Schweiz
International

Nick Hayek: Scharfe Kritik an SNB wegen starkem Franken

nick hayek
«Ach, erzählen Sie keine Märchen»: Nick Hayek glaubt nicht, dass der Franken wegen des «sicheren Hafens» teurer wird.Bild: nik egger/chmedia
Interview

Nick Hayek: «Raus aus der Schweiz – das wird für viele die einzige Lösung sein»

Der «extrem überbewertete» Franken macht der Exportindustrie zu schaffen. Nick Hayek, Chef der Swatch Group, kritisiert die Nationalbank: Sie tue nichts – weil sie im Handelskrieg die USA nicht verärgern wolle. Geopfert würden Jobs in der Schweiz.
19.02.2026, 05:3019.02.2026, 08:54
Patrik Müller und Werner De Schepper / ch media

In der Schweizer Industrie häufen sich Abbaumeldungen. In den vergangenen zwei Jahren gingen 15'000 Arbeitsplätze verloren. Kommt es auch bei Swatch Group zu Entlassungen?
Nick Hayek: Nein, wir haben uns vorgenommen, unsere Mitarbeiter auch in schwierigen Zeiten weiterzubeschäftigen.

Aber Ihr Umsatz ist letztes Jahr um 450 Millionen Franken zurückgegangen. Müssen Sie nicht sparen?
Doch, das tun wir natürlich. Aber nicht zuerst bei unseren Mitarbeitern in den Fabriken, die unsere fantastischen Produkte herstellen. Allein 308 Millionen Franken unseres Umsatzrückgangs sind auf den Währungseffekt zurückzuführen, den wir dem extrem überbewerteten Schweizer Franken verdanken. Mir geht es aber nicht nur um die Swatch Group, sondern auch um die gesamte Schweizer Industrie.

Wie sehr trifft sie der starke Franken?
Viele Schweizer KMU haben allergrösste Mühe mit der extremen Aufwertung des Frankens. Vielen bleibt nichts anderes übrig, als ins Ausland auszuweichen, obwohl sie das gar nicht wollen. Die Situation hat sich seit Anfang 2026 nochmals zugespitzt. Und niemand in der Politik oder in den Medien scheint sich darüber gross aufzuregen. Man verweist eher mit Stolz auf den Superpower-Franken. Vielleicht denken die alle nur an ihre Ferien im Ausland, die immer billiger werden.

Was kostet die Swatch Group die Aufwertung des Frankens?
Die Rechnung ist einfach. Wenn Sie die 2014er-Zahlen der Swatch Group zu heutigen Wechselkursen nehmen, fehlen uns 1,4 Milliarden Franken – allein wegen des Wechselkurses. Schauen wir die aktuellen Zahlen an: Allein im Januar 2026 beträgt die Währungserosion, verglichen mit dem Januar des letzten Jahres, über 60 Millionen Schweizer Franken. Dies trotz Preisanpassungen während der letzten 12 Monate. Der Schweizer Franken hat sich über alle Währungen hinweg, nicht nur beim Dollar, massiv verstärkt.

Der Dollar und der Euro schwächeln gegenüber dem Schweizer Franken seit längerem, besonders seit Donald Trumps «Liberation Day» im April 2025, als er seinen Zollkrieg mit der Welt anzettelte:

Und jetzt rufen Sie nach dem Staat?
Nein, das habe ich noch nie getan und werde ich auch jetzt nicht tun. Ich rufe auch nicht nach einem schwachen Franken. Im Gegenteil, ich will einen starken Franken. Aber was wir jetzt sehen, ist ein total überbewerteter Franken, der ungebremst immer stärker an Wert gewinnt.

Was erwarten Sie von der Politik?
Ich erwarte gar nichts, aber es sträubt mir die Haare, zu konstatieren, wie sprachlos und teilnahmslos die offizielle Schweiz und vor allem die SNB diese Situation hinzunehmen scheinen. Die Nationalbank ist unabhängig von der Politik, und das ist auch richtig so. Unter den Nationalbank-Präsidenten Philipp Hildebrand und Thomas Jordan hat sie diese Unabhängigkeit nicht daran gehindert, sehr aktiv zu sein. Sie waren unberechenbar, und genau so muss es sein.

Inwiefern unberechenbar?
Man sah es bei der Einführung und Aufhebung des Euro-Mindestkurses. Eine Nationalbank hat Einfluss, wenn sie die Märkte überraschen kann. Hildebrand und Jordan haben eine Politik im Interesse der Schweiz gemacht – und sie waren präsent, haben sich geäussert. Zugegeben, der eine mehr als der andere.

Warum erwähnen Sie Martin Schlegel nicht, der seit Oktober 2024 oberster Nationalbank-Lenker ist?
Ganz einfach, ich kenne ihn nicht. Ich höre nichts von ihm. Ich sehe nichts von ihm. Die Nationalbank scheint abgetaucht zu sein. Gibt es sie überhaupt noch?

Was müsste die Nationalbank denn tun?
Ich bin kein Notenbanker, aber ich erwarte, dass sie Stärke zeigt und anerkennt, dass so eine extreme Überbewertung des Frankens der Schweiz schadet. Sie kann selbstbewusst und unabhängig ihre Instrumente einsetzen.

Als sie das in der Ära Hildebrand/Jordan tat, stieg die Bilanzsumme der Nationalbank von 200 auf über 1000 Milliarden Franken. Das ist nicht nachhaltig.
Warum nicht? Eine Nationalbank kann nicht Konkurs gehen. Schauen Sie: Die Rolle der SNB geht seit August völlig unter. Die ganze Schweiz spricht nur noch über die US-Zölle. Alle sind darauf fixiert, als wären sie das Schlimmste, was uns widerfahren konnte.

39 Prozent waren schon heftig, jetzt sind wir bei 15 Prozent.
Ja, das war heftig, aber heftiger und langfristig schädlicher ist der total überbewertete Schweizer Franken gegenüber allen Währungen.

Der Franken ist ein sicherer Hafen, angesichts der Unsicherheit in der Welt – Trump, Grönland, Iran – ist eine Aufwertung logisch.
Ach, erzählen Sie keine Märchen. Es gibt kein Bankgeheimnis mehr, keine Zinsen, keine schlagkräftige Armee. Es gibt nur noch eine Schweizer Grossbank, die sogar damit flirtet, aus der Schweiz wegzuziehen, und die andere ist leider quasi pleitegegangen, und dazu kommt noch, dass die Amerikaner kürzlich aller Welt gezeigt haben, wie schwach wir doch sind. Die Wahrheit ist: Um den Schweizer Franken gibt es viel Spekulation, und wir lassen es einfach geschehen. Schicksal! Das ist unakzeptabel. Es gibt ein paar klare Hinweise, warum die Nationalbank schon im Sommer in einen Winterschlaf gefallen ist.

Was ist Ihre Vermutung?
Nach dem Zollhammer vom 1. August, konkret am 29. September 2025 – und das wurde hier kaum zur Kenntnis genommen – kamen das amerikanische Treasury, das Schweizer Finanzdepartement und die Schweizer Nationalbank in den USA zusammen. Sie schlossen ein «non-binding Agreement» ab, eine nicht bindende Vereinbarung, sich zu verpflichten, keine Währungsmanipulation vorzunehmen. Vielleicht wollten sie mit einem Akt vorauseilenden Gehorsams verhindern, dass die Schweiz auf einer schwarzen Liste der USA von Wechselkurs-Manipulatoren landet, wo eigentlich ganz an der Spitze die USA mit ihrem Dollar sein sollten.

Politischer Unternehmer
Nick Hayek, 71, ist seit 2003 CEO der Swatch Group. Sein Vater Nicolas Hayek (gestorben 2010) hatte das Unternehmen in den 1980er-Jahren zur Weltfirma gemacht. Nick Hayek und seine Schwester Nayla Hayek, die Verwaltungsratspräsidentin ist, haben die Gruppe weiter ausgebaut, sie beschäftigt inzwischen über 32'000 Mitarbeitende. Die pointierten politischen Äusserungen des CEO in unserem Interview erinnern an die Stellungnahmen von Nicolas Hayek, der nie ein Blatt vor den Mund nahm. (pmü)
infobox image
Bild: keystone

Und seither tut die Nationalbank nichts gegen die Franken-Aufwertung?
Die Nationalbank hat sich durch diese Vereinbarung verpflichtet, im Beisein des Schweizer Finanzdepartements nichts zu unternehmen, was die Amerikaner verärgern könnte.

Weil sonst der Zoll-Deal, der bis 31. März stehen soll, gefährdet ist?
Die offizielle Schweiz hat für alle sichtbar Angst und ist auf die US-Zölle fixiert. Die Währungsproblematik trifft die Schweiz aber längst stärker als die Zölle. Wir sprachen vorhin über die Unabhängigkeit der SNB von der Politik …

… und die sehen Sie in Gefahr?
Wo war die US-Notenbank Fed an dieser Sitzung in den USA? Das riecht nach einem Deal, den die SNB eingegangen ist, um den möglichen Zolldeal bis Ende März ja nicht zu gefährden. Mir scheint: Die SNB ist zwar unabhängig von der Schweizer Politik, aber nicht vom Oval Office. Die Nationalbank hat die Unabhängigkeit geopfert – für den Zolldeal.

Ein happiger Vorwurf.
Die SNB könnte ihn ja aus der Welt räumen. Aber sie schweigt. Duckt sich weg. Das passt ins grosse Bild der aktuellen Schweizer Politik. Während Trump die Industrie zurück in die USA holen will und der amerikanische Aussenminister Marco Rubio kürzlich an der Münchner Sicherheitskonferenz die Europäer vor der Deindustrialisierung warnt, sind wir Schweizer, die Champions eines erfolgreichen Industriestandorts, auf bestem Weg, unsere eigene Schweizer Industrie zu opfern. Weil der Mut, zu kämpfen, fehlt.

Übertreiben Sie nicht?
Nein, die grösste Absurdität dabei ist, dass unsere Schweizer Regierung die Schweizer Industrie aktiv auffordert, mehr in den USA zu investieren, in der Hoffnung, die Zölle so herunterzubringen. Aber die grössere Bedrohung für unsere Industrie durch den so stark überbewerteten Franken scheinen sie nicht zu sehen.

Nick Hayek
«Es fehlt der Mut, für die industriellen Jobs zu kämpfen»: Nick Hayek beim Interview am Montag am Swatch-Group-Sitz in Biel.Bild: nik egger/chmedia

Das 200-Milliarden-Dollar-Versprechen an Trump hat geholfen, die Zölle von 39 auf 15 Prozent zu senken.
Glauben Sie, es ist langfristig gut für den Werkplatz Schweiz, wenn die Politik zwei Botschaften hat: «Bau deine Fabrik in den USA.» Und: «Wir tun nichts gegen den überbewerteten Schweizer Franken.» Wenn das wirklich das Signal der Politik ist, muss ich mich fragen: Was machen wir falsch, wenn wir in der Schweiz Lehrlinge ausbilden? Wenn wir hier investieren, obwohl die Löhne viel höher sind als beispielsweise in Bulgarien und Rumänien, wo es auch gute Fachkräfte gäbe?

Was wollen Sie damit sagen?
Viele Firmen haben Investitionen verzögert oder ganz darauf verzichtet. Einige haben Jobs abgebaut, leider hat aber mit Ausnahme Ihrer Zeitung kaum jemand darüber berichtet. In der Westschweiz wächst jetzt die Sensibilisierung dafür.

Was fordern Sie konkret?
Ich bin kein Geldpolitiker. Aber es ist klar: Wenn wir ein Problem mit einem stark überbewerteten Franken haben, kann eine starke, unabhängige Nationalbank Massnahmen ergreifen. Das hat sie in der Vergangenheit schon bewiesen. Aber jetzt scheint die Priorität zu sein, lieber möglichst viel Profit zu machen, um dann Milliarden an die Kantone und den Bund auszuschütten. Das ist die falsche Priorität.

Die SNB würde da sicher widersprächen. Was soll sie anders machen?
Weiterhin dafür zu sorgen, dass in der Schweiz stabile Verhältnisse herrschen, nicht nur im monetären Bereich, sondern auch im Sozialen, das heisst Vollbeschäftigung und Inflationskontrolle, und da zu sein, wenn Not am Mann ist.

Teilt Jean-Pierre Roth, der frühere SNB-Chef, der bei Ihnen im Verwaltungsrat ist, Ihre Meinung?
Ich habe noch nicht mit ihm darüber gesprochen. Unter Herrn Roth hat die SNB mutig verhindert, dass die UBS in der Finanzkrise bankrottging, was eine Katastrophe für die Schweiz bedeutet hätte. Das stand sicherlich in keiner Checkliste oder einem Handbuch. Er hat Mut gezeigt und Verantwortung übernommen, zusammen mit anderen in dem Moment, in dem es nötig war.

Man hat immer gesagt, der starke Schweizer Franken mache die Exportwirtschaft fit. Gilt das jetzt nicht mehr?
Doch! Die Schweizer Industrie ist enorm wettbewerbsfähig, sie ist gezwungen dazu, nicht nur wegen des Frankens, und sie leistet Erstaunliches. Eine gewisse Aufwertung ist absolut in Ordnung. Aber jetzt haben wir ein doppeltes Problem: Das Ausmass der Aufwertung betrifft alle Währungen, nicht nur den Dollar, und die Geschwindigkeit dieser Aufwertung ist enorm. Eine Anpassung der Unternehmungen in diesem Tempo ist fast unmöglich. Für viele wird die schnelle Lösung die einzige sein: raus aus der Schweiz.

Wollen Sie eine Industriepolitik? Einen Staatsfonds?
Nein! Noch einmal, ich rufe nicht nach dem Staat. Wir brauchen einfach wieder das gemeinsame positive Bewusstsein, dass die Industrie für die Identität der Schweiz wichtig ist und nicht nur Banken, Versicherungen, Immobiliengesellschaften und Rohstoffhändler. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
173 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Sani-Bär
19.02.2026 05:54registriert April 2021
Ehrlich, ist jemand hier wirklich erstaunt darüber?
Die Bürgerliche Mehrheit in Bundesbern kriecht dem Orangen Narzissten und seiner Fascho-MAGA-Bande doch nur noch in den Allerwertesten anstatt "Kante" zu zeigen.
Der EU wird aber gleichzeitig vorgeworfen, Bundesbern zu "Knebel- und Unterwerfungsverträgen" zu zwingen.
Unsere rechtspopulistischen "Hellebarden-Boyz & -Girlz" haben endgültig den Bezug zur politischen Realität verloren.
Leider wählen immer noch zuviele "Braune Suppe" in die Politik anstelle von "selberdenkenden" Menschen aus der Classe Politique.
38556
Melden
Zum Kommentar
avatar
MacB
19.02.2026 06:20registriert Oktober 2015
leider hat Hayek recht.
22711
Melden
Zum Kommentar
avatar
Linksrechtsblablabla
19.02.2026 06:18registriert Januar 2021
Sehr gute und kluge Worte von ihm
19213
Melden
Zum Kommentar
173
«Sei links oder sei ruhig»: Influencer Joung Gustav widerspricht Migros nach Rauswurf
Die Migros kickte ein Produkt des Zürcher Influencers Joung Gustav aus dem Sortiment, nachdem sich dieser kritisch zur Schweizer Asylpolitik geäussert hatte. Nun zieht Coop nach – offiziell aus einem anderem Grund.
Ein Video, in dem der Zürcher Influencer Joung Gustav sich kritisch zur Schweizer Asylpolitik äusserte, sorgte vergangene Woche für viel Aufsehen – insbesondere, weil die Migros die Zusammenarbeit mit Gustav danach unter Verweis auf einen «nicht mit uns zu vereinbarenden Wertekanon» beendete (watson berichtete).
Zur Story