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Expansion im Uhrzeigersinn: So würde der Anschluss von Gebieten, die einst im Machtbereich der Eidgenossen lagen, die Gestalt der Schweiz verändern. 
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Eidgenossen auf Expansionskurs

Die Schweiz, das kleine Russland: So gross könnte die Eidgenossenschaft wirklich sein

Die Schweiz soll grösser werden, Sardinien als 27. Kanton dazukommen. Dass unser Land wächst, ist geschichtlich gesehen nichts Neues. Uneinigkeit und unterschiedliche Interessen führten jedoch dazu, dass manche Gebiete wieder verloren gingen. 
28.03.2014, 13:0612.08.2016, 09:26

Ein Sarde will seine Insel als 27. Kanton der Schweiz anschliessen, jeder zweite Voralberger möchte laut einer Umfrage lieber Schweizer sein und in der französischen Region Savoyen gibt es eine Bewegung, die vom Anschluss ihrer Heimat an die Schweiz träumt: Unser Land scheint derzeit äusserst attraktiv zu sein. 

Die Voralberger führten tatsächlich schon einmal eine Volksabstimmung über den Beitritt zur Eidgenossenschaft durch: Nach dem Ersten Weltkrieg sprachen sich sogar 82 Prozent dafür aus. Aus dem Anschluss wurde, wie wir wissen, jedoch nichts.

Den einen oder anderen Gebietszuwachs könnte die kleine Schweiz durchaus vertragen, wird sich manch einer denken. Für den Anschluss Sardiniens zum Beispiel spricht so einiges. Und auch in unserer näheren Nachbarschaft gibt es durchaus reizvolle Gegenden – die erst noch einst zum Machtbereich der Alten Eidgenossenschaft gehörten. 

Gebietszuwachs dank militärischer Macht

Gross-Schweiz
Vor vier Jahren reichte der jurassische Nationalrat Dominique Bättig eine Motion ein, die den Bundesrat aufforderte, die «erleichterte Integration grenznaher Regionen als neue Schweizer Kantone» voranzutreiben. Der SVP-Politiker hatte dabei eine beeindruckende Liste von möglichen Beitrittskandidaten im Sinn: «Elsass (F); Aosta (I); Bozen (I); Jura (F); Vorarlberg (A); Ain (F); Savoyen (F); Baden-Württemberg (BRD); Varese (I); Como (I) und andere (die Liste ist nicht abschliessend!).» Würden sich all die genannten Gebiete tatsächlich unserem Land anschliessen, wäre die heutige Schweizer Bevölkerung nur noch eine Minderheit in einem Staatsgebilde von rund 25 Millionen Einwohnern. 

Mit ihrer Gefechtsformation des «Gewalthaufens» lehrten die Eidgenossen im Spätmittelalter ihre Gegner auf den Schlachtfeldern Europas das Fürchten. Aufgrund ihrer militärischen Dominanz konnten sie sich namhafte Gebiete einverleiben; so entrissen sie 1415 den Habsburgern den Aargau und 1536 den Savoyern die Waadt. 

Unter den eidgenössischen Orten herrschte indes keine Einigkeit in der Frage, welche Richtung die Expansion nehmen sollte. Während die Innerschweizer nach Oberitalien vorstossen wollten, richteten die Berner ihr Augenmerk nach Westen. 

Die unterschiedlichen Interessen, zu denen seit der Reformation noch der konfessionelle Antagonismus kam, führten beispielsweise dazu, dass die Eidgenossenschaft den glänzenden militärischen Sieg in den Burgunderkriegen kaum in territoriale Gewinne umzumünzen vermochte. Auf die wirtschaftlich wichtige Franche-Comté – die dann habsburgisch wurde – verzichteten die Schweizer und liessen sich mit einer stattlichen Geldsumme abspeisen.

Was wäre, wenn ...?

Wie gross wäre die Schweiz heute, wenn die Grossmächte den Beitritt Vorarlbergs nicht verhindert hätten und wenn die Eidgenossen und Zugewandten Orte alle Territorien hätten behalten können, die sie jemals kontrollierten? Solche Gedankenspielereien auf dem glitschigen Terrain der Alternativgeschichte sind selbstredend müssig, aber durchaus unterhaltsam – sofern man sie nicht allzu ernst nimmt.  

Die niemals Wirklichkeit gewordene Expansion der Eidgenossenschaft zeigen wir hier mit einem Rundgang im Uhrzeigersinn rund um die heutige Schweizer Grenze:

  • Wir beginnen im Südosten mit der Gerichtsbarkeit Unter Calven im oberen Vinschgau, die um 1367 zusammen mit dem Val Müstair (Ob Calven) zum Bündner Gotteshausbund kam. 1499 konnten jedoch die Erzherzöge von Österreich in Unter Calven ihre Landesherrschaft durchsetzen, während Müstair beim Gotteshausbund blieb. Die Gegend ist heute Teil des Südtirols und damit Italiens. 
  • 1512 eroberten die Bündner die drei Talschaften des Veltlins –Chiavenna (Cleven), Veltlin und Bormio (Worms) – und behielten sie als Untertanengebiet. Die Bündner Herrschaft dauerte bis 1797, dann schlug Napoleon das Veltlin der neu gegründeten Cisalpinischen Republik zu. Auf dem Wiener Kongress konnte die Rückkehr des Gebietes zur Schweiz nicht durchgesetzt werden, zumal die Bündner aus Angst vor der Stärkung des italienischen und katholischen Elements davor zurückschreckten, das Veltlin als gleichberechtigtes Gebiet in den Kanton aufzunehmen. So gelangte es zum österreichisch beherrschten Lombardo-Venetianischen Königreich und später zu Italien. 
Blick aufs Veltlin.
Blick aufs Veltlin.
Bild: vaol.it
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  • Tre Pievi (Drei Pleven) waren drei Kirchgemeinden (Dongo, Gravedona und Sorico) am rechten oberen Comersee, zu denen 21 Dörfer gehörten. Sie unterstellten sich 1512 der Herrschaft der Drei Bünde. Schon 1524/26 mussten diese aber wieder auf das Gebiet verzichten. 
  • Nur kurz, von 1513 bis 1515, waren Luino, Val Travaglia und Cuvio zwischen dem Luganersee und dem Langensee (Lago Maggiore) im Besitz der Eidgenossen. 
  • 1410-1422 versuchten die Walliser, das Eschental (Val d'Ossola) zu erobern, dessen oberen Teil im Hochmittelalter Walser besiedelt hatten. Auch einem zweiten Versuch (1512-15) war kein langfristiger Erfolg beschieden: Die Eidgenossen mussten die gemeine Herrschaft der XII Orte nach der Schlacht bei Marignano 1515 an das damals von Frankreich beherrschte Herzogtum Mailand abtreten. 
Das Eschental.
Das Eschental.
Bild: Wikipedia/Alessandro Vecchi
  • 1536, im Zuge der Eroberung der Waadt, fiel das Chablais – also das südliche Ufer des Genfersees – an die Berner und Walliser. Thonon wurde bernisch, Evian kam zum Wallis. Eine Allianz der eidgenössischen katholischen Orte mit Savoyen zwang Bern und Wallis, den grössten Teil des Gebiets 1567/69 an Savoyen zurückzugeben. Mit Savoyen gelangte das Chablais 1860 endgültig zu Frankreich. 
Der Hafen von Thonon-les-Bains.
Der Hafen von Thonon-les-Bains.
Bild: Wikipeda/historicair 
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  • Auf dem Wiener Kongress war der Eidgenossenschaft das Recht zugestanden worden, im Kriegsfall die nordsavoyischen Provinzen Chablais und Faucigny besetzen zu dürfen. 1859 meldete die Schweiz, beunruhigt durch die Abtretung Savoyens an Frankreich, Ansprüche auf das Chablais und das Faucigny an. Ein oder zwei neue Kantone sollten entstehen, teilweise Gebiete bestehenden Kantonen zugeschlagen werden. In den betroffenen Regionen formierte sich eine Bewegung, die den Anschluss an die Schweiz befürwortete. Eine Volksabstimmung 1860 ging aber klar zugunsten von Frankreich aus. 
  • Wie Teile des Chablais kam auch das Pays de Gex 1536 zu Bern, und wie jenes musste Bern es 1564 wieder an Savoyen abtreten. Ein Teil des Gebiets gelangte 1815 zu Genf, um eine Landverbindung zur Schweiz zu schaffen.  
  • Die Franche-Comté (Freigrafschaft Burgund) wurde im Lauf der Burgunderkriege (1474 – 1477) von den Eidgenossen besetzt, die sie aber 1478 im Frieden von Zürich gegen eine Zahlung von 150'000 Gulden Maximilian von Habsburg, dem Erben Karls des Kühnen, zurückgaben. 1512 kamen Eidgenossen und Habsburger überein, das Gebiet zu neutralisieren, wobei die Schweizer sich verpflichteten, dessen militärischen Schutz zu übernehmen. Die Franche-Comté gelangte dann 1556 an die spanische Linie der Habsburger, die es 1678 an Frankreich abtraten. Die Freigrafschaft umfasste damals das Gebiet von Belfort noch nicht, das noch zum Sundgau und damit zum Elsass gehörte. 
Landschaft in der Franche-Comté.
Landschaft in der Franche-Comté.
Bild: Wikipedia/Serge Nueffer
  • Die Stadt Besançon, Hauptstadt der Franche-Comtè, wurde im Spätmittelalter zuweilen als Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft bezeichnet. 
  • Auch die Grafschaft Montbéliard (Mömpelgard), die in württembergischem Besitz war, galt zwischenzeitlich als Zugewandter Ort. 
Das Schloss von Montbéliard.
Das Schloss von Montbéliard.
Bild: Wikipedia
  • Die elsässische Stadt Mülhausen (Mulhouse) war seit 1466 mit Bern und Solothurn verbündet. 1515 erweiterte sich das Bündnis auf alle XIII Orte. Lange blieb die Stadt ein Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Erst 1798 entschloss sich die unabhängige Republik aufgrund einer französischen Zollblockade zum Anschluss an Frankreich. Auf dem Wiener Kongress war dann eine Rückkehr zur Schweiz kein Thema mehr. 
  • Die älteste Stadt im heutigen Bundesland Baden-Württemberg, Rottweil, schloss bereits 1463 ein Bündnis mit den eidgenössischen Orten. Mit dem Ewigen Bund von 1519 wurde Rottweil als Zugewandter Ort Teil der Eidgenossenschaft. Während der Reformation kühlte sich die Beziehung ab, doch die schwäbische Reichsstadt blieb stets ein Zugewandter Ort. 
Blick auf Rottweil: Die schwäbische Stadt war ein Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Das Bündnis wurde nie gekündigt; damit ist Rottweil ein kleines bisschen schweizerisch. 
Blick auf Rottweil: Die schwäbische Stadt war ein Zugewandter Ort der Eidgenossenschaft. Das Bündnis wurde nie gekündigt; damit ist Rottweil ein kleines bisschen schweizerisch. 
Bild: Wikipedia/Christoph Probst
  • Nach dem Ersten Weltkrieg gab es im deutsch-österreichischen Rumpfstaat kaum eine österreichische Identität; die meisten Gebiete suchten den Anschluss an Deutschland. Nicht Vorarlberg: Hier gab es eine starke Bewegung für den Anschluss an die Schweiz. Die Volksabstimmung vom 11. Mai 1919 ergab denn auch 82 Prozent Zustimmung für den Beitritt zur Eidgenossenschaft.

    Die Siegermächte bestanden indes auf der territorialen Unveränderbarkeit von Österreich. Überdies rügten Deutschland, Italien sowie Österreich die «expansionistische Schweizer Aussenpolitik». Italien verlangte sogar die Abtretung des Tessins für den Fall, dass Vorarlberg schweizerisch werden sollte. In der Schweiz waren vor allem die lateinischen Landesteile skeptisch; mit dem Beitritt Vorarlbergs hätte sich die deutschsprachige Dominanz verstärkt. Damit blieb das Land bei Österreich, wo man es als «Kanton Übrig» verspottete.
Vorarlberg: Das Rheintal bei Bregenz.
Vorarlberg: Das Rheintal bei Bregenz.
Bild: Wikipedia/Edda Praefcke

Damit sind wir wieder beim Ausgangspunkt angekommen; hier endet unser Rundgang.  

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Nochmals ein Blick auf die Animation: Sie zeigt, wie ein Anschluss der erwähnten Gebiete in dieser Reihenfolge die Gestalt der Schweiz verändern würde. Nur wenige Abschnitte der heutigen Grenze blieben unberührt. Wenn auch die Schweiz in dieser Form beträchtlich grösser wäre, müssten doch zumindest ästhetische Gründe gegen dieses unförmige Gebilde auf der Landkarte sprechen: Die uns vertraute Gestalt des «Stachelschweins» sieht einfach besser aus... 
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