DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild: shutterstock
Erklärbär

Warum es sich für Multis lohnt zu heiraten – vor allem für amerikanische

Bei den angekündigten Elefantenhochzeiten zwischen Energie- und Pharma-Grosskonzernen ist nicht Liebe im Spiel, sondern steuerliches Kalkül.
29.04.2014, 17:5623.06.2014, 14:31

General Electric (GE) will die Energiesparte von Alstom übernehmen, Pfizer sich mit AstraZeneca vereinen. Novartis hat eine Art Partnertausch mit GlaxoSmithKline vereinbart und Holcim und Lafarge haben sich bereits das Ja-Wort gegeben: Auf dem Fusionsmarkt der multinationalen Konzerne geht es derzeit zu wie auf einer Ü30-Party kurz vor dem Ende. Jeder versucht verzweifelt, sich einen Partner zu angeln. Warum eigentlich? 

Bei den Multis herrscht nicht etwa Torschlusspanik, ihr Handeln ist von nüchternem finanziellen Kalkül bestimmt. Normale Heiraten sind in der Regel finanziell gesehen ein schlechter Deal. Weil die Einkommen der beiden Partner zusammengezählt werden, setzt die Progression ein, und die Steuerlast steigt. Wenn Multis sich vermählen, dann ist das Gegenteil der Fall. Sie können so Milliarden an Steuern einsparen. Das zeigen die Fälle von GE und Pfizer geradezu exemplarisch. 

Die Multis sitzen auf Cash-Bergen

Die Wirtschaftskrise hat die Multis nicht etwa geschwächt, sondern gestärkt. Hohe Arbeitslosenzahlen und hoch verschuldete Staaten haben es erlaubt, Lohn- und Steuerkosten zu optimieren. Die Gewinne der Grosskonzerne sprudelten in den letzten Jahren wie noch nie. Die meisten Multis sitzen daher heute auf riesigen Cash-Bergen. Bei Apple beispielsweise soll er höher als eine Billion Dollar sein. 

Gerade amerikanische Multis haben deswegen ein Problem. Die US-Unternehmenssteuern betragen 35 Prozent und sind damit im internationalen Vergleich sehr hoch. Das ist eigentlich pervers, denn die amerikanischen Einkommenssteuern sind vergleichsweise tief. Das bedeutet, dass in den USA Superreiche vom Fiskus mit Handschuhen, Unternehmen jedoch sehr hart angefasst werden. Alle Ökonomen sind sich einig, dass dies unsinnig sei, doch der politische Wahnsinn in Washington hat bisher eine umfassende Steuerreform verhindert. 

Im Ausland erzielte Gewinne werden nicht versteigert

Selbstverständlich wissen sich die Multis zu wehren. Sie beschäftigen ganze Armeen von Steueranwälten und Lobbyisten, die jedes Steuerschlupfloch auszunützen wissen – und davon gibt es viele. GE beispielsweise hat vor einem Jahr damit Schlagzeilen gemacht, dass es überhaupt keine Unternehmenssteuern bezahlt hat. Ein entscheidender Trick besteht darin, die im Ausland erzielten Gewinne ganz einfach dort zu lassen. Versteuert müssen sie nämlich erst bei einer Repatriierung werden. Insgesamt sollen US-Multis ausserhalb der Vereinigten Staaten unversteuerte Gewinne in der Höhe von mehreren tausend Milliarden Dollar gebunkert haben.

So gesehen kann die Absicht von GE, die Energiesparte von Alstom zu übernehmen, als ein gross angelegtes Steuervermeidungsmanöver betrachtet werden. GE bezahlt mit im Ausland gebunkerten Gewinnen und vermeidet damit die hohen US-Unternehmenssteuern. 

Wenn Novartis und GlaxoSmithKline tauschen

Noch ein bisschen raffinierter soll der 99-Milliarden-Dollar-Deal zwischen Pfizer und AstraZeneca ausfallen. Der amerikanische Pharma-Konzern – berühmt als Hersteller von Viagra – will nämlich seinen britischen Partner nicht übernehmen, sondern sich selbst von ihm übernehmen lassen. Pfizer würde damit seine amerikanische Staatsbürgerschaft aufgeben und sich in Grossbritannien einbürgern lassen. Das ist zwar unpatriotisch, aber lohnend. Analysten vermuten, dass Pfizer derzeit rund 40 Milliarden Dollar Cash im Ausland aufbewahrt. Ein Wechsel der Staatsbürgerschaft würde dem Pharma-Multi Steuergewinne von jährlich mindestens einer Milliarde Dollar einbringen. 

Nebst steuertechnischen Gründen hat der Fusionswahn der Multis einen zweiten Grund. Sie wollen ihr Geschäft neu ordnen. Oder man könnte auch sagen: Sie spielen Monopoly. Novartis tauscht das Impfgeschäft gegen Krebsheilmittel mit GlaxoSmithKline ungefähr so, wie Monopoly-Spieler «Chur-Steinenvorstadt» gegen «Zürich-Rennweg» plus Cash verhökern. Für die Multis ist das attraktiv, für alle anderen weniger: Arbeitnehmer müssen mit noch höherem Lohndruck rechnen, Konsumenten mit steigenden Preisen und die öffentliche Hand mit sinkenden Einnahmen. 

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Die wichtigsten Fragen und Antworten zur neuen «Wunderpille» gegen Covid

In den USA sprechen seit Freitag alle von Molnupiravir, «einer Art Wunderpille gegen Covid, die noch vor Weihnachten auf den Markt kommen soll», wie der «Tages-Anzeiger» schreibt.

Die Zwischenresultate der Studie waren offenbar dermassen gut, dass sie so nicht fortgesetzt wurde. Denn es wäre gemäss Bericht ethisch nicht mehr vertretbar gewesen, der Hälfte der Patienten (in der Kontrollgruppe) nur ein Placebo zu geben.

Damit Molnupiravir wirke, müsse die Behandlung innerhalb von fünf Tagen nach …

Artikel lesen
Link zum Artikel