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Yonnihof

«Benching» – oder: Die lange Bank des Lebens

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Es ist ein weiterer dieser unzähligen Anglizismen, die täglich den Weg aus dem Internet in unsere Köpfe finden, und auch dieses Mal soll ein «Dating-Trend» beschrieben werden: Benching.  

Für einmal aber ist dies ein Ausdruck, den es sich tatsächlich länger als vier Nanosekunden zu betrachten lohnt. Das Konzept ist nämlich nicht neu, es hat nur einen neuen, «fancy» Namen bekommen und wird deshalb nun als Trend bezeichnet.  

Benching kommt von «Bench», englisch für «Bank» (also die Sitzgelegenheit, nicht der Ort mit dem Geld) und es beschreibt eine Möglichkeit, mit folgender Situation umzugehen: Man lernt jemanden kennen, man datet sich, es läuft okay, aber halt nicht so Disney-Regenbogensprinkles-Okay. Man mag das Gegenüber, ist aber nicht völlig von den Socken. Mehr so «Meh».

Man hat nun drei Möglichkeiten: Man beendet das Ganze sofort und mit klaren Worten, man meldet sich einfach nicht mehr (auch hier bleibt uns der entsprechende Anglizismus nicht erspart, er lautet Ghosting) oder aber man lässt die Geschichte weiterlaufen, obwohl man keine Schmetterlinge im Bauch hat, schiebt sie also auf die lange Bank. Voilà: Benching.  

Da und dort eine Kurznachricht, ein Facebook-Like, vielleicht weitere Treffen, wenn gerade niemand anders Zeit hat, und eventuell sogar ab und an ein bisschen Sex.  

Daran ist an sich nichts auszusetzen – wenn denn beide das Zusammensein gleichermassen als Übergangs-Bank sehen und nicht als Kapitänssessel im Schiff Richtung Ehehafen. Das Problem ist jedoch, dass das selten der Fall ist – respektive auch wenn, es selten über längere Zeit für beide Beteiligten so bleibt. Wegen dieser kleinen Sache namens Gefühle, die uns ja eh immer wieder das Leben zur Hölle macht.  

Warum wird «Benching» gerade jetzt wieder zum Thema? Früher nannte man das «Warmhalten» und wenn es jemand mit einem machte, den man gern hatte, brach es einem genauso das Herz wie heute.       

Vielleicht liegt es daran, dass man sich heute als Single in einer ähnlichen Situation befindet wie ein kleines Kind in einem Süssigkeitengeschäft: Man ist dank Tinder, Parship, Facebook usw. konfrontiert mit einer derartigen Auswahl, dass man einerseits kaum Zeit findet, die einzelnen Optionen wirklich ausgiebig zu probieren und herauszufinden, was einem eigentlich wirklich schmeckt – vielleicht auch über den ersten Zuckermantel hinaus. Andererseits läuft man Gefahr, eine chronische Angst zu entwickeln, dass in irgendeiner Ecke noch eine leckerere Süssigkeit zu finden sein könnte. So nuckelt man da und dort an einer Zimtstange oder einem Gummibärli und legt sie dann eine Weile auf die Seite, um zu schauen, ob's vielleicht noch irgendwas mit einem noch bunteren Zuckerüberzug zu finden gibt.  

Dumm ist das vor allem für das Gummibärli und die Zimtstange.  

Es gibt unbestrittenermassen Menschen, die ohne feste Bindung leben und das auch langfristig so beibehalten wollen. Good for them!  

Das Problem ist, wenn eine/r den Foifer und das Weggli will. Will heissen: Single und frei sein, aber dennoch regelmässigen, guten Sex, ungeteilte Aufmerksamkeit, gute Gespräche und gemeinsame Aktivitäten, weil sie sich ja irgendwann dann schon mal niederlassen wollen. Einfach noch nicht jetzt. «Ich will mich einfach noch nicht festlegen», ist zu einem Klassiker der urbanen, hippen Datingszene avanciert. Unabhängig sein, aber in den Schlaf gestreichelt werden ist dann eben doch okay. Rumvögeln, aber dann doch ein vertrautes, verlässliches Gegenüber anrufen können, wenn man in einer Krise steckt. Kurz: «Bencher» wollen alle Rechte, aber keine Pflichten.  

Das Problem liegt aber nicht nur bei ihnen, sondern auch bei denen, die sich solche halbpatzigen Geschichten bieten lassen. Wobei es wahnsinnig schwierig ist, das nicht zu tun, wenn man jemanden mag – auch wenn man eigentlich weiss, dass man ihn/sie mehr mag als er/sie einen. Trotzdem ist es wichtig, zu merken, wenn man sich auf dem Abstellgleis befindet, dass ein «Mal luege» in der Liebe einfach nicht ausreicht und es einen nicht nur Zeit kostet, sondern auch ein Stück Selbstwert und Würde, wenn man länger in solchen Schleudersitzsituationen verharrt, als es nötig ist.  

Dieses «Ich will mich einfach noch nicht niederlassen» bedeutet übersetzt «Ich will mich einfach nicht mit dir niederlassen». Benching bedeutet nicht «Du bist auf der Wartebank zu meinem Herzen», sondern «Du bist auf der Wartebank, die du nicht in Richtung Herz, sondern in Richtung Garderobe verlassen wirst».  

Klar würde man sich wünschen, man würde gar nicht erst auf die lange Bank geschoben – wenn man aber mal drauf hockt, ist es an einem selbst, seinen Bettel zusammenzupacken und sich schnellstens zu verabschieden. Der Film läuft nämlich genauso weiter und meist sitzen da innert Kürze schon andere ErsatzspielerInnen.  

Das war schon vor Jahren so und das wird sich auch nicht ändern, wenn man dem Abstellgleis mit «Benching» einen neuen Namen gibt.

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) ist Psychologin und schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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