und dann kam die Pandemie.» Bartlett hat zwei kurze Engagements in der zweiten und dritten Division. Die meiste Zeit in den letzten zwei Jahren aber ist er vereinslos.

Aufgeben? Keine Option. «Ich hätte nie gedacht, in Newcastle einen Vertrag zu erhalten. Trotzdem hat es geklappt.» Den Einfluss des Vaters zu nutzen, der schon viele Jahre als Profi-Trainer arbeitet? Erst recht nicht. «Keiner von uns will, dass ich in seinem Team spiele. Die Leute in Südafrika würden Vetternwirtschaft wittern.»

Und so sieht die Beiz von aussen aus, wo Tyrique Bartlett im Obergeschoss ein Zimmer bewohnt.
Und so sieht die Beiz von aussen aus, wo Tyrique Bartlett im Obergeschoss ein Zimmer bewohnt.
Bild: chris iseli

Also der Anruf nach Oberrohrdorf und wenig später die Ankunft in Windisch. Da ist er nun, 22-jährig, hat zwei Spiele in der 2. Liga bestritten und dabei zwei Tore erzielt. Er wohnt in einem winzigen Zimmer über einer Beiz, wo mittags Büezer einkehren und währschafte Kost verschlingen. Er fährt mit dem Velo ins Training, ist draussen, wenn es nicht regnet und liest oder schaut fern, wenn es regnet. Er macht Ausdauerläufe und geht ins Fitnesscenter. Er hilft im Klub als Junioren-Trainer oder Schiedsrichter aus. Mit einem Spiel und drei Trainings pro Woche muss er die Tage ja irgendwie ausfüllen in dieser ihm fremden Umgebung.

«Ich fühle mich sehr willkommen hier», sagt Bartlett. «Aber ich habe andere Ziele als meine Teamkollegen, die zum Spass spielen. Ich will in Europa den Sprung in eine erste Division schaffen.» Kann er das? Raimondo Ponte sagt: «Fragen Sie mich das in zwei Monaten wieder. Er war zuletzt lange ohne Klub. Noch fehlt ihm die Fitness für den Profi-Fussball. Ich werde deshalb zusätzliche Schichten mit ihm machen.» Und welche Erwartungen hat Vater Shaun? Tyrique sagt: «Er will, dass ich Deutsch kann, wenn ich irgendwann wieder zurückkehre.»

Raimondo Ponte (links), 1997 Trainer beim FC Zürich mit seinem damaligen Spieler Jerren Nixon.
Raimondo Ponte (links), 1997 Trainer beim FC Zürich mit seinem damaligen Spieler Jerren Nixon.
Bild: keystone

PS: Vor zwei Wochen hat ein anderer Ex-Spieler Ponte gefragt, ob er seinen Sohn zum FC Windisch bringen könne: Jerren Nixon, von 1995 bis 1999 beim FCZ und später drei Jahre in St. Gallen engagiert. «Jerren war schneller als der Ball», witzelt Ponte über den früheren Nationalspieler von Trinidad & Tobago. Dessen Sohn lernt er vielleicht schon bald kennen.

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