Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
«Blue Marble», die Erde fotografiert von Apollo 17, 1972

Die Erde ist kugelförmig. Zweidimensionale Karten sind daher zwangsläufig verzerrt.  Bild: NASA

Ein anderer Blick auf die Erde – japanischer Architekt entwirft neue Weltkarte

Der japanische Architekt Hajime Narukawa hat eine Weltkarte entworfen, die auf einer neuen Projektionsmethode beruht. Dafür erhielt er nun den begehrten Good Design Award.

daniel huber



Weltkarten haben ein fundamentales Problem: Sie stimmen nicht. Genauer gesagt: Sie sind nie in jeder Hinsicht wirklichkeitsgetreu. Entweder stimmt die Form der Kontinente, dafür sind die Flächen verzerrt. Oder die Flächen sind korrekt dargestellt – auf Kosten der richtigen Form.

Das liegt daran, dass die Erde annähernd eine Kugel ist, also ein dreidimensionales Gebilde, während eine Karte lediglich zweidimensional ist. Bei der Projektion einer Kugeloberfläche auf eine Ebene entstehen zwangsläufig Verzerrungen. 

abspielen

Das Orangenschalen-Problem: Karten-Projektionen der Erde (engl.).  Video: YouTube/twistedlot

Dominierende Mercator-Projektion

Die meisten heutigen Weltkarten beruhen auf der Mercator-Projektion. Der bedeutende deutsche Kartograph Gerhard Mercator (1512–1594) zeichnete 1569 eine grosse Weltkarte, die ihn berühmt machte. Die nach ihm benannte Mercator-Projektion zeichnet sich durch hohe Winkeltreue aus, was für die Schifffahrt und die Luftfahrt von hohem Belang ist.  

Bild

Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium: Mercators Weltkarte von 1569.  Bild: Wikimedia

Der Nachteil dabei: Je näher ein Gebiet am Nord- oder Südpol liegt, desto grösser erscheint es. Grönland (2,2 Mio. km2) zum Beispiel sieht so gross aus wie der ganze Kontinent Afrika (30,3 Mio. km2). Da Europa und Nordamerika aus diesem Grund grösser wirken, als sie in Wahrheit sind, hat man der Mercator-Projektion auch schon imperialistische Motive oder zumindest eine westlich geprägte Weltsicht unterstellt. 

Bild

Klassische Mercator-Projektion: Die Regionen in Polnähe sind viel grösser als jene in Äquatornähe.  Karte: Wikimedia

Design-Preis für eine Kartenprojektion

Auch der japanische Architekt Hajime Narukawa störte sich an den Unzulänglichkeiten der Mercator-Projektion – und hat deshalb bereits 1999 eine neue namens «AuthaGraph» entwickelt. Zehn Jahre später gründete er eine gleichnamige Firma – mit Erfolg; Seine Karte wird mittlerweile in japanischen Schulbüchern verwendet. Im Oktober erhielt Narukawa den «Good Design Grand Award 2016» für seine Karte. 

Bild

Gewöhnungsbedürftig: Narukawas Projektion. Karte: AuthaGraph

Mit seiner Methode will Narukawa Landmassen und Gewässer so genau und realitätsgetreu wie möglich abbilden. Die Erdoberfläche wird zu diesem Zweck in 96 Dreiecke geteilt, aus denen ein Tetraeder geformt wird, der danach aufgeklappt wird. So bleiben die Proportionen weitgehend erhalten. 

Bild

Von der Kugel zur Karte: Aus 96 Dreiecken wird ein Tetraeder geformt.  Bild: AuthaGraph

Umgekehrt kann aus der Karte wieder ein nahezu runder Globus gefaltet werden. Und – ein besonderer Clou: Die Karte eignet sich zur Parkettierung, das heisst, es können mehrere Exemplare übergangslos in beliebiger Richtung aneinandergereiht werden. 

Parkettierung Authagraph Weltkarte

Die Karte eignet sich zur Parkettierung: Wie in einem Bild von M. C. Escher können mehrere Exemplare übergangslos aneinandergehängt werden.  Bild: AuthaGraph

abspielen

Hajime Narukawa stellt 2011 seine Karte vor (japanisch, englische Untertitel).  Video: YouTube/TEDx Talks

Gegen kulturelle Vorurteile

Narukawa hat seine neue Projektion allerdings nicht aus dem luftleeren Raum entwickelt. Schon in den 1940er Jahren arbeitete der amerikanische Architekt und Schriftsteller Buckminster Fuller an einer Karte, welche die Erdoberfläche auf einen Ikosaeder projizierte. Diese Dymaxion-Karte sollte nach dem Willen ihres Erfinders kulturelle Vorurteile überwinden, weil sie den Norden nicht oben und den Süden nicht unten darstellt. 

Animiertes GIF GIF abspielen

Animierte Dymaxion-Karte.  Karte Wikimedia/Chris Rywalt

Auch andere Kartographen haben sich bemüht, neue, «gerechtere» Projektionen zu finden. Bekannt ist beispielsweise die Gall-Peters-Projektion, die weitgehend flächentreu ist. Sie vermeidet die verstärkte Hervorhebung der Flächen im Norden zu Ungunsten des Südens – was dazu führte, dass diese Karte als populäres postkolonialistisches Statement eingesetzt wurde. Allerdings ist sie nicht formgetreu und weist massive Verzerrungen auf; in Äquatornähe sind die Flächen stark in die Länge gezogen, während sie in Polnähe in die Breite gezogen sind. 

Gall-Peters_Projektion

Gall-Peters-Projektion. Karte: Wikimedia

Upside down statt Down under

Noch radikaler ist die Karte, die der Australier Stuart McArthur entworfen hat. Er störte sich schon als Schüler an der benachteiligten kartographischen Position seiner Heimat und gab daher 1979 eine «berichtigte» Version heraus. 

McArthurs gesüdete Weltkarte

McArthurs «verkehrte Welt». Sie ist nicht genordet, sondern gesüdet. Zudem befindet sich Australien im Zentrum, so dass der Atlantik an den Kartenrändern liegt.  Karte: Topoi.org

McArthur war bei weitem nicht der erste, der eine nach Süden ausgerichtete Weltkarte zeichnete. Viele Karten aus dem islamischen Kulturkreis, der im frühen und hohen Mittelalter auch in der Kartographie führend war, sind gesüdet. Das ist auch bei dieser Weltkarte der Fall, die der marokkanische Kartograph Muhammad al-Idrisi im 12. Jahrhundert zeichnete. Erst mit Beginn des 16. Jahrhunderts setzten sich genordete Karten endgültig durch.

Weltkarte des marokkanischen Kartographs Muhammad al-Idrisi

Al-Idrisis Weltkarte ist gesüdet. Bild: Wikimedia

Karten, die nicht dem üblichen Bild entsprechen, irritieren uns, weil sie unseren Sehgewohnheiten widersprechen. Dabei ist es pure Konvention, ob eine Karte genordet oder gesüdet ist.

Sicher ist auf jeden Fall, dass keine Projektion absolut wirklichkeitsgetreu sein kann – und dass Karten immer auch unsere Sicht auf die Welt zugleich illustrieren und prägen.

Und nun: 34 überraschend lustige und nützliche Karten, die du in der Schule nie gelernt hast

Mehr zum Thema Karten

17 kuriose Karten, die du vermutlich noch nie gesehen hast

Link zum Artikel

Bye bye, Hotel Mama? Nicht mit uns! Das sind die grössten Nesthocker Europas

Link zum Artikel

Damit du in den Ferien nicht verdurstest: «Ein Bier, bitte!» in 27 Sprachen

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Hier leben die treuesten Schweizer

Link zum Artikel

Das sind die kompliziertesten Sprachen Europas (für uns)

Link zum Artikel

Diese Karte zeigt, wo KEIN EINZIGER Auslandschweizer wohnt – und wo es höchstens 10 hat

Link zum Artikel

7 Europa-Karten, die du in der Schule ziemlich sicher nicht gelernt hast

Link zum Artikel

Diese geniale Schweizer Webseite verschafft dir einen völlig anderen Blick auf die Welt

Link zum Artikel

Warum die Welt nur zwei Wörter für Tee hat

Link zum Artikel

11 Schweizer Karten, die du in der Schule sicher nicht gelernt hast

Link zum Artikel

Du pendelst? Dann ist das für dich die wohl nützlichste Webseite der Welt

Link zum Artikel

Verrückte Grenzen, Teil IV: Sechs seltsame Grenzlinien in Amerika

Link zum Artikel

Verrückte Grenzen, Teil III: Sechs skurrile Scheidelinien in Afrika

Link zum Artikel

Verrückte Grenzen, Teil II: Sechs kuriose Fälle in Europa 

Link zum Artikel

Verrückte Grenzen, Teil I: Sechs Schweizer Grenzfälle

Link zum Artikel

Lasst uns die Welt fluten – und dann den Stöpsel ziehen

Link zum Artikel

10 spannende Landkarten, die den Ursprung von Wörtern zeigen, die wir dauernd nutzen

Link zum Artikel

16 Landkarten, die dir einen völlig anderen Blick auf die Welt verschaffen

Link zum Artikel

Wie lang ist Chile wirklich? Länger als du denkst, wetten?

Link zum Artikel

Schweizer Berge und ihre Namen – doch diese interaktive Karte kann noch mehr

Link zum Artikel

Das sind die langweiligsten Länder Europas (wir haben uns aufs Podest gewählt)

Link zum Artikel

Auf der Welt gibt es noch vier Inseln der Stabilität – und du wohnst auf einer davon

Link zum Artikel

Die politischen Fronten in den USA auf einen Blick – «Trump-Land» vs. «Clinton-Archipel»

Link zum Artikel

Texas ist so schlau wie die Türkei. Welcher US-Staat ist so klug wie die Schweiz?

Link zum Artikel

Diese 10 Schweizerkarten zeigen dir, wo es am meisten regnet, hagelt oder stürmt

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Ein anderer Blick auf die Erde – japanischer Architekt entwirft neue Weltkarte

Link zum Artikel

Der Nabel der Welt liegt in der Schweiz. Und zwar in der Romandie

Link zum Artikel

Wenn du auf den längsten Strich der Welt gehen willst – eine Geografie-Reise des Grauens

Link zum Artikel

Die Schweiz, das kleine Russland: So gross könnte die Eidgenossenschaft wirklich sein

Link zum Artikel

Diese Karten aus Figuren sind wunderschön. Aber erkennst du auch die Länder, die sie darstellen? 

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!