Das einst verschmähte Twint hat 6 Millionen User und will sich neu erfinden
Der Start vor knapp zehn Jahren verlief harzig. Die Stimmen, die der jungen Bezahl-App ein kurzes Leben prophezeiten, waren entsprechend laut. Eine helvetische Insellösung sei gegen die Übermacht der grossen US-Zahlungsanbieter chancenlos, so der Tenor. Doch spätestens während der Corona-Pandemie explodierten die User-Zahlen. Inzwischen ist Twint die führende Bezahl-App der Schweiz mit mehr als sechs Millionen aktiven Nutzenden, die im letzten Jahr 901 Millionen Transaktionen tätigten. Dies gab Twint am Dienstag bekannt.
In einem Land mit neun Millionen Einwohnern bedeutet der neue User-Rekord, dass mehr als zwei von drei Menschen twinten. «Damit stärkt Twint die digitale Souveränität der Schweiz und schafft Unabhängigkeit von globalen Tech-Giganten», schreibt das Unternehmen.
Mehr User, mehr Transaktionen
Mit der steigenden Verbreitung wird es für die Bezahl-App der Banken schwieriger, weiterzuwachsen. Vermutlich haben inzwischen fast alle die App installiert, die sie möchten. Das User-Wachstum hat sich daher in den letzten Jahren auf hohem Niveau abgeschwächt.
Das abgeflachte Wachstum zeigt sich auch bei den Überweisungen, die via Twint getätigt werden. Diese erreichten im vergangenen Jahr zwar einen neuen Höchststand, das Wachstum hat sich aber etwas verlangsamt.
Twint wird von 81 Prozent der stationären Geschäfte und 86 Prozent der Online-Shops in der Schweiz als Zahlungsmittel angeboten. Mit dieser starken Präsenz ist auch die Nutzungshäufigkeit gestiegen: 2017 kam Twint auf rund zehn Transaktionen pro User, 2025 dürften es im Durchschnitt gegen 150 Transaktionen pro User gewesen sein.
Von den gut 900 Millionen Transaktionen im letzten Jahr waren 77 Prozent kommerzielle Bezahlvorgänge, welche Erträge generieren. Der einst grosse Anteil kostenloser Überweisungen zwischen Privatpersonen ist auf 23 Prozent geschrumpft. Das heisst, mehr User nutzen Twint fürs Bezahlen in Läden und Online-Shops, während das klassische Twinten kleiner Beträge unter Freunden nicht mehr die primäre Nutzung darstellt.
Die Konkurrenz schläft nicht
Twint hat in den vergangenen Jahren vielen Menschen den Alltag vereinfacht, spürt aber den Atem der Konkurrenz im Nacken. Apple, Google, grosse Kreditkartenanbieter wie Visa und ausländische Finanz-Apps wie zum Beispiel Revolut sind jederzeit eine Bedrohung.
Darüber hinaus stellen neue Dienstleistungen wie die Einführung von Instant-Zahlungen (Echtzeit-Überweisungen) bei Banken das Alleinstellungsmerkmal von Twint infrage.
«Schluss mit Papierbergen»
Twint wird sich daher neu erfinden und weitere Finanzdienstleistungen anbieten müssen, um relevant zu bleiben. Beispielsweise wird 2028 das bisherige Lastschriftverfahren LSV+ für wiederkehrende Zahlungen eingestellt. Die Börsenbetreiberin SIX hat daher bereits im letzten Jahr eine neue, digitale Lastschriftlösung lanciert. Twint will mit der eigenen papierlosen Alternative «Twint Direktlastschrift» nachziehen.
Zudem werde «das Bezahlen von Rechnungen so einfach wie an der Ladenkasse oder im Online-Shop», schreibt Twint. Das Ziel sei eine «vollständig digitale Lösung für QR-Rechnungen». «Schluss mit Papierbergen», so das Versprechen des Unternehmens.
Unabhängigkeit von Tech-Giganten
Wie wichtig diese Innovationen sind, betont Markus Kilb, CEO von Twint: «Gerade in Zeiten internationaler Turbulenzen ist es umso wichtiger, dass die Zahlungsinfrastruktur der Schweiz unabhängig bleibt. Twint bietet Nutzenden und Handel in der Schweiz damit auch ein Stück digitale Souveränität.»
Zur Stärkung der digitalen Souveränität gehöre auch, «dass Schweizer Zahlungsanbieter vollen Zugriff auf alle technischen Schnittstellen für das digitale Bezahlen erhalten sollen». Ein Seitenhieb in Richtung Apple. Denn der US-Konzern weigere sich weiterhin, die NFC-Funktion im iPhone für kontaktloses Bezahlen auch in der Schweiz ohne Gebühren anzubieten. Die EU hingegen hat Apple gezwungen, Bezahl-Apps im EWR-Raum kostenlosen Zugriff auf die NFC-Technologie zu gewähren.
Möglich machten dies die neuen Digitalgesetze der Europäischen Union, welche die Macht dominanter Tech-Konzerne einschränken. Um einer potenziellen Milliardenstraffe zu entgehen, lenkte Apple nach einem jahrelangen Lobbykrieg ein und gibt seither seine NFC-Funktion kostenlos frei. In der Schweiz hingegen dürfte dafür die rechtliche Grundlage fehlen. Twint sieht sich daher benachteiligt.
Im Dezember wurde bekannt, dass die Wettbewerbskommission (WEKO) Apples Vorgehen in der Schweiz überprüft. Doch ermittelt wird auch in die andere Richtung: Bereits 2018 eröffnete die WEKO eine bis heute laufende Untersuchung gegen Schweizer Banken. Der Verdacht: Sie würden Apple Pay und Samsung Pay boykottieren, um Twint zu bevorzugen. Mittlerweile haben die Banken damit aufgehört.
(oli)
