Blogs
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

«Benching» – oder: Die lange Bank des Lebens

Bild:

16.06.16, 13:17 17.06.16, 09:09


Es ist ein weiterer dieser unzähligen Anglizismen, die täglich den Weg aus dem Internet in unsere Köpfe finden, und auch dieses Mal soll ein «Dating-Trend» beschrieben werden: Benching.  

Für einmal aber ist dies ein Ausdruck, den es sich tatsächlich länger als vier Nanosekunden zu betrachten lohnt. Das Konzept ist nämlich nicht neu, es hat nur einen neuen, «fancy» Namen bekommen und wird deshalb nun als Trend bezeichnet.  

Benching kommt von «Bench», englisch für «Bank» (also die Sitzgelegenheit, nicht der Ort mit dem Geld) und es beschreibt eine Möglichkeit, mit folgender Situation umzugehen: Man lernt jemanden kennen, man datet sich, es läuft okay, aber halt nicht so Disney-Regenbogensprinkles-Okay. Man mag das Gegenüber, ist aber nicht völlig von den Socken. Mehr so «Meh».

Man hat nun drei Möglichkeiten: Man beendet das Ganze sofort und mit klaren Worten, man meldet sich einfach nicht mehr (auch hier bleibt uns der entsprechende Anglizismus nicht erspart, er lautet Ghosting) oder aber man lässt die Geschichte weiterlaufen, obwohl man keine Schmetterlinge im Bauch hat, schiebt sie also auf die lange Bank. Voilà: Benching.  

Da und dort eine Kurznachricht, ein Facebook-Like, vielleicht weitere Treffen, wenn gerade niemand anders Zeit hat, und eventuell sogar ab und an ein bisschen Sex.  

Daran ist an sich nichts auszusetzen – wenn denn beide das Zusammensein gleichermassen als Übergangs-Bank sehen und nicht als Kapitänssessel im Schiff Richtung Ehehafen. Das Problem ist jedoch, dass das selten der Fall ist – respektive auch wenn, es selten über längere Zeit für beide Beteiligten so bleibt. Wegen dieser kleinen Sache namens Gefühle, die uns ja eh immer wieder das Leben zur Hölle macht.  

Warum wird «Benching» gerade jetzt wieder zum Thema? Früher nannte man das «Warmhalten» und wenn es jemand mit einem machte, den man gern hatte, brach es einem genauso das Herz wie heute.       

Vielleicht liegt es daran, dass man sich heute als Single in einer ähnlichen Situation befindet wie ein kleines Kind in einem Süssigkeitengeschäft: Man ist dank Tinder, Parship, Facebook usw. konfrontiert mit einer derartigen Auswahl, dass man einerseits kaum Zeit findet, die einzelnen Optionen wirklich ausgiebig zu probieren und herauszufinden, was einem eigentlich wirklich schmeckt – vielleicht auch über den ersten Zuckermantel hinaus. Andererseits läuft man Gefahr, eine chronische Angst zu entwickeln, dass in irgendeiner Ecke noch eine leckerere Süssigkeit zu finden sein könnte. So nuckelt man da und dort an einer Zimtstange oder einem Gummibärli und legt sie dann eine Weile auf die Seite, um zu schauen, ob's vielleicht noch irgendwas mit einem noch bunteren Zuckerüberzug zu finden gibt.  

Dumm ist das vor allem für das Gummibärli und die Zimtstange.  

Es gibt unbestrittenermassen Menschen, die ohne feste Bindung leben und das auch langfristig so beibehalten wollen. Good for them!  

Das Problem ist, wenn eine/r den Foifer und das Weggli will. Will heissen: Single und frei sein, aber dennoch regelmässigen, guten Sex, ungeteilte Aufmerksamkeit, gute Gespräche und gemeinsame Aktivitäten, weil sie sich ja irgendwann dann schon mal niederlassen wollen. Einfach noch nicht jetzt. «Ich will mich einfach noch nicht festlegen», ist zu einem Klassiker der urbanen, hippen Datingszene avanciert. Unabhängig sein, aber in den Schlaf gestreichelt werden ist dann eben doch okay. Rumvögeln, aber dann doch ein vertrautes, verlässliches Gegenüber anrufen können, wenn man in einer Krise steckt. Kurz: «Bencher» wollen alle Rechte, aber keine Pflichten.  

Das Problem liegt aber nicht nur bei ihnen, sondern auch bei denen, die sich solche halbpatzigen Geschichten bieten lassen. Wobei es wahnsinnig schwierig ist, das nicht zu tun, wenn man jemanden mag – auch wenn man eigentlich weiss, dass man ihn/sie mehr mag als er/sie einen. Trotzdem ist es wichtig, zu merken, wenn man sich auf dem Abstellgleis befindet, dass ein «Mal luege» in der Liebe einfach nicht ausreicht und es einen nicht nur Zeit kostet, sondern auch ein Stück Selbstwert und Würde, wenn man länger in solchen Schleudersitzsituationen verharrt, als es nötig ist.  

Dieses «Ich will mich einfach noch nicht niederlassen» bedeutet übersetzt «Ich will mich einfach nicht mit dir niederlassen». Benching bedeutet nicht «Du bist auf der Wartebank zu meinem Herzen», sondern «Du bist auf der Wartebank, die du nicht in Richtung Herz, sondern in Richtung Garderobe verlassen wirst».  

Klar würde man sich wünschen, man würde gar nicht erst auf die lange Bank geschoben – wenn man aber mal drauf hockt, ist es an einem selbst, seinen Bettel zusammenzupacken und sich schnellstens zu verabschieden. Der Film läuft nämlich genauso weiter und meist sitzen da innert Kürze schon andere ErsatzspielerInnen.  

Das war schon vor Jahren so und das wird sich auch nicht ändern, wenn man dem Abstellgleis mit «Benching» einen neuen Namen gibt.

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) ist Psychologin und schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

Hol dir die App!

Markus Wüthrich, 5.5.2017
Tolle Artikel jenseits des Mainstreams. Meine Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle.

Abonniere unseren Daily Newsletter

Themen
13
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 72 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • rodolofo 19.06.2016 08:08
    Highlight Und zum Schluss noch dies:
    Wenn wir versuchen, etwas "warm zu halten", dann wird es sich trotzdem abkühlen.
    Es sei denn, es handelt sich bei der "warm gehaltenen Süssigkeit" um eine masochistische Person. Das könnte sich vor lauter Sehnsucht überhitzen und dann implodieren, oder explodieren...
    4 0 Melden
  • rodolofo 19.06.2016 07:51
    Highlight Unter den Menschen gibt es sesshafte Typen und reisefreudige Typen.
    Als Zwischenform gibt es die Nomaden, die in einer festen Gemeinschaft umherziehen.
    Die sind sesshaft, während die Landschaften an ihnen vorbeiziehen.
    Ein junger Mensch muss immer erst herum ziehen, um herauszufinden, wo er sesshaft sein möchte.
    Aber manchmal versteifen wir uns auch auf einen Ort, weil wir Angst davor haben, diesen zu verlieren.
    dann muss uns vielleicht diese "falsche Heimat" rausschmeissen, dass wir uns endlich auf den Weg machen, um dann endlich das zu finden, was zu unserem Wesen passt, unser Biotop. Quak!
    4 2 Melden
  • Zeit_Genosse 16.06.2016 20:43
    Highlight mir fällt da Benchmarking ein.

    Benchmarking (sinngemäß „Maßstäbe vergleichen“) bezeichnet die vergleichende Analyse von Ergebnissen oder Prozessen mit einem festgelegten Bezugswert oder Vergleichsprozess. Wird in der Betriebswirtschaft verwendet um Vergleiche anzustellen. Bezieht man das auf Beziehungs-Partnerschaften könnte man ableiten, das Vergleichen von potenziellen Partnern mit dem Partner mit dem man gerade zusammen ist. Man orientiert sich am Besten und versucht es zu kriegen. Gelingt das nicht, weiss man, dass man selbst auf der Bench angekommen ist, wie ein entsorgter Fussballer.
    11 1 Melden
  • Oki 16.06.2016 19:38
    Highlight Hier kommt meine Bank.
    16 1 Melden
    • Ophelia Sky 18.06.2016 19:17
      Highlight Sitzt ja gar keine/r drauf.😱
      5 0 Melden
  • Luca Brasi 16.06.2016 17:47
    Highlight Irgendwie erinnert mich das als alter New York-Fan an die Folge "Hooked" aus How I met your mother.
    https://en.m.wikipedia.org/wiki/Hooked_(How_I_Met_Your_Mother)
    Zum Glück bin ich kein Mann für die Bank, sondern immer auf dem Feld bereit für die Action (zumindest rede ich mir das ein ;)).
    PS: Heisst es eigentlich nicht halbbatzig von "Batzen"?http://www.duden.de/rechtschreibung/halbbatzig
    Patzig ist doch eher "unverschämt"?http://www.duden.de/rechtschreibung/patzig
    6 1 Melden
  • Hand-Solo 16.06.2016 15:37
    Highlight Dieses "Benching" ist doch symptomatisch für die heutige Gesellschaft. Man legt sich nicht mehr fest, aus Angst, etwas zu verpassen. Das fängt doch schon bei Verabredungen mit Freunden an: Man entscheidet spontan. Könnte ja noch was besseres kommen.
    Die "Eingetragene Partnerschaft" finde ich z.B. auch so ein Unding. Wozu soll das gut sein? Man bindet sich zwar, aber eine Ehe ist dann doch zu viel Bindung. Ja was denn jetzt? Entweder man bindet sich auf längere Zeit oder nicht. Heute vllt. lieber der 5er, aber ich will mir alle Optionen offen lassen, wenn ich dann doch lieber ds Weggli möchte.
    21 12 Melden
    • Janei 16.06.2016 16:05
      Highlight Im ersten Abschnitt stimme ich dir ja zu.
      Aber das Institut der eingetragenen Partnerschaft ist nur für die gleichgeschlechtlichen Paare, die in der Schweiz leider noch nicht die Ehe eingehen KÖNNEN.
      43 2 Melden
    • Hand-Solo 17.06.2016 07:52
      Highlight In der Schweiz mag das stimmen. Das ist aber in den meisten Ländern nicht so. In Frankreich, den Niederlande und den meisten US-Bundesstaaten zum Beispiel ist das anders.
      4 2 Melden
    • rodolofo 19.06.2016 08:02
      Highlight Ich vergleiche manchmal die Menschen mit Amöben, im sogenannten "Rolof'schen Amöben-Modell":
      Eine Amöbe ist formlos und kann nach allen Seiten hin "Scheinfüsschen" ausbilden. Dabei folgt sie gewissen Reizen, z.B. einem Geruch, der Nahrung verspricht, oder aus einem sexuellen Lockstoff besteht. Bei einem Schmerz-Reiz zieht die Amöbe das davon betroffene Scheinfüsschen ein und bildet an einer ungefährdeten Stelle ein neues aus. Eine undurchdringbare Grenze ist für eine Amöbe kein Problem.
      Sie kriecht dann einfach da weiter, wo es geht, so wie das Wasser dem Weg des geringsten Widerstands folgt.
      2 1 Melden
  • G-Man 16.06.2016 15:08
    Highlight Die Süssigkeitenladen-Metapher war gerade das allerbeste was ich seit langem gelesen habe :-D Made my Day!
    25 0 Melden
  • Anam.Cara 16.06.2016 14:32
    Highlight Liebe Yonni
    Ich "date" zwar nicht mehr, aber ich kann mich gut an die "Warmhaltungen" erinnern. Daher finde ich, dass Du den Begriff treffend auseinander nimmst und entlarvst.
    Manchmal denke ich, dass viele veranglzisierte (und damit vermeintlich modernisierte) Dinge bei näherem Hinsehen eher negative Gefühle wecken oder zurücklassen. Aber: "maybe it's just me".

    Und: danke für die Erklärung des Begriffs. Zu "benching" wären mir im Dating-Kontext durchaus einige andere Möglichkeiten in den Sinn gekommen...
    22 0 Melden
    • Yonni Meyer 16.06.2016 14:41
      Highlight Oh là là...
      11 1 Melden

Kann man, muss man nicht: Unser Modal-Problem

Ja, Sie haben schon richtig gelesen, da ist kein Tippfehler im Titel. Modal, mit d. Ich erspare Ihnen nun die Google-Suche oder das Ausgraben Ihrer Deutsch-Ordner von früher, wo Sie dann Ihre alten Aufsätze finden, in denen Sie sehr realistisch eingeschätzt haben, dass Sie mit 30 ein Haus, vier Kinder, einen Labrador namens «Columbo» und eine Traumkarriere haben werden und alles, was Sie nun mit 36 tatsächlich Ihr eigen nennen, ist ein Fahrrad und sogar das wurde Ihnen schon zweimal …

Artikel lesen